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Kritische Psychologie |
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Forum Kritische Psychologie 45Evolutionäre Psychologie, Gentechnologie und Geschlechterverhältnisse. Soziale Therapie und Normalität. Wygotski-Piaget-Kontroverse.
AbstractsHilary Rose: Die Evolutionäre Psychologie, der Sozialdarwinismus und das Standardmodell der Sozialwissenschaften / Evolutionary Psychology, Social Darwinism, and the Standard Social Science Model In ihrem Beitrag zur Evolutionären Psychologie (EP) analysiert Rose, wie diese ihr wissenschaftliches Programm, die Sozial- und Humanwissenschaften auf der Basis eines evolutionsbiologischen Erklärungsansatzes neu zu begründen, durch den Mythos eines "sozialwissenschaftlichen Standardmodells", das im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschliche Natur stehe, fingiert. Dagegen setzen die Evolutionären Psychologen ihr Dogma, alle Grundphänomene der gesellschaftlichen und kulturellen Praxis auf die evolutionär herausgebildete menschliche Individualpsychologie zurückführen zu können. In den hieraus gezogenen sozialpolitischen Folgerungen erweist sich die EP, wie Rose herausarbeitet, als ein entsprechend der postmodernen "Pick-and-Mix"-Kultur durch andere theoretische Elemente eklektisch angereicherter Sozialdarwinismus, der sich mit seinem genetischen Determinismus in unsicheren und unruhigen Zeiten als ein weiteres Opium für das Volk anbietet. In her paper, Rose analyses how the scientific agenda of Evolutionary Psychology (EP) to refound the social and human sciences via an evolution biological approach is fabricated through the myth of a "standard social science model" which is said to miss the established scientific truths about the human condition. Against this, the evolutionary psychologists put forward their dogma that all basic phenomena of the societal and cultural human practice must be reduced to the evolved patterns of individual psychology. The social political conclusions, Rose reveals, prove EP to be mere Social Darwinism - if polished up by sharing a good deal of the postmodern pick and mix culture. Suggesting certainty in uncertain times, the genetic determinism of EP offers itself as another opiate for the people. Wolfgang Maiers: Der Etikettenschwindel der Evolutionären Psychologie / The bogus claim of Evolutionary Psychology Die Evolutionäre Psychologie (EP) zielt wissenschaftlich darauf ab, das für grundlegend fehlerhaft erachtete sozialwissenschaftliche Bild vom menschlichen Verhalten und Bewußtsein durch evolutionsbiologische Bestimmungen der conditio humana abzulösen. Im Zentrum des Beitrags steht eine kritische Überprüfung der methodologischen Prinzipien, theoretischen Voraussetzungen und empirischen Belege der EP. Deren Erkenntnisansatz erweist sich als zutiefst unhistorisch: Irregeführt durch einen genetisch-deterministischen Reduktionismus mündet er in ein eindimensionales und statisches Konzept menschlicher Natur ein. Die kritisch-psychologische Anwendung der Evolutionstheorie auf die Psychophylogenese zeigt die Möglichkeit eines alternativen Verständnisses der Anthropogenese - als eines qualitativen Umwandlungsprozesses von der evolutionär-stammesgeschichtlichen zur gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung - auf. Die einzelwissenschaftliche Auflösung des scheinbaren Paradoxons einer "gesellschaftlichen Natur" des Menschen ist unhintergehbar, wenn die EP als eine pseudowissenschaftliche, ideologisch begründete Ausdehnung des Geltungsbereichs biologischer Erklärungen auf die qualitativ verschiedene Ebene gesamtgesellschaftlich vermittelter menschlicher Existenz wirksam widerlegt werden soll. Evolutionary psychology (EP) claims to provide an alternative drawing on biological definitions of the universal human condition, to the allegedly flawed social-scientific understanding. The scope of this paper is limited to a critical interrogation of the methodological principles, theoretical premises, and empirical evidence of EP. It is argued that EP's epistemological approach is deeply a-historical, misdirected by a genetic determinist reductionism and leading to a one-dimensional and static concept of human nature. Critical Psychology's employment of the evolution-theoretical approach to psychophylogenesis indicates the possibility of a contrasting understanding of anthropogenesis as a process of transition from the merely evolutionary-phylogenetic to societal-historical development. Approaching the seeming "paradox" of a "societal nature" of the human beings appears indispensible, if EP's pseudo-scientific, ideological extension of biology's appropriate explanatory empire to the qualitatively distinct level of societal human practice is to be effectively refuted. Vanessa Lux: Vorbemerkung zum Artikel von Verena Stolcke / Introductory note on Verena Stolcke's article In ihrer Vorbemerkung zu Stolckes 1997 entstandenen Text Das Geschlecht der