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Sonderpiranha SoSe 2000
Sonderausgabe der Piranha an der FU Berlin
Im Sommersemester 2000 wurde von einer Gruppe Studierender im Rahmen der 'Kampagne zum Erhalt der Kritischen Psychologie' auch eine Sonderausgabe der 'Piranha' erstellt, für die u.a. Lehrende des Instituts um ihre Meinung, bzw. ihre Ansichten zu kritischer Wissenschaft gebeten wurden.
Das Heft wurde nur in einer Auflage von 600 Exemplaren gedruckt und soll deshalb auf diesem Wege Interessierten zugänglich gemacht werden.
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...aus dem..
Editorial
Im Wintersemester 1999/2000 fand auf Anregung der Fachschafts-Ini hin das erste Treffen der "Kampagne zum Erhalt der Kritischen Psychologie" statt. Bis heute haben sich hier Studierende und einige Lehrende kontinuierlich getroffen. Mit diesen Treffen haben wir uns einen Arbeitszusammenhang geschaffen, in dem wir miteinander diskutieren und uns austauschen können. Verschiedene Arbeitsgruppen sind daraus hervorgegangen, auch die, die dieses Heft zusammengestellt und gestaltet hat.
Der Grund für dieses Forum ist folgender: Die Kritische Psychologie wird langsam, aber stetig abgebaut. Wenn sich die bisherige Entwicklung fortsetzt, wird sie ihre institutionelle Grundlage an der FU Berlin verlieren - wenn jetzt nichts geschieht!
Die Einzigartigkeit dieses Ansatzes gleichzeitig das, worin seine gröflte Gefährdung liegt. Wenn die Kritische Psychologie ihre institutionelle Verankerung hier in Berlin verliert, hängt sie "in der Luft". Sie hätte dann das eingebüßt, was jeder kritische Denkansatz so dringend braucht, nämlich einen institutionellen Rahmen für Studentinnen und Studenten, die sich mit diesen Gedanken auseinandersetzen, sie weiterentwickeln und an der Umsetzung in die eigene Lebenspraxis messen.
Kritische Psychologie befasst sich insbesondere mit der Welt, wie sie von an der gesellschaftlichen Realität leidenden Menschen erfahren wird. Als parteiliche Wissenschaft hilft sie eine Bewusstheit zu schaffen gegen die Normalität des Sich-Arrangierens mit fremdbestimmten Verhältnissen, des Sich-Einrichtens, des Klein-Kleingebens - also eine Sprache zu entwicklen, welche die gesellschaftlichen Mechanismen zur Unterdrückung gemeinschaftlicher Gegenwehr erfasst und damit ausser Kraft zu setzen hilft. Das Gegebene kann nur in dem Mafle überwunden werden, wie es begriffen wird. Und da sich die (staatlich oder privatwirtschaftlich) organisierte Wissenschaft nicht für den Erhalt einer solchen Forschungsrichtung einsetzt, müssen wir das tun. Denn: "...auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift." (Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung. In: MEW 1, Dietz Berlin 1956, S. 385).
Wir sind der Meinung, daß sich diese Verdrängung der Kritischen Psychologie in allgemein- und bildungspolitische Prozesse einordnet. Andere Fachbereiche sind ebenso deutlich von den Auswirkungen betroffen, welche die von entsprechenden InteressenträgerInnen durchgesetzte neoliberale "Hochschul-Umstrukturierung" nach sich zieht. Beispiele dafür sind der drastische Stellenabbau bestimmter theroretischer Strömungen, die schleichende Entdemokratisierung, die drohende Einführung von Studiengebühren und die zunehmende Verschulung nicht nur der Grundstudiumsinhalte. Kurz: Die als "Sparzwänge" getarnten massiven Eingriffe ins Bildungssystem zielen auf die Unterwerfung der Universität unter die herrschende Verwertungslogik ab. Seit dem endgültigen Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme 1989/90 hat es der heute bestehende Kapitalismus nun nicht mehr nötig, sein wahres Antlitz mit der Maske "soziale Marktwirtschaft" zu tarnen.
Von diesen Maßnahmen muß die Wissenschaft, die sich als gesellschaftskritisch versteht, notwendigerweise besonders betroffen sein. Denn sie macht es sich zur Aufgabe, den herrschenden Konsens zu durchbrechen und die real existierenden Mauern aufzuzeigen, aus welchen die allgemein propagierte "Freiheit" besteht.
