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Kritische Psychologie |
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A. N. Leontjew (1982):Tätigkeit, Bewußtsein, PersönlichkeitErschienen in: Studien zur Kritischen Psychologie, Köln 1982
↑↑ Inhaltsübersicht/Download 5. Tätigkeit und Persönlichkeit5.1 Die Persönlichkeit als Gegenstand der psychologischen ForschungZur Überwindung des in der Psychologie herrschenden diadischen Schemas war vor allem jenes "Mittelglied" zu bestimmen, das die Verbindungen zwischen Subjekt und objektiver Realität vermittelt. Deshalb begannen wir bei der Analyse der Tätigkeit, bei der Analyse ihrer allgemeinen Struktur. Jedoch zeigte sich sofort, daß der Gegenstand der Tätigkeit ein notwendiger Bestandteil ihrer Bestimmung ist, daß die Tätigkeit ihrer Natur nach gegenständlich ist. Mit dem Begriff Subjekt der Tätigkeit ist es etwas anderes. Ursprünglich, das heißt vor der Klärung der wichtigsten Momente des Tätigkeitsprozesses, bleibt das Subjekt gleichsam außerhalb der Untersuchung. Es ist nur die Voraussetzung der Tätigkeit, ihre Bedingung. Erst die weitere Analyse der Bewegung der Tätigkeit und der von ihr erzeugten Formen der ||153| psychischen Widerspiegelung macht es notwendig, den Begriff konkretes Subjekt, Persönlichkeit als inneres Moment der Tätigkeit einzuführen. Die Kategorie Tätigkeit zeigt sich jetzt in ihrem ganzen Umfang, sie umfaßt nun beide Pole - Objekt und Subjekt. Die Untersuchung der Persönlichkeit als Tätigkeitsmoment und Tätigkeitsprodukt bildet ein spezielles, wenn auch kein gesondertes psychologisches Problem. Dieses Problem ist äußerst kompliziert. Ernste Schwierigkeiten ergeben sich bereits bei dem Versuch zu erklären, welche Realität in der wissenschaftlichen Psychologie mit dem Terminus "Persönlichkeit" beschrieben wird. Die Persönlichkeit ist nicht nur Gegenstand der Psychologie, sondern auch Gegenstand der philosophischen, der gesellschaftshistorischen Erkenntnis; schließlich ist die Persönlichkeit auf einer bestimmten Ebene der Analyse in bezug auf ihre natürlichen biologischen Besonderheiten Gegenstand der Anthropologie, der Somatologie und der Genetik. Intuitiv wissen wir recht gut, worin hier die Unterschiede bestehen. Trotzdem werden in den psychologischen Persönlichkeitstheorien diese Konzeptionen ständig grob vermischt und einander ungerechtfertigt gegenübergestellt. Nur wenige allgemeine Thesen über die Persönlichkeit werden - auch dies mit verschiedenen Vorbehalten - von allen Autoren akzeptiert. Eine davon besagt, daß die Persönlichkeit eine unwiederholbare Einheit, eine Ganzheitlichkeit darstellt. Eine weitere These erkennt der Persönlichkeit die Rolle der höchsten integrierenden Instanz zu, die die psychischen Prozesse steuert (James bezeichnete die Persönlichkeit als "Herrn" der psychischen Funktionen, Allport als "Determinator des Verhaltens und der Gedanken"). Jedoch führten die Versuche einer weiteren Integrierung dieser Thesen in der Psychologie zu einer Reihe von falschen Auffassungen, die das Persönlichkeitsproblem mystifizierten. Vor allem ist es der Versuch, die "Persönlichkeitspsychologie" derjenigen Psychologie gegenüberzustellen, die die konkreten Prozesse (die psychischen Funktionen) untersucht. Einer der Versuche, diese Gegenüberstellung zu überwinden, besteht in ||154| der Forderung, die Persönlichkeit zum "Ausgangspunkt der Erklärung aller psychischen Erscheinungen" zu machen, zum "Zentrum, von dem aus allein die Probleme der Psychologie gelöst werden können". Damit würde die Notwendigkeit einer speziellen Abgrenzung Psychologie - Persönlichkeitspsychologie entfallen.[114] Dieser Forderung kann man jedoch nur zustimmen, wenn man sie als Ausdruck der Abstraktion von den konkreten Aufgaben und Methoden der psychologischen Untersuchung faßt. Ungeachtet der ganzen Überzeugungskraft des alten Aphorismus, daß "nicht das Denken denkt, sondern der Mensch", ist diese Forderung aus dem einfachen Grunde methodologisch naiv, weil sich das Subjekt vor Beginn der analytischen Untersuchung seiner höheren Lebensäußerungen unvermeidlich entweder als abstrakte, "nicht angefüllte" Ganzheit darstellt oder als metapsychologisches "Ich" (personne), welches über ursprünglich in ihm angelegte Dispositionen und Ziele verfügt Letzteres wird bekanntlich von allen personalistischen Theorien postuliert. Dabei ist es gleichgültig, ob die Persönlichkeit von biologisierenden, strukturalistischen Positionen als ein rein geistiges Element oder schließlich als "psychophysiologische Neutralität" betrachtet wird.[115] Übrigens wird mitunter die Forderung nach einer "Persönlichkeitskonzeption" in der Psychologie in dem Sinne verstanden, daß bei der Untersuchung der einzelnen psychologischen Prozesse die Aufmerksamkeit des Forschers vor allem auf die individuellen Merkmale konzentriert werden muß. Aber damit wird das Problem keineswegs gelöst, da wir a priori nicht beurteilen können, welche dieser Besonderheiten die Persönlichkeit charakterisieren und welche nicht. Gehören zur psychologischen ||155| Charakteristik der Persönlichkeit zum Beispiel die Reaktionsgeschwindigkeit eines Menschen, der Umfang seines Gedächtnisses oder die Fähigkeit, Schreibmaschine zu schreiben? Ein Verfahren, diese grundlegende Frage der psychologischen Theorie zu umgehen, besteht darin, unter dem Begriff Persönlichkeit den Menschen in seiner empirischen Totalität zu verstehen. Auf diese Weise wird die Persönlichkeitspsychologie zu einer Anthropologie besonderer Art, die alles einschließt - von der Untersuchung der Merkmale der Stoffwechselprozesse bis zur Untersuchung der individuellen Unterschiede in den einzelnen psychischen Funktionen.