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A. N. Leontjew (1982):

Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit

Erschienen in: Studien zur Kritischen Psychologie, Köln 1982

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Einführende Vorbemerkung von Klaus Holzkamp

Die hier vorliegende Arbeit "Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit" ist die zweite Veröffentlichung eines großen Leontjewschen Werkes in der Bundesrepublik nach der Publikation der "Probleme der Entwicklung des Psychischen" (Fischer Athenäum Taschenbuch, Frankfurt/M. I973, 2. Aufl. 1977). Das neue Buch basiert auf dem gleichen Grundansatz einer marxistisch fundierten Psychologie wie das frühere. Während jedoch die ältere Arbeit eine Sammlung von Aufsätzen aus verschienen Zeiten ist und der Zusammenhang sich dort mehr sekundär aus der inneren Einheitlichkeit von Leontjews wissenschaftlicher Entwicklung ergibt, wurde das jetzt vorgelegte Werk von vornherein einheitlich konzipiert und stellt eine geschlosse und systematische Entfaltung der Leontjewschen Grundkonzeption auf hohem Verallgemeinerungsniveau dar.

Aufgrund der damit erreichten größeren Stringenz des Ableitungszusammenhanges ||5| wird in dem vorliegenden Buch noch deutlicher als in der früheren Arbeit, daß die marxistische Fundierung von Leontjews psychologischer Konzeption nicht - wie von bürgerlicher Seite immer wieder unterstellt - lediglich ein äußerliches Lippenbekenntnis und ideologisches Beiwerk ist, das ohne Veränderung der Substanz auch weggelassen werden kann, sondern den theoretischen und methodischen Kern ausmacht, aus dem heraus die Eigenart und Bedeutung der Einzelausführungen allein verständlich werden. So legt Leontjew im ersten Kapitel die Gegründetheit seiner eigenen Kategorien in Marxschen Auffassungen so explizit und detailliert dar, daß die hohe Relevanz der Marxschen Erkenntnisse über den gesellschaftlich-historischen Selbsterzeugungsprozeß des Menschen durch Arbeit für eine individualwissenschaftlich-psychologische Spezifizierung der Untersuchung menschlicher Lebenstätigkeit eigentlich jedem offenbar werden müßte. Im zweiten Kapitel wird von Leontjew diese Explikation der Grundlagen des eigenen Denkens und Forschens durch Einbeziehung der marxistisch-leninistischen Kategorie der Widerspiegelung als dialektisch-materialistischem Grundkonzept fortgesetzt. Dabei wird - indem Leontjew den aktiven Charakter der psychischen Widerspiegelung und die historische Entfaltung der Widerspiegelungsbeziehung in verschiedenen qualitativen Ebenen souverän darlegt - die Haltlosigkeit der bürgerlichen und revisionistischen "Kritik" an der marxistisch-leninistischen Widerspiegelungstheorie mit ihrem Vorwurf des Mechanizismus usw. von selbst deutlich. Gleichzeitig tritt in Leontjews Ausführungen hier der Folgenreichtum der Widerspiegelungskategorie für die einzelwissenschaftlich-psychologische Forschung zutage, indem etwa die Konsequenzen der Auffassung der Wahrnehmung als aktiven Widerspiegelungsprozesses anhand experimenteller Resultate detailliert und stringent ausgewiesen werden.

