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Forum Kritische Psychologie 44

Behinderung, Kritik der Berliner Altersstudie, Rassismusforschung: Kontroversen in der Kritischen Psychologie.

 

Behinderung, Kritik der Berliner Altersstudie, Rassismusforschung: Kontroversen in der Kritischen Psychologie.

Frigga Haug

Umgang mit Behinderung

 Abstract

Anja Tervooren

Von Sonnenblumen und Kneipengängern. Repräsentation von geistiger Behinderung in Bild und Performance

 Abstract

Silke Wittich-Neven

Schwerbehindertenschutz im Recht - allegro, ma non troppo

 Abstract

Gisela Ulmann

Integration von Ausgesonderten in Regelschulen: schulkritisch oder affirmativ?

 Abstract

Michael Zander

Kommt zusammen! Über Sexualität mit und ohne Behinderung

 Abstract

Ralph Baller

Die Berliner Altersstudie zwischen Aufbruch und Stagnation

 Abstract

Christine Riegel

Zwischen Anpassung und Widerstand. Jugendliche EinwanderInnen und ihr Umgang mit Fremdzuschreibung und Diskriminierung

 Abstract

Barbara Fried

Zur Relevanz gesellschaftstheoretischer Analysen für die aktualempirische Forschung der Kritischen Psychologie - am Beispiel Rassismus

 Abstract

Ute Osterkamp, Ulla Lindemann, Petra Wagner

Subjektwissenschaft vom Außenstandpunkt? Anwort auf Barbara Fried

 Abstract

Morus Markard

"Elite" gegen "Masse" oder: Legitimation sozialer Ungleichheit

 Abstract

 

 

Abstracts

 

Ralph Baller: Die Berliner Altersstudie zwischen Aufbruch und Stagnation

In kritischer Auseinandersetzung mit der Berliner Altersstudie werden Grundzüge einer an den Entwicklungsinteressen der Betroffenen orientierten Altersforschung erarbeitet. Es wird aufgezeigt, wie die emanzipatorische Grundorientierung der Berliner Altersstudie sowohl durch ihren konzeptionellen als auch durch ihren methodischen Ansatz systematisch verfehlt wird. In konstruktiver Wendung dieser Kritik wird verdeutlicht, dass sich emanzipatorische Altersforschung nur im Rahmen eines subjektwissenschaftlichen Forschungsparadigmas umsetzen lässt, in dem nicht die Sicht auf das Subjekt, sondern die Sicht des Subjekts auf die Welt verwissenschaftlicht wird.

In a critical argument with the Berliner Altersstudie (Berlin study on (old) age) the basic outline of an age research focussed on the development interests of those concerned is elaborated. It is shown how the emancipatory basic notions of the Berliner Altersstudie are being systematically undermined by its conceptional as well as by its methodical approach. In a constructive turning of this critique it is clarified that an emancipatory age research can only be realised within the frame of a subject scientific research paradigm in which not the view onto the subject but the view of the subject onto the world is scientified.


 

Barbara Fried: Zur Relevanz gesellschaftstheoretischer Analysen für die aktualempirische Forschung der Kritischen Psychologie - am Beispiel Rassismus

In der Literatur zum Themenkomplex "Rassismus" fällt auf, daß historische, ökonomische, sowie politische Analysen des Phänomens und die Theorien zur Verfasstheit des "rassistischen Subjekts" auseinanderfallen oder häufig unvermittelt nebeneinander stehen. - In Auseinandersetzung mit den Texten und Arbeiten des Projekt Rassismus/Diskriminierung der Kritischen Psychologie, die vorwiegend von Ute Osterkamp verfasst wurden, sollen in diesem Beitrag einige methodische Überlegungen zu einer subjektwissenschaftlichen Überwindung des Bruchs zwischen individuellen und gesellschaftlichen Dimensionen des Rassismus vorgestellt werden. Das Anliegen dieses Beitrags, der eine Zusammenfassung meiner Diplomarbeit ist, besteht vor allem darin, am Beispiel Rassismus die zentrale Bedeutung bzw. Unabdingbarkeit gesellschaftstheoretischer Analysen und Theorien für die subjektwissenschaftliche Forschung der Kritischen Psychologie darzulegen.

In the literature on "racism" it is striking that historic, economic and political analyses of this phenomenon on the one side and theories on the constitution of the "racist subject" on the other diverge or often coexist rather unmediated. Holding an argument especially with the works of the Projekt Rassismus/Diskriminierung (project racism and discrimination), that have mainly been written by Ute Osterkamp, this article presents theoretical and methodical reflections on a subject scientific overcoming of the gap between individual and social dimensions of racism. Basing on the author's Diplomarbeit (M.A.) the main intent of the article is to point out the relevance and necessity of socio-theoretic analyses for Critical Psychology's subject scientific research illustrated in the case of racism.