[116] Natürlich ist ein komplexes Herangehen an den Menschen nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Die komplexe Untersuchung des Menschen ("des menschlichen Faktors") hat jetzt erstrangige Bedeutung erlangt, aber gerade dieser Umstand macht das psychologische Problem der Persönlichkeit zu einem besonderen. Fehlt in einem Wissenssystem über ein totales Objekt eines seiner Wesensmerkmale, kann dieses Objekt nicht wirklich erfaßt werden. Das trifft auch auf die Untersuchung des Menschen zu. Seine psychologische Untersuchung als Persönlichkeit kann keineswegs durch einen Komplex miteinander zu vergleichender morphologischer, physiologischer und einzelner funktional-psychologischer Daten ersetzt werden. Die Persönlichkeit löst sich in ihnen auf und wird letztlich entweder auf biologische oder auf abstrakt-soziologische, kulturanthropologische Vorstellungen reduziert. Ein echter Stein des Anstoßes bleibt in der Untersuchung der Persönlichkeit bisher die Frage nach der Wechselbeziehung von allgemeiner Psychologie und differentieller Psychologie. Die Mehrzahl der Autoren wählt die differentialpsychologische Richtung. Begonnen von Galton und Spearman, beschränkte sich diese Richtung anfangs auf die Untersuchung geistiger Fähigkeiten, später erfaßte sie die Untersuchung der Persönlichkeit insgesamt. Bereits Spearman dehnte die Annahme von ||156| Faktoren auf die Merkmale des Willens und der Affektivität aus und stellte neben dem allgemeinen Faktor "g" den Faktor "s" auf.[117] Weitere Schritte wurden von Cattell unternommen, der ein mehrdimensionales und hierarchisches Faktorenmodell (Merkmalsmodell) der Persönlichkeit aufstellte, unter denen solche Faktoren wie emotionale Stabilität, Expansivität und Selbstbewußtsein untersucht werden.[118] Die von dieser Richtung entwickelte Untersuchungsmethode besteht bekanntlich in der Analyse der statistischen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Merkmalen der Persönlichkeit (ihren Eigenschaften, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen), welche durch Tests festgestellt werden. Die festgestellten korrelativen Beziehungen dienen auch als Grundlage für die Bestimmung der hypothetischen Faktoren und "Superfaktoren", die diese Zusammenhänge bedingen. Dies sind zum Beispiel die Faktoren der Introversion und des Neurotizismus; nach Eysenck bilden sie die Spitze der hierarchischen Faktorenstruktur, die von ihm mit dem psychologischen Persönlichkeitstyp identifiziert wird.[119] Auf diese Weise ersteht hinter dem Begriff Persönlichkeit etwas "Allgemeines", das durch die statistische Verarbeitung quantitativ ausgedrückter Merkmale bestimmt wird, welche ebenfalls nach statistischen Kriterien ausgewählt werden. Obgleich der Charakteristik dieses "Allgemeinen" empirische Daten zugrunde liegen, bleibt es dennoch im wesentlichen etwas Metapsychologisches, das keiner psychologischen Erklärung bedarf. Wenn Erklärungen versucht werden, so geschieht dies als Suche nach entsprechenden morphophysiologischen Korrelaten (Typen der höheren Nerventätigkeit nach Pawlow, Konstitutionstypen nach Kretschmer-Sheldon, Variablen nach Eysenck), was uns zu strukturalistischen Theorien zurückführt. Der für diese Richtung charakteristische Empirismus kann eigentlich auch nicht mehr geben. Die Untersuchung der Korrelationen und die Faktorenanalyse haben es mit Variationen von Merkmalen zu tun, welche nur bestimmt werden, soweit sie sich ||157| in meßbaren individuellen oder Gruppenunterschieden äußern. Die entsprechenden quantitativen Daten - ob sie sich auf die Reaktionsgeschwindigkeit, auf den Bau des Skeletts, die Besonderheiten der vegetativen Sphäre oder die Anzahl und den Charakter der Abbilder beziehen, die von den Probanden beim Betrachten von Tintenklecksen produziert werden - werden bearbeitet, ohne daß darauf Bezug genommen wird, in welcher Beziehung die gemessenen Merkmale zu jenen Besonderheiten stehen, die die wesentlichen Charakteristika der menschlichen Persönlichkeit sind. Dies bedeutet natürlich keineswegs, daß die Anwendung der Korrelationsmethode in der Persönlichkeitspsychologie überhaupt unmöglich ist. Aber die Korrelationsmethode der empirischen Statuierung von individuellen Eigenschaften an sich ist für die psychologische Untersuchung der Persönlichkeit noch unzureichend, da zur Bestimmung dieser Eigenschaften Grundlagen gehören, die nicht ihnen selbst entnommen werden können. Die Aufgabe, diese Grundlagen zu ermitteln, ergibt sich, sobald wir es ablehnen, die Persönlichkeit als eine Ganzheit zu begreifen, die alle Besonderheiten des Menschen erfaßt - "von den politischen und religiösen Ansichten bis hin zur Verdauung."[120] Aus der Tatsache der Multiplizität der Eigenschaften und Besonderheiten des Menschen folgt durchaus nicht, daß die psychologische Theorie der Persönlichkeit dieses global erfassen muß. Offenbart doch der Mensch als empirische Ganzheit seine Eigenschaften in allen Formen der Wechselbeziehungen, in die er einbezogen ist. Wenn er aus dem Fenster eines Hochhauses fällt, zeigt er natürlich Eigenschaften, die ihm als einem physikalischen Körper zukommen, der Masse besitzt, Volumen usw. Beim Aufprall auf das Straßenpflaster wird er verletzt oder getötet. Auch dabei äußern sich seine Eigenschaften, und zwar die seiner Morphologie. Niemand wird es jedoch deswegen einfallen, derartige Eigenschaften in die Persönlichkeitscharakteristik einzubeziehen, wie statistisch zuverlässig auch die Zusammenhänge ||158| zwischen dem Körpergewicht oder den individuellen Merkmalen des Skeletts und, sagen wir, dem Zahlengedächtnis sein mögen.