Biotechnologie: Natur in der Kultur geht Lux auf die seit der Weltpremiere des Klon-Schafs "Dolly" erfolgten gentechnologischen Entwicklungen zum Klonen von Menschen(-zellen) ein, um so die unveränderte Brisanz der von Stolcke aufgeworfenen Fragen und Einschätzungen zu unterstreichen In her preliminary remark on Stolcke's 1997 paper The sex of biotechnology: Nature in culture, Lux outlines the subsequent technological progress in the genetic research on the cloning of (the cells of) human beings that has been made ever since the world premiere of the cloned sheep "Dolly". These hitherto developments emphasise the persistent relevance of Stolcke's questions and assessments. Verena Stolcke: Das Geschlecht der Biotechnologie: Natur in der Kultur / The sex of biotechnology: Nature in culture Das Klonen eines Tieres ist ein dramatischer Fortschritt in der Verdinglichung und Kommerzialisierung des Lebens. In ihrem Artikel analysiert die Autorin die Biotechnologien des Klonens vor dem sozio-wissenschaftlichen Hintergrund, der diese ermöglichte. Um die umfassende Bedeutung der neuen Technologien insbesondere für Frauen zu erfassen, bedarf es der Verbindung gesellschaftlicher wie bio-genetischer Analysen. Da Klonen sexuelle Empfängnis überflüssig macht, sind die Ovozyten zum wesentlichen Schauplatz entsprechender Experimente geworden. The cloning of any animal is a dramatic advance in the reification and commercialisation of life. In her article, the author analyses the biotechnicalities of cloning against the background of the socio-scientific environment which made them possible. She argues for the need to combine a cultural with a bio-genetic analysis so as to fully appreciate the consequences, in particular for women, of the new biotechnologies. Because cloning eliminates sexual conception, ovocites have become the fundamental requisite for experimentation in this field. Ole Dreier: Psychotherapie und die Anbahnung kohärenter Lebenswege in divergierenden Praxiskontexten - ein neuer Ansatz der Therapieanalyse / Psychotherapy in clients' trajectories across varying practical contexts - a new approach to analysing therapy Menschen leben ihr Leben, indem sie sich in vielfältige soziale Kontexte integrieren und diese zugleich ständig durchqueren. Im Anschluß an die theoretische Fassung dieser Dynamik der Alltagspraxis von Subjekten wird eine psychotherapeutische Behandlung daraufhin untersucht, welche Rolle die Sitzungen für die Klienten bei ihrer alltäglichen Kontextdurchquerung spielen. Dies ist der Ausgangspunkt allgemeiner Überlegungen über Psychotherapie und die persönlichen Lebenswege, die die Subjekte in ihrer sozialen Praxis zu konstituieren suchen. In diesem Zusammenhang wird nach dem Stellenwert von Narrativität gefragt, wobei allgemeine Aspekte narrativen Verstehens analysiert werden. Gegenüber den Einschränkungen und Verzerrungen, die entstehen, wenn man Narrativität für sich untersucht, wird herausgearbeitet, daß der Narrativität insofern eine performative Bedeutung für kontextübergreifende soziale Praxen der Individuen zukommt, als sie zur Umstrukturierung der Praxisfelder und zur Reorganisation eingreifenden Handelns beitragen kann. In this paper, some central contentions on how to theorise about subjects in social practice are sketched, emphasizing that people live their lives participating in multiple social contexts and moving across them. A study of psychotherapy is then presented that illustrates the place of sessions in clients' practice across social contexts. This leads the author to elaborate some general points about his understanding of psychotherapy and of personal life trajectories in subjects' social practice. Finally, he relates his analysis to some general features of a narrative understanding. In particular, his analysis raises questions concerning the place of narrative in personal action and experience when one takes into account that persons configure their actions and experiences as they participate in diverse social contexts and move across them. The author warns against limitations and distortions if one focuses too closely on narrative and loses sight of its performative significance and place in people's ongoing personal practice across social contexts. Morten Nissen: Wildes Lernen. Nachlese als Vorbereitung / Wild learning. Preparatory retrospection Der Autor verfolgt den Anspruch, zwei Sozialprojekte in Kopenhagen, für deren Evaluation er zuständig ist, so auszuwerten, daß Kriterien für die theoretische und methodologische Arbeit in einem neu begonnenen Projekt "Wildes Lernen" formuliert werden können. Im Zentrum steht die methodologische Herausforderung, sich in Forschungszusammenhängen, also in Wirklichkeiten zu bewegen, in denen alles in steter Veränderung und Wechselwirkung befindlich angenommen werden muß. Das gilt sowohl für die Subjekte und den Begriff von Subjektivität, als auch für Objektivitäten, Bedingungen, Strukturen, Gesellschaft. Nissen