 

Frigga Haug: Umgang mit Behinderung

Mit einer autobiographischen Geschichte macht F. Haug den Versuch, die Frage körperlicher Behinderung von einem subjektwissenschaftlich Standpunkt anzugehen, der zugleich die Eingebundenheit in das institutionelle Gefüge der Bundesrepublik thematisiert. Sie nimmt damit die interaktionstheoretischen und konstruktivistischen Behandlungen von Behinderung auf und überschreitet sie zugleich. Ein Angriffspunkt ist auch die politisch korrekte Sprachregelung im Umgang mit Behinderung.

Using an autobiographic story F. Haug tries to tackle the question of physical disability from a subject scientific point of view asking at the same time for the entanglement into the German institutional structure. In this way the author supersedes interactionist and constructivist concepts of disability. The politically correct speech norms in dealing with disability are being criticised.


 

Morus Markard: "Elite" gegen "Masse" oder: Legitimation sozialer Ungleichheit

Die derzeitige bildungspolitische Verwendung des Wortes "Elite" wird einer Ideologie- und Funktionskritik unterzogen. Der selbstreferenzielle und in seiner Verwendung politischen Konjunkturen unterliegende Begriff der Elite impliziert die Abwertung des Restes als Masse. Der damit verbundene Anti-Egalitarismus ist demokratie- und bildungsfeindlich, soweit Bildung als allgemeines Recht gedacht wird. Der gesellschaftsbezogene Elitebegriff korrespondiert mit dem individuumsbezogenen Konzept einer angeborenen Begabung als einer Art Geburtselite. Beide stützen den Gedanken früher Selektion im Bildungsbereich.

The current use of "elite" in educational policy is criticized as ideologically functional. The use of "elite" is politically cyclical and implies the depreciation of the others, i.e. the masses. The anti-egalitarian character of "elite" ist anti-education and anti-democratic - if education is thought as a general right for all individuals. The social concept of elite corresponds to the individual concept of an innate talent ("Begabung"). Both concepts support the selection at an early age in education.


 

Ute Osterkamp, Ulla Lindemann, Petra Wagner: Subjektwissenschaft vom Außenstandpunkt? Anwort auf Barbara Fried

Es geht um die Frage, wie der subjektwissenschaftliche Anspruch, von der Lebenspraxis der Individuen, ihren realen Problemen und Bewältigungsversuchen auszugehen, in empirische Forschung und Praxis umzusetzen ist. Die Gefahr wird diskutiert, die Kritische Psychologie um ihre emanzipatorische Potenz zu bringen, wenn man sie nicht als Instrument zur Analyse eigener Sicht- und Handlungsweisen auf ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen und Implikationen hin begreift, sondern zur "Erklärung"/Bewertung des Verhaltens anderer zu nutzen sucht. Damit fällt man, so die Argumentation, auf den Außenstandpunkt zurück, der mit dem Subjektstandpunkt unvereinbar ist.

The paper deals with the question of how the subject science claim of proceeding from people´s every day problems and attempts to tackle them is to be realised in empirical research and concrete practice. The danger is discussed that Critical Psychology may lose its emancipatory potential if it does not grasp itself as an analytical instrument of questioning one´s own views and behaviour in terms of societal preconditions and implications, but is misunderstood as an instrument to explain and judge others´ behaviour. The authors argue that this entails relapsing to the prevalent "external" standpoint, and such a view is inherently irreconcilable with a subject science approach.


 

Christine Riegel: Zwischen Anpassung und Widerstand. Jugendliche EinwanderInnen und ihr Umgang mit Fremdzuschreibung und Diskriminierung

Die Situation von jugendlichen EinwanderInnen befindet sich im Spannungsfeld von Ausgrenzung und Integration. In diesem Beitrag wird anhand einer empirischen Untersuchung herausgearbeitet, wie Jugendliche mit diskriminierenden Lebensverhältnissen und ethnisierenden Fremdzuschreibungen umgehen. Der Blick soll dabei besonders auf unauffällige und defensive Umgangsformen gerichtet werden: das Verschweigen oder Nichtthematisieren des eigenen Migrationshintergrunds und die Verharmlosung von gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen und persönlichen Ausgrenzungserfahrungen. Diese Umgangsformen fanden bisher weder im alltäglichen noch im sozialwissenschaftlichen Diskurs besondere Beachtung. An ihnen wird jedoch die Diskrepanz von individuellen Integrationsbemühungen und gesellschaftlichen Integrationsvoraussetzungen besonders deutlich.

The situation of juvenile immigrants is marked by the tension between exclusion and integration. Based on an empirical study, this article deals with how adolescents handle discriminative circumstances of life and ethnicising attributions. The scrutiny is particularly directed at unobtrusive and defensive manners like hiding or tabooing one's own background as an immigrant and playing down societal relations of inequality and personal experience of exclusion. Even though these forms of social intercourse give evidence of the discrepancy between individual efforts for integration and its societal conditions, they have as yet not found particular attention in everyday and social scientific discourse.