[121] Wenn wir im täglichen Leben die Persönlichkeit eines Menschen charakterisieren, beziehen wir ohne Zögern solche Merkmale ein wie Willenskraft "starke Persönlichkeit"; "Mensch mit schwachem Charakter"), das Verhältnis zu den Mitmenschen ("wohlwollend", "gleichgültig") und anderes mehr, gewöhnlich aber nicht solche Merkmale wie den Schnitt der Augen oder die Fähigkeit, mit dem Rechenstab umzugehen. Wir tun dies, ohne irgendwelche begründeten Kriterien für die Unterscheidung von Persönlichkeitsmerkmalen und solchen, die nicht zu Persönlichkeitsmerkmalen gehören. Für die Auslese oder den Vergleich einzelner psychologischer und anderer Merkmale gibt es gar keine Kriterien. Es ist so, daß ein und dieselben Merkmale eines Menschen in unterschiedlicher Beziehung seiner Persönlichkeit stehen können. In dem einen Fall sind sie indifferent, im anderen sind sie Bestandteil der Charakteristik. Dieser Umstand macht besonders augenscheinlich, daß entgegen den weit verbreiteten Ansichten keine empirische differentielle Untersuchung in der Lage ist, das psychologische Persönlichkeitsproblem zu lösen. Die differentielle Untersuchung wird im Gegenteil selbst nur aufgrund einer allgemeinen psychologischen Theorie der Persönlichkeit möglich. Faktisch verbirgt sich nämlich hinter der differentiell-psychologischen Untersuchung der Persönlichkeit - ob mit Hilfe von Tests oder mit klinischen Methoden durchgeführt - stets eine mehr oder weniger klar ausgeprägte allgemeintheoretische Konzeption. Trotz scheinbarer Buntheit und sogar gegenseitiger Unvereinbarkeit gegenwärtiger psychologischer Persönlichkeitstheorien hält sich die Mehrheit von ihnen an das für die vormarxistische und nichtmarxistische Psychologie charakteristische dyadische Analysenschema, auf dessen Unhaltbarkeit ich bereits hingewiesen habe. Jetzt tritt dieses Schema in einem neuen Gewande ||159| auf - als die Theorie von den zwei Faktoren der Persönlichkeitsentwicklung: Vererbung und Umwelt. Welches Merkmal eines Menschen wir auch immer herausgreifen mögen, nach dieser Theorie wird es einerseits durch die Wirkung der Vererbung (durch die im Genotyp angelegten Instinkte, Neigungen, Fähigkeiten oder sogar durch apriorische Kategorien) und andererseits durch den Einfluß der Umwelt (der natürlichen und der sozialen - Sprache, Kultur, Unterricht usw.) erklärt. Vom gesunden Menschenverstand her erscheint eine andere Erklärung eigentlich auch nicht plausibel. Engels bemerkt scharfsinnig: "Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbacknen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt."[122] Die scheinbare Unüberwindlichkeit der Zweifaktorentheorie führt dazu, daß sich die Diskussionen hauptsächlich um die Frage nach der Bedeutung dieser beiden Faktoren entzünden. Die einen beharren darauf, daß die Hauptdeterminante die Vererbung ist und daß die Umwelt einschließlich der sozialen Einwirkungen lediglich die Art und Weise der Realisierung und die Erscheinungsformen jenes Programms bedingt, mit dem der Mensch geboren wird. Die anderen leiten die wichtigsten Merkmale der Persönlichkeit unmittelbar aus den Merkmalen der sozialen Umwelt ab, aus "soziokulturellen Mustern". Bei aller Unterschiedlichkeit des ideellen und politischen Sinns der geäußerten Ansichten wahren sie jedoch sämtlich die Position der zweifachen Determination der Persönlichkeit, denn das Ignorieren eines der beiden Faktoren würde bedeuten, gegen den empirisch beweisbaren Einfluß beider aufzutreten. Die Zweifaktorentheorie in dieser sozusagen entblößten Form würde keine Aufmerksamkeit verdienen, wenn man ihr nicht mitunter "dialektischen Charakter" zuschreiben würde. Der Mensch, so lesen wir in einem bereits zitierten Buch, ist die dialektische Einheit von Natürlichem und Gesellschaftlichem. "Alles in ihm ist abgeleitet von zwei Faktoren (dem sozialen und dem biologischen) und muß ihren Stempel tragen, nur den ||160| einen in größerem, den anderen in geringerem Maße, je nach dem Inhalt der psychischen Erscheinungen[122a] Die Betrachtung der Wechselbeziehung des biologischen und des sozialen Faktors als einer einfachen Konvergenz oder als das, was die Psyche des Menschen in nebeneinander existierende Endosphäre und Exosphäre teilt, hat komplizierteren Auffassungen Platz gemacht. Sie entstanden dadurch, daß sich die Analyse gleichsam umkehrte: Zum Hauptproblem wurde das Problem der inneren Struktur der Persönlichkeit selbst, die sie bildenden Ebenen, ihre Wechselbeziehungen. So entstand die Auffassung von der die Persönlichkeit charakterisierenden Wechselbeziehung von Bewußtem und Unbewußtem, die von Freud entwickelt wurde. Die von ihm angenommene "Libido" ist nicht nur bioenergetische Quelle der Aktivität, sondern auch eine besondere Instanz in der Persönlichkeit - "Es" (id), das dem "Ich" (ego) und dem "Über-Ich" (super-ego) gegenübersteht. Die genetischen und funktionalen Verbindungen zwischen diesen Instanzen, die vermittels spezieller Mechanismen (Verdrängung, Symbolisierung, Sublimierung, Zensur) realisiert werden, bilden die Persönlichkeitsstruktur. Eine Kritik des Freudismus, der Ansichten von Adler, Jung und ihrer heutigen Nachfolger ist hier nicht erforderlich. Es ist ganz offensichtlich, daß diese Ansichten die Zweifaktorentheorie nicht nur nicht überwinden, sondern sie im Gegenteil zuspitzen, indem sie die Auffassung von ihrer Konvergenz im Sinne von Stern oder Dewey in eine Position ihrer Konfrontation verwandeln. Eine andere Richtung bilden die kulturanthropologischen Konzeptionen, die von der inneren Struktur der Persönlichkeit ausgehen Sie knüpfen an ethnologische Daten, nach denen die wesentlichen psychologischen Merkmale durch Unterschiede der menschlichen Kultur und nicht der menschlichen Natur bestimmt werden. Demzufolge stellte das Persönlichkeitssystem nichts anderes dar als das individualisierte Kultursystem, in das der Mensch im Prozeß seiner "Akkulturation" einbezogen ||161| wird. Man muß sagen, daß hierbei eine Vielzahl von Beobachtungen angeführt wird, angefangen bei den bekannten Arbeiten von Mead, die zum Beispiel zeigte, daß selbst ein derart stabiles Phänomen wie die psychologische Krise im Jugendalter nicht durch den Beginn der Geschlechtsreife zu erklären ist, da in einigen Kulturen diese Krise nicht existiert.[123] Weitere Argumente werden auch aus Untersuchungen von Personen abgeleitet, die plötzlich in eine neue kulturelle Umgebung versetzt worden sind, und schließlich aus experimentellen Untersuchungen solcher spezieller Erscheinungen wie des Einflusses der in einer bestimmten Kultur überwiegenden Objekte auf die Dominanz der binokularen Sehfelder und anderes mehr.