Argument-Verlag, 158 Seiten, 16 Euro
ISSN 0720-0447 · ISBN 978-3-86754-610-2
vom 04.-06.09.2025 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin (Programmheft / Program)
Livestream
Thursday: www.youtube.com/live/y0xvESXMUdo (starting 3:15 pm)
Friday: www.youtube.com/live/qtlaz8jxJPk?si=0J63wikitLOoubdA (starting 12:15 am)
Saturday: www.youtube.com/live/rrVejt2Ztlk (starting 12:15 am)
| Donnerstag ab 14:30 | Anmeldung, Kaffee und Kekse / Registration, coffee and cookies | |
| 15:15-16:00 | Eröffnung, Grußwort und Einführung in Baustellen der Kritischen Psychologie (Orga-Team, RLS) / Opening, Greeting and Introduction (english translation) online | |
| 16:15-17:45 | Geschlecht und Sexualität in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (Zander & Knebel)
Zwischen Kindheit und Diagnose: Wie Psychotherapie Geschlecht schreibt; Implikationen von Rolf Pohls psychoanalytischem Konzept der Weiblichkeitsabwehr für das pädagogische Feld der emanzipatorischen Jungenarbeit; Geschichte der Kritischen Psychologie an der FU: „Sexuelle Revolution“ im Proletariat? Der Berliner Schülerladen „Rote Freiheit“ (Hollnagel) |
Linking Critical-Psychological Practice and Social Movements (Nitzsche) online
Reclaiming Psychology through an Alternative: Student-Led Resistance and the Struggle for Critical Education (Volck-Paulsen & Josiasen); Tojisha-Kenkyu as Emancipatory Practice: Bethel House and the Critical Psychology in Social Entrepreneurship (Martinez Camara) |
| 18:00-19:30 | Zur Gewalt der Psychologisierung: Long Covid und postvirale Erkrankungen (Waleng) online
Das biopsychosoziale Modell auf den Kopf stellen: Vom medizinischen Schaden zur postviralen Ethik (Matthies-Boon); Empirische Daten zur Psychologisierung von Long Covid, ME/CFS und anderen postviralen Erkrankungen (Büchner); „Alles nur in deinem Kopf?“ Krankheitsgewinn und die Psychologisierung umstrittener Erkrankungen – von der Hysterie zu Long COVID (Muhr), Verdopplung der Realität: Folgen der gesundheitspolitischen Konflikte über die Krankheit ME/CFS aus einer Patientenperspektive (Waleng) |
|
*english version below*
Programmübersicht: https://www.kritische-psychologie.de/2025/was-tun-mit-der-kritischen-psychologie-programmuebersicht
Anmeldeformular: https://docs.google.com/forms/d/1VLW2PxKKIiVAN1fVa0zeVg6iP8Ck5or8EdK1-gbe-o4/viewform?edit_requested=true
Wir bitten um Anmeldung bis zum 31.08.2025
Zeit: 04.-06. September 2025
Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung: Straße der Pariser Kommune 8A, 10243 Berlin
Verpflegung: Es gibt jeweils ein veganes und vegetarisches Mittagessen.
Kontakt: tagung2025[at]kritische-psychologie.de
Kosten: Wir empfehlen Spenden in Höhe von 15 Euro (Geringverdienende), 30 Euro (bei mittlerem Einkommen) oder 50 Euro (höheres Einkommen/ Soli).
Spendenkonto:
Betreff: Spende
Gesellschaft für subjektwissenschaftliche Forschung und Praxis (GSFP)
Berliner Sparkasse
IBAN: DE61 1005 0000 0190 6859 21
BIC: BELADEBEXXX
Das Forum Kritische Psychologie – Neue Folge ist auch weiterhin eine Zeitschrift im Print-Format. Neu ist jedoch, dass die Texte nach einer zwölfmonatigen Embargofrist als Open-Access-Inhalt unter der Lizenz CC-BY über den Publikationsserver der Alice Salomon Hochschule Berlin aliceOpen öffentlich zugänglich und verfügbar gemacht sowie mit einem DOI versehen werden. Alle Ausgaben und Texte finden sich außerdem eingepflegt in das FKP-NF-Literaturarchiv unserer Website (hier).
Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!
Artikel von Grete Erckmann in Forum Kritische Psychologie Neue Folge 6 (2025).