 

Anja Tervooren: Von Sonnenblumen und Kneipengängern. Repräsentationen von geistiger Behinderung in Bild und Performance

Von der gut bekannten Werbekampagne der italienischen Bekleidungsfirma Benetton ausgehend wird in diesem Artikel herausgestellt, daß Idealisierungen der dominante Modus der Repräsentation von Menschen mit geistiger Behinderung ist. Die Tatsache, daß die Menge positiver Repräsentationen geistiger Behinderungen wächst, wird anerkannt, aber Idealisierung wird kritisiert als Mittel der Exklusion aus einer ambivalenten Normalität. Das Theaterstück der Gruppe RambaZamba wird als ein Beispiel dafür herangezogen, daß es gelingt, Behinderung und den behinderte Körper zu präsentieren, ohne Differenz als wesentlich hervorzuheben.

Starting with the well-known advertising campaign of the italian clothing company Benetton the article argues that idealization is the dominant mode of representation of people with cognitive disabilities nowadays. It values the fact that the amount of positive representations of cognitive disability is increasing, but critiques idealization as tool of exclusion out of an ambivalent normality. The work of the performance group RambaZamba is presented as an example that suceeds to show disability and the disabled body without claiming difference as essential.


 

Silke Wittich-Neven: Schwerbehindertenschutz im Recht - allegro, ma non troppo

Recht als Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltungspraxis spiegelt den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderten, einer Minderheit, wider, die früher bestenfalls Objekt staatlicher Fürsorge sein konnten und denen inzwischen in begrenztem Umfang gesellschaftliche Teilhabe eingeräumt wird. Als Zuteilungsmaßstab gelten die Angemessenheitsvorstellungen der Mehrheit. Die quantitative "Dichte" des gesetzlichen Schwerbehindertenschutzes ist allerdings kein Hinweis auf stabile, gesicherte Lebensverhältnisse für Behinderte, sondern ein Indiz dafür, dass formulierter Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen.

Law as legislation, jurisdiction and public administration reflects a society's way how to deal with disabled people, a minority which has been granted a small proportion of societal participation by now. The majority's notions of adequacy serve as the measure of allocation. The quantitative "densitiy" of judicial protection of severely disabled people is by no means a reference to stable, assured living conditions of disabled people but an indication that the expressen high demands and reality fall apart.


 

Gisela Ulmann: Integration von Ausgesonderten in Regelschulen: schulkritisch oder affirmativ?

Anders als in Italien, wo 1979 Sonderschulen und Ziffernzensuren im Rahmen einer staatlichen Schulreform abgeschafft wurden, wo es also seit dem keine Aussonderung von Kindern mehr gab, begannen in der BRD ungefähr zur selben Zeit Elterninitiativen die Integration von behinderten Kinder in Regelschulen zu fordern. Das Motto war: "eine Schule, die für alle Kinder gut ist, ist auch für behinderte Kinder gut!" Erst 1990 wurde eine gesetzliche Grundlage geschaffen, die allen behinderten Kindern den Besuch einer Regelschule ermöglicht - unter Vorbehalt. "Integration" setzt selbstverständlich Aussonderung voraus - und verhindert, wie zu begründen ist, Schulkritik und -reform eher als sie zu befördern. Aus dem o.g. Motto wird die Denkfigur: "die Schule ist gut!" - so wie sie ist.

Other than in Italy where in 1979 schools for special education and grades were abolished in a state school reform and where there has not been any selection of children since, parents' initiatives in the FRG at about the same time started to claim integration of disabled children into regular schools. The slogan was: "A school that is good for all children is also good for disabled children!" Only in 1990 there has been established a judicial basis that enables all diabled children to attend a regular school - but with reservations! Integration presupposes selection and rather prevents, which has to be shown, critique and reform of school than to promote it. The slogan from before turns into the figure of thinking: School is good! - as it is.


 

Michael Zander: Kommt zusammen! Über Sexualität mit und ohne Behinderung

Im Mittelpunkt des Artikels stehen die sozialen Barrieren, die sexuellen Beziehungen zwischen (Körper-) Behinderten und Nichtbehinderten im Wege stehen. Zu ihrer Analyse werden u.a. Berichte und Interviews aus verschiedenen Publikationen herangezogen. Es geht um die Befürchtungen und Zuschreibungen, die auf strukturellen Grenzen beruhen und die es beiden Seiten erschweren, im weitesten Sinne sexuelle Beziehungen zu knüpfen. Die These, der zufolge herrschende Schönheitsnormen Ursache für diese Schwierigkeiten sind, wird kritisch erörtert. Schließlich wird die Initiative "Sexybilities" vorgestellt, die Beratungen anbietet und sich politisch und kulturell mit dem Thema "Behinderung und Sexualität" befasst.

The article focuses the social barriers that stand in the way of sexual relations between (physically) disabled people and non-disabled people. For its analysis the author draws upon accounts and interviews from various publications. It is dealt with anxieties and ascribtions resulting from structural barriers that make it hard for both sides to form sexual relationships. The thesis that predominant beauty norms are the cause for these difficulties is critically discussed. In the end the initiative "Sexybilities" is presented, which offers counseling and is engaged politically and culturally with the issue of "disability and sexuality".

 


 

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