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A. N. Leontjew (1982):

Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit

Erschienen in: Studien zur Kritischen Psychologie, Köln 1982

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3. Das Problem der Tätigkeit in der Psychologie

3.1 Zwei Konzeptionen in der Psychologie - Zwei Analyseschemata

Die Entwicklung der einzelnen Zweige der sowjetischen Psychologie und der angewandten Untersuchungen ging in den letzten Jahren sehr schnell voran. Den theoretischen Problemen der allgemeinen Psychologie wurde in dieser Zeit weitaus weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Die sowjetische Psychologie, die sich auf der philosophischen Grundlage des Marxismus-Leninismus entwickelt, hat dessenungeachtet ein prinzipiell neues Herangehen an das Psychische herausgebildet und in die Psychologie erstmalig eine Reihe sehr wichtiger Kategorien eingeführt, die der weiteren Ausarbeitung bedürfen.

Unter diesen nimmt die Kategorie Tätigkeit den wichtigsten Platz ein. Wir erinnern an die bekannten Thesen von Marx über Feuerbach, in denen er als Hauptmangel alles bisherigen metaphysischen Materialismus bezeichnet, daß er die Sinnlichkeit ||75| nur in der Form der Anschauung faßte und nicht als menschliche Tätigkeit, als Praxis, daß die tätige Seite im Gegensatz zum Materialismus vom Idealismus entwickelt wurde, der sie jedoch nur abstrakt verstand, nicht als wirkliche, sinnliche Tätigkeit des Menschen.[48]

Ebenso war es mit der gesamten vormarxistischen Psychologie, und nicht anders ist dies nach wie vor mit der gegenwärtigen Psychologie, sofern sie sich außerhalb des Marxismus entwickelt. Von ihr wird die Tätigkeit entweder im Rahmen idealistischer Konzeptionen interpretiert oder in naturwissenschaftlichen und ihrer allgemeinen Tendenz nach materialistischen Richtungen als Reaktion auf die äußeren Einwirkungen des passiven Subjekts verstanden, einer Reaktion, die auf der angeborenen Organisation und dem Lernvermögen des Subjekts fußt. Aber gerade dies spaltet die Psychologie in eine naturwissenschaftliche Psychologie und in eine Psychologie als Wissenschaft von der Seele, in eine behavioristische und eine "mentalistische" Psychologie. Die in diesem Zusammenhang in der Psychologie entstandenen Krisenerscheinungen dauern auch heute noch an. Sie sind lediglich "in den Untergrund gegangen" und treten weniger deutlich offen zutage.

Die für unsere Tage charakteristische intensive Entwicklung interdisziplinärer Untersuchungen, die die Psychologie mit der Neurophysiologie, Kybernetik, Logik, Mathematik, Soziologie und Kulturgeschichte verbindet, kann von sich aus nicht zur Lösung grundlegender methodologischer Probleme der psychologischen Wissenschaft führen. Sie läßt diese ungelöst und verstärkt damit nur die Tendenz zu einem gefährlichen physiologischen, kybernetischen, logischen und soziologischen Reduktionismus, der die Psychologie mit dem Verlust ihres Gegenstands, ihrer Spezifik bedroht. Für einen theoretischen Fortschritt ist auch der Umstand kein Beweis, daß die verschiedenen psychologischen Richtungen gegenwärtig weniger heftig aufeinanderprallen: Der streitbare Behaviorismus hat einem kompromißbereiten Neobehaviorismus (oder, wie einige Autoren sagen, einem "subjektiven Behaviorismus") Platz gemacht, ||76| die Gestaltpsychologie einer Neogestaltpsychologie, der Freudismus einem Neofreudismus und einer Kulturanthropologie. Wenngleich der Terminus "eklektisch" bei den amerikanischen Autoren geradezu den Wert des höchsten Lobes erlangt hat, haben eklektische Positionen noch niemals zu einem Erfolg geführt. Aus verschiedenartigen Komplexen, aus unterschiedlich gewonnenen psychologischen Fakten und Verallgemeinerungen kann natürlich eine wissenschaftliche Synthese nicht durch einfache Vereinigung mit Hilfe eines allgemeinen Einbandes erreicht werden. Dazu ist die weitere Ausarbeitung der konzeptionellen Struktur der Psychologie und die Suche nach neuen wissenschaftlichen Theorien erforderlich, die in der Lage sind, das ins Wanken geratene Gebäude der psychologischen Wissenschaft zusammenzufügen.

Bei aller Vielfalt der erwähnten Richtungen ist ihnen in methodologischer Hinsicht folgendes zweigliedrige Analyseschema gemein: Einwirkung auf die rezipierenden Systeme des Subjekts entstehende Antworterscheinungen, objektive und subjektive, die durch die jeweilige Einwirkung hervorgerufen werden.

Dieses Schema trat bereits in der Psychophysik und der physiologischen Psychologie des vergangenen Jahrhunderts mit klassischer Deutlichkeit in Erscheinung. Die damalige Hauptaufgabe bestand darin, die Abhängigkeit der Bewußtseinselemente von den Parametern der sie hervorrufenden Reize zu untersuchen. Später, im Behaviorismus, das heißt bei der Anwendung auf die Untersuchung des Verhaltens, fand dieses zweigliedrige Schema in der bekannten Formel S -> R seinen direkten Ausdruck.

Das Unbefriedigende an diesem Schema besteht darin, daß es den inhaltlichen Prozeß, in dem die realen Zusammenhänge zwischen dem Subjekt und der gegenständlichen Welt realisiert werden, das heißt die gegenständliche Tätigkeit des Subjekts (Tätigkeit zum Unterschied von Aktivität) aus dem Gesichtskreis der Untersuchung ausschließt. Ein solches Abstrahieren von der Tätigkeit des Subjekts ist nur in den engen Grenzen des Laborexperiments berechtigt, mit dem elementare psychophysiologische Mechanismen geklärt werden sollen. Über diese ||77| engen Grenzen hinaus wird es sofort unhaltbar. Das veranlaßte früher auch die Wissenschaftler dazu, bei der Erklärung psychologischer Fakten besondere Kräfte wie die der aktiven Apperzeption, der inneren Intention u. a. m. anzunehmen, das heißt, sie appellierten zwar an die Tätigkeit des Subjekts, jedoch nur an ihre idealistisch mystifizierte Form.

Die in der Psychologie durch das zweigliedrige Analyseschema und durch das sich dahinter verbergende "Postulat der Unmittelbarkeit"[49] geschaffenen prinzipiellen Schwierigkeiten führten ständig zu Versuchen nach seiner Überwindung. Eine der Linien, auf der diese Versuche erfolgten, fand in der Hervorhebung der Tatsachen ihren Ausdruck, daß die Effekte der äußeren Einwirkungen von deren Brechung durch das Subjekt, von jenen psychologischen "Zwischenvariablen" abhängen (Tolman und andere), die ihren inneren Zustand charakterisieren. Seinerzeit bezeichnete Rubinstein dies mit der Formel "Die äußeren Ursachen wirken durch die Vermittlung der inneren Bedingungen"[50]. Natürlich ist diese Aussage nicht zu bestreiten. Wenn man jedoch unter den inneren Bedingungen die momentanen Zustände des Subjekts versteht, das der Einwirkung ausgesetzt ist, bringt sie zu dem Schema S -> R nichts prinzipiell Neues. Denn sogar die unbelebten Objekte zeigen bei einer Veränderung ihrer Zustände auf unterschiedliche Weise eine Wechselwirkung mit anderen Objekten. Auf feuchtem, aufgeweichtem Boden drücken sich Spuren deutlich ab, auf trockenem, festem Boden nicht. Um so deutlicher tritt dies bei Tieren und beim Menschen zutage: Ein hungriges Tier wird auf einen Nahrungsreiz anders reagieren als ein sattes Tier, und bei einem Menschen, der sich für Fußball interessiert, wird die Mitteilung über ein Spielergebnis eine ganz andere Reaktion hervorrufen als bei einem Menschen, der dem Fußballspiel völlig gleichgültig gegenübersteht.

Die Einführung des Begriffs der Zwischenvariablen bereichert ohne Zweifel die Verhaltensanalyse, sie beseitigt jedoch keineswegs das erwähnte Postulat der Unmittelbarkeit. Die Variablen, ||78| um die es hier geht, sind zwar Zwischenvariablen, jedoch nur im Sinne der inneren Zustände des Subjekts selbst. Dies bezieht sich auch auf die "motivierenden Faktoren" - die Bedürfnisse und Triebe. Die Untersuchung dieser Faktoren erfolgte bekanntlich in außerordentlich unterschiedlichen Richtungen der Psychologie - sowohl in der Richtung des Behaviorismus als auch in der Richtung der Schule von Lewin und besonders in der der Tiefenpsychologie.

Bei allen Unterschieden zwischen diesen Richtungen und bei aller Verschiedenheit in der Interpretation der Motivation sowie ihrer Rolle blieb die Hauptsache jedoch unverändert: die Gegenüberstellung von Motivation und objektiven Bedingungen der Tätigkeit, von Motivation und Außenwelt.

Insbesondere muß man die von der sogenannten Kulturologie unternommenen Versuche zur Lösung des Problems hervorheben. Der anerkannte Begründer dieser Richtung, White[51], entwickelte den Gedanken der "kulturellen Determination" von Erscheinungen in der Gesellschaft und im Verhalten der Individuen. Die Entstehung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft würde dazu führen, daß die zuvor direkten natürlichen Beziehungen zwischen Organismus und Umwelt durch die Kultur vermittelt werden, die sich auf der Basis der materiellen Produktion entwickelt.[52] Dabei tritt die Kultur für die Individuen in Form von Bedeutungen auf, die durch Sprachsymbole weitergegeben werden. Hiervon ausgehend, schlägt White eine dreigliedrige Formel des menschlichen Verhaltens vor: Organismus des Menschen x kulturelle Stimuli -> Verhalten.

Die Formel schafft die Illusion der Überwindung des Postulats der Unmittelbarkeit und des daraus abgeleiteten Schemas ||79| S --> R. Durch die Einführung der in Form von Zeichensystemen bestehenden und übertragenden Kultur als vermittelndes Glied in dieses Schema wird die psychologische Forschung jedoch unausweichlich auf einen Kreis von Bewußtseinserscheinungen - gesellschaftlichen und individuellen - eingeengt. Es ergibt sich eine einfache Substitution: Den Platz der Welt der Gegenstände nimmt nun die Welt der von der Gesellschaft erarbeiteten Zeichen und Bedeutungen ein. Somit stehen wir erneut vor dem zweigliedrigen Schema S --> R, nur daß der Stimulus hierbei als "kultureller Stimulus" interpretiert wird. Dies kommt auch in der weiteren Formel Whites zum Ausdruck, mit der er den Unterschied in der Determination der psychischen Reaktionen (minding) der Tiere und des Menschen erklärt. Seine Formel lautet:

Vm = f (Vb) - bei Tieren,
Vm = f (Vc) - beim Menschen,

wobei v - die Variablen, m - das Psychische, b - der körperliche Zustand (body) und c - die Kultur sind.

Im Unterschied zu den von Durkheim ausgehenden soziologischen Konzeptionen in der Psychologie, welche auf die eine oder andere Weise die Idee des Primärcharakters der Wechselwirkung zwischen dem Menschen und der gegenständlichen

Welt aufrechterhalten, kennt die moderne amerikanische Kulturologie nur die Einwirkung von "außersomatischen Objekten" auf den Menschen, welche ein Kontinuum bilden und die sich nach eigenen "suprapsychologischen" und "suprasoziologischen" Gesetzen entwickelt (was auch eine besondere Wissenschaft die Kulturologie - notwendig macht). Von diesem kulturologischen Aspekt aus sind die menschlichen Individuen nur "katalytische Agenzien" und "Ausdrucksmilieu" des kulturellen Prozesses[53]. Nicht mehr.

Eine ganz andere Linie, welche die aus dem Postulat der Unmittelbarkeit folgende Analyse noch komplizierter macht, ergab sich aus der Entdeckung der Verhaltensregulierung durch Rückkopplung, ||80| eine Entdeckung, die bereits von Lange deutlich formuliert worden war.[54]

Bereits die ersten Untersuchungen zum Aufbau der komplizierten motorischen Prozesse des Menschen, unter denen man besonders die Arbeiten von Bernstein[55] zur Rolle des Reflexringes mit Rückkopplungen nennen muß, gaben die Möglichkeit, den Mechanismus eines weiten Kreises von Erscheinungen auf neue Weise zu verstehen.

Seit den ersten Arbeiten, welche bereits in den dreißiger Jahren verfaßt wurden, haben die Kybernetik und die Informationstheorie allgemeinwissenschaftliche Bedeutung erlangt. Sie erfassen die Prozesse sowohl in lebenden als auch in unbelebten Systemen.

Es ist interessant, daß die in diesen Jahren erarbeiteten Begriffe der Kybernetik später von der Mehrzahl der Psychologen als völlig neue Begriffe aufgenommen wurden. Es erfolgte gleichsam ihre zweite Geburt in der Psychologie - ein Umstand, der einige Enthusiasten der kybernetischen Betrachtungsweise annehmen ließ, es seien endlich die neuen methodologischen Grundlagen einer allumfassenden psychologischen Theorie gefunden. Sehr bald zeigte sich jedoch, daß die kybernetische Konzeption in der Psychologie ebenfalls ihre Grenzen hat, die man nur überschreiten kann, wenn man die wissenschaftliche Kybernetik durch eine "kybernetische Mythologie" ersetzt. Die wirklich psychologischen Sachverhalte, wie psychisches Abbild, Bewußtsein, Motivation und Zielsetzung, gingen faktisch verloren. In diesem Sinne blieb man sogar hinter den frühen Arbeiten zurück, die das Aktivitätsprinzip und die Vorstellung von Regulationsebenen entwickelt hatten. Insbesondere waren höhere Bewußtseinsebenen von der Ebene der gegenständlichen Handlungen unterschieden worden.