Durch die stärkere Herausarbeitung der marxistisch-leninistischen Grundlagen von Leontjews psychologischer Konzeption hebt sich auch die Stoßrichtung und Grundsätzlichkeit der in Leontjews Auffassungen ausgedrückten Kritik an der bürgerlichen Psychologie schärfer heraus, wobei niemand mehr übersehen kann, daß sich diese Kritik nicht gegen diese oder jene ||6| Spielart der bürgerlichen Psychologie, sondern gegen ihr Fundament als bürgerliche Wissenschaft überhaupt richtet. Da Kernstück dieser Kritik ist die Zurückweisung des "Unmittelbarkeits-Postulats" der bürgerlichen Psychologie, das heißt ihre Auffassung von der "Zweigliedrigkeit" der Beziehung de Menschen zur Welt als Hervorbringung von Reaktionen de Individuen auf Grund unmittelbarer Einwirkungen aus de Umwelt, auf der Basis von Leontjews Konzept der "Dreigliedrigkeit", das heißt Vermitteltheit der Außenwelteinwirkungen auf das Subjekt durch die gegenständliche Tätigkeit als aktiv, Widerspiegelung der Realität gemäß den Notwendigkeiten der menschlichen Praxis. Leontjew weist nach, daß das Unmittelbarkeits-Postulat für alle Spielarten der bürgerlichen Psychologie charakteristisch ist (wenn auch in der S-R-Psychologie am leichtesten identifizierbar). Aus der im Tätigkeits-Konzept angelegten historischen Herangehensweise an das Psychische ergibt sich für Leontjew die Möglichkeit, sowohl die neue Qualität der menschlichen Lebenstätigkeit wie deren inneren Zusammenhang mit früheren Stufen herauszuarbeiten. Dies ist die Basis für eine scharfe Kritik am Reduktionismus der bürgerlichen Psychologie, besonders als biologistische Einebnung der menschlichen, also gesellschaftlichen Spezifik der Lebenstätigkeit auf das organismische Niveau hin (aber ebenso auch als "soziologistische" Reduktion), womit eine solche Psychologie die zentralen Probleme der gesellschaftlichen Existenz von Individuen von vornherein verfehlen muß. Der umfassendste Gesichtspunkt für Leontjews Kritik an der bürgerlichen Psychologie ergibt sich aus der integrativen Kraft und dem einheitlichen methodischen Ableitungszusammenhang des psychologischen Erkenntnisgewinns auf marxistisch-leninistischer Grundlage, weil von dieser entwickelteren Position aus der Eklektizismus und die methodische Beliebigkeit der bürgerlich Psychologie offenbar werden. - In einer derartigen auf theoretischen und methodologischen Weiterentwicklungen gegründete Kritik werden gleichzeitig die positiven Erkenntnisse der traditionellen Psychologie "aufgehoben", das heißt bewahrt und transformiert, wobei Leontjew seine Ausführungen immer mehr auf die Erfassung der Subjektivität und der Lebensprobleme ||7| einmaliger menschlicher Persönlichkeiten im Zusammenhang des gesellschaftlichen Lebens hin konkretisiert und dabei zu Einsichten kommt, die in ihrer wissenschaftlichen Fundiertheit und gerade daraus sich ergebenden tiefen Menschlichkeit die "wissenschaftlich" verbrämten Flachheiten der "humanistischen" Strömungen bürgerlicher Psychologie schonungslos offenbar werden lassen.

Das erste Buch Leontjews hatte entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung einer marxistisch fundierten kritischen Psychologie als Teil der demokratischen Bewegung in der BRD und in Westberlin. Sein neues Werk mit den dabei herausgearbeiteten grundsätzlichen Positionen wird einerseits die Grundlage für eine kritische Überprüfung der bisherigen Konzeptionen der Kritischen Psychologie sein und wird andererseits neue Perspektiven für eine fundierte wissenschaftliche Weiterarbeit, damit aber auch stärkere politische Stoßkraft fortschrittlicher Psychologie im Interesse der werktätigen Bevölkerung dieses Landes eröffnen.[1] ||8|


[1] Die politische Bedeutung des vorliegenden Leontjewschen Werkes für die demokratische Bewegung in diesem Land läßt sich ex negativo daraus ablesen, daß in einem Vorabdruck durch den Klett-Verlag unter der Herausgeberschaft von Thomas Kussmann mehr als ein Drittel des Buches von Leontjew weggelassen wurde, und zwar charakteristischerweise vor allem die ersten beiden Kapitel, wo die Fundiertheit der Leontjewschen Konzeptionen in Marxschen Auffassungen und der marxistisch-leninistischen Widerspiegelungstheorie expliziert wurden. Weiterhin finden sich hier auch im Text nicht kenntlich gemachte Weglassungen und Retuschen. und zwar meist an Stellen, wo Leontjew sich auf den Marxismus-Leninismus bezieht, die Bedeutung der marxistischen Psychologie im ideologischen Klassenkampf herausstellt oder ähnliches. Darüber hinaus wurde hier auch Leontjews als Anhang in sein Buch aufgenommener brillanter und praktisch-pädagogisch folgenreicher Artikel zum Problem der Bewußtheit des Lernprozesses, ohne dies kenntlich zu machen, weggelassen. Außerdem hatte der Klett-Verlag große Teile aus Vorpublikationen von DDR-Zeitschriften übernommen, ohne exakten Übersetzernachweis. All dies mag ein weiteres Licht auf diese Art der Leontjew-"Herausgabe" werfen.


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