[124] Die Bedeutung kulturanthropologischer Interpretationen für die Psychologie ist jedoch trügerisch: Sie führen unausweichlich zum Antipsychologismus. Bereits in den vierziger Jahren wies Linton auf die hier entstehende Schwierigkeit hin, daß die Kultur real nur in ihrer konzeptualisierten Form als verallgemeinertes "Konstrukt" besteht. Ihre Träger sind natürlich die konkreten Menschen, jeder von ihnen eignet sie sich teilweise an. In ihnen wird sie personifiziert und individualisiert. Dabei bildet sie aber nicht das Persönliche im Menschen, sondern das, was im Gegenteil unpersönlich ist, wie zum Beispiel die gemeinsame Sprache, die Kenntnisse, die in dem jeweiligen sozialen Milieu verbreiteten Vorurteile, die Mode usw.[125] Daher ist für die Persönlichkeitspsychologie die Bedeutung des verallgemeinerten Begriffs (construct) Kultur, wie Allport es ausdrückt "trügerisch"[126] Den Psychologen interessiert das Individuum als Persönlichkeit, und die Persönlichkeit - das ist nicht einfach ein Splitter, eine Teilpersonifizierung der einen oder anderen Kultur. Die Kultur bildet, wenn sie auch in ihren Personifizierungen existiert, den Gegenstand der Geschichte, der Soziologie, aber nicht der Psychologie. ||162| In diesem Zusammenhang führen die kulturologischen Theorien die Unterscheidung zwischen der eigentlichen Persönlichkeit als des Produkts der individuellen Adaptation an die äußeren Situationen und ihrer allgemeinen "Basis" oder ihrem Archetyp ein, der beim Menschen von Kindheit an unter dem Einfluß von Wesenszügen zutagetritt, die der jeweiligen Rasse, der ethnischen Gruppe, der Nationalität und der sozialen Klasse eigen sind. Die Einführung dieser Unterscheidung führt jedoch nicht weiter, da die Bildung des Archetyps selbst der weiteren Erklärung bedarf und unterschiedliche Interpretationen, insbesondere psychoanalytische zuläßt. Dabei bleibt das allgemeine "Zweifaktorenschema" bestehen, wenn auch in etwas transformierter Form. Der Begriff Genotyp (Vererbung) wird jetzt durch die Einführung des Begriffs Basispersönlichkeit, Archetyp oder Primäreinstellung verkompliziert und der Begriff Umwelt durch die Einführung der Begriffe Situation und Rolle. Der letztere ist jetzt auch beinahe schon zu einem Zentralbegriff in der Sozialpsychologie der Persönlichkeit geworden. Einer weit verbreiteten Definition zufolge ist die "Rolle" ein Programm, das dem von einem Menschen erwarteten Verhalten entspricht, der in der Struktur einer sozialen Gruppe eine bestimmte Position einnimmt. Es ist die strukturierte Form seiner Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Die Persönlichkeit wird demnach als nichts anderes als ein System von angeeigneten (internalisierten) Rollen gesehen. In der sozialen Gruppe, die eine Familie bildet, ist dies die "Rolle" des Sohnes, des Vaters usw.; in der Arbeit - die "Rolle" zum Beispiel des Arztes oder Lehrers. In unbestimmten Situationen taucht die "Rolle" ebenfalls auf, nur treten in diesem Falle in der "Rolle" weitaus mehr Merkmale des Archetyps und der individuell erworbenen Erfahrungen zutage. Jeder von uns übernimmt natürlich soziale (zum Beispiel berufliche) Funktionen und in diesem Sinne "Rollen". Der Gedanke einer direkten Reduzierbarkeit der Persönlichkeit auf eine Gesamtheit von "Rollen", die der Mensch ausübt, ist jedoch trotz verschiedenartigster Einschränkungen der Anhänger dieser Auffassung einer der ungeheuerlichsten. Natürlich eignet sich das Kind an, wie es sich der Mutter gegenüber zu verhalten hat, daß es zum Beispiel ||163| gehorchen muß, und es gehorcht, kann man aber sagen daß es dabei die "Rolle" des Sohnes oder der Tochter spielt? Ebenso unsinnig ist es zum Beispiel, von der "Rolle" eines Polarforschers zu sprechen, wie sie etwa Nansen "akzeptiert" hat. Für ihn war das keine Rolle, sondern eine Mission. Mitunter spielt der Mensch tatsächlich die eine oder die andere "Rolle", sie bleibt aber dennoch für ihn nur eine "Rolle", unabhängig davon, wie weit sie verinnerlicht worden ist. Die "Rolle" ist nicht die Persönlichkeit, sondern eher eine Darstellung, hinter der sie sich verbirgt. Wenn wir die Terminologie von Janet verwenden, so korreliert der Begriff Rolle nicht mit dem Begriff Persönlichkeit (personnalite), sondern mit dem Begriff Person (personnage).[127] Die wichtigsten Einwände gegen die Rollentheorien kommen nicht aus der Kritik an der Stellung der "Rollen" in der Persönlichkeitsstruktur, sondern sind gegen die Idee selbst gerichtet, welche die Persönlichkeit mit einem vorprogrammierten Verhalten (Gunderson) verbindet, selbst wenn das Programm des Verhaltens Selbständerung der Persönlichkeit und die Schaffung von neuen Programmen und Nebenprogrammen vorsieht.[128] Was würden Sie sagen, fragt der zitierte Autor, wenn Sie erfahren würden, daß "sie" Ihnen gegenüber nur eine "Rolle" geschickt gespielt hat? Das Schicksal der Rollenkonzeption ist das gleiche wie das anderer "soziologischer", kulturanthropologischer Konzeptionen, die der Zweifaktorentheorie verhaftet bleiben: Um das Psychologische in der Persönlichkeit zu retten, ist sie gezwungen, an das Temperament und an die Fähigkeiten zu appellieren, die im Genotyp des Individuums angelegt sind. Wir kehren damit abermals zu dem Scheinproblem zurück, zu der Frage, ob Besonderheiten des menschlichen Genotyps oder die Einwirkungen der sozialen Umwelt die Hauptsache sind. Darüber hinaus warnt man uns vor der Gefahr jeder Einseitigkeit. Am ||164| besten sei es, bei der Lösung dieses Problems "das vernünftige Gleichgewicht" zu wahren.[129] Somit reduziert sich in Wirklichkeit die methodologische Weisheit dieser Konzeptionen auf die Formel des vulgären Eklektizismus: "sowohl das eine als auch das andere", "einerseits, andererseits". Von den Positionen dieser Superweisheit aus wird auch über die marxistischen Psychologen ein Urteil gefällt: Sie wären (zusammen mit den Verteidigern der Kulturologie !) schuld an der Unterschätzung des Inneren in der Persönlichkeit, ihrer "inneren Struktur".