Diese Verdängungs- und Abbauprozesse und ihre Konsequenzen für uns Studierende wollten wir mit diesem Heft thematisieren. Gemeinsam mit Lehrenden der FU wollten wir der Frage nachgehen, was kritische Wissenschaft bedeutet, inwiefern sie notwendig und inwiefern sie gefährdet ist. Wie die jeweiligen Lehrenden zum Gegenstand ihres Faches, zur Psychologie sensu Holzkamp oder zur eigenen Lebenspraxis stehen und wie sie die gesellschaftliche Entwicklung einschätzen, dazu geben ihre eigenen Artikel oder mit uns geführte Gespräche Auskunft.
Das Sonderheft verstehen wir damit zum einen als Anregung, sich den gegenwärtigen Zustand der Universität genau anzusehen, und zu entscheiden, ob es sich lohnt, aktiv für den Erhalt kritischer Wissenschaft einzutreten. In diesem Sinne sind alle Interessierten bei weiteren Treffen der Ratschlag-Initiative willkommen (Termine werden an der Info-Wand (gegenüber vom Sportler-Café) bekanntgegeben).
Zum anderen soll mit diesem Heft die universitäre Öffentlichkeit zur Diskussion angeregt werden über ihre Vorstellungen von Wissenschaft, über die Ausrichtung der Lehre an fremdgesetzten Interessen und - im Zuge dessen - die schrittweise Ausrottung potentiell widerständiger Forschungsansätze.
Was den Erhalt der Kritischen Psychologie betrifft, so drucken wir am Ende des Heftes das Forderungspapier ab, das im Laufe unserer Initiative erarbeitet wurde - eine Unterschriftenliste liegt dem Heft bei. Diese Forderungen werden wir an das Dekanat und den Fachbereichsrat richten. Bedauerlicherweise ist studentisches Interesse, das auf diese Art dokumentiert wird, in der Vergangenheit nicht unbedingt ausschlaggebendes Argument gewesen. Wir sollten uns überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, den zunehmenden Beschneidungen des "Lebensraumes Universität" mit Widerstand zu begegnen.
Denn: Wenn wir nichts tun, erledigt sich das Problem demnächst von selbst.
die Redaktion
Herzlich gedankt sei an dieser Stelle allen, die sich inhaltlich und gestalterisch an der Beteiligung dieses Heftes beteiligt haben. Wir hätten uns eine breitere Beteiligung von Lehrenden (insbesondere des Hauptstudiums) gewünscht. Bedauerlicherweise haben viele von denen, die wir um Mitarbeit bitten wollten, unser Schreiben nicht erhalten oder sich nicht zurückgemeldet. Uns ist schleierhaft, wieso der Verteiler dieses Mal versagt hat.
Inhaltsverzeichnis
Titelseite, Editorial, Impressum & Inhaltsverzeichnis
[ lesen! pdf-Datei, 545k ]
Zur institutionellen Situation der Kritischen Psychologie.
Daniel Pichert
Infos zur aktuellen Stellensituation der Kritischen Psychologie. Nicht nur die Kritische Psychologie als eine inhaltliche Strömung ist bedroht, auch die demokratischeren Lehr- und Lernformen, für die das PI einmal ein Symbol war, könnten bald der Vergangenheit angehören. [ lesen! pdf-Datei, 390k ]
Kritische Wissenschaft anderswo - Ein Überblick: Die Stellenlandschaft am Philosophischen Institut
Nadine Müller
"Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch hiervon nicht". Vom Stellenabau und dem damit verbundenen Wegfall kritischer WissenschaftlerInnen sind auch andere Fachbereiche betroffen. Der Artikel gibt einen detaillierten Überblick über den Ist-Zustand und die düstere Zukunft kritischer Wissenschaft am Philosophischen Institut. Gleichzeitig ist er ein Plädoyer für die Notwendigkeit einer fächerübergreifenden institutionellen Verankerung kritischer Wissenschaften. [ lesen! pdf-Datei, 630k ]
Vier halbe für die Kritische Psychologie
Morus Markard
"...wenn man aus dem Bestehenden das Mögliche nicht streichen will." Antikapitalismus ist in psychologischen Diskussionen eine verschwindende, belächelte Größe geworden geworden. Die Kritische Psychologie hingegen steht nach wie vor in der Tradition marxistischen Denkens und braucht diesen Bezug notwendigerweise. Denn Marx hat zwar im 19. Jahrhundert gelebt, aber Todesdaten sind keine Verfallsdaten. [ lesen! pdf-Datei, 1.490k ]
Kritische Psychologie - eine bloße Episode?
