Vom „Ego-Tunnel“ zur „Bewusstseinsrevolution“ – Über das „phänomenale Selbstmodell“ des neurowissenschaftlich inspirierten Philosophen Thomas Metzinger

Marxistische Blätter (2014), Ausgabe 4-14, 49-56, Thema: Bewusstsein. Ein unauflösliches Rätsel? Verfügbar über: Michael Zander in MBI 2014

Michael Zander

Einleitung: „Homo cerebralis“ und Wissenschaft

Handelten die heutigen Neurowissenschaften lediglich von Nervenzellen, dann würden vermutlich nur Fachleute und ein kleiner Kreis interessierter Laien über sie diskutieren. Tatsächlich jedoch avancierten einige ihrer Vertreter zu prominenten Publizisten, die eine große Resonanz erfuhren. Diese erreichte 2004 einen vorläufigen Höhepunkt, als „elf führende Neurowissenschaftler“ ein „Manifest“ über „Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung“ veröffentlichten (Monyer et al. 2004). Herausgefordert durch die ihnen vor allem aus der Biologie erwachsenen Konkurrenz zogen bald „führende deutsche Psychologen“ nach. Sie schrieben über die „Psychologie des 21. Jahrhunderts“ (Fiedler et al. 2005). Einige der Protagonisten beteiligten sich seinerzeit an einer Debatte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung um die sogenannte Willensfreiheit. Spätestens jetzt wurde deutlich, dass es auch um gesellschaftliche und politische Fragen ging: Aus seiner Kritik an der Idee der Willensfreiheit folgerte etwa der Neurophysiologe Wolf Singer, dass es weder Schuld noch Verantwortung gebe und deshalb sich die Argumentation der Rechtsprechung ändern müsse. „Die Gesellschaft darf nicht davon ablassen, Verhalten zu bewerten. Sie muss natürlich weiterhin versuchen, durch Erziehung, Belohnung und Sanktionen Entscheidungsprozesse so zu beeinflussen, dass unerwünschte Entscheidungen unwahrscheinlicher werden, sie muss Delinquenten die Chance einräumen, durch Lernen zu angepassteren Entscheidungen zu finden und – wenn all dies erfolglos bleibt –, sich durch Freiheitsentzug schützen.“ (Singer 2004) Die Motive, die der „Delinquent“ einem Gericht vortragen könnte, wären allerdings nur von beschränkter Relevanz, sind sie doch unabhängig von der Person bereits durch unbewusste Prozesse im Gehirn vorbereitet worden. Auch ist der Beklagte in dieser Konstellation offensichtlich nicht Teil „der Gesellschaft“, die über ihn richtet; dass er sich an einer Veränderung ihrer Vorstellungen von Recht und Unrecht beteiligen könnte, wird jedenfalls nicht mitgedacht. Immerhin stellt Singer in einem Interview klar, dass das Gehirn ein „soziales Organ“ ist, das man „nicht isoliert von der Umwelt verstehen“ könne (Schnabel 2008; kritische Untersuchungen zum Thema „Willensfreiheit“ finden sich z.B. bei Maiers 2008 und Laucken 2005). Lesen extern fortsetzen →

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