[130] Natürlich können Aussagen dieser Art nur infolge der sinnlosen Versuche entstehen, die marxistischen Ansichten über die Persönlichkeit Begriffssystemen zuzuordnen, die dem Marxismus zutiefst fremd sind. Es geht durchaus nicht darum zu konstatieren, daß der Mensch sowohl ein natürliches als auch ein gesellschaftliches Wesen ist. Diese unbestreitbare These weist nur auf die verschiedenen Systemeigenschaften des Menschen hin und sagt nichts über das Wesen seiner Persönlichkeit aus, darüber, wodurch diese hervorgebracht wird. Und gerade darin besteht eben auch die wissenschaftliche Aufgabe. Diese Aufgabe verlangt, die Persönlichkeit als eine psychologische Neubildung zu verstehen, die in den Lebensbeziehungen des Individuums infolge der Umgestaltung seiner Tätigkeit geformt wird. Aber dazu muß man die Vorstellung von der Persönlichkeit als einem Produkt der gemeinsamen Wirkung verschiedener Kräfte fallen lassen, von denen die eine wie in einem Sack "unter der Haut" des Menschen verborgen ist (was in diesen Sack auch immer hineingetan wurde) und die andere in der Umwelt liegt (wie wir diese Kraft auch immer interpretieren mögen - als das Einwirken von Stimulussituationen, kulturellen Mustern oder sozialen "Exspektationen"). Ist doch keinerlei Entwicklung direkt aus dem ableitbar, was nur ihre notwendigen Voraussetzungen bildet, ||165| wie detailliert wir sie auch immer beschreiben mögen. Die marxistische dialektische Methode fordert weiterzugehen und die Entwicklung als einen Prozeß der "Selbstbewegung" zu untersuchen, das heißt ihre inneren bewegenden Beziehungen, Widersprüche und wechselseitigen Übergänge zu analysieren, ihre Voraussetzungen als in ihr sich transformierende, als ihre eigentlichen Momente zu untersuchen.[131] Ein solches Vorgehen führt notwendigerweise zur Position vom gesellschaftshistorischen Wesen der Persönlichkeit. Demnach entsteht die Persönlichkeit zuerst in der Gesellschaft, der Mensch tritt nur als ein mit bestimmten natürlichen Eigenschaften und Fähigkeiten begabtes Individuum in die Geschichte ein (sobald das Kind in das Leben eintritt), und nur als Subjekt der gesellschaftlichen Beziehungen wird er zur Persönlichkeit. Mit anderen Worten, zum Unterschied vom Individuum ist die Persönlichkeit des Menschen in bezug auf seine Tätigkeit in keinerlei Hinsicht präexistent, ebenso wie sein Bewußtsein wird sie durch diese erzeugt. Die Untersuchung der Erzeugung und der Transformation der Persönlichkeit des Menschen in seiner Tätigkeit, die unter konkreten sozialen Bedingungen verläuft, ist auch der Schlüssel dafür, sie durch die Psychologie wirklich wissenschaftlich zu erfassen. 5.2. Individuum und PersönlichkeitBei der Untersuchung der besonderen Klasse der Lebensprozesse analysiert die wissenschaftliche Psychologie diese notwendig als Erscheinungsformen des Lebens des materiellen Subjekts. Ist ein einzelnes Subjekt gemeint (und nicht die Art, nicht die Gemeinschaft, nicht die Gesellschaft), sagen wir Einzelwesen oder, wenn wir auch seine Unterschiede zu den anderen Vertretern der Art betonen wollen, Individuum. Der Begriff "Individuum" drückt die Unteilbarkeit, die Ganzheitlichkeit und die Merkmale eines konkreten Subjekts aus, ||166| die bereits auf den frühen Entwicklungsstufen des Lebens entstehen. Das Individuum als Ganzheitlichkeit ist das Produkt einer biologischen Evolution, in deren Verlauf sich die Organe und Funktionen nicht nur differenzieren, sondern sich auch integrieren, aufeinander einspielen. Diese innere Abstimmung ist wohlbekannt. Darwin wies auf sie hin, und als korrelative Anpassung wurde sie von Cuvier, Plate, Osborn und anderen beschrieben. Die Funktion der sekundären korrelativen Veränderungen der Organismen, die die Ganzheitlichkeit ihrer Organisation bewirken, wurde besonders von Sewerzow in seiner "Korrelationshypothese" betont. Das Individuum ist vor allem, aber keineswegs nur eine genotypische Bildung. Seine Ausformung findet bekanntlich in der Ontogenese, im Leben ihre Fortsetzung. Daher gehören auch die Eigenschaften und ihre sich ontogenetisch herausbildenden Integrationen zur Charakteristik des Individuums. Es geht hier um die entstehenden "Verschmelzungen" von angeborenen und erworbenen Reaktionen, um die Veränderung des gegenständlichen Inhalts der Bedürfnisse, um die sich entwickelnden Verhaltensdominanten. Die allgemeinste Regel besagt: Je höher wir auf der Leiter der biologischen Evolution emporsteigen, je komplizierter die Lebensformen der Individuen und ihre Organisation werden, um so ausgeprägter werden die Unterschiede in ihren angeborenen und im Leben erworbenen Besonderheiten, da sich, wenn man das so ausdrücken darf, die Individuen individualisieren. Somit basiert der Begriff Individuum auf der Unteilbarkeit, der Ganzheitlichkeit des Subjekts und dem Vorhandensein charakteristischer Merkmale. Als Produkt der phylogenetischen und ontogenetischen Entwicklung unter bestimmten äußeren Bedingungen ist das Individuum jedoch durchaus keine einfache "Kopie" dieser Bedingungen, es ist eben das Produkt der Entwicklung des Lebens, der Wechselwirkung mit der Umwelt, und zwar nicht einer für sich genommenen Umwelt. Das alles ist wohlbekannt. Wenn ich dennoch mit dem Begriff Individuum begonnen habe, so nur, weil er in der Psychologie außerordentlich umfassend verwendet wird, in einer Bedeutung, die nicht zur Unterscheidung der Merkmale des Menschen als ||167| Individuum und seiner Merkmale als Persönlichkeit führt. Deren exakte Differenzierung jedoch und die ihr zugrunde liegende Differenzierung der Begriffe "Individuum" und "Persönlichkeit" bilden die notwendige Voraussetzung für die psychologische Analyse der Persönlichkeit. In unserem Sprachgebrauch widerspiegeln sich die Bedeutungsunterschiede dieser Begriffe gut: Das Wort