diskutiert diese Problematik unter Bezug auf die Konzepte Vergegenständlichung, Kultur, Alltag bei Berger/Luckman, A. Heller und Kritischer Psychologie. In his paper, the author evaluates two social projects in Copenhagen guided by him in order to generate criteria for the theoretical and methodological work in a subsequent project entitled "Wild Learning". The main thrust of his research is the methodological challenge of working within research parameters congruent with reality where everything is in constant flux and interaction. This applies to the subjects themselves as well as to the notions of subjectivity, objective realities, conditions, structures, and society. Nissen discusses these problems referring to the respective notions of objectification, culture and everyday life in the works of Berger and Luckman, A. Heller, and Critical Psychology. Joseph Kuhn: Betriebliche Gesundheitsförderung im modernen Kapitalismus / Joseph Kuhn: Work place health promotion in modern capitalism Die betriebliche Gesundheitsförderung ist vor etwa 20 Jahren im Zusammenhang der alternativen Gesundheitsbewegung als kritischer Ansatz entstanden: kritisch gegenüber dem etablierten Arbeitsschutz, kritisch gegenüber den Verhältnissen in den Betrieben, kritisch aber auch gegenüber dem eigenen Gesundheitsverhalten im Betrieb. Damals war die betriebliche Gesundheitsförderung ein exotisches Außenseiterthema. Heute ist die betriebliche Gesundheitsförderung weithin anerkannt, sie wird von großen Institutionen wie z.B. den Krankenkassen mitgetragen, aber ihre Erfolgsgeschichte hat eine dialektische Kehrseite: einen unübersehbaren Verlust an emanzipatorischem Potential. 20 years ago health promotion developed as a part of a social movement: with a critical impetus to the professional occupational safety and health system, the conditions of work and health behaviour at work. At that time workplace health promotion was seen as an exotic issue. Today it is recognised in society and promoted by social insurance. But this history of success has a drawback too: a loss of emancipatory power. Klaus Weber: Wann ist (m)ein Kind normal? Oder: Wie Erziehungsratschläge Verwirrung stiften / When is a (my) child normal? Or: On confusions through educational advice Am Beispiel sowohl der Ratgeberliteratur für Eltern als auch der Lehrbücher für Klinische Psychologie wird die Frage nach dem Sinn des Normalitätsbegriffes diskutiert. Dabei wird gleichzeitig gezeigt, daß die gängigen Normalitätsvorstellungen im Alltags- wie im Wissenschaftsdiskurs dazu beitragen, erziehenden Personen nahezulegen, Kinder seien Objekte ihres erzieherischen Tuns und Ziel desselben sei die Herstellung von kindlicher Normalität. Die Widersprüche dieser Anforderungen werden kontrastiert mit der Alternative, das Verhältnis von Kindern und Erwachsenen als gemeinsamen Lernprozeß zu begreifen, in dem beide von ihren "eigenartigen" Handlungs-, Denk- und Fühlweisen lernen können. Using pop psychology for parents as well as textbooks of clinical psychology as examples, the meaning of the concept of normalcy is scrutinised. Common notions of "being normal", both in everyday and in scientific discourse, urge educating people to regard children as objects of their educational activities serving the purpose to produce normality in the infants. This tacit norm is confronted with an alternative position that views the relationships between children an adults as a setting for joint learning processes in which both sides can mutually benefit from their "characteristic" ways of acting, thinking, and feeling. Lorenz Huck & Johannes Wrege: Die Auseinandersetzung zwischen Jean Piaget und Lew S. Wygotski. Aktuelle Relevanz einer historischen Debatte / Lorenz Huck & Johannes Wrege: The controversy between Jean Piaget and Lev S. Vygotski. Today's relevance of an historical debate In der historischen Debatte zur kindlichen Entwicklung zwischen J. Piaget und L.S. Wygotski werden Probleme aufgeworfen, die bis heute ungeklärt bzw. Gegenstand der Diskussion sind. Einander scheinbar ausschließende Auffassungen der beiden Autoren (z.B. zur Entwicklungsrichtung) werden in diesem Beitrag auf Unterschiede im Erkenntnisinteresse und der daraus folgenden Problemsicht zurückgeführt. Ausgehend von der Kategorialanalyse Klaus Holzkamps wird die Möglichkeit erörtert, die Ansätze Piagets und Wygotskis in einer übergeordneten Konzeption zu integrieren. The historical debate on child development between Piaget and Vygotski poses problems still unsolved and under discussion to date. In this article, the seemingly contradictory positions between both parties (e.g. on the issue of the developmental direction) are traced to differences in their respective cognitive interests and the resulting views on the problems. Starting from Klaus Holzkamp's category analysis, prospects of integrating Piaget's and Vygotski's approaches are discussed.
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