Die Begriffe der modernen theoretischen Kybernetik bilden eine wichtige Abstraktionsebene, auf der Besonderheiten der ||81| Struktur und Bewegung einer großen Klasse von Prozessen beschreibbar wurden, die mit Hilfe des herkömmlichen Begriffsapparats nicht erfaßt werden konnten. Dennoch sind Untersuchungen auf dieser neuen Abstraktionsebene trotz ihrer unbestrittenen Produktivität nicht in der Lage, grundlegende methodologische Probleme des einen oder anderen speziellen Wissensbereichs zu lösen. Daher ist nichts Paradoxes darin zu sehen, daß in der Psychologie die Einführung von Begriffen wie Steuerung, Informationsprozeß und selbstregulierendes System noch nicht das erwähnte Postulat der Unmittelbarkeit überwinden.

Hieraus folgt, daß sich augenscheinlich die methodologischen Schwierigkeiten der Psychologie nicht dadurch beseitigen lassen, indem das aus dem Postulat folgende Ausgangsschema "von innen heraus" kompliziert wird. Um sie zu beseitigen, muß man das zweigliedrige Analysenschema prinzipiell durch ein anderes Schema ersetzen und das Postulat der Unmittelbarkeit aufgeben.

Die weitere Darlegung soll die Hauptthese begründen, daß ein realer Weg zur Überwindung dies es "verhängnisvollen" Postulats der Psychologie, wie Usnadse es nennt, darin besteht, die Kategorie gegenständliche Tätigkeit in die Psychologie einzuführen.

Diese These muß man sogleich bei ihrer Formulierung präzisieren: Es geht hierbei um Tätigkeit und nicht um Verhalten oder solche nervalen physiologischen Prozesse, die die Tätigkeit realisieren. Die durch die Analyse herausgegliederten "Einheiten" und die Sprache, mit deren Hilfe Verhaltensprozesse, zerebrale oder logische Prozesse einerseits und die gegenständliche Tätigkeit andererseits, beschrieben werden, fallen nicht zusammen.

So entstand in der Psychologie die Alternative, entweder am zweigliedrigen Grundschema Einwirkung des Objekts --> Veränderung der fließenden Zustände des Subjekts (oder, was prinzipiell das gleiche ist, als Schema S --> R) festzuhalten oder von einem dreigliedrigen Schema auszugehen, das als Mittelglied ("als Zentralbegriff ") die Tätigkeit des Subjekts und entsprechend deren Bedingungen, Ziele und Mittel umfaßt, ||82| ein Glied, das die Zusammenhänge zwischen ihnen vermittelt.

Unter dem Aspekt der Determination des Psychischen kann diese Alternative folgendermaßen formuliert werden: Entweder vertreten wir den Standpunkt, das Bewußtsein wird unmittelbar durch die Dinge und Erscheinungen der Umwelt bestimmt, oder wir gehen davon aus, daß das Bewußtsein durch das gesellschaftliche Sein der Menschen bestimmt wird, das nach Marx nichts anderes ist als ihr wirklicher Lebensprozeß.[56]

Aber was ist das menschliche Leben? Es ist eine Gesamtheit, genauer gesagt, ein System einander ablösender Tätigkeiten. In der Tätigkeit erfolgt auch der Übergang des Objekts in seine subjektive Form, in das Abbild; gleichzeitig erfolgt in der Tätigkeit auch der Übergang der Tätigkeit in ihre objektiven Resultate, in ihre Produkte. Nimmt man die Tätigkeit von dieser Seite, fungiert sie als ein Prozeß, in dem die wechselseitigen Übergänge zwischen den Polen "Subjekt - Objekt" verwirklicht werden. "In der Produktion objektiviert sich die Person, in der Konsumtion subjektiviert sich die Sache"[57], schreibt Marx.

3.2. Zur Kategorie gegenständliche Tätigkeit

Die Tätigkeit ist eine ganzheitliche, nicht aber eine additive Lebenseinheit des körperlichen, materiellen Subjekts. Im engeren Sinne, das heißt auf psychologischer Ebene, ist sie eine durch psychische Widerspiegelung vermittelte Lebenseinheit, deren reale Funktion darin besteht, das Subjekt in der gegenständlichen Welt zu orientieren. Mit anderen Worten, die Tätigkeit stellt keine Reaktion und keine Gesamtheit von Reaktionen dar, sondern ein System mit eigener Struktur, mit eigenen inneren Übergängen und Umwandlungen sowie mit eigener Entwicklung. ||83|

Die Einführung der Kategorie Tätigkeit in die Psychologie verändert die gesamte Begriffsstruktur des psychologischen Wissens. Dazu muß diese Kategorie jedoch umfassend, mit ihren wichtigsten Abhängigkeiten und Determinationen, in ihrer Struktur und ihrer spezifischen Dynamik und in ihren verschiedenen Arten und Formen betrachtet werden. Mit anderen Worten, es geht um die Beantwortung der Frage nach der Funktion der Kategorie Tätigkeit in der Psychologie. Diese Frage wirft eine Reihe noch bei weitem nicht gelöster theoretischer Probleme auf, von denen ich selbstverständlich nur einige behandeln kann.

Die Psychologie des Menschen befaßt sich mit der Tätigkeit konkreter Individuen, die entweder unter den Bedingungen offener Kollektivität verläuft, inmitten von Menschen, zusammen und in Wechselwirkung mit ihnen, oder in Konfrontation mit der gegenständlichen Umwelt, an der Töpferscheibe oder am Schreibtisch. Unter welchen Bedingungen und in welchen Formen sich die Tätigkeit des Menschen jedoch auch immer vollzogen hat, welche Struktur sie auch immer annimmt, man kann sie niemals isoliert von den gesellschaftlichen Beziehungen, vom Leben der Gesellschaft betrachten. Bei all ihrer Vielfalt stellt die Tätigkeit; des menschlichen Individuums ein System dar, das in das System der gesellschaftlichen Beziehungen eingeschlossen ist. Außerhalb dieser Beziehungen existiert keine menschliche Tätigkeit. Wie sie existiert, das bestimmen jene Formen und Mittel des materiellen und geistigen Verkehrs, die durch die Entwicklung der Produktion erzeugt werden und die sich nur in der Tätigkeit der konkreten Menschen realisieren können.[58]

Es versteht sich von selbst, daß dabei die Tätigkeit eines jeden einzelnen Menschen von seinem Platz in der Gesellschaft abhängt, von den allgemeinen Lebensbedingungen und den unwiederholbaren individuellen Umständen, unter denen sie gestaltet wird.

Es sei insbesondere davor gewarnt, die Tätigkeit des Menschen als Beziehung zwischen Mensch und ihm entgegenstehender ||84| Gesellschaft zu interpretieren. Angesichts der zur Zeit die Psychologie überschwemmenden positivistischen Konzeptionen, die auf jede Weise die Gegenüberstellung von menschlichem Individuum und Gesellschaft propagieren, erscheint dieser Hinweis besonders wichtig. Ihnen zufolge bilde die Gesellschaft für den Menschen angeblich nur jenes äußere Milieu, dem er sich anzupassen habe, um nicht "unadaptiert" zu sein und um zu überleben, ganz so wie ein Tier gezwungen ist, sich dem äußeren natürlichen Milieu anzupassen. Unter diesem Aspekt bilde sich die Tätigkeit des Menschen durch deren Bekräftigung heraus, wenngleich nicht immer direkt, sondern zum Beispiel über die in der Bezugsgruppe ("reference group") zum Ausdruck kommende Wertung. Dabei wird die Hauptsache außer acht gelassen, daß nämlich der Mensch in der Gesellschaft nicht einfach äußere Bedingungen findet, denen er seine Tätigkeit anpassen muß, sondern daß diese gesellschaftlichen Bedingungen selbst die Motive und Zwecke seiner Tätigkeit, deren Mittel und Verfahren in sich tragen; mit einem Wort, daß die Gesellschaft die Tätigkeit der sie bildenden Individuen produziert. Natürlich bedeutet dies keineswegs, daß ihre Tätigkeit nur die Beziehungen der Gesellschaft und deren Kultur personifiziert. Es bestehen komplizierte verbindende Transformationen und Übergänge, so daß sich eine direkte Reduktion des einen auf das andere verbietet. Für eine Psychologie, die sich auf den Begriff "Sozialisierung" des Psychischen des Individuums ohne dessen weitere Analyse beschränkt, bleiben diese Transformationen ein echtes Geheimnis. Dieses psychologische Geheimnis wird nur aufgedeckt, wenn die Erzeugung der menschlichen Tätigkeit und ihre innere Struktur untersucht werden.

Das grundlegende, oder wie man mitunter sagt, das konstituierende Merkmal der Tätigkeit ist ihre Gegenständlichkeit. Eigentlich ist im Begriff Tätigkeit implizit der Begriff ihres Gegenstandes enthalten. Der Ausdruck "gegenstandslose Tätigkeit" ist ohne jeden Sinn. Eine Tätigkeit kann gegenstandslos erscheinen, die wissenschaftliche Untersuchung der Tätigkeit erfordert jedoch unabdingbar die Aufdeckung ihres Gegenstands. Dabei tritt der Gegenstand der Tätigkeit auf zweierlei Weise in Erscheinung: primär in seiner unabhängigen Existenz, ||85| indem er sich die Tätigkeit des Subjekts unterordnet und umgestaltet, sekundär als Abbild des Gegenstands, als Produkt der psychischen Widerspiegelung seiner Eigenschaften, die nur durch die Tätigkeit des Subjekts erfolgt und auf andere Weise nicht verwirklicht werden kann.

Bereits direkt in der Entstehung der Tätigkeit und der psychischen Widerspiegelung zeigt sich die gegenständliche Natur beider. So wurde nachgewiesen, daß sich das Leben der Organismen in einem homogenen, jedoch veränderlichen Milieu nur entwickeln kann, wenn das System von Elementarfunktionen, das ihre Existenz gewährleistet, komplizierter wird. Erst beim Übergang zu einem Leben in einem diskreten Milieu, das heißt zu einem Leben in der Welt der Gegenstände, werden die Prozesse, die den Einwirkungen mit direkter biotischer Bedeutung entsprechen, von Prozessen überbaut, welche durch Einwirkungen hervorgerufen werden, die an und für sich neutral, abiotisch sein können, die es aber auf die Einwirkungen der ersten Art orientieren. Die Herausbildung dieser Prozesse, die die fundamentalen Lebensfunktionen vermitteln, erfolgt dadurch, daß die biotischen Eigenschaften eines Gegenstands (zum Beispiel seine Nahrungseigenschaften) hinter seinen "Oberflächeneigenschaften" verborgen fungieren. Oberflächlich sind diese Eigenschaften in dem Sinne, daß man, bevor man an sich selbst die Effekte erfährt, die durch die biotische Einwirkung hervorgerufen werden, bildlich gesprochen, durch diese Eigenschaften hindurch muß (derart sind zum Beispiel die mechanischen Eigenschaften eines festen Körpers in bezug auf seine chemischen Eigenschaften).

Verständlicherweise bringe ich hier weder eine konkret-wissenschaftliche Begründung der angeführten Thesen noch behandle ich die Frage nach ihrem inneren Zusammenhang mit der Lehre Pawlows von der Signalfunktion der bedingten Reize und den Orientierungsreflexen; beides habe ich in anderen Arbeiten getan.[59]

Somit beginnt die Vorgeschichte der menschlichen Tätigkeit mit ||86| der Vergegenständlichung der Lebensprozesse. Dies bedeutet auch das Auftauchen elementarer Formen der psychischen Widerspiegelung - die Umwandlung der Reizbarkeit (irribilitas) in Empfindungsvermögen, Sensibilität (sensibilitas).

Die weitere Evolution des Verhaltens und des Psychischen der Tiere kann eben nur als die Entwicklungsgeschichte des gegenständlichen Inhalts der Tätigkeit verstanden werden. Von Etappe zu Etappe werden die effektorischen Prozesse der Tätigkeit den objektiven Zusammenhängen und Beziehungen der Eigenschaften der Gegenstände immer mehr untergeordnet, mit denen das Tier in Wechselwirkung tritt. Die gegenständliche Welt wird gleichsam immer mehr in die Tätigkeit "einbezogen". So ist die Sprungbewegung eines Tieres der objektiven Metrik der Umwelt untergeordnet und die Wahl des Umgehungsweges den Beziehungen zwischen den Gegenständen.

Die Entwicklung des gegenständlichen Inhalts der Tätigkeit findet ihren Ausdruck in der nachfolgenden Entwicklung der psychischen Widerspiegelung, welche die Tätigkeit in der gegenständlichen Umwelt reguliert.