Persönlichkeit wird von uns nur in bezug auf den Menschen verwendet und dabei nur von einer bestimmten Entwicklungsetappe an. Wir sprechen nicht von der "Persönlichkeit des Tieres" oder der "Persönlichkeit des Neugeborenen". Niemand hat jedoch Bedenken, von einem Tier und einem Neugeborenen als Individuen, von ihren individuellen Eigenschaften zu sprechen (zum Beispiel reizbar, ruhig, aggressiv). Wir sprechen ernsthaft nicht einmal von der Persönlichkeit eines zweijährigen Kindes, obgleich es nicht nur eigene genotypische Merkmale aufweist, sondern auch eine Vielzahl von unter der Einwirkung der sozialen Umgebung erworbenen Merkmalen. Übrigens spricht dieser Umstand ein weiteres Mal gegen die Interpretation der Persönlichkeit als eines Kreuzungsprodukts von biologischem und sozialem Faktor. Interessant ist schließlich, daß in der Psychopathologie Fälle von Persönlichkeitsspaltung beschrieben werden, und das ist durchaus keine bloße Metapher; kein pathologischer Prozeß kann jedoch zur Spaltung des Individuums führen: ein gespaltenes, "geteiltes" Individuum ist Unsinn, ist eine contradictio in terminis. Der Begriff Persönlichkeit drückt ebenso wie der Begriff Individuum die Ganzheitlichkeit des Lebenssubjekts aus; die Persönlichkeit besteht nicht aus Einzelteilchen, sie ist kein "Polypenstock". Die Persönlichkeit stellt ein ganzheitliches Gebilde besonderer Art dar. Die Persönlichkeit ist keine genotypisch bedingte Ganzheit. Als Persönlichkeit wird man nicht geboren, zur Persönlichkeit wird man. Deshalb sprechen wir auch nicht von der Persönlichkeit des Säuglings oder der Persönlichkeit des Kleinkindes, obgleich die Merkmale der Individualität auf den frühen Stufen der Ontogenese nicht weniger deutlich zutage treten als in den späteren Altersetappen. Die Persönlichkeit ist ein relativ spätes Produkt der gesellschaftshistorischen ||168| und ontogenetischen Entwicklung des Menschen. Darüber schrieb insbesondere auch Rubinstein.[132] Diese These kann jedoch unterschiedlich interpretiert werden. Eine ihrer möglichen Interpretationen ist folgende: Das, wenn man so sagen darf, neugeborene Individuum ist noch kein völlig "fertiges" Individuum. Zuerst sind seine zahlreichen Wesenszüge nur virtuell, als Möglichkeit gegeben. Ihre Ausformung wird im Laufe der ontogenetischen Entwicklung fortgesetzt, bis sich alle seine Merkmale entfaltet haben und eine relativ stabile Struktur bilden. Angeblich ist die Persönlichkeit auch Resultat des Reifungsprozesses genotypischer Merkmale unter dem Einfluß der sozialen Umwelt. Gerade diese Interpretation ist in der einen oder anderen Form für die Mehrheit der modernen Konzeptionen charakteristisch. Einer anderen Interpretation zufolge ist die Ausformung der Persönlichkeit ein Prozeß sui generis, der nicht direkt mit der im Leben sich vollziehenden Veränderung der natürlichen Eigenschaften des Individuums bei seiner Anpassung an die Außenwelt zusammenfällt. Der Mensch als natürliches Wesen ist ein Individuum, das eine bestimmte physische Konstitution, ein bestimmtes Nervensystem, Temperament, bestimmte dynamische Kräfte der biologischen Bedürfnisse und Affekte und viele andere Merkmale aufweist, die im Laufe der ontogenetischen Entwicklung teils entwickelt, teils unterdrückt werden, mit einem Wort, sich mannigfaltig verändern. Jedoch sind es nicht die Veränderungen dieser angeborenen Eigenschaften eines Menschen, die seine Persönlichkeit erzeugen. Die Persönlichkeit ist ein spezielles menschliches Gebilde, das ebensowenig wie seine menschlichen Bedürfnisse oder sein Bewußtsein aus seiner Anpassungstätigkeit abgeleitet werden kann. Ebenso wie das Bewußtsein des Menschen, wie seine Bedürfnisse (Marx sagt: Produktion des Bewußtseins, Produktion der Bedürfnisse) wird auch die Persönlichkeit des Menschen "produziert" - wird sie durch die gesellschaftlichen Beziehungen geschaffen, die das Individuum in seiner Tätigkeit ||169| eingeht. Der Umstand, daß dabei auch einige seiner Merkmale als Individuum transformiert, verändert werden, ist nicht die Ursache, sondern die Folge der Entwicklung seiner Persönlichkeit. Mit anderen Worten: Die Merkmale, die die eine Einheit (das Individuum) charakterisieren, gehen nicht einfach in die Merkmale der anderen Einheit, des anderen Gebildes (der Persönlichkeit) über, so daß die ersteren vernichtet werden. sie bleiben erhalten, aber eben als die Merkmale des Individuums werden die Merkmale der höheren Nerventätigkeit des Individuums nicht zu Merkmalen seiner Persönlichkeit und bestimmen sie nicht. Wenn auch das Funktionieren des Nervensystems natürlich die notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der Persönlichkeit ist, so ist doch ihr Typ keineswegs jenes "Skelett", auf dem sie "sich aufbaut". Die Stärke oder die Schwäche der Nervenprozesse, ihre Ausgewogenheit usw. treten nur auf der Ebene der Mechanismen zutage, über die die Beziehungen des Individuums zur Welt verwirklicht werden. Dies bestimmt auch die Vieldeutigkeit ihrer Rolle bei der Ausformung der Persönlichkeit. Um das Gesagte zu verdeutlichen, erlaube ich mir einen Exkurs. Wenn es um die Persönlichkeit geht, assoziieren wir gewöhnlich ihre psychologische Charakteristik sozusagen mit dem Nächstliegenden, dem Substrat des Psychischen, den zentralen Nervenprozessen. Stellen wir uns jedoch folgenden Fall vor: ein Kind mit einer angeborenen Luxation des Hüftgelenks, die es zum Hinken verurteilt. Eine derartige anatomische Abnormität ist weit entfernt von jener Klasse von Merkmalen, die die Merkmale der Persönlichkeit darstellen (sie haben eine andere "Struktur"); dennoch ist ihre Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung unvergleichlich größer als, sagen wir, ein schwaches Nervensystem. Man braucht nur daran zu denken daß die Altersgefährten im Hof Ball spielen, während der körperbehinderte Junge abseits steht. Wenn er älter wird und die Zeit kommt, wo man tanzen geht, bleibt ihm nichts anderes