Verfügbar über: https://doi.org/10.58123/aliceopen-825-4
Auf gesellschaftspolitischer Ebene sind sogenannte urbane »Problemviertel« erklärtermaßen ein Problem, während gleichzeitig die Bewohner*innen Probleme haben, die mit ihrem Leben in einem urbanen »Problemviertel« in Zusammenhang stehen. Hegemoniale Diskurse über diese Viertel und ihre Bewohner*innen sind durch defizitorientierte, problematisierende, rassistische und stigmatisierende Positionen gekennzeichnet. Auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen wurden/ werden Ansätze und Maßnahmen entwickelt, um das Problem der »Problemviertel« anzugehen. Die einflussreichste und am weitesten verbreitete sozialpolitische und städtebauliche Maßnahme zur Lösung dieses Problems besteht darin, die »soziale Durchmischung« durch den Zuzug nicht rassifizierter, nicht migrantifizierter Mittelschichtsangehöriger zu fördern, indem die Viertel für diese neue Bewohner*innenzielgruppe attraktiv gemacht werden. Junge Menschen, die in diesen Vierteln aufwachsen, müssen sich in ihrer alltäglichen Lebensführung einerseits direkt oder indirekt zu diesen abwertenden, auf sozialen Ungleichheitskonstruktionen basierenden Anrufungen verhalten, während andererseits die politischen, städtebaulichen und stadtplanerischen Entscheidungen und Initiativen und ihre eigene oder die Migrationserfahrung ihrer Familie einen wichtigen Bezugsrahmen für ihre Handlungen, Gefühle und Pläne bilden. Der Versuch, den Umgang der Bewohner*innen mit Problemen in ihren Stadtvierteln zu verstehen, sollte dementsprechend zwei Perspektiven umfassen:
Im ersten Teil wird die Perspektive der »Gesellschaft« auf diese Stadtteile und ihre Bewohner*innen nachgezeichnet – einschließlich der historischen Entwicklung dieser »Problemviertel«. Im zweiten Teil wird die Perspektive der jungen Bewohner*innen auf den Umgang mit Problemen in ihrer Nachbarschaft anhand von Interpretationen von Ausschnitten aus ethnografischen Feldnotizen und biografischen Interviews skizziert. Im letzten Abschnitt wird schließlich die Bedeutung von Problemen für die Gemeinschaft und die Frage nach einer möglichen Verwirklichung des Rechts auf Stadt im Sinne von Lefebvre durch diese Art der Raumaneignung diskutiert.
Urban »problem neighborhoods« – problems for whom? Marginalized youths’ lived experiences and the right to the city. On a socio-political level, so-called urban »problem neighborhoods« are a declared problem, while at the same time the residents have problems that are related to their life in an urban »problem neighborhood«. Hegemonic discourses about these neighborhoods and their residents are characterized by deficit-oriented, problematizing, racist and stigmatizing positions. Approaches and measures have been/ are being developed at various levels of society to tackle the problem of »problem neighborhoods«. The most influential and widespread socio-political and urban planning measure to address this problem is to promote »social mixing« by attracting non-racialized, non-migrant middle class people to »problem neighborhoods« by making the neighborhoods attractive to this new target group of residents. Young people growing up in these neighborhoods have to relate directly or indirectly to these pejorative invocations based on constructions of social inequality in their everyday lives, while political, urban planning and design decisions and initiatives and their own or their family’s migration experience form an important frame of reference for their actions, feelings and plans. The attempt to understand how residents deal with problems in their neighborhoods should include the following two perspectives. The first part traces the complex perspective of »society« on these neighborhoods and their residents – including the historical development of these »problem neighborhoods« that has led to their current state. In the second part, the perspective of the young residents themselves on how they deal with problems in their neighborhoods is outlined by interpreting excerpts from ethnographic field notes and biographical interviews. Finally, the last part discusses the significance of problems for the community and the question of a possible realization of the right to the city in the sense of Lefebvre through this type of appropriation of space.
Artikel von Daniel Schnur in Forum Kritische Psychologie Neue Folge 6 (2025).
Verfügbar über: https://doi.org/10.58123/aliceopen-825-3
Henri Tajfels Theorie der sozialen Identität (Social Identity Theory, SIT) entstand aus der Kritik am sozialpsychologischen Mainstream, die im Gefolge der »Krise der Sozialpsychologie« der 1960er und 1970er Jahre aufkam. Im Gegensatz zu den damals vorherrschenden Annahmen, dass die Ursachen »sozialen Handelns« intra- oder interpersoneller Art seien, betonte Henri Tajfel die Bedeutung einer eigenständigen Theorie des Sozialen zur Erklärung individuellen Handelns. Anderen Ansätzen warf er einen individualistischen Reduktionismus vor. Seine Theorie versteht die handlungsleitende »soziale Identität« aus der Dynamik zwischen Eigen- und Fremdgruppe. Für die Vertreter der SIT ist sie ein kritischer Ansatz, der es ermöglichen soll, psychologische Dynamiken im Kontext sozialer Veränderungen zu erfassen. Aus der Perspektive der Kritischen Psychologie formuliert der vorliegende Text zentrale Kritikpunkte an der SIT: Die Dichotomisierung zwischen dem Sozialen und dem Individuum, die eine Spaltung zwischen Sozial- und allgemeiner Psychologie reproduziert; die modellhafte Fassung des Sozialen als Eigen- und Fremdgruppenkonstellation; und schließlich die unterschiedlichen epistemologischen Standpunkte der divergierenden Richtungen, die sich auf das Erbe Tajfels berufen.