Wolfgang Maiers
Eine präzise Standortbestimmung der Kritischen Psychologie als materialistische Subjektwissenschaft im Rahmen einer sich ständig ausdifferenzierenden marxistischen Gesellschaftstheorie. Es wird deutlich gemacht, wieso gerade nach dem Zusammenbruch des europäischen Sozialismus der kapitalistischen Restauration wissenschaftlich entgegengearbeitet werden muss, um zu zeigen, wie, wodurch und in wessen Interesse gesellschaftliche Emanzipation immer wieder be- und verhindert wird. [ lesen! pdf-Datei, 275k ]
Über kritische Wissenschaft
Ein Interview mit Lilli Gast
Lilli Gast versteht sich als Vertreterin einer kritischen Psychoanalyse. Wie hat sie ihre Studienzeit in Berlin erlebt, was denkt sie über die Entwicklungen des Bildungswesens? Was bedeutet es für sie, kritische Wissenschaft zu betreiben und wo liegt für sie das Erkenntnispotential der Psychoanalyse? [ lesen! pdf-Datei, 614k ]
Die Entwicklung der Kritischen Psychologie zur Subjektwissenschaft. Theoretische und methodische Fragen
Morus Markard
Eine Einführung in die Kritische Psychologie mitsamt einer kurzen Darstellung ihrer theoretischen Entstehung. Was für eine gesellschaftliche Funktion hat die Psychologie, was bedeutet emanzipatorische Relevanz? Wie ist menschliche Subjektivität mit angemessenen Begriffen wissenschaftlich zu erfassen (Handlungsfähigkeit), wie ist dem methodisch Rechnung zu tragen? [ lesen! pdf-Datei, 603k ]
Anmerkungen zur Kritischen Psychologie als Subjektwissenschaft
Ute Osterkamp
Was wir uns selbst und gegenseitig durch das Eingebundensein in eine repressive Ordnung antun, und wie wir unter dem Druck der unmittelbaren Existenzsicherung diese "Ordnung" ungewollt zu stabilisieren helfen, kann nur eine Psychologie vom Standpunkt des Subjekts unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Natur des Menschen thematisieren. Dieser radikale Standortwechsel psychologischer Forschung bedeutet, sich unreduziert einzulassen auf die Wirklichkeit derjenigen, die am gesellschaftlichen "Normalzustand" leiden, also dieses Leiden versprachlichen zu helfen und damit bewusst angehbar zu machen. [ lesen! pdf-Datei, 624k ]
KRITISCHE Psychologie 2000
Dimitri Papadopulos
Eine kurze inhaltliche Bestimmung, was kritischen Wissenschaften für Möglichkeiten bleiben als Wissenschaft, die zwangsläufig eingebunden sein muß in die nordatlantischen sozialpolitischen und technowissenschaftlichen Hegemonialbestrebungen. Durch ihre örtliche Verankerung in Europa/USA bleibt ihre Aufgabe die Erfassung der Faktizität des Negativen. Gleichzeitig "... nennen [wir] Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt...". [ lesen! pdf-Datei, 361k ]
Über kritische Wissenschaft
Ein Interview mit Peter Mattes
Kritisches Denken und die damit zusammenhängende Praxis sind notwendig, um die Verhältnisse, in denen wir leben, denken und handeln in Bewegung zu bringen. Anstatt die Kategorie Gesellschaft zu benutzen, geht es um das Begreifen von historischen, kulturellen und materiellen Verhältnissen, in denen Bewegungen stattfinden. Peter Mattes versucht als Lehrender (und daräber hinaus), diese Verhältnisse veränderungsfähig und veränderungsmöglich zu halten. Was denkt er über den gefährdeten Lebensraum Universität und die bildungspolitischen Entwicklungen? [ lesen! pdf-Datei, 351k ]
Zur Situation der Kritischen Psychologie
Reiner Seidel
Nach Reiner Seidel hat Holzkamp im Laufe der Entwicklung der Kritischen Psychologie ihre marxistische Grundlage suspendiert (und damit die kurzschlüssige Übertragung eines gesellschaftlichen Verhältnisses aufs Individuelle). Somit hat sie die Chance, von einer Theorie des politischen Bewußtseins oder des Befreiungskampfes zu eine wirklichen Subjektwissenschaft zu werden, wenn sie sich den Lebensentwürfen der Subjekte selbst zuwendet. [ lesen! pdf-Datei, 119k ]
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