Jede Tätigkeit hat eine Ringstruktur: Ausgangsafferenz --> effektorische Prozesse, die die Kontakte mit der gegenständlichen Umwelt realisieren --> Korrektur und Bereicherung des ursprünglichen Afferenzabbildes durch Rückkopplungen. Heute ist der Ringcharakter der Prozesse, die die Wechselwirkung des Organismus mit dem Milieu realisieren, allgemein anerkannt und recht gut beschrieben. Jedoch besteht die Hauptsache nicht in der Ringstruktur an sich, sondern darin, daß die psychische Widerspiegelung der gegenständlichen Welt nicht unmittelbar durch äußere Einwirkungen (einschließlich der "Rückwirkungen") hervorgerufen wird, sondern durch diejenigen Prozesse, in denen das Subjekt praktische Kontakte mit der gegenständlichen Welt aufnimmt, Prozesse, die daher notwendigerweise deren unabhängigen Eigenschaften, Zusammenhängen und Beziehungen unterworfen sind. Dies bedeutet, daß primär der Gegenstand selbst der "Afferentator" ist, der die Tätigkeitsprozesse steuert, während sein Abbild als das subjektive Produkt der Tätigkeit, welches ihren gegenständlichen Inhalt fixiert stabilisiert und in sich trägt, nur sekundär ist. Mit anderen ||87| Worten, es wird ein zweifacher Übergang realisiert: der Übergang Gegenstand --> Tätigkeitsprozeß; und der Übergang Tätigkeit --> ihr subjektives Produkt. Aber der Übergang des Prozesses in die Form des Produkts erfolgt nicht nur am Pol des Subjekts. Noch deutlicher erfolgt er am Pol des Objekts, das durch die menschliche Tätigkeit transformiert wird; in diesem Falle geht die psychisch gesteuerte Tätigkeit des Subjekts in eine "ruhende Eigenschaft" (Marx) ihres objektiven Produkts über.

Auf den ersten Blick scheint die Vorstellung von der gegenständlichen Natur der Psyche nur auf den Bereich der eigentlichen gnostischen Prozesse, nicht aber auf den Bereich der Bedürfnisse und Emotionen zutreffend zu sein. Das ist jedoch nicht so.

Die Auffassungen vom Emotions- und Bedürfnisbereich als eines Bereichs der Zustände und Prozesse, deren Natur im Subjekt selbst liegt und die unter dem Druck äußerer Bedingungen nur ihre Erscheinungsformen ändern, beruhen auf einer Vermengung von im Wesen unterschiedlichen Kategorien, einer Begriffsvermengung, die sich besonders beim Bedürfnisproblem bemerkbar macht.

In der Psychologie der Bedürfnisse ist von folgender grundlegender Unterscheidung auszugehen: Bedürfnisse als innere Bedingung, als eine der notwendigen Voraussetzungen der Tätigkeit, und Bedürfnis als das, was die konkrete Tätigkeit des Subjekts in der gegenständlichen Umwelt steuert und reguliert. "Hunger ist in der Lage, das Tier auf die Beine zu bringen, ist in der Lage, das Suchen mehr oder weniger intensiv werden zu lassen, aber er enthält keine Elemente, die die Bewegungen in die eine oder andere Richtung lenken und sie entsprechend den Erfordernissen der Örtlichkeit sowie der Zufälligkeiten und Begegnungen variieren",[60] schrieb Setschenow. Und gerade in seiner ausrichtenden Funktion ist das Bedürfnis auch Gegenstand der Psychologie. Im ersten Fall tritt das Bedürfnis lediglich als ein Mangelzustand des Organismus auf, ||88| der an sich nicht imstande ist, eine bestimmte gerichtete Tätigkeit hervorzurufen. Seine Funktion beschränkt sich auf die Aktivierung der entsprechenden biologischen Funktionen und die allgemeine Stimulierung des motorischen Bereichs, was sich in ungerichteten Suchbewegungen äußert. Erst durch seine Begegnung mit einem entsprechenden Gegenstand erlangt es erstmalig die Fähigkeit, die Tätigkeit auszurichten und zu steuern.

Das Zusammenfallen von Bedürfnis und Gegenstand ist ein außerordentlich bedeutsamer Akt. Das wurde bereits von Darwin unterstrichen und später von Pawlow untermauert. Usnadse spricht von diesem Akt als der Entstehungsbedingung der Einstellung, und die moderne Ethologie lieferte dafür eine Vielzahl von Beschreibungen. Dieser außerordentliche Akt ist der Akt der Vergegenständlichung des Bedürfnisses - seine "Auffüllung" mit Inhalt aus der Umwelt. Das überführt auch das Bedürfnis auf die eigentlich psychologische Ebene.

Die Entwicklung der Bedürfnisse erfolgt auf dieser Ebene als Entwicklung ihres gegenständlichen Inhalts. Übrigens erklärt auch nur dieser Umstand das Auftauchen neuer Bedürfnisse beim Menschen, darunter auch solcher, die kein Analogon bei den Tieren haben. Diese Bedürfnisse sind von ihrer unmittelbaren biologischen Gebundenheit an den Organismus "befreit" und in diesem Sinne "autonom"[61]. Ihre Herausbildung wird dadurch bedingt, daß in der menschlichen Gesellschaft die Gegenstände zur Befriedigung der Bedürfnisse produziert werden und dadurch auch die Bedürfnisse produziert werden.[62]

Die Bedürfnisse steuern dennoch die Tätigkeit seitens des Subjekts, sie sind jedoch zur Erfüllung dieser Funktion nur in der Lage, wenn sie gegenständlich sind. Von daher ergibt sich die Möglichkeit einer Begriffsumkehrung, die Lewin erlaubte, vom "Aufforderungscharakter der Dinge"[63] zu sprechen.

Nicht anders ist es mit den Emotionen und den Gefühlen. Auch hier muß man einerseits die gegenstandslosen sthenischen und asthenischen Zustände und andererseits die eigentlichen Emotionen ||89| und Gefühle unterscheiden, die durch das Verhältnis von gegenständlicher Tätigkeit des Subjekts zu seinen Bedürfnissen und Motiven erzeugt werden. Das ist jedoch gesondert zu behandeln. Im Zusammenhang mit der Analyse der Tätigkeit genügt der Hinweis, daß die Gegenständlichkeit der Tätigkeit nicht nur den gegenständlichen Charakter der Abbilder erzeugt, sondern auch die Gegenständlichkeit der Bedürfnisse, der Emotionen und Gefühle.

Der Prozeß der Entwicklung des gegenständlichen Inhalts der Bedürfnisse ist natürlich nicht einseitig. Auch der Gegenstand der Tätigkeit eröffnet sich dem Subjekt als etwas, was einem Bedürfnis entspricht. So stimulieren auch die Bedürfnisse die Tätigkeit und steuern diese seitens des Subjekts, vorausgesetzt, daß sie gegenständlich sind.

3.3. Die gegenständliche Tätigkeit und die Psychologie

Die Tatsache, daß genetisch die äußere, die sinnlich-praktische Tätigkeit Ausgangs- und Grundform der menschlichen Tätigkeit ist, hat für die Psychologie besondere Bedeutung. Die Psychologie hat doch stets Tätigkeit untersucht, zum Beispiel die Denktätigkeit, die Phantasietätigkeit, die Gedächtnistätigkeit usw. Nur wurde eine solche innere, unter Descartes' Kategorie des cogito fallende Tätigkeit eben als eine psychologische Tätigkeit betrachtet, die einzig und allein in das Gesichtsfeld des Psychologen gehört, und die Psychologie entfernte sich damit von der Untersuchung der praktischen, der sinnlichen Tätigkeit.

Wenn in der traditionellen Psychologie die äußere Tätigkeit ebenfalls eine Rolle spielte, so doch nur als Ausdruck der inneren Tätigkeit, der Tätigkeit des Bewußtseins. Der zu Beginn unseres Jahrhunderts erfolgte Bruch der Behavioristen mit dieser mentalistischen Psychologie vertiefte eher noch die Kluft zwischen Bewußtsein und äußerer Tätigkeit, als daß er sie beseitigte. Jetzt wurde die äußere Tätigkeit völlig vom Bewußtsein getrennt. Durch den objektiven Entwicklungsverlauf der psychologischen Erkenntnis vorbereitet, wurde nunmehr mit ||90| allem Nachdruck die Frage gestellt, ob die Untersuchung der äußeren praktischen Tätigkeit zu den Aufgaben der Psychologie gehört. Wie jede empirisch gegebene Realität wird die Tätigkeit von verschiedenen Wissenschaften untersucht. Man kann die Physiologie der Tätigkeit untersuchen, aber ebenso berechtigt ist ihre Untersuchung zum Beispiel in der politischen Ökonomie oder der Soziologie. Die äußere praktische Tätigkeit ist aus der eigentlich psychologischen Untersuchung nicht auszuklammern. Diese These kann jedoch sehr unterschiedlich verstanden werden.

Bereits in den dreißiger Jahren wies Rubinstein auf die große theoretische Bedeutung des Gedankens von Marx hin, daß wir in der gewöhnlichen materiellen Industrie das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte vor uns haben und daß eine Psychologie, für die dieses Buch geschlossen bleibt, zu keiner gehaltvollen und realen Wissenschaft werden kann, daß die Psychologie den Reichtum der menschlichen Tätigkeit nicht ignorieren darf.[64]

In diesem Zusammenhang betonte Rubinstein in seinen späteren Publikationen: Obwohl jene praktische Tätigkeit, vermittels derer die Menschen die Natur verändern und die Gesellschaft umgestalten, in den Bereich der psychologischen Forschung gehört, ist "nur ihr spezifisch psychologischer Gehalt Gegenstand der psychologischen Untersuchung, also ihre Motivation, Wahrnehmung und Steuerung, durch die die Handlungen mit den in Empfindung, Wahrnehmung, Bewußtsein widergespiegelten objektiven Bedingungen in Einklang gebracht werden, denen sie unterliegen"[65].

Demnach gehört nach Ansicht Rubinsteins die praktische Tätigkeit zum Untersuchungsbereich der Psychologie, jedoch nur mit jenem besonderen Inhalt, der in Form der Empfindung, der Wahrnehmung, des Denkens und überhaupt in Gestalt innerer psychischer Prozesse und Zustände des Subjekts auftritt. Diese Betrachtungsweise ist zumindest einseitig, da sie von jener ||91| grundlegenden Tatsache abstrahiert, daß die Tätigkeit - in der einen oder anderen Form - direkt in den Prozeß der psychischen Widerspiegelung, direkt in den Inhalt dieses Prozesses, in seine Erzeugung eingeht.

Betrachten wir einen ganz einfachen Fall, die Wahrnehmung der Elastizität eines Gegenstands. Es ist ein äußerlich-motorischer Prozeß, mit dessen Hilfe das Subjekt zum äußeren Gegenstand in praktischen Kontakt tritt, eine praktische Beziehung herstellt. Dieser Kontakt muß sich nicht einmal auf die Verwirklichung einer gnostischen Aufgabe richten, sondern kann einer unmittelbar praktischen Aufgabe, zum Beispiel der Verformung des Gegenstands, dienen. Das dabei entstehende subjektive Abbild ist natürlich psychischer Natur und dementsprechend unbestreitbar psychologisches Untersuchungsobjekt. Um jedoch das Wesen dieses Abbildes zu erfassen, muß ich den Prozeß untersuchen, der es erzeugt, und das ist im vorliegenden Fall ein äußerer, ein praktischer Prozeß. Ob ich nun will oder nicht, ob dies meinen theoretischen Ansichten entspricht oder nicht, ich bin schließlich gezwungen, die äußere gegenständliche Handlung des Subjekts in den Gegenstand meiner psychologischen Untersuchung einzubeziehen.

Der Auffassung, daß die eigentliche psychologische Untersuchung der Tätigkeit vor sich gehen könne, ohne auf die Untersuchungsebene der äußeren Tätigkeit, ihrer Struktur überzugehen, kann man nur dann zustimmen, wenn man eine einseitige Abhängigkeit der äußeren Tätigkeit von dem sie steuernden psychischen Abbild, der Zielvorstellung oder ihrem gedanklichen Schema annimmt. Aber das ist nicht so. Die Tätigkeit tritt notwendig mit den dem Menschen Widerstand entgegensetzenden Gegenständen in praktische Kontakte, die der Arbeit eine andere Richtung geben, sie verändern und bereichern. Mit anderen Worten, gerade in der äußeren Tätigkeit wird der Kreis der inneren psychischen Prozesse gleichsam der gegenständlichen Welt geöffnet, die mit Macht in diesen Kreis einbricht.

Demnach geht die Tätigkeit in den Gegenstand der Psychologie ein, aber nicht mit einem besonderen Teil oder einem besonderen "Element", sondern in ihrer besonderen Funktion, durch ||92| die das Subjekt die gegenständliche Wirklichkeit erfaßt und sie in der Form der Subjektivität umgestaltet.

Kehren wir jedoch zu dem beschriebenen Fall der Entstehung der psychischen Widerspiegelung einer elementaren Eigenschaft des stofflichen Gegenstands unter den Bedingungen des praktischen Kontakts zurück. Dieses grob vereinfachte Beispiel war nur zur Erläuterung angeführt. Es hat jedoch auch einen realen genetischen Sinn. Es bedarf heute kaum noch eines Beweises, daß die Tätigkeit in ihren ursprünglichen Entwicklungsetappen notwendigerweise die Form äußerer Prozesse hat und daß dementsprechend das psychische Abbild ein Produkt dieser Prozesse ist, die das Subjekt mit der gegenständlichen Wirklichkeit praktisch verbinden. Offensichtlich ist auf den frühen genetischen Etappen die wissenschaftliche Erklärung der Natur und der Besonderheiten der psychischen Widerspiegelung nicht anders als auf der Basis der Untersuchung dieser äußeren Prozesse möglich. Damit wird die Untersuchung des Psychischen keineswegs durch die Untersuchung des Verhaltens ersetzt, sondern es erfolgt hier lediglich eine Entmystifizierung der Natur des Psychischen. Andernfalls bliebe uns nur die Anerkennung einer geheimnisvollen "psychischen Fähigkeit", die darin besteht, daß sie unter dem Einfluß äußerer Einwirkungen auf die Rezeptoren des Subjekts in dessen Gehirn - als eine den physiologischen Prozessen parallele Erscheinung - eine Art inneres Licht erstrahlen ließe, das dem Menschen die Welt erleuchtet, daß gleichsam eine Ausstrahlung von Bildern erfolge, die danach vom Subjekt in dem umgebenden Raum lokalisiert, "objektiviert" würden.