Tajfel’s Social Identity Approach From A Critical Psychological Perspective. Henri Tajfel’s Social Identity Theory (SIT) grew out of criticism to the social psychological mainstream that emerged in the wake of the 1960s’ and 1970s’ »crisis of social psychology.« In contrast to prevailing assumptions at the time that the causes of »social action« were to be found intra- or interpersonally – i.e., the social only as a relationship between individuals – Henri Tajfel stressed the importance of theorizing the social itself and individual action within it independently. He accused other approaches of individualistic reductionism. His theory grasps the action-guiding social identity in the dynamics between in- and outgroup. For many of the researchers referring to it, SIT represents a »critical« social psychology in the broadest sense, with which it should also be possible to grasp the psychological dynamics in the context of social change. From the perspective of German critical psychology, the present text formulates central points of criticism of the social identity approach: The untouched dichotomy between the social and the individual, which manifests a subdisciplinary split between a social-psychological and a general-psychological subject; the model-like version of the social as an ingroup/ out-group constellation; and, finally, inherent in the latter arguments, the different epistemological interests of the various works relying on Tajfel’s legacy.
Artikel von Morus Markard in Forum Kritische Psychologie Neue Folge 6 (2025).
Verfügbar über: https://doi.org/10.58123/aliceopen-825-2
Es soll gezeigt werden, in welcher gesellschaftlichen Konstellation das Konzept der Einstellung entstanden ist. Als ›Subjektives in seinen sozialen Bezügen‹ sollte es zwischen subjektloser Soziologie und a-sozialer Psychologie vermitteln. Unter dem Primat der Messbarkeit entwickelte sich Geschichte der Einstellungspsychologie zum Missverständnis einer Kategorie (im kritischpsychologischen Sinne) als Variable. Bei der Rekonstruktion der verschiedenen Ansätze der Operationalisierung von Einstellung steht im Vordergrund, welche Leistungen oder Zumutungen den Befragten jeweils abverlangt werden. In der sich dabei zeigenden Abstraktion von Sachurteilen, Lebenszusammenhängen und subjektiven Begründungen ist Verhaltensrelevanz reduziert, Widersprüche können nicht als besondere Form eines Zusammenhangs begriffen werden, sondern nur als zu eliminierender Inkonsistenz-Störfaktor. Dem kann das Individuum nur entkommen, wenn es sich der Befragung verweigert. In kritisch-psychologischer Perspektive ist das Einstellungskonzept zwar nicht zu reinterpretieren, aber eine einstellungsförmige Welt- und Selbstbegegnung ist als behinderndes Moment bewusster Lebenspraxis Gegenstand subjektwissenschaftlicher Psychologie.
It is to be shown, in which social constellation the concept of attitude emerged. As a subjective in its social relations, it was intended to mediate between subjectless sociology and a-social psychology. Under the primacy of measurability, the history of attitude psychology developed into the misunderstanding of a category (in the critical-psychological sense) as a variable. In the reconstruction of the various approaches to the operationalization of attitude, the focus is on the performances or unreasonable demands required of the respondents in each case. In the resulting abstraction of factual judgements, life contexts and subjective reasons, behavioral relevance is reduced; contradictions cannot be understood as a special form of contextual relationships, but only as an inconsistency disturbance factor to be eliminated. The individual can only escape this by refusing to be questioned. Although the attitude concept cannot be reinterpreted from a critical-psychological perspective, an attitude-shaped relation to the world and oneself is as an obstructive moment of conscious life practice the subject of subject-scientific psychology.
Artikel von Michael Zander in Forum Kritische Psychologie Neue Folge 6 (2025).
Verfügbar über: https://doi.org/10.58123/aliceopen-825-1
Im Rahmen des Beitrags wird eine kritisch-psychologische Perspektive auf die Mainstream-Sozialpsychologie skizziert. Ausgangspunkt ist das »Schisma« (C.F. Graumann) zwischen psychologischer Sozialpsychologie, die vor allem unmittelbare soziale (Gruppen-) Prozesse untersucht, und einer soziologischen Sozialpsychologie, deren Forschungsgegenstände auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelt sind. Vorgestellt werden verschiedene Ansätze zur Überwindung dieser Spaltung, wobei auf die Sozialpsychologie in der DDR gesondert eingegangen wird, die dem Anspruch nach »marxistisch-leninistisch« ausgerichtet, war aber insgesamt stark vom »westlichen« Mainstream geprägt war. Die Kritische Psychologie hat sich, wie gezeigt wird, auch in Auseinandersetzung mit der Sozialpsychologie entwickelt, etwa im Zuge einer Rezeption der Sozialpsychologie des Experiments oder der Analyse von Begründungsmustern in sozialpsychologischen Theorien. Vor diesem Hintergrund wird für den Ausbau einer materialistischen Gesellschafts-, Kultur- und Kollektivpsychologie plädiert.
This article outlines a critical-psychological perspective on mainstream social psychology. The starting point is the ›schism‹ (C.F. Graumann) between psychological social psychology, which primarily investigates immediate social (group) processes, and sociological social psychology, whose research objects are located in society. Various approaches to overcoming this division will be presented, with a special focus on social psychology in the GDR, which claimed to be ›Marxist-Leninist‹ in orientation, but was strongly influenced by the ›Western‹ mainstream. As will be shown, critical psychology also developed in dialogue with social psychology, for example in the course of a reception of the social psychology of experimentation or the analysis of patterns of reasoning in social psychological theories. Against this background, a plea is made for the development of a materialistic social, cultural and collective psychology.
Argument-Verlag, 156 Seiten, 16 Euro
ISSN 0720-0447 · ISBN 978-3-86754-609-6
Verfügbar über: https://doi.org/10.58123/aliceopen-825
Datum: Freitag, 16.05.2025, 19-20.30 Uhr (Einlass ab 18:30 Uhr)
Ort: Syndikat, Emser Str. 131, S+U Neukölln
Emanzipation bezeichnet ein zentrales Versprechen der Moderne. Es geht um das Versprechen, dass kollektive und/oder individuelle Selbstbefreiung, Selbstbestimmung und damit die Überwindung gesellschaftlicher Unterdrückungsverhältnisse möglich ist. Diese utopische Möglichkeit fordert bestehende Machtverhältnisse radikal heraus.
Historisch gab es verschiedene Emanzipationsbewegungen, die für Gleichberechtigung und die Verminderung gesellschaftlich produzierten Leids gekämpft haben. Auch heute finden entsprechende Kämpfe statt. Dabei fällt allerdings der Begriff der Emanzipation deutlich seltener als beispielsweise in den 1960/70er Jahren, als marxistisch informierte Gesellschaftskritik in den Debatten allgegenwärtig war.
Wenn heute über das emanzipatorische Potenzial von Bildung nachgedacht wird, geht es häufig um die Frage, wie viel Freiraum für kritisches Denken im Studium noch gegeben ist. In den letzten 50 Jahren wurden Ansätze wie die Kritische Psychologie an den Universitäten aus dem Mainstream in Nischen gedrängt. Gleiches gilt für ähnliche Ansätze in anderen Disziplinen.
Wenn allerdings aufgrund eines solchen Fokus allein die Universität als Ort ‚echter‘ Bildung und möglicher Emanzipation verstanden würde, folgte man der elitären Tradition eines neuhumanistischen Bildungsverständnisses. Stattdessen wird im Vortrag der Frage nachgegangen, welches Emanzipationspotenzial berufliche Ausbildung enthält.
Aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive auf die Gegenwartsgesellschaft stellt der (Nicht‑)Übergang in Ausbildung eine entscheidende biografische Phase für einen Großteil der Schulabgänger*innen dar, für die ein Studium keine realistische Option auf ihrem nachschulischen Bildungsweg ist. Allerdings erreichen derzeit knapp 20 % der jungen Menschen keinen berufsqualifizierenden Abschluss. Sie sind in der Folge häufiger von Arbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigung und sozialer Exklusion betroffen.
Hier liegt eine Quelle kontinuierlicher Produktion unnötigen gesellschaftlichen Leids. In der öffentlichen Diskussion bleibt dies unterbelichtet, da den Opfern systematisch die Schuld an ihrem ‚Scheitern‘ zugeschrieben wird. Wie dies funktioniert und welche Alternativen zum Status quo bestehen, soll an diesem Abend diskutiert werden.
Prof. Dr. Marcus Eckelt, Vertretungsprofessor Schul- und Berufspädagogik an der TU Berlin