übrig, als "in der Ecke zu sitzen". Wie entwickelt sich unter diesen Bedingungen seine Persönlichkeit? Das läßt sich nicht voraussagen, und zwar gerade deshalb, weil selbst eine derartige ||170| starke Behinderung des Individuums nicht eindeutig seine Entwicklung als Persönlichkeit bestimmt. An und für sich ist sie nicht in der Lage, sagen wir, Minderwertigkeitskomplexe, Verschlossenheit oder im Gegenteil wohlwollende Aufmerksamkeit gegenüber den Menschen und überhaupt irgendwelche im eigentlichen Sinne psychologischen Merkmale des Menschen als Persönlichkeit hervorzubringen. Das Paradoxe besteht darin, daß die Voraussetzungen für die Persönlichkeitsentwicklung ihrem Wesen nach unpersönlich sind. Sowohl die Persönlichkeit als auch das Individuum sind ein Produkt der Integration von Prozessen, die die Lebensbeziehungen des Subjekts verwirklichen. Es gibt jedoch ein grundlegendes Unterscheidungsmerkmal jenes besonderen Gebildes, das wir als Persönlichkeit bezeichnen. Es wird durch die Natur jener Beziehungen bestimmt, die es erzeugen, und das sind für den Menschen die spezifischen gesellschaftlichen Beziehungen, die er in seiner gegenständlichen Tätigkeit eingeht. Wie wir bereits sahen, werden sie bei aller Mannigfaltigkeit ihrer Arten und Formen sämtlich durch die Gemeinsamkeit ihrer inneren Struktur charakterisiert und setzen sie ihre bewußte Regulierung, das heißt die Existenz von Bewußtsein und auf bestimmten Entwicklungsetappen auch von Selbstbewußtsein des Subjekts voraus. Ebenso wie diese Tätigkeit selbst ist auch der Prozeß ihres Aufbaus - der Entstehung, Entwicklung und Auflösung der Beziehungen untereinander - ein Prozeß besonderer Art, mit besonderen Gesetzmäßigkeiten. Die Erforschung des Aufbaus, der Verknüpfung der Tätigkeiten des Subjekts, die zur Herausbildung seiner Persönlichkeit führt, ist die Hauptaufgabe der psychologischen Forschung. Ihre Lösung ist jedoch weder innerhalb der subjektiv-empirischen Psychologie noch im Rahmen der verhaltens- oder tiefenpsychologischen Forschungsrichtungen möglich, ihre neuesten Varianten eingeschlossen. Diese Aufgabe erfordert die Analyse der gegenständlichen Tätigkeit des Subjekts, die natürlich stets durch die Bewußtseinsprozesse vermittelt ist, welche auch die einzelnen Tätigkeiten verbinden. Daher ist die Entmystifizierung der Vorstellungen von der Persönlichkeit nur in einer ||171| Psychologie möglich, der die Lehre von der Tätigkeit, ihrer Struktur, ihrer Entwicklung und ihren Umgestaltungen, von ihren verschiedenen Arten und Formen zugrunde liegt. Nur unter dieser Voraussetzung wird die oben erwähnte Gegenüberstellung von Persönlichkeitspsychologie und Psychologie der Funktionen völlig überwunden, da man Persönlichkeit und die sie erzeugende Tätigkeit nicht gegenüberstellen kann. Völlig beseitigt wird auch der in der Psychologie herrschende Fetischismus, die Eigenschaft, "Persönlichkeit zu sein", direkt der Natur des Individuums zuzuschreiben, so daß sich unter dem Druck der Umwelt nur die Erscheinungsformen dieser mystischen Eigenschaft verändern würden. Der Fetischismus, von dem hier die Rede ist, und der sich aus der Ignorierung jener sehr wichtigen These ergeben hat, daß das Subjekt, wenn es in der Gesellschaft in ein neues Beziehungssystem eintritt, auch neue - systembedingte - Eigenschaften erwirbt, die die tatsächliche Charakteristik der Persönlichkeit bilden. die psychologische, wenn das Subjekt im System der Tätigkeiten betrachtet wird, welche sein Leben in der Gesellschaft realisieren, die soziale, wenn wir es im System der objektiven Beziehungen als ihre Personifizierung betrachten.[133] Hier kommen wir zu dem methodologischen Hauptproblem, das sich hinter der Unterscheidung der Begriffe Individuum und Persönlichkeit verbirgt. Es geht um das Problem des Doppelcharakters der Eigenschaften der sozialen Objekte, die durch den Doppelcharakter der objektiven Beziehungen erzeugt werden, in denen sie existieren. Bekanntlich verdanken wir die Entdeckung dieser Dualität Marx, der den Doppelcharakter der Arbeit, des Arbeitsprodukts[134] und schließlich des Menschen selbst als eines "Subjekts der Natur" und eines "Subjekts der Gesellschaft" nachgewiesen hat. Für die Psychologie der Persönlichkeit ist diese grundlegende methodologische Entdeckung von entscheidender Bedeutung. Sie verändert die Interpretation ihres Gegenstands radikal und ||172| beseitigt die in ihr verankerten Schemata, die solche verschiedenartigen Seiten oder "Substrukturen", wie zum Beispiel moralische Eigenschaften, Kenntnisse, Fertigkeiten und Gewohnheiten, Formen der psychischen Widerspiegelung und Temperament enthalten. Die Quelle derartiger "Persönlichkeitsschemata" ist die Vorstellung von der Entwicklung der Persönlichkeit als dem Ergebnis der Schichtung von im Leben Erworbenem auf einer gewissen präexistierenden metapsychologischen Basis. Aber gerade von diesem Standpunkt her kann die Persönlichkeit als spezifisch menschliche Bildung überhaupt nicht erfaßt werden. Der wirkliche Weg zur Erforschung der Persönlichkeit besteht in der Untersuchung jener Transformationen des Subjekts (oder, um mit den Worten von Sève zu sprechen, jener "fundamentalen Umkehrungen"), die sich aus der Selbstbewegung seiner Tätigkeit im System der gesellschaftlichen Beziehungen ergeben.[135] Auf diesem Wege stoßen wir jedoch von Anfang an auf die Notwendigkeit, einige allgemeine theoretische Standpunkte neu zu durchdenken, umzudenken. Einer von ihnen, der die Formulierung des Persönlichkeitsproblems wesentlich bestimmt, führt uns zu der bereits erwähnten These zurück, daß die äußeren Bedingungen über die inneren wirken. "Die These, daß die äußeren Einwirkungen mit ihrem psychischen Effekt nur mittelbar über die Persönlichkeit verknüpft sind, ist die Zentralthese, von der aus alle Probleme der Persönlichkeitspsychologie angegangen werden..."