Es versteht sich von selbst, daß die Realität, mit der es der Psychologe zu tun hat, unvergleichlich komplizierter und reicher ist, als dies durch das angeführte grobe Schema der Abbildentstehung infolge des praktischen Kontakts mit dem Gegenstand skizziert wird. Wie weit die psychologische Realität jedoch auch immer von diesem groben Schema abweichen mag, wie tiefgehend die Metamorphosen der Tätigkeit auch immer sein mögen, unter allen Bedingungen realisiert sie stets das Leben des körperlichen Subjekts, und das Leben ist seinem Wesen nach ein sinnlich-praktischer Prozeß.||93|

Das Komplizierterwerden der Tätigkeit und dementsprechend die Komplizierung ihrer psychischen Steuerung führt zu einem sehr weiten Kreis wissenschaftlich-psychologischer Probleme, aus dem man vor allem die Frage nach den Formen der menschlichen Tätigkeit, nach ihrem wechselseitigen Zusammenhang herausheben muß.

3.4. Wechselbeziehung von äußerer und innerer Tätigkeit

Die traditionelle Psychologie hatte es nur mit inneren Prozessen zu tun, mit der Bewegung der Vorstellungen, ihren Assoziationen, ihren Generalisierungen und mit der Bewegung ihrer Substitute - der Wörter. Diese Prozesse sowie die nichtgnostischen inneren Erlebnisse galten als die einzigen Komponenten des Gegenstands der Psychologie.

Die Umorientierung der früheren Psychologie begann mit der Frage nach der Herkunft der inneren psychischen Prozesse. Ein entscheidender Schritt wurde in dieser Hinsicht von Setschenow getan. Er wies bereits vor hundert Jahren darauf hin, daß die Psychologie unberechtigt aus einem ganzheitlichen Prozeß, dessen Glieder auf natürliche Weise zusammenhängen, das Mittelstück - das "Psychische" - herausreißt und dieses dem "Materiellen" gegenüberstellt. Da die Psychologie aus dieser, wie Setschenow es nannte, widernatürlichen Operation entstand, konnten dann bereits "keinerlei Tricks mehr diese auseinandergerissenen Glieder zusammenleimen". Ein solches Herangehen, schrieb Setschenow weiter, muß verändert werden. "Die wissenschaftliche Psychologie kann ihrem ganzen Inhalt nach nichts anderes sein als eine Reibe von Lehren über die Entstehung der psychischen Tätigkeiten."[66]

Es ist Sache des Historikers, die Entwicklungsetappen dieses Gedankens zu verfolgen. Ich möchte nur betonen, daß sich mit der danach einsetzenden sorgfältigen Untersuchung von Phylogenese ||94| und Ontogenese des Denkens die Grenzen der psychologischen Forschung faktisch geöffnet haben. In die Psychologie fanden solche, vom subjektiv-empirischen Gesichtspunkt aus paradoxen Begriffe Eingang wie praktische Intelligenz oder manuelles Denken. Die These, daß den inneren geistigen Handlungen genetisch äußere vorausgehen, wird allgemein kaum noch angezweifelt. Andererseits, das heißt von der Verhaltensforschung her, wurde die Hypothese vom direkten, mechanisch verstandenen Übergang der äußeren Prozesse in latente, innere Prozesse aufgestellt. Wir erinnern zum Beispiel an das Schema von Watson: Sprechen --> Flüstern --> gänzlich lautlose Sprache. [67]

Die Hauptrolle in der Entwicklung der konkret-psychologischen Ansichten über die Entstehung der inneren Denkoperation spielte jedoch die Einführung des Begriffs Interiorisation.

Als Interiorisation bezeichnet man bekanntlich den Übergang, durch den die ihrer Form nach äußeren Prozesse, die sich mit äußeren, stofflichen Gegenständen vollziehen, in Prozesse verwandelt werden, die auf der geistigen Ebene, auf der Ebene des Bewußtseins verlaufen. Dabei werden sie einer spezifischen Transformator unterzogen: Sie werden verallgemeinert, verbalisiert, verkürzt, und vor allem werden sie zu einer Weiterentwicklung fähig, die über die Möglichkeiten der äußeren Tätigkeit hinausgeht. Das ist, um die kurze Formulierung von Piaget zu verwenden, der Übergang "von der sensomotorischen Ebene zum Gedanken"[68]

Der Interiorisierungsprozeß ist bereits im Kontext zahlreicher Probleme - ontogenetischer, psychologisch-pädagogischer und allgemeinpsychologischer - detailliert untersucht worden. Dabei wurden sowohl in den theoretischen Begründungen der Untersuchung dieses Prozesses als auch in ihrer theoretischen Interpretation wesentliche Unterschiede deutlich. Für Piaget besteht der wichtigste Grund für die Untersuchung der Herausbildung innerer Denkoperationen aus sensomotorischen Akten augenscheinlich darin, daß sich die Operatorschemata des Denkens ||95| unmittelbar aus der Wahrnehmung nicht ableiten lassen. Solche Operationen wie Zusammenfassen, Ordnen, Zentrieren entstehen ursprünglich im Verlauf der Ausführung äußerer Handlungen mit äußeren Objekten und entwickeln sich dann auf der Ebene der inneren Denktätigkeit nach eigenen logisch-genetischen Gesetzen weiter.[69]

Andere Ausgangspositionen bestimmten die Ansichten vom Übergang von der Handlung zum Gedanken bei Janet, Wallon sowie bei Bruner.

In der sowjetischen Psychologie wird der Begriff Interiorisation gewöhnlich mit dem Namen Wygotskis und seiner Schüler in Verbindung gebracht, denen wir bedeutende Untersuchungen dieses Prozesses verdanken. In den letzten Jahren wurden die aufeinanderfolgenden Etappen und Bedingungen der zielgerichteten, "nicht-spontanen" Umwandlung der äußeren (materialisierten) Handlungen in innere (geistige) Handlungen besonders eingehend von Galperin untersucht.[70]

Wygotskis Konzeption zum Problem der Entstehung der inneren psychischen Tätigkeit aus der äußeren unterscheiden sich prinzipiell von den theoretischen Konzeptionen anderer zeitgenössischer Autoren. Diese Ideen entstanden, als er die Besonderheiten der spezifisch menschlichen Tätigkeit - der mit Hilfe von Werkzeugen erfolgenden Arbeits- und Produktionstätigkeit - analysierte, einer von Anfang an gesellschaftlichen, das heißt sich nur unter den Bedingungen der Kooperation und des menschlichen Verkehrs entwickelnden Tätigkeit. Entsprechend unterschied Wygotski zwei wechselseitig zusammenhängende Hauptmomente, die der psychologischen Wissenschaft zugrunde gelegt werden müssen. Das sind die Werkzeugstruktur (die "instrumentale" Struktur) der Tätigkeit des Menschen und zum anderen ihr Einbezogensein in das System der Wechselbeziehungen mit anderen Menschen. Eben diese Momente bestimmen die Besonderheiten der psychischen Prozesse beim ||96| Menschen. Das Werkzeug vermittelt eine Tätigkeit, die den Menschen nicht nur mit der Welt der Dinge, sondern auch mit den anderen Menschen verbindet. Dadurch nimmt seine Tätigkeit die Erfahrung der Menschheit in sich auf. Hieraus ergibt sich auch, daß die psychischen Prozesse des Menschen (seine "höheren psychischen Funktionen") eine Struktur erlangen, die notwendigerweise die gesellschaftshistorisch entstandenen Mittel und Verfahren enthält, welche ihm von den Menschen seiner Umwelt während der Zusammenarbeit, im Verkehr mit ihnen übermittelt werden. Die Übertragung des Mittels, der Ausführungsweise eines Prozesses ist nur in äußerer Form möglich, als Handlung oder geäußerte Sprache. Mit anderen Worten, die höheren spezifischen menschlichen psychischen Prozesse können nur in der Wechselwirkung von Mensch zu Mensch entstehen, das heißt als interpsychische Prozesse, und erst dann werden sie vom Individuum selbständig nachvollzogen. Dabei verlieren einige von ihnen im weiteren ihre anfängliche äußere Form und verwandeln sich in intrapsychische Prozesse.[71]

Zu der These, daß die inneren psychischen Tätigkeiten aus der praktischen Tätigkeit entstehen, die sich historisch durch die Bildung der menschlichen, auf Arbeit beruhenden Gesellschaft entwickelt, und daß sie sich bei den einzelnen Individuen einer jeden neuen Generation im Laufe der ontogenetischen Entwicklung herausbilden, kam eine weitere sehr wichtige These. Sie besagt, daß gleichzeitig eine Veränderung der Form der psychischen Widerspiegelung der Realität erfolgt: Es entsteht Bewußtsein - die Reflexion der Wirklichkeit, der eigenen Tätigkeit, seiner selbst, durch das Subjekt. Aber was ist Bewußtsein? Bewußtsein ist Mit-Wissen, aber nur in dem Sinne daß das individuelle Bewußtsein nur bei Vorhandensein von gesellschaftlichem Bewußtsein und von Sprache existieren kann die dessen reales Substrat ist. Im Prozeß der materiellen Produktion produzieren die Menschen auch die Sprache, die nicht nur Mittel des Verkehrs ist, sondern auch Träger der in ihr fixierten gesellschaftlich erarbeiteten Bedeutungen. ||97|

Die frühere Psychologie betrachtete das Bewußtsein als eine Art metapsychologische Bewegungsfläche psychischer Prozesse. Doch das Bewußtsein ist nicht von Anfang an gegeben und wird nicht durch die Natur erzeugt: Das Bewußtsein wird durch die Gesellschaft erzeugt, es wird produziert. Daher ist das Bewußtsein nicht Postulat und nicht Bedingung der Psychologie, sondern ihr Problem, Gegenstand konkret-wissenschaftlicher Untersuchungen.

Somit besteht der Interiorisationsprozeß nicht darin, die äußere Tätigkeit in eine bereits existierende innere "Bewußtseinsebene" zu verlagern, er ist ein Prozeß, in dem diese innere Ebene herausgebildet wird.

Bekanntlich wandte sich Wygotski nach einem ersten Zyklus von Arbeiten zur Rolle der äußeren Mittel und ihrer "Interiorisation" der Untersuchung des Bewußtseins zu, seiner "Zellen" - der Wortbedeutungen, ihrer Herausbildung und Struktur. Wenn auch in diesen Untersuchungen die Bedeutung sozusagen von ihrer umgekehrten Bewegung her fungierte und daher wie etwas erschien, was dem Leben zugrunde liegt und die Tätigkeit steuert, war für Wygotski die entgegengesetzte These unabdingbar: Nicht die Bedeutung, nicht das Bewußtsein liegt dem Leben zugrunde, sondern das Leben liegt dem Bewußtsein zugrunde.

Bei der Erforschung der Herausbildung geistiger Prozesse und Bedeutungen (Begriffe) wird aus der gesamten Tätigkeitsbewegung nur ein, wenn auch ein sehr wichtiger, Abschnitt gleichsam herausgeschnitten: die Aneignung der von der Menschheit erarbeiteten Denkverfahren durch das Individuum. Damit wird jedoch nicht einmal die gnoseologische Tätigkeit erfaßt - weder ihre Herausbildung noch ihr Funktionieren. Psychologisch ist das Denken (und das individuelle Bewußtsein insgesamt) umfassender als jene logischen Operationen und Bedeutungen, in deren Strukturen sie enthalten sind. Die Bedeutungen an und für sich erzeugen keine Gedanken, sondern sie vermitteln sie, ebenso wie ein Werkzeug keine Handlung hervorbringt, sondern in ihr als vermittelndes Glied in Erscheinung tritt.

In seiner letzten Forschungsperiode hat Wygotski diese wichtige grundlegende These oftmals und in verschiedenen Formen ||98| geäußert. Die letzte "verborgen" gebliebene Ebene des sprachlichen Denkens sah er in dessen Motivation, im affektiv-volitiven Bereich. Die deterministische Betrachtung des psychischen Lebens, schrieb er, schließt aus, "dem Denken magische Kraft zuzuschreiben, das Verhalten des Menschen durch ein eigenes System zu bestimmen"[72]. Das hieraus folgende positive Programm machte es erforderlich, das Problem unter Wahrung der entdeckten aktiven Funktion der Wortbedeutung, des Gedankens, nochmals umzukehren. Dazu war es notwendig, zur Kategorie der gegenständlichen Tätigkeit zurückzukehren, sie auf die inneren Prozesse, die Bewußtseinsprozesse, auszudehnen.

Gerade diese theoretischen Erwägungen zeigten die prinzipielle Gemeinsamkeit von innerer und äußerer Tätigkeit als der die wechselseitigen Beziehungen von Mensch und Welt vermittelnden Prozesse, in denen sich sein reales Leben abspielt.

Dementsprechend muß die hauptsächliche Unterscheidung, die der klassischen Psychologie von Descartes und Locke zugrunde liegt, eine Unterscheidung einerseits der äußeren, der ausgedehnten Welt, zu der auch die äußere körperliche Tätigkeit gehört, und andererseits der Welt der inneren Erscheinungen und Bewußtseinsprozesse, einer anderen Unterscheidung Platz machen: auf der einen Seite die gegenständliche Realität und ihre ideellen, verwandelten Formen, auf der anderen Seite die Tätigkeit des Subjekts, die sowohl äußere als auch innere Prozesse enthält. Das bedeutet, die Trennung der Tätigkeit in zwei Teile oder Seiten, die angeblich zwei völlig verschiedenen Bereichen angehören, wird überwunden. Gleichzeitig führt dies zu einem neuen Problem: Das Problem der konkreten Wechselbeziehung und des Zusammenhangs zwischen den verschiedenen Formen der menschlichen Tätigkeit muß untersucht werden.

Dieses Problem ist nicht neu. Jedoch erst in unserer Zeit hat es ganz konkrete Bedeutung erlangt. Jetzt vollzieht sich vor unseren Augen eine immer engere Verflechtung und immer ||99| stärkere Annäherung der äußeren und der inneren Tätigkeit: Die physische Tätigkeit, die die praktische Umwandlung der stofflichen Gegenstände realisiert, wird immer mehr "intellektualisiert", schließt die Ausführung hochkomplizierter geistiger Tätigkeiten ein. Gleichzeitig wird die Arbeit des modernen Forschers - eine speziell gnoseologische, eine geistige Tätigkeit par excellence - immer stärker von Prozessen durchsetzt, die ihrer Form nach äußere Tätigkeiten sind. Eine solche Verbindung von ihrer Form nach unterschiedlichen Tätigkeitsprozessen kann schon nicht mehr als Resultat nur jener Übergänge interpretiert werden, die mit dem Terminus Interiorisation der äußeren Tätigkeit beschrieben werden, sie setzt notwendigerweise die Existenz ständig erfolgender Übergänge auch in entgegengesetzter Richtung, von inneren zu äußeren Tätigkeiten, voraus.

Unter gesellschaftlichen Bedingungen, die eine allseitige Entwicklung der Menschen gewährleisten, wird die geistige Tätigkeit nicht von der praktischen Tätigkeit abgesondert. Das Denken "ist immer von vornherein ein nach Bedürfnis verschwindendes und sich reproduzierendes Moment im Gesamtleben des Individuums"[73].

Etwas vorgreifend sagen wir gleich, daß die wechselseitigen Übergänge, von denen hier die Rede ist, die wichtigste Bewegung der gegenständlichen menschlichen Tätigkeit in ihrer historischen und ontogenetischen Entwicklung bilden. Diese Übergänge sind möglich, weil die äußere und die innere Tätigkeit eine gleichartige Struktur aufweisen. Die Aufdeckung der Gemeinsamkeit ihrer Struktur scheint mir eine der wichtigsten Entdeckungen der modernen psychologischen Wissenschaft zu sein.

Somit trennt sich die ihrer Form nach innere Tätigkeit, die aus der äußeren praktischen Tätigkeit hervorgeht, nicht von ihr und stellt sich nicht über sie, sondern sie bleibt mit ihr prinzipiell und zudem wechselseitig verbunden. ||100|

3.5. Die allgemeine Struktur der Tätigkeit

Die Gemeinsamkeit der Makrostruktur der äußeren, der praktischen Tätigkeit und der inneren, der theoretischen Tätigkeit ermöglicht ihre Analyse, wobei zunächst von der Form abstrahiert wird, in der sie verlaufen.

Der Gedanke von der Tätigkeitsanalyse als Methode der wissenschaftlichen Psychologie nimmt, wie ich bereits erwähnte schon in den frühen Arbeiten Wygotskis seinen Ausgang. Es wurden die Begriffe Werkzeug und "instrumentelle Operation", der Begriff Ziel und später auch der Begriff Motiv ("Motivationsbereich des Bewußtseins") eingeführt. Es vergingen jedoch Jahre, bis es gelang, in erster Annäherung die allgemeine Struktur der menschlichen Tätigkeit und des individuellen Bewußtseins zu beschreiben.[74] Jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, erscheint diese erste Beschreibung in vielem unbefriedigend und übermäßig abstrakt. Doch gerade wegen ihrer Abstraktheit kann sie als Ausgangspunkt der weiteren Untersuchung genommen werden.

Bis jetzt ging es um die Tätigkeit im allgemeinen, als Oberbegriff. Real haben wir es jedoch stets mit besonderen Tätigkeiten zu tun, von denen jede einem bestimmten Bedürfnis des Subjekts entspricht, auf einen Gegenstand dieses Bedürfnisses gerichtet ist, nach dessen Befriedigung erlischt und erneut reproduziert wird, möglicherweise unter bereits völlig veränderten Bedingungen.

Die einzelnen konkreten Tätigkeitsformen kann man nach einer Vielzahl von Merkmalen unterscheiden: nach ihrer Form, nach der Art und Weise ihrer Realisierung, nach ihrer emotionalen Spannung, nach ihrer zeitlichen und räumlichen Charakteristik nach ihren physiologischen Mechanismen usw. Die Hauptsache jedoch, die die eine Tätigkeit von der anderen unterscheidet, besteht in der Verschiedenheit ihrer Gegenstände. Verleiht doch gerade der Gegenstand der Tätigkeit ihre bestimmte Gerichtetheit. ||101| Nach der von mir vorgeschlagenen Terminologie ist der Gegenstand einer Tätigkeit deren tatsächliches Motiv.[75] Natürlich kann er sowohl stofflich als auch ideell sein, sowohl in der Wahrnehmung gegeben sein als auch nur in der Phantasie, nur in Gedanken existieren. Die Hauptsache ist, daß dahinter immer ein Bedürfnis steht, daß er immer dem einen oder anderen Bedürfnis entspricht.

Somit hängt der Begriff Tätigkeit notwendig mit dem Begriff Motiv zusammen. Es gibt keine Tätigkeit ohne Motiv; "unmotivierte" Tätigkeit - das ist nicht etwa eine Tätigkeit ohne Motiv, sondern eine Tätigkeit mit subjektiv und objektiv verborgenem Motiv.

Die Haupt-"Komponenten" der einzelnen menschlichen Tätigkeiten sind die sie realisierenden Handlungen. Als Handlung bezeichnen wir einen einem bewußten Ziel untergeordneten Prozeß. Zwischen den Begriffen Ziel und Handlung gibt es eine ähnliche Wechselbeziehung wie zwischen dem Begriffspaar Motiv und Tätigkeit.

Die Entstehung von zielgerichteten Prozessen, von Handlungen in der Tätigkeit war das historische Ergebnis, als der Mensch zum Leben in der Gesellschaft übergegangen war. Die Tätigkeit der an der gemeinsamen Arbeit Beteiligten wird durch deren Produkt initiiert, das ursprünglich dem Bedürfnis jedes einzelnen unmittelbar entspricht. Auch schon die Entwicklung einfachster technischer Arbeitsteilung erfordert die Bestimmung der Zwischen- beziehungsweise Teilergebnisse, die von den einzelnen Teilnehmern an der kollektiven Arbeitstätigkeit erzielt werden, die aber an sich nicht deren Bedürfnisse befriedigen. Ihr Bedürfnis wird nicht durch diese "Zwischen"ergebnisse befriedigt, sondern durch den Anteil am Produkt ihrer gemeinsamen Tätigkeit, den ein jeder von ihnen kraft der im Arbeitsprozeß entstandenen und sie miteinander verbindenden Beziehungen, das heißt der gesellschaftlichen Beziehungen, erhält.||102|

Es ist leicht einzusehen, daß dieses "Zwischen"ergebnis, dem die Arbeitsprozesse des Menschen untergeordnet sind, für ihn auch subjektiv in der Form der Vorstellung bestimmt werden muß. Das geschieht eben mit der Bestimmung des Ziels, das, nach einem Ausdruck von Marx, "die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt"[76].

Die Bestimmung des Ziels und die Herausbildung der ihm untergeordneten Handlungen führt dazu, daß gleichsam eine Aufspaltung der zuvor im Motiv miteinander verschmolzenen Funktionen erfolgt. Die Initiierungsfunktion verbleibt natürlich völlig beim Motiv. Etwas anderes ist es mit der Funktion der Ausrichtung: Die die Tätigkeit realisierenden Handlungen werden durch ihr Motiv initiiert, sind jedoch auf das Ziel gerichtet. Angenommen, die Tätigkeit eines Menschen wird durch Nahrung initiiert, so besteht darin auch ihr Motiv. Der Mensch muß jedoch zur Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses Handlungen ausführen, die nicht unmittelbar auf die Nahrungsgewinnung gerichtet sind. Zum Beispiel ist es das Ziel eines bestimmten Menschen, ein Fanggerät anzufertigen. Ob er später das von ihm gefertigte Gerät selbst verwendet oder anderen gibt und einen Teil der gemeinsamen Beute erhält - in beiden Fällen fallen das, was seine Tätigkeit initiiert hat, und das, worauf seine Handlungen gerichtet waren, nicht zusammen; wenn sie zusammenfallen, so ist dies ein Spezialfall, ein Sonderfall, Ergebnis eines besonderen Prozesses, über den wir noch sprechen werden.

Die Herausgliederung zielgerichteter Handlungen als Inhaltskomponenten konkreter Tätigkeiten wirft natürlich die Frage nach den sie verbindenden inneren Beziehungen auf. Wie bereits erwähnt, ist die Tätigkeit kein additiver Prozeß. Dementsprechend sind die Handlungen keine besonderen "Teile", die in der Tätigkeit enthalten sind. Die menschliche Tätigkeit existiert nicht anders als in Form einer Handlung oder einer Kette von Handlungen. Zum Beispiel existiert die Arbeitstätigkeit in Arbeitshandlungen, die Lehrtätigkeit in Lehrhandlungen, die Kommunikationstätigkeit in Kommunikationsakten ||103| usw. Wenn man aus einer Tätigkeit die sie realisierenden Handlungen eliminieren wollte, bliebe von der Tätigkeit überhaupt nichts übrig. Anders ausgedrückt: Wenn vor unseren Augen ein konkreter, äußerer oder innerer Prozeß abläuft, so fungiert er hinsichtlich seiner Beziehung zum Motiv als die Tätigkeit eines Menschen, aber hinsichtlich seiner Unterordnung unter ein Ziel als eine Handlung oder eine Gesamtheit von Handlungen, als Handlungskette.

Gleichzeitig sind Tätigkeit und Handlung echte und dabei nicht identische Realitäten. Ein und dieselbe Handlung kann verschiedene Tätigkeiten realisieren, kann aus der einen Tätigkeit in die andere übergehen, indem sie auf diese Weise ihre relative Selbständigkeit offenbart. Nehmen wir abermals eine grobe Illustration zu Hilfe: Angenommen, ich habe das Ziel, in Punkt N anzukommen, und ich begebe mich dahin. Verständlicherweise kann diese Handlung völlig unterschiedliche Motive haben, das heißt, sie kann völlig verschiedenen Tätigkeiten dienen. Offenbar kann auch ein und dasselbe Motiv in verschiedenen Zielen konkretisiert werden und entsprechend verschiedene Handlungen initiieren.

In Zusammenhang mit der Bestimmung des Begriffs Handlung als der wichtigsten "Konstituente" der menschlichen Tätigkeit (als ihr Moment) muß man berücksichtigen, daß eine etwas kompliziertere Tätigkeit die Erreichung einer Reihe konkreter Ziele voraussetzt, von denen einige eine strenge Reihenfolge bilden. Mit anderen Worten, Tätigkeit wird gewöhnlich durch eine Gesamtheit von Handlungen verwirklicht, die Teilzielen untergeordnet sind, welche aus dem gemeinsamen Ziel abgeleitet werden können. Dabei besteht der für höhere Entwicklungsstufen charakteristische Fall darin, daß die Rolle des gemeinsamen Ziels das bewußte Motiv übernimmt, das durch seinen Bewußtheitscharakter zum Ziel-Motiv) wird.

Hierbei ergibt sich die Frage nach der Zielsetzung. Das ist ein sehr schwieriges psychologisches Problem. Vom Tätigkeitsmotiv hängt nämlich lediglich der Bereich der objektiv adäquaten Ziele ab. Die subjektive Heraussonderung des Ziels (d.h. das Erfassen des nächsten Resultats, zu dessen Erlangung eine gegebene Tätigkeit führt, die geeignet ist, das in ihrem Motiv vergegenständlichte ||104| Bedürfnis zu befriedigen) ist ein besonderer und fast gar nicht untersuchter Prozeß. Unter Laborbedingungen oder im pädagogischen Experiment stellen wir den Probanden stets sozusagen vor das "fertige" Ziel. Daher erfaßt der Forscher gewöhnlich den Zielsetzungsprozeß nicht. Wohl nur in Versuchen, die in ihrer Methode den bekannten Versuchen von Hoppe nahekommen, wird dieser Prozeß zwar einseitig, aber doch hinlänglich deutlich nachgewiesen, zumindest in seinem quantitativ-dynamischen Aspekt. Etwas anders ist es im wirklichen Leben, wo die Zielsetzung das wichtigste Moment der Bewegung einer Tätigkeit des Subjekts ist. Vergleichen wir in dieser Beziehung die Entwicklung der wissenschaftlichen Tätigkeit zum Beispiel von Darwin und Pasteur. Dieser Vergleich ist nicht nur wegen der großen Unterschiede in der subjektiven Herausbildung der Ziele lehrreich, sondern auch wegen des psychologischen Gehalts dieses Herausbildungsprozesses.

Vor allem ist in beiden Fällen ganz klar ersichtlich, daß Ziele nicht erfunden werden, vom Subjekt nicht willkürlich aufgestellt werden. Sie sind in den objektiven Umständen gegeben. Im Zusammenhang damit sind das Bestimmen und das Erfassen des Ziels kein automatisch sich vollziehender Akt und kein Momentanakt, sondern sie sind ein relativ langer Prozeß des Erproben der Ziele durch die Handlung und ihrer, wenn man das so ausdrücken kann, Auffüllung mit Gegenständlichkeit. "Die Handlung", sagt Hegel ganz richtig, "ist die klarste Enthüllung des Individuums, in Betreff seiner Gesinnung sowohl, als auch seiner Zwecke."[77]

Eine weitere wichtige Seite der Zielsetzung besteht in der Konkretisierung des Ziels, in der Bestimmung der Bedingungen zu seiner Erreichung. Aber darauf muß gesondert eingegangen werden.

Jedes Ziel - sogar ein solches wie "den Punkt N erreichen" existiert objektiv in einer gewissen gegenständlichen Situation. Zwar kann das Subjekt im Bewußtsein von dieser Situation abstrahieren, in seiner Handlung jedoch kann es das nicht. Daher ||105| hat die Handlung neben ihrem intentionalen Aspekt (was erreicht werden soll) auch ihren operationalen Aspekt (wie, auf welche Weise dies erreicht werden kann), der nicht durch das Ziel an sich, sondern durch die objektiv-gegenständlichen Bedingungen zu seiner Erreichung bestimmt wird. Mit anderen Worten, die sich vollziehende Handlung entspricht der Aufgabe; die Aufgabe eben ist das Ziel, das unter bestimmten Bedingungen gegeben ist. Daher hat die Handlung eine besondere Qualität, ihre besondere "Komponente", und zwar die Verfahren, durch die sie verwirklicht wird. Die Verfahren der Verwirklichung einer Handlung bezeichne ich als Operationen.

Die Termini "Handlung" und "Operation" werden oft nicht voneinander unterschieden. Im Kontext einer psychologischen Tätigkeitsanalyse ist ihre exakte Unterscheidung jedoch unbedingt erforderlich.

Handlungen korrelieren, wie bereits gesagt wurde, mit den Zielen, Operationen mit den Bedingungen. Angenommen, das Ziel bleibt dasselbe, die Bedingungen jedoch, unter denen es gegeben ist, ändern sich: Dann ändert sich eben auch nur die operationale Zusammensetzung der Handlungen.

Besonders anschaulich tritt das Nichtzusammenfallen von Handlungen und Operationen in den instrumentellen Handlungen zutage. Ist doch das Werkzeug ein materieller Gegenstand, in dem gerade die Verfahren, die Operationen und nicht die Handlungen, nicht die Ziele kristallisiert sind. Man kann zum Beispiel einen stofflichen Gegenstand mit Hilfe verschiedener Werkzeuge zerteilen, von denen jedes eine Ausführungsweise dieser Handlung bestimmt. Unter bestimmten Bedingungen ist etwa die Operation Schneiden mehr angebracht, unter anderen Bedingungen die Operation Sägen (dabei wird vorausgesetzt, daß der Mensch fähig ist, die entsprechenden Werkzeuge, das Messer, die Säge u. a. m. zu beherrschen). Ebenso ist es auch in komplizierteren Fällen. Angenommen, ein Mensch hat das Ziel, irgendwelche von ihm ermittelten Abhängigkeiten graphisch darzustellen. Um dies zu tun, muß er ein Verfahren der Kurvenkonstruktion anwenden, bestimmte Operationen realisieren, und er muß in der Lage sein, sie auszuführen. Dabei ist es ohne Belang, wie, unter welchen Bedingungen und an ||106| welchem Material er diese Operationen erlernt hat. Wichtig ist etwas anderes, nämlich, daß die Ausführung der Operationen ganz anders verläuft als die Zielsetzung, das heißt die Initiierung der Handlungen.

Handlungen und Operationen sind unterschiedlicher Herkunft, sie haben eine unterschiedliche Dynamik und ein unterschiedliches Schicksal. Die Genese der Handlung liegt in den Beziehungen des Austauschs von Tätigkeiten; jede Operation dagegen ist das Ergebnis der Umwandlung einer Handlung, die durch ihre Einbeziehung in eine andere Handlung und ihre "Technisierung" erfolgt. Einfachste Illustration dieses Prozesses ist die Herausbildung von Operationen, die zum Beispiel beim Steuern eines Autos erforderlich sind. Anfangs bildet sich jede Operation - zum Beispiel das Gangeinlegen - als eine Handlung heraus, die eben diesem Ziel untergeordnet ist und eine eigene bewußte "Orientierungsgrundlage" (Galperin) hat. Später wird diese Handlung in eine andere Handlung einbezogen, die einen komplizierten Bestand an Operationen aufweist, zum Beispiel in die Handlung der Geschwindigkeitsänderung des Wagens. Jetzt wird das Gangeinlegen zu einer ihrer Ausführungsweisen, zu einer Operation, die sie realisiert, und sie existiert nicht mehr weiter als besonderer zielgerichteter Prozeß:

Ihr Ziel wird nicht herausgesondert. Unter normalen Bedingungen existiert für das Bewußtsein desjenigen, der den Wagen steuert, das Gangeinlegen gleichsam gar nicht mehr. Er macht etwas anderes: fährt den Wagen an, nimmt eine Steigung, eine Kurve, bringt den Wagen an einer bestimmten Stelle zum Halten u. a. m. Diese Operation kann übrigens völlig aus der Tätigkeit des Fahrers herausgenommen und einem Automaten übertragen werden. Überhaupt ist es das Schicksal der Operationen, daß sie früher oder später zu Funktionen von Maschinen werden.[78] Nichtsdestoweniger bildet die Operation in bezug auf die Handlung dennoch ebenso wie die Handlung in bezug auf die Tätigkeit nichts Selbständiges. Selbst wenn eine Operation von ||107| einer Maschine ausgeführt wird, realisiert sie trotzdem Handlungen des Subjekts. Wenn ein Mensch eine Aufgabe löst und dabei eine Rechenmaschine verwendet, wird die Handlung bei diesem extrazerebralen Glied nicht abgebrochen. Sie findet ebenso wie in ihren anderen Gliedern ihre Verwirklichung. Operationen ausführen, die keinerlei zielgerichtete Handlung eines Subjekts verwirklichen, kann nur eine "verrückt gewordene" Maschine, die aus der Kontrolle des Menschen geraten ist.

Im Gesamtstrom der Tätigkeit, der das menschliche Leben in seinen höheren, durch die psychische Widerspiegelung vermittelten Erscheinungsformen bildet, unterscheidet die Analyse somit einzelne (besondere) Tätigkeiten anhand der sie initiierenden Motive, des weiteren Handlungen als bewußten Zielen untergeordnete Prozesse und schließlich Operationen, die unmittelbar von den Bedingungen zur Erlangung des konkreten Ziels abhängen.

Diese "Einheiten" der menschlichen Tätigkeit bilden auch deren Makrostruktur. Die Besonderheit der Analyse, die zur Bestimmung dieser Einheiten führt, besteht darin, daß sie nicht die lebendige Tätigkeit in Elemente zergliedert, sondern die charakteristischen inneren Beziehungen aufdeckt. Dies sind Beziehungen, hinter denen sich Veränderungen verbergen, die im Entwicklungsverlauf der Tätigkeit entstehen. Die Gegenstände selbst können nur im System der menschlichen Tätigkeit die Qualität von Impulsen, Zielen und Werkzeugen erlangen. Herausgenommen aus diesem System, verlieren sie diese Eigenschaften. Zum Beispiel wird ein Werkzeug, das außerhalb seines Zusammenhangs mit einem Ziel betrachtet wird, zu einer ebensolchen Abstraktion wie eine Operation, betrachtet man diese außerhalb ihres Zusammenhangs mit der Handlung, die sie realisiert.

Die Untersuchung der Tätigkeit erfordert die Analyse gerade ihrer inneren Systemzusammenhänge. Andernfalls sind wir nicht einmal zur Lösung einfachster Aufgaben imstande, zum Beispiel darüber zu urteilen, ob in einem gegebenen Fall eine Handlung oder eine Operation vorliegt. Außerdem ist die Tätigkeit ein Prozeß, der durch ständige Transformationen charakterisiert ||108| wird. Eine Tätigkeit kann das Motiv verlieren, von dem sie ins Leben gerufen wurde; dann wird sie zu einer Handlung, die vielleicht eine ganz andere Beziehung zur Welt, eine andere Tätigkeit verwirklicht. Umgekehrt kann eine Handlung selbständige stimulierende Kraft erlangen und zu einer besonderen Tätigkeit werden. Schließlich kann eine Handlung zu einem Verfahren der Erreichung eines Ziels, zu einer Operation transformiert werden, welche unterschiedliche Handlungen zu realisieren imstande ist.

Die Beweglichkeit der einzelnen Struktureinheiten des Tätigkeitssystems äußert sich auch darin, daß eine jede von ihnen zu einer Komponente werden oder umgekehrt Einheiten in sich aufnehmen kann, die zuvor relativ selbständig waren. So können im Laufe der Erreichung eines herausgearbeiteten allgemeinen Ziels Zwischenziele bestimmt werden, durch deren Realisierung die ganzheitliche Handlung in eine Reihe von einzelnen aufeinanderfolgenden Handlungen aufgegliedert wird. Das ist besonders für Fälle charakteristisch, in denen die Handlung unter Bedingungen verläuft, die ihre Ausführung mit Hilfe bereits ausgeformter Operationen erschweren. Der entgegengesetzte Prozeß besteht in der Erweiterung bestimmter Tätigkeitseinheiten. Dies tritt ein, wenn die objektiv erreichten Zwischenresultate miteinander verschmelzen und für das Subjekt nicht mehr faßbar werden.

Entsprechend erfolgt eine Aufgliederung oder umgekehrt eine Vergrößerung auch der "Einheiten" der psychischen Abbilder: Der von der unerfahrenen Hand eines Kindes abgeschriebene Text wird in der kindlichen Wahrnehmung in einzelne Buchstaben und sogar in einzelne graphische Elemente zergliedert. Später werden in diesem Prozeß für das Kind die ganzen Wörter oder sogar die Sätze zu Wahrnehmungseinheiten.

Vor dem bloßen Auge tritt der Prozeß der Aufgliederung oder der integrativen Erweiterung von Einheiten der Tätigkeit und der psychischen Widerspiegelung sowohl bei äußerer Beobachtung als auch introspektiv nicht deutlich in Erscheinung. Man kann diesen Prozeß nur untersuchen, wenn man eine spezielle Analyse und objektive Indikatoren anwendet. Zu diesen Indikatoren gehört zum Beispiel das sogenannte ontokinetische ||109| Nistagma, dessen Zyklusänderungen, wie die Untersuchungen zeigten, es erlauben, bei der Ausübung graphischer Handlungen den Umfang der enthaltenen Bewegungs-"Einheiten" zu bestimmen. Zum Beispiel wird das Schreiben von Wörtern in der Fremdsprache in weitaus kleinere Einheiten zergliedert als das Schreiben der gewohnten Wörter der Muttersprache. Man kann annehmen, daß eine solche Zergliederung, die in Okulogrammen deutlich in Erscheinung tritt, der Aufgliederung einer Handlung in die enthaltenen offensichtlich einfachsten, die primären Operationen entspricht.[79]

Die Bestimmung der tätigkeitsbildenden Einheiten ist für die Lösung einer Reihe grundlegender Probleme von erstrangiger Bedeutung. Eines davon ist das von mir bereits erwähnte Problem der Vereinigung von ihrer Form nach äußeren und inneren Tätigkeitsprozessen. Das Prinzip oder das Gesetz dieser Vereinigung besteht darin, daß sie stets genau den "Nähten" der beschriebenen Struktur folgt.

Es gibt einzelne Tätigkeiten, die im wesentlichen sämtlich innere Tätigkeiten sind. Zum Beispiel kann das die gnoseologische Tätigkeit sein. Häufiger ist es so, daß die innere Tätigkeit, die dem gnoseologischen Motiv entspricht, im wesentlichen durch ihrer Form nach äußere Prozesse realisiert wird. Dies können entweder Handlungen oder äußerlich-motorische Operationen sein, jedoch niemals deren einzelne Elemente. Das gleiche gilt auch für die äußere Tätigkeit: Einige Handlungen und Operationen, die die äußere Tätigkeit realisieren, können die Form innerer, geistiger Prozesse haben, aber wiederum eben auch nur entweder als Handlungen oder als Operationen - in ihrer Ganzheitlichkeit, ihrer Unteilbarkeit. Die Grundlage für diesen Tatbestand liegt in der Natur des Interiorisations- und des Exteriorisationsprozesses selbst, ist doch eine Umwandlung der einzelnen Tätigkeits-"Splitter" überhaupt unmöglich. ||110| Dies würde nicht Transformation, sondern Destruktion der Tätigkeit bedeuten.

Eine Tätigkeitsanalyse beschränkt sich nicht auf das Bestimmen von Handlungen und Operationen. Hinter der Tätigkeit und den sie regulierenden psychischen Abbildern eröffnet sich die großartige physiologische Hirntätigkeit. Diese These bedarf an und für sich keines Beweises. Das Problem besteht jedoch darin, jene tatsächlichen Beziehungen zu ermitteln, die die Tätigkeit des Subjekts, die durch die psychische Widerspiegelung vermittelt ist, und die physiologischen Gehirnprozesse miteinander verbinden.

Die Wechselbeziehung von Psychischem und Physiologischem wird in zahlreichen psychologischen Arbeiten untersucht. In Zusammenhang mit der Lehre von der höheren Nerventätigkeit wird sie theoretisch sehr ausführlich von Rubinstein beleuchtet, der den Gedanken entwickelte, daß Psychologisches und Physiologisches ein und dasselbe sind, und zwar reflektorische widerspiegelnde Tätigkeit, die jedoch in verschiedenen Beziehungen betrachtet wird, und daß ihre psychologische Erforschung die logische Fortsetzung ihrer physiologischen Erforschung darstellt.[80] Eine Betrachtung dieser sowie der von anderen Autoren aufgestellten Thesen führt uns jedoch aus dem vorgesehenen Untersuchungsgebiet hinaus. Daher möchte ich mich hier unter Wiederholung einiger der von ihnen geäußerten Thesen nur auf die Frage nach der Stellung der physiologischen Funktionen in der Struktur der gegenständlichen Tätigkeit des Menschen beschränken.

Ich möchte daran erinnern, daß sich die frühere, die subjektivempirische Psychologie auf die Behauptung des Parallelismus von psychischen und physiologischen Erscheinungen beschränkte. Auf dieser Basis entstand auch jene seltsame Theorie von den "psychischen Schatten", eine Theorie, die - in allen Varianten im Grunde eine Absage an die Lösung des Problems bedeutete. Mit gewissen Vorbehalten gilt dies auch für die anschließenden theoretischen Versuche, den Zusammenhang von Psychischem und Physiologischem, gestützt auf die Idee von ihrer gegenseitigen ||111| Entsprechung und die Interpretation dieser psychischen und physiologischen Strukturen, mit Hilfe von logischen Modellen zu beschreiben.[81]

Die andere Alternative besteht darin, von einem direkten Vergleich des Psychischen mit dem Physiologischen abzusehen und die Tätigkeitsanalyse auf die physiologischen Ebenen auszudehnen. Dazu muß man jedoch den Standpunkt überwinden, daß Psychologie und Physiologie einander gegenüberstehen und verschiedene "Dinge" untersuchen.

Wenn auch die Hirnfunktionen und -mechanismen unbestreitbar Gegenstand der Physiologie sind, folgt hieraus durchaus nicht, daß diese Funktionen und Mechanismen gänzlich außerhalb der psychologischen Untersuchung bleiben.

Diese bequeme Formel würde vor physiologischem Reduktionismus bewahren, zugleich aber zu einer noch ärgeren Sünde führen - zur Isolierung des Psychischen von der Arbeit des Gehirns. Die tatsächlichen Beziehungen, die Psychologie und Physiologie miteinander verbinden, ähneln eher den Beziehungen zwischen der Physiologie und der Biochemie: Der Fortschritt in der Physiologie führt notwendig zu einer Vertiefung der physiologischen Analyse bis zur Ebene der biochemischen Prozesse; andererseits führt nur die Entwicklung der Physiologie (umfassender - der Biologie) zu jener besonderen Problematik, die das spezifische Gebiet der Biochemie bildet.

Wenn man diese - natürlich völlig relative - Analogie fortsetzt, kann man sagen, daß auch die psychophysiologische (die höhere physiologische) Problematik durch die Entwicklung des psychologischen Wissens erzeugt wird, daß sogar ein für die Physiologie so grundlegender Begriff wie der Begriff der bedingten Reflexe in, wie Pawlow sie zuerst nannte, "psychischen" Versuchen geboren wurde. Später äußerte sich Pawlow bekanntlich in dem Sinne, daß die Psychologie in ihrer etappenweisen Annäherung "die allgemeinen Konstruktionen der psychischen Bildungen erläutert, die Physiologie sich jedoch auf ||112| ihrer Etappe darum bemüht, die Aufgabe weiter voranzutreiben - sie als besondere Wechselwirkung physiologischer Erscheinungen zu verstehen"[82]. Somit bewegt sich die Forschung nicht von der Physiologie zur Psychologie, sondern von der Psychologie zur Physiologie. Pawlow schrieb: "Vor allem ist es wichtig, psychologisch zu verstehen und dann bereits in die Sprache der Physiologie zu übersetzen."[83]

Der wichtigste Umstand besteht darin, daß der Übergang von der Analyse der Tätigkeit zur Analyse ihrer psychophysiologischen Mechanismen den realen Übergängen zwischen ihnen entspricht. Jetzt können wir an die Hirnmechanismen (an die psychophysiologischen Gehirnmechanismen) schon nicht mehr anders als an das Entwicklungsprodukt der gegenständlichen Tätigkeit selbst herangehen. Man muß jedoch berücksichtigen, daß diese Mechanismen in der Phylogenese und unter den Bedingungen der ontogenetischen (besonders der funktionalen) Entwicklung auf unterschiedliche Weise herausgebildet werden und dementsprechend nicht auf gleiche Weise fungieren.

Die phylogenetisch entstandenen Mechanismen bilden die fertigen Voraussetzungen für die Tätigkeit und die psychische Widerspiegelung. Zum Beispiel sind die Prozesse der optischen Wahrnehmung in den Besonderheiten des Aufbaus des menschlichen visuellen Systems gleichsam vorgeschrieben, jedoch nur in virtueller Form, als ihre Möglichkeit. Dies befreit jedoch die psychologische Erforschung der Wahrnehmung nicht davon, in diese Besonderheiten einzudringen. Es ist so, daß wir über die Wahrnehmung überhaupt nichts sagen können, ohne diese Besonderheiten zu beachten. Eine andere Frage ist es, ob wir diese morphophysiologischen Besonderheiten zu einem selbständigen Untersuchungsgegenstand machen oder ihr Funktionieren in der Struktur der Handlungen und Operationen untersuchen. Der Unterschied zwischen diesen Konzeptionen wird deutlich, sobald wir die Untersuchungsdaten, sagen wir die der Dauer der visuellen Nachbilder und die Untersuchungsdaten ||113| der postexpositionalen Integration von sensorischen visuellen Elementen bei der Lösung unterschiedlicher Perzeptionsaufgaben vergleichen.

Etwas anders verhält es sich, wenn die Herausbildung der Gehirnmechanismen unter den Bedingungen der funktionalen Entwicklung erfolgt. Hierbei treten die Mechanismen als sozusagen vor unseren Augen entstehende "bewegliche physiologische Organe" (Uchtomski), als "funktionale Systeme" (Anochin) auf.

Beim Menschen erfolgt die Herausbildung seiner spezifischen funktionalen Systeme dadurch, daß er die Werkzeuge (die Mittel) und Operationen meistert. Diese Systeme sind nichts anderes als im Gehirn eingeprägte, verstofflichte äußerlichmotorische und geistige - zum Beispiel logische - Operationen. Aber das ist nicht ein einfacher "Abdruck", sondern eher ihre physiologische Umschreibung. Damit diese Umschreibung gelesen werden kann, muß man bereits eine andere Sprache verwenden, andere Einheiten. Diese Einheiten sind die Hirnfunktionen, ihre Ensembles - die funktional-physiologischen Systeme.

Das Einbeziehen der Tätigkeit der Ebene der (psychophysiologischen) Hirnfunktionen in die Untersuchung erlaubt es, sehr wichtige Realitäten zu erfassen, mit deren Untersuchung auch eigentlich die Entwicklung der experimentellen Psychologie ihren Anfang nahm. Zwar waren die ersten Arbeiten, die, wie man damals sagte, den "psychischen Funktionen" - der sensorischen, der mnemischen, der selektiven und der tonischen - gewidmet waren, trotz der Bedeutung ihres konkreten Beitrags theoretisch ohne Perspektive; aber das war deshalb der Fall, weil diese Funktionen abstrahiert von der von ihnen realisierten Tätigkeit des Subjekts, das heißt als Erscheinungsform bestimmter Fähigkeiten - der Fähigkeiten der Seele oder des Gehirns - untersucht wurden. Im Grunde wurden sie in beiden Fällen nicht als etwas betrachtet, das durch die Tätigkeit erzeugt wurde, sondern als das, das diese erzeugt.

Übrigens wurde die Veränderlichkeit des konkreten Ausdrucks der psychophysiologischen Funktionen in Abhängigkeit vom Inhalt der Tätigkeit des Subjekts schon sehr bald festgestellt. Die ||114| wissenschaftliche Aufgabe besteht jedoch nicht darin, diese Abhängigkeit zu konstatieren (was bereits in zahlreichen Arbeiten von Psychologen und Physiologen erfolgte), sondern darin, jene Verwandlungen der Tätigkeit zu untersuchen, die zu einer Umgestaltung der Ensembles der psychophysiologischen Gehirnfunktionen führen.

Die Bedeutung der psychophysiologischen Untersuchungen besteht darin, daß sie es gestatten, jene Bedingungen und Reihenfolgen der Herausbildung der Tätigkeitsprozesse aufzuklären, die zu ihrer Realisierung die Umgestaltung oder die Bildung neuer Ensembles von psychophysiologischen Funktionen, von neuen funktionalen Hirnsystemen erforderlich machen. Das einfachste Beispiel ist hier die Ausbildung und Verfestigung von Operationen. Natürlich wird die Entstehung einer Operation durch die vorliegenden Bedingungen, die Mittel und Verfahren der Handlung bestimmt, welche sich entwickeln oder von außen angeeignet werden; jedoch die Vereinigung der elementaren Glieder, aus denen die Operationen bestehen, ihre "Verdichtung" und ihre Übertragung auf tieferliegende neurologische Ebenen erfolgt nach physiologischen Gesetzen, mit denen zu rechnen die Psychologie natürlich nicht umhin kann. Sogar beim Lehren von zum Beispiel äußerlich-motorischen oder geistigen Fertigkeiten stützen wir uns stets intuitiv auf empirisch entstandene Vorstellungen von den mnemischen Funktionen. des Gehirns ("die Wiederholung ist die Mutter des Lernens"), und uns scheint es nur so, daß das normale Gehirn psychologisch stumm ist.

Etwas anderes ist es, wenn die Untersuchung eine exakte Qualifizierung der zu untersuchenden Tätigkeitsprozesse verlangt, besonders einer Tätigkeit, die unter den Bedingungen des Zeitdefizits, der erhöhten Anforderungen an Genauigkeit, an Selektivität und anderes mehr verläuft. In diesem Fall schließt die Untersuchung der Tätigkeit unvermeidlich als spezielle Aufgabe ihre Analyse auf psychophysiologischer Ebene ein.

Die Aufgabe, die Tätigkeit in ihre Elemente zu zerlegen, ihre Zeitcharakteristika und die Arbeitsbreite der einzelnen rezipierende Apparate und der "Ausgangs"-Apparate zu bestimmen, wurde wohl am schärfsten in der Ingenieurpsychologie gestellt. ||115|

Es wurde der Begriff Elementaroperation eingeführt, jedoch in einem völlig anderen, nicht psychologischen, sondern sozusagen logisch-technischen Sinn, was durch das Bedürfnis diktiert war, die Methode der Analyse von Maschinenprozessen auf die Prozesse desjenigen Menschen auszudehnen, der an der Arbeit der Maschine beteiligt ist. Jedoch führte eine derartige Aufgliederung der Tätigkeit, um sie formal zu beschreiben und um Methoden der Informationstheorie einsetzen zu können, dazu, daß die Hauptkomponenten der Tätigkeit völlig aus dem Gesichtskreis der Untersuchung herausfielen und die Tätigkeit sozusagen entmenschlicht wurde. Gleichzeitig durfte man nicht auf eine Untersuchung verzichten, die über die Analyse der Gesamtstruktur der Tätigkeit hinausging. So entstand eine eigenartige Kontroverse: Einerseits wird die weitere Aufgliederung der Einheiten im gegebenen Analysensystem beschränkt durch den Umstand, daß sich die Bestimmung der Tätigkeits-"Einheiten" auf Unterschiede der Tätigkeiten in ihren Zusammenhängen mit der Welt stützt, mit der das Individuum gesellschaftliche Beziehungen eingeht, darauf, was die Tätigkeit mit ihren Zielen und gegenständlichen Bedingungen stimuliert. Andererseits ergab sich die dringende Aufgabe, die intrazerebralen Prozesse zu untersuchen, was eine weitere Zergliederung dieser Einheiten erforderlich machte.

In diesem Zusammenhang ist in den letzten Jahren die Idee einer "Mikrostruktur"-Analyse der Tätigkeit formuliert worden, deren Aufgabe darin besteht, das genetische (psychologische) und das quantitative Herangehen (Informationskonzeption) an die Tätigkeit zu vereinigen.[84] Es wurde die Einführung des Begriffs "Funktionsblöcke", der direkten Verbindung und der Rückkopplungen zwischen ihnen gefordert, welche die Struktur der Prozesse bilden, die physiologisch die Tätigkeit realisieren. Dabei wird vorausgesetzt, daß diese Struktur insgesamt der Makrostruktur der Tätigkeit entspricht und daß die Bestimmung der einzelnen "Funktionsblöcke" eine Vertiefung der Analyse ermöglicht, indem sie in kleineren Einheiten fortgesetzt ||116| wird. Hier ergibt sich für uns jedoch die komplizierte theoretische Aufgabe, diejenigen Beziehungen zu erfassen, die die intrazerebralen Strukturen und die Strukturen der von ihnen realisierten Tätigkeit miteinander verbinden. Eine Weiterentwicklung der Mikroanalyse der Tätigkeit macht diese Aufgabe notwendig. Stützt sich doch bereits die Untersuchung zum Beispiel der Rückkopplung der angeregten Elemente der Netzhaut des Auges und der Gehirnstrukturen, die für den Aufbau der primären visuellen Abbilder verantwortlich sind, auf die Registrierung von Erscheinungen, die erst durch die nachfolgende Verarbeitung dieser primären Abbilder in solchen hypothetischen "semantischen Blöcken" entstehen, deren Funktion durch ein System von Beziehungen bestimmt wird, die ihrer eigentlichen Natur nach extrazerebral und folglich nicht physiologisch sind.

Ihrem Vermittlungscharakter nach sind die Übergänge, um die es hier geht, mit jenen Übergängen vergleichbar, die Produktionstechnik und Produktion verbinden. Natürlich wird die Produktion mit Hilfe von Werkzeugen und Maschinen realisiert, und in diesem Sinne ist die Produktion eine Folge von deren Funktionieren; jedoch werden Werkzeuge und Maschinen durch die Produktion selbst erzeugt, die bereits keine technische Kategorie mehr ist, sondern eine gesellschaftsökonomische.

Ich habe mir diesen Vergleich nur erlaubt, um den Gedanken hervorzuheben, daß die Analyse der Tätigkeit auf psychophysiologischer Ebene zwar die Möglichkeit eröffnet, die feinen Indikatoren, die Sprache der Kybernetik und die Methoden der Informationstheorie adäquat zu nutzen, daß sie aber gleichzeitig unvermeidlich von ihrer Determination als System abstrahiert, das durch die Beziehungen des Lebens erzeugt wird. Oder einfach gesagt: Die gegenständliche Tätigkeit wird ebensowenig wie die psychischen Abbilder durch das Gehirn produziert, sondern sie ist dessen Funktion, die in der Realisierung dieser Abbilder vermittels der Organe des körperlichen Subjekts besteht.

Die Untersuchung der Struktur der interzerebralen Prozesse, ihrer Blöcke oder Konstellationen setzt, wie bereits gesagt ||117| wurde, eine weitere Aufgliederung der Tätigkeit und ihrer Momente voraus. Eine derartige Aufgliederung ist nicht nur möglich, sondern oft auch notwendig. Man muß sich nur darüber im klaren sein, daß sie die Untersuchung der Tätigkeit auf eine besondere Ebene überführt - auf die Ebene der Untersuchung der Übergänge von den Einheiten der Tätigkeit (den Handlungen, den Operationen) zu den Einheiten der Hirnprozesse, welche diese realisieren. Ich möchte besonders hervorheben, daß es gerade um die Untersuchung der Übergänge geht. Das unterscheidet auch die sogenannte Mikrostrukturanalyse der gegenständlichen Tätigkeit von der Untersuchung der höheren Nerventätigkeit in den Begriffen der physiologischen Hirnprozesse und ihrer Neuronenmechanismen. Die Daten der Mikrostrukturanalyse können nur mit den entsprechenden psychologischen Erscheinungen verglichen werden.

Andererseits führt die Untersuchung der tätigkeitsrealisierenden interzerebralen Prozesse zur Entmystifizierung des Begriffs "psychische Funktionen" in seiner früheren, klassischen Bedeutung als Bündel von Fähigkeiten. Es wird offensichtlich, daß dies Erscheinungsformen allgemeiner funktionaler physiologischer (psychophysiologischer) Eigenschaften sind, die einzeln überhaupt nicht existieren. Man kann sich zum Beispiel die mnemische Funktion nicht losgelöst von der sensorischen vorstellen und umgekehrt. Mit anderen Worten, nur physiologische Funktionssysteme verwirklichen perzeptive, mnemische und motorische sowie andere Operationen. Aber, ich wiederhole nochmals, die Operationen können nicht auf diese physiologischen Systeme reduziert werden. Die Operationen sind stets objektiv-gegenständlichen, das heißt extrazerebralen Beziehungen untergeordnet.

Auf einem anderen sehr wichtigen und bereits von Wygotski skizzierten Weg analysieren die Neuropsychologie und die Pathopsychologie vom Gehirn her die Struktur der Tätigkeit. Ihre allgemeinpsychologische Bedeutung besteht darin, daß sie es ermöglichen, Zerfallsprozesse der Tätigkeit zu erkennen, die vom Ausfallen einzelner Abschnitte des Gehirns oder vom Charakter jener allgemeinen Funktionsstörungen abhängen, die in Geisteskrankheiten zum Ausdruck kommen. ||118|

Ich möchte nur auf einige Ergebnisse in der Neuropsychologie hinweisen.

Im Unterschied zu den naiven psychomorphologischen Vorstellungen, nach denen äußerlich psychologische Prozesse eindeutig mit dem Funktionieren einzelner Hirnzentren (Sprechzentrum, Schreibzentrum, Zentrum des begrifflichen Denkens usw.) zusammenhängen, haben die neuropsychologischen Untersuchungen gezeigt, daß diese komplizierten, ihrer Entstehung nach gesellschaftshistorischen und zu Lebzeiten herausgebildeten Prozesse eine dynamische Lokalisierung, eine Systemlokalisierung aufweisen. Durch vergleichende Analyse des umfangreichen Materials aus Experimenten an Patienten mit unterschiedlich lokalisierten herdförmigen Gehirnläsionen ergibt sich ein Bild dessen, wie die morphologisch verschiedenen "Komponenten" der menschlichen Tätigkeit "geprägt" werden.[85]

Damit gibt die Neuropsychologie ihrerseits - das heißt seitens der Gehirnstrukturen - die Möglichkeit, in die "Vollzugsmechanismen" der Tätigkeit vorzudringen.

Eine Analyse der zur Störung von Prozessen führenden Ausfälle einzelner Gehirnsegmente eröffnet auch die Möglichkeit, die besonderen Bedingungen ihrer funktionalen Entwicklung bei ihrer Wiederherstellung zu untersuchen. Vor allem gilt dies für die Wiederherstellung von äußeren und von geistigen Handlungen, deren Ausführung dem Patienten dadurch unmöglich geworden ist, daß durch eine herdförmige Läsion eines der Glieder der sie realisierenden Operation ausgeschaltet worden war. Um den zuvor sorgfältig identifizierten Defekt des Patienten zu umgehen, projektiert der Forscher einen neuen Komplex von Operationen, durch den die entsprechende Handlung ausgeführt werden kann. Dann bildet er bei dem Patienten diesen Komplex aktiv heraus, in welchem das lädierte Glied nicht enthalten ist, dafür jedoch solche Glieder, die in normalen Fällen überflüssig sind oder sogar fehlen. Über die allgemeinpsychologische Bedeutung dieser Forschungsrichtung braucht nicht gesprochen zu werden, sie ist offensichtlich. ||119|

Natürlich werfen die neuropsychologischen Untersuchungen ebenso wie die psychophysiologischen Untersuchungen die Frage nach dem Übergang von den extrazerebralen Beziehungen zu den intrazerebralen auf. Wie ich bereits sagte, kann dieses Problem nicht durch einen direkten Vergleich gelöst werden. Seine Lösung besteht in der Analyse der Bewegung des Systems der gegenständlichen Tätigkeit insgesamt, zu der auch das Funktionieren des körperlichen Subjekts - seines Gehirns, seiner Wahrnehmungs- und seiner Bewegungsorgane - gehört. Die Gesetze, nach denen sie funktionieren, treten nur in Erscheinung, wenn wir zur Untersuchung der von ihnen realisierten gegenständlichen Handlungen oder Abbilder selbst übergehen, deren Analyse nur bei der Untersuchung der menschlichen Tätigkeit, auf der psychologischen Ebene möglich ist.

Nicht anders ist es auch beim Übergang von der psychologischen Untersuchungsebene zur eigentlich sozialen Ebene. Erst hier erfolgt dieser Übergang zu neuen, das heißt sozialen Gesetzen als Übergang von der Untersuchung von Prozessen, die die Beziehungen der Individuen realisieren, zur Untersuchung von Beziehungen, die durch ihre gemeinsame Tätigkeit in der Gesellschaft realisiert werden, deren Entwicklung objektivhistorischen Gesetzen folgt.

Damit ist eine Systemanalyse der menschlichen Tätigkeit notwendigerweise auch eine Analyse hinsichtlich unterschiedlicher Tätigkeitsebenen. Gerade eine solche Analyse erlaubt es auch, die Gegenüberstellung von Physischem, Psychischem und Sozialem ebenso zu überwinden wie die Reduktion des einen auf das andere. ||120|


[48] Vgl. Marx/Engels: Werke, Band 3, S. 5.

[49] Vgl. Usnadse, D. N.: Psychologische Untersuchungen. Moskau 1966, S. 158 (russ.).

[50] Rubinstein. S. L.: Sein und Bewußtsein. Berlin 1970, S. 162.

[51] White, L.: The Science of Culture. New York 1949.

[52] Sein Hinweis darauf, daß die Gesellschaft auf der Basis der Eigentumsbeziehungen organisiert ist, diente mitunter als Anlaß, White gleichsam zu den Anhängern des historischen Materialismus zu zählen; und tatsächlich behauptet einer seiner Apologeten, daß der historische Materialismus bei ihm nicht von Marx ausgehe, sondern vom "gesunden Menschenverstand", von der Idee des "business of living". - H. Barnes, Outstanding contributions to Antropology, Culture, Culturology and cultural evolution. New York 1960.

[53] White, L.: Ebenda, S. 181.

[54] Lange, N. N.: Psychologische Untersuchungen. Odessa 1893 (russ.).

[55] Vgl. Bernstein, N. A.: Die Physiologie der Bewegung. In: Konradi, G. P., Slonim, A. D., Farfel, W. S.: Physiologie der Arbeit. Moskau 1934; Bernstein, N. A.: Über den Aufbau der Bewegungen. Moskau 1947 (beide russ.).

[56] Vgl. Marx/Engels: Werke, Band 3, S. 26.

[57] Marx/Engels: Werke, Band 13, S. 621.

[58] Vgl. Marx/Engels: Werke, Band 3, S. 21.

[59] Vgl. Leontjew, A. N.: Probleme der Entwicklung des Psychischen. Berlin 1975.

[60] Setschenow, I. M.: Ausgewählte Werke, Band 1, Moskau 1952, S. 581 (russ.).

[61] Allport, G.: Pattern and Growth in Personality. New York 1961.

[62] Vgl. Marx/Engels: Werke, Band 13. S. 622-626.

[63] Lewin, K.: A Dynamic Theory of Personality. New York 1935.

[64] Vgl. Rubinstein, S. L.: Probleme der Psychologie in den Arbeiten von Karl Marx. "Sowjetskaja psichotechnika", 1934, Nr. 7.

[65] Rubinstein, S. L.: Prinzipien und Wege der Entwicklung der Psychologie. Berlin 1969. S. 36.

[66] Setschenow, I. M.: Ausgewählte Werke, Band 1, Moskau 1952, S. 209 (russ.).

[67] Watson, I. B.: The ways of behaviorism. New York 1928.

[68] Piaget, J.: Die Rolle der Handlung bei der Herausbildung des Denkens. "Woprossy psichologii", 1965, Nr. 6, S. 33.

[69] Vgl. Piaget, J.: Ausgewählte psychologische Arbeiten. Moskau 1969 (russ.).

[70] Vgl. Galperin, P. J.: Die Entwicklung der Untersuchungen zur Herausbildung geistiger Handlungen. "Die psychologische Wissenschaft in der UdSSR", Moskau 1959, S. 441-469 (russ.).

[71] Vgl. Wygotski, L. S.: Die Entwicklung der höheren psychischen Funktionen. Moskau 1960. S. 198-199 (russ.).

[72] Wygotski, L. S.: Ausgewählte psychologische Werke. Moskau 1956, S. 54 (russ.).

[73] Marx/Engels: Werke, Band 3, S. 246.

[74] Vgl. Leontjew, A. N.: Abriß der Entwicklung des Psychischen, Moskau 1947 (russ.).

[75] Eine solche enge Interpretation des Motivs als desjenigen (stofflichen oder ideellen) Gegenstands, der die Tätigkeit initiiert und auf sich richtet, unterscheidet sich von der allgemein üblichen; aber hier ist nicht der Ort für eine Polemik zu dieser Frage.

[76] Marx/Engels: Werke, Band 23, S. 193.

[77] Hegel, G. W. F.: Werke, Band 12, Stuttgart 1937, S. 297.

[78] Vgl. Leontjew, A. N.: Die Automatisierung und der Mensch. "Psichologitscheskie issledowanija", Band 2, Moskau 1970, S. 8-9.

[79] Vgl. Gippenreiter, J. B., Pik, G. L.: Das ontokinetische Fixationsnistagma als Indikator für die Beteiligung des Sehens an den Bewegungen. In: "Untersuchung der optischen Tätigkeit des Menschen", Moskau 1973 (russ.); Gippenreiter, J. B., Romanow, W. J., Samsonow, I. S.: Methoden der Bestimmung von Tätigkeitseinheiten. In: "Wahrnehmung und Tätigkeit", Moskau 1975 (russ.).

[80] Vgl. Rubinstein, S. L.: Sein und Bewußtsein. Berlin 1960, S. 161.

[81] Vgl. zum Beispiel Piaget, J.: Der Charakter der Erklärung in der Psychologie und der psychophysiologische Parallelismus. In: Experimentelle Psychologie. Unter der Redaktion von Fraisse, P., und Piaget, J., Band 1 und 2, Moskau 1966 (russ.).

[82] Pawlow, I. P.: Pawlowskie sredy. Band 1, Moskau 1934, S. 249-250 (russ.).

[83] Pawlow, I. P.: Pawlowskie klinitscheskie sredy. Band 1, Moskau-Leningrad 1954, S. 275 (russ.).

[84] Vgl. Sintschenko, W. P.: Über die Mikrostrukturmethode der Untersuchung der Erkenntnistätigkeit. In: Ergonomika, Band 3, Moskau 1972.

[85] Vgl. Lurija A. R.: Die höheren kortikalen Funktionen des Menschen. M oskau 1969 (russ.); Zwetkowa, L. S.: Restaurierendes Lehren bei lokalen Gehirnläsionen. Moskau 1972 (russ.).


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