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A. N. Leontjew (1982):

Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit

Erschienen in: Studien zur Kritischen Psychologie, Köln 1982

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8. Zum Autor

Alexej Nikolajewitsch Leontjew (1903-1979) gehörte zu den sowjetischen Wissenschaftlern und Hochschullehrern, die die Psychologie auf der Basis des Marxismus-Leninismus begründeten und einen hervorragenden Anteil an ihrer Weiterentwicklung in den zurückliegenden Jahrzehnten hatten. Gemeinsam mit Lurija, Galperin, Elkonin, Saporoshez, Boshowitsch und anderen folgte er der Konzeption Wygotskis, als deren führender Vertreter er heute angesehen wird. Diese Richtung in der sowjetischen Psychologie arbeitete grundlegende Fragen der Entwicklung des Psychischen aus. Kennzeichnend für sie ist ein konsequent historisch-genetisches und tätigkeitsorientiertes Herangehen an die Analyse des Psychischen, das in seiner inneren Einheit von naturgeschichtlichen, gesellschaftlich-historischen und ontogenetischen Prozessen betrachtet wird. ||283|

Nach ersten, kleineren Arbeiten zur experimentellen Erforschung affektiver Reaktionen wandte sich Leontjew ab 1924 der Erforschung von Problemen der ontogenetischen Entwicklung bei Kindern zu. Gleichzeitig und in Verbindung damit begann er gemeinsam mit Wygotski und Lurija an der grundlegenden Umgestaltung der Psychologie auf der Basis der marxistischen Philosophie mitzuarbeiten.

1931 erschien seine erste größere Monographie: "Die Entwicklung des Gedächtnisses". Zum Unterschied von Vertretern der klassischen bürgerlichen Psychologie, die das Gedächtnis an sich beziehungsweise im wesentlichen als gegebene Funktion des menschlichen Organismus betrachteten, deckte Leontjew die Entwicklung des Gedächtnisses vermittels gegenständlicher Tätigkeit sowohl in ihrem gesellschaftlich-historischen als auch im ontogenetischen Werdegang auf. Mit bemerkenswerter Klarheit konnte er darlegen, daß höhere Gedächtnisformen Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung sind, "vermittelt" und an geeignet durch Werkzeuggebrauch und andere Objekte mit äußerer und innerer instrumentaler Funktion.

Vom Jahre 1932 an begann ein neuer Abschnitt in der wissenschaftlichen Arbeit Leontjews. Als Leiter einer Gruppe von Psychologen (Asnin, Boshowitsch, Galperin, Saporoshez, P. I. Sintschenko, Konzewaja, Lukow, Mistjuk, Chomenko u. a.) orientierte er von Charkow aus die Untersuchungen auf die Entwicklung der praktischen geistigen Tätigkeit des Kindes. Seine Arbeit ermöglichte es, die Lehre von der Rolle der dominierenden Tätigkeit in der Entwicklung des Psychischen zu vertiefen, die in der Phylogenese in Abhängigkeit von der Lebensweise und in der Ontogenese in Abhängigkeit von der Aufgabe und der Struktur der Tätigkeit zu sehen ist.

Wesentliche Zusammenhänge zwischen Tätigkeitsstruktur und den Formen der psychischen Widerspiegelung wurden herausgearbeitet. Eine Reihe dabei entstandener neuer theoretischer Fragen veranlaßte Leontjew, auch psychophysiologische und tierpsychologische Untersuchungen einzuleiten.

Eine andere Untersuchung aus dieser Zeit zur Wahrnehmung von Illustrationen durch Kinder diente vor allem praktischen Zwecken in der Polygrafie. ||284|

Studien zur Motivation der Tätigkeit führten "Zur scharfen Differenzierung von objektiver Bedeutung der Objekte im System der Dinge und persönlichem Sinn dieser Objekte für das Subjekt in der Tätigkeit. 1947 wurden diese Arbeiten in dem Artikel "Psychologische Fragen der Bewußtheit des Lernens" zusammengefaßt und später - so im vorliegenden Buch - weiter ausgeführt.

1935 nahm der Verfasser seine Forschungstätigkeit in Moskau - vor allem zur Genese der Sensibilität - wieder auf und beschäftigte sich mit allgemein-theoretischen Fragen der psychischen Entwicklung. 1940 verteidigte er seine Doktordissertation (die bedeutend später, und zwar 1947 teilweise in dem Buch "Abriß der Entwicklung des Psychischen" veröffentlicht wurde).

In den schweren Kriegsjahren widmete sich Leontjew mit großer Energie dem aktuellen Problem der Regeneration motorischer Funktionen, die durch Schußverletzungen außer Kraft gesetzt beziehungsweise schwer gestört waren. Er baute ein Rehabilitationssanatorium auf, dessen Leiter er wurde. Gemeinsam mit A. W. Saporoshez verfaßte er das Buch "Die Wiederherstellung der Körperbeweglichkeit nach Verwundungen" (Moskau 1945). In den Nachkriegsjahren wurden die in Charkow begonnenen Studien zur Motivation wieder aufgenommen und durch eine Reihe von experimentellen Untersuchungen (unter Mitarbeit von Slawina u. a.) untermauert.

1959 erschien das verallgemeinernde Buch Leontjews "Probleme der Entwicklung des Psychischen", das 1963 mit dem Leninpreis ausgezeichnet wurde. Dieses Buch gehört zu den grundlegenden Werken der marxistischen Psychologie. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und liegt in deutscher Sprache in zahlreichen Auflagen vor.[1]

Leontjew leitete zunächst das Institut der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der RSFSR, arbeitete jedoch auch ||285| am Lehrstuhl für Psychologie der Philosophischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität, dem er später (ab 1956) vorstand. Mit den zunehmenden Aufgaben und Leistungen der Psychologie wurde dieser Lehrstuhl später zu einer großen Abteilung Psychologie ausgebaut und im Jahre 1966 schließlich in die Fakultät für Psychologie umgewandelt. Als Dekan dieser Fakultät an der Lomonossow-Universität leistete Leontjew eine umfangreiche Arbeit für den Ausbau der Lehrstühle sowie für die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses und für die Ausbildung der Studenten. Groß waren seine Initiative und Unterstützung bei der Bildung und dem Aufbau eigenständiger Fakultäten für Psychologie auch in Leningrad, Kiew und Tbilissi.

Von 1956 bis 1963 wurden unter seiner unmittelbaren Leitung wichtige Forschungen zur Herausbildung des Tonhöhengehörs auf der Grundlage adäquater Handlungen - der aktiven Wiedergabe eines Tons nach vorgegebener Tonhöhe - durchgeführt. Die Experimente wurden mit speziell ausgewählten Probanden (mit sogenanntem schlechten musikalischen Gehör) durchgeführt. Die Schulung des Gehörs wurde bei diesen Probanden bis zu dem Niveau geführt, das sich praktisch nur wenig vom absoluten Gehör unterscheidet.

Die nationale und internationale Anerkennung des bedeutenden Werkes von Leontjew fand in zahlreichen wissenschaftlichen Ehrungen sowie in staatlichen Auszeichnungen durch die Regierung der UdSSR ihren Ausdruck: - Verleihung des Staats- und des Lomonossowpreises, der Uschinski-Medaille, der Krupskaja-Medaille, der Ranschburgmedaille und des bereits erwähnten Leninpreises.

Leontjew war Ehrenmitglied vieler ausländischer Akademien, und seine Arbeiten fanden in zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften Verbreitung.

Er war Präsidiumsmitglied des Verbandes der sowjetischen Freundschaftsgesellschaften mit dem Ausland.

Viele Jahre arbeitete Alexej Nikolajewitsch Leontjew als gewähltes Mitglied des Exekutivrates sowie des Präsidiums der Internationalen Assoziation für wissenschaftliche Psychologie. Im Jahre 1966 hielt er als Präsident des XVIII. Internationalen ||286| Kongresses für Psychologie in Moskau das Eröffnungsreferat, indem er die stürmische Entwicklung der Psychologie in unserem Jahrhundert kennzeichnete und zugleich die vor der Psychologie stehenden Aufgaben umriß: "Diese unbestreitbaren Fortschritte sollten jedoch nicht verdecken, daß die Psychologie bis auf den heutigen Tag vor ernstlichcn Schwierigkeiten steht. Diese Schwierigkeiten betreffen die theoretische Interpretation der gesammelten Fakten, den Aufbau eines Systems der psychologischen Wissenschaft."[2]

Leontjew verglich die Situation des Psychologen mit der eines Baumeisters, der "hochwertiges Material im Überfluß und sogar fertige Ensembles vor sich hat, aber keinen Generalplan für das äußerst komplizierte architektonische Ganze, das er zu errichten hat."[3]

Diesem Anliegen, Grundlagen für ein die gesamte Persönlichkeitspsychologie umfassendes, einheitliches und in sich widerspruchsfreies Theoriegebäude schaffen zu helfen, dient auch das vorliegende, erstmals 1975 in Moskau erschienene Buch "Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit", in dem Leontjew das Fazit seiner langjährigen theoretischen und empirischen Arbeiten zu grundlegenden Fragen des Psychischen und der psychischen Entwicklung der Persönlichkeit zog. Zugleich gab er einen Ausblick auf die mit dieser Konzeption verbundenen Perspektiven und Möglichkeiten psychologischer Erkenntnis und forderte zu einer weiterführenden produktiven Diskussion heraus.

W. F. ||287|


[1] A. N. Leontjew: Probleme der Entwicklung des Psychischen. Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1964, 1967, 1971, 1973 und 1975.
A. N. Leontjew: Probleme der Entwicklung des Psychischen. Mit einer Einführung von Klaus Holzkamp und Volker Schurig. Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1973, 1977.

[2] A. N. Leontjew: Discours d'apsinauguration au XVIIIe Congrès international de psychologie. In: Bulletin de psychologie. Moscou, December 1966, S. 236.

[3] Ebenda.


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