[136] Daß das Äußere über das Innere wirkt, ist richtig und zudem noch unbedingt richtig für Fälle, in denen wir den Effekt der einen oder anderen Einwirkung betrachten. Etwas anderes ist es, wenn in dieser These der Schlüssel zum Verständnis des Inneren als Persönlichkeit gesehen wird. Der Autor erklärt, daß dieses Innere selbst von den vorausgehenden äußeren Einwirkungen abhängt. Damit jedoch wird die Entstehung der Persönlichkeit als einer besonderen Ganzheit, die nicht direkt mit der Ganzheit des Individuums zusammenfällt, noch nicht aufgedeckt, ||173| und es bleibt daher nach wie vor die Möglichkeit bestehen, die Persönlichkeit lediglich als ein durch die bereits existierenden (gesellschaftlichen - d. Red.) Erfahrungen bereichertes Individuum aufzufassen. Mir scheint, man muß von Anfang an die Ausgangsthese umkehren, wenn man Zugang zu dem Problem finden will: Das Innere (das Subjekt) wirkt über das Äußere und verändert damit sich selbst. Diese These hat einen völlig realen Sinn. Denn ursprünglich tritt das Subjekt des Lebens überhaupt nur als etwas auf, das, um einen Ausdruck von Engels zu verwenden über "selbständige Reaktionskraft" verfügt. Diese Kraft kann aber nur über das Äußere wirken. In diesem Äußeren vollzieht sich auch ihr Übergang von der Möglichkeit in die Wirklichkeit: ihre Konkretisierung, ihre Entwicklung und Bereicherung - mit einem Wort, es vollziehen sich ihre Umgestaltungen, welche auch Umgestaltungen des Subjekts selbst, ihres Trägers sind. Jetzt, das heißt als umgestaltetes Subjekt, tritt es auch als ein Subjekt auf, das in seinen fließenden Zuständen die äußeren Einwirkungen bricht. Natürlich ist das Gesagte nur eine theoretische Abstraktion. Die mit ihr beschriebene allgemeine Bewegung bleibt jedoch auf allen Entwicklungsstufen des Subjekts erhalten. Ich wiederhole nochmals: Über welche morphophysiologische Organisation über welche Bedürfnisse und Instinkte das Individuum von Geburt an auch verfügen mag, sie sind nur Voraussetzungen seiner Entwicklung, welche jetzt aufhören, das zu sein, was sie virtuell "an sich" waren, sobald das Individuum zu handeln beginnt. Das Verstehen dieser Metamorphose ist besonders wichtig für die folgende Behandlung des Menschen, des Persönlichkeitsproblems. 5.3. Tätigkeit als Grundlage der PersönlichkeitDie Hauptaufgabe besteht darin, die tatsächlichen "Konstituenten" der Persönlichkeit zu bestimmen, dieser höchsten Einheit des Menschen, der so veränderlich ist wie sein Leben selbst, ||174| zugleich aber seine Beständigkeit, seine Identität mit sich selbst bewahrt. Denn unabhängig von der Erfahrung, von den Ereignissen, die das Leben eines Menschen beeinflussen, und unabhängig von den physischen Veränderungen bleibt der Mensch als Persönlichkeit sowohl in den Augen der anderen Menschen als auch für sich selbst ein und derselbe. Er identifiziert sich nicht nur mit seinem Namen, ihn identifiziert auch das Gesetz, zumindest in den Grenzen, in denen er für seine Handlungen verantwortlich gemacht wird. Somit besteht ein gewisser Widerspruch zwischen der offensichtlichen physischen und psychophysiologischen Veränderlichkeit des Menschen und seiner Beständigkeit als Persönlichkeit. Dies führte auch zum Problem des "Ich" als eines besonderen Problems der Persönlichkeitspsychologie. Es entstand, weil die in der psychologischen Persönlichkeitscharakteristik enthaltenen Wesenszüge deutlich das Veränderliche und Diskontinuierliche im Menschen und damit dasjenige ausdrücken, dem die Beständigkeit und die Kontinuität seines "Ich" gleichsam gegenüberstehen. Wodurch wird diese Beständigkeit und diese Kontinuität gebildet? Der Personalismus in allen seinen Varianten beantwortet diese Frage, indem er die Existenz eines besonderen Elements postuliert, welches den Kern der Persönlichkeit bildet. Dieser umgibt sich auch mit vielzähligen Lebenserwerbungen, die sich zu ändern vermögen, ohne dabei diesen Kern selbst zu berühren. In einer anderen Persönlichkeitskonzeption wird die Kategorie der gegenständlichen menschlichen Tätigkeit, die Analyse ihrer inneren Struktur zur Grundlage genommen: die Analyse ihrer Vermittlungen und der von ihr erzeugten Formen der psychischen Widerspiegelung. Ein solches Herangehen ermöglicht es, bereits von Anfang an eine vorausschauende Antwort auf die Frage zu geben, was die stabile Basis der Persönlichkeit bildet, von der sie abhängt, was zur Charakterisierung des Menschen gerade als Persönlichkeit gehört und was nicht. Diese Beantwortung geht von der Position aus, daß die reale Basis der Persönlichkeit des Menschen die Gesamtheit der ihrer Natur nach gesellschaftlichen Beziehungen des Menschen zur Welt ist, und zwar der Beziehungen, ||175| die realisiert werden. Das erfolgt durch seine Tätigkeit, genauer gesagt, durch die Gesamtheit seiner mannigfaltigen Tätigkeiten. Gemeint sind gerade die Tätigkeiten des Subjekts, die auch die Ausgangs-"Einheiten" der psychologischen Analyse der Persönlichkeit sind, und nicht Handlungen, nicht Operationen, nicht psychophysiologische Funktionen oder Blöcke dieser Funktionen, denn letztere charakterisieren die Tätigkeit und nicht unmittelbar die Persönlichkeit. Auf den ersten Blick scheint diese Position den empirischen Vorstellungen von der Persönlichkeit zu widersprechen und, mehr noch, sie einzuengen. Dennoch eröffnet allein sie den Weg zur Erkenntnis der Persönlichkeit in ihrer tatsächlichen psychologischen Konkretheit. Vor allem wird auf diesem Wege die Hauptschwierigkeit beseitigt: die Bestimmung, welche Prozesse und Merkmale des Menschen zu denen gehören, die seine Persönlichkeit psychologisch kennzeichnen, und welche in diesem Sinne neutral sind. Für sich genommen, abstrahiert vom System der Tätigkeit, sagen sie überhaupt nichts über ihre Beziehungen zur Persönlichkeit aus. So ist es zum Beispiel wenig sinnvoll, die Operation des Schreibens, die Fähigkeit des Schönschreibens als "persönlichkeitsrelevant" zu betrachten. Aber sehen wir uns etwa die Gestalt des Akaki Akakiewitsch Baschmatschkin an aus Gogols Erