Im Jahr 2026 stehen die Zeichen in der Bundesrepublik Deutschland auf „Kriegstüchtigkeit“: Vier Jahre nach der Verkündung der „Zeitenwende“ (Olaf Scholz) erreichen die Ausgaben für Bundeswehr und Kriegsmaterial Jahr für Jahr ein neues Rekordhoch. Militarisierung und Säbelrasseln gehen einher mit Sozialabbau, flankiert von Repressionen nach innen. Das „Antifa Ost-Verfahren“ mit der juristischen Konstruktion einer „kriminellen Vereinigung“ hat den Boden bereitet, um hart gegen Protestbewegungen vorzugehen (siehe auch die Prozesse gegen die „Letzte Generation“). Eine geplante Geheimdienstreform könnte dem BND mit der Legalisierung „kinetischer Mittel“ die „Lizenz zum Töten“ erteilen (Neuerer 2026). Die zunehmende Normalisierung von Militarismus und „soldatischer Männlichkeit“ wirft zudem Fragen im Hinblick auf feministische Positionierungen auf — die aktuell von einer Bejahung der Wehrpflicht für Frauen* bis hin zur grundsätzlichen Kritik am Status Quo reichen.
Wer sich in der Öffentlichkeit grundsätzlich kritisch zum Kurs der „Kriegstüchtigkeit“ positioniert und autoritäre Tendenzen aufzeigt, muss sich auf heftige Angriffe gefasst machen. Dies zeigt sich z. B. an den Reaktionen auf Ole Nymoens Streitschrift gegen „Kriegstüchtigkeit“ (2025) und auf die medialen Aufritte des Autors, der sich als eine der wenigen öffentlichen Stimmen der Perspektive „staatlich verordneten Kämpfen[s]“ (Nymoen, zit. nach Bardorf 2025) entgegenstellt. Eine neue Entwicklung ist aber auch die Herausbildung einer kritischen (linken) Gegenöffentlichkeit auf digitalen Plattformen wie Twitch oder YouTube (vgl. Ural/Berg 2026).
Derweil spitzen sich bestehende Krisen wie die Klimakrise abseits größerer medialer Aufmerksamkeit kontinuierlich zu. Im letzten Jahr zeigte das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung auf, dass bereits sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen überschritten wurden (vgl. Sakschweski et al. 2025). Die Mitte-Studie stellt fest, dass 2024/25 nur 56% der Befragten den Klimawandel für eine „große Bedrohung“ für Deutschland halten – 2020/21 waren es noch 70%.
Die Gefahr, dass die gesellschaftlichen Prozesse in ein autoritäres Herrschaftsprojekt münden, ist groß. Ein „breites Bündnis, ein bewusstes und organisiertes populares Gegenprojekt“ (Candeias 2024: 205) lässt sich aktuell nicht erkennen. Rassismus, Antisemitismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit nehmen zu und im Bereich der Geschlechterverhältnisse zeigt sich ein beunruhigender Backlash. Der aufhaltsame Aufstieg der AfD wird allzu häufig auf ein „Ost-Problem“ reduziert, wobei, ausgehend von einem plumpen Antikommunismus, die Umbruchprozesse und Verwerfungen nach 1989 ausgeblendet werden.
In der kommenden Ausgabe des Forum Kritische Psychologie – Neue Folge wollen wir diese Entwicklungen aus kritisch-psychologischer Perspektive in den Blick nehmen. Fragen und Themen für mögliche Beiträge könnten sein:
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Wie werden ideologische Nahelegungen von den Einzelnen im Sinne einer „inneren Zeitenwende“ (Ingar Solty) in der alltäglichen Lebensführung aufgegriffen und verarbeitet?
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Welche Rolle spielt Psychologie im Zusammenhang von Militarismus, Bundeswehr und Nato – z. B. im Rahmen der Militärpsychologie und Mobilisierung der Zivilgesellschaft?
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Welche psychologischen Widersprüche zeigen sich – auch angesichts wachsender Repressionen – in den aktuellen Protestbewegungen?
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Welche Perspektiven bieten Ansätze der Friedenspsychologie?
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Wie verhalten sich Beschäftigte zum betrieblichen Umbau von ziviler zu militärischer Versorgung?
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Wie greifen verschiedene Krisenprozesse ineinander und wie werden diese subjektiv verarbeitet?
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Welche Erkenntnisse über die „innere Zeitenwende“ lassen sich aus feministisch-materialistischer Perspektive erschließen?
In dieser Gemengelage suchen wir nach Beiträgen, die die Debatten mit kritisch-psychologischen Perspektiven bereichern, ergänzen und hinterfragen. Eingereichte Exposés sollten für die Kritische Psychologie anschlussfähig sein, wobei sie auch pädagogische und sozialarbeiterische Felder und Fragestellungen bearbeiten können. Geopolitische Großanalysen sind ausdrücklich nicht gesucht – entsprechende Fragen können als notwendige Vermittlungsebene selbstverständlich eine Rolle spielen.
Bei Interesse freuen wir uns über Abstracts im Umfang von einer Seite. Auch passende Rezensionsvorschläge sind willkommen.
Die Einreichungen sind ab sofort und bis einschließlich zum 10.01.2027 möglich. Bitte nutzen Sie/nutzt folgende Mail: call-heft8-fkp [at] kritische-psychologie.de
Bis zum 31.01.2027 werden Sie/werdet Ihr eine Rückmeldung von uns erhalten. Das Heft soll im Herbst 2027 veröffentlicht werden, daher bitten wir um die Einreichung der Beiträge bis Anfang Mai (max. 40.000 Zeichen).
Wir sind neugierig auf Ihre Einsendung!
Mit freundlichen Grüßen
Redaktion FKP – Neue Folge
Literatur
Bardorf, Felix (2025): „Influencer der Kriegsmüden“, unter: https://www.nd- aktuell.de/artikel/1190659.kriegstuechtigkeit-influencer-der-kriegsmueden.html (18.07.2025)
Candeias, Mario (2024): Monster verstehen. Eine Chronik des Interregnums. Hamburg: Argument
Neuerer, Dietmar (2026): „Bekommt der Bundesnachrichtendienst eine Lizenz zum Töten?“, unter: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sicherheit-bekommt-der- bundesnachrichtendienst-eine-lizenz-zum-toeten/100238289.html (12.09.2026)
Nymoen, Ole (2025): Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit. Hamburg: Rowohlt
Sakschewski, Boris et al. (2025): „Planetary Health Check 2025: A Scientific Assessement of the State of the Planet“. In: Planetary Boundaries Science (PBScience)
Ural, Nur Yasemin u. Berg, Anna (2026): „Live, links, vernetzt. Politische Kultur auf deutschsprachigem Twitch“, unter: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Studien/Studien_3-26_Twitch_web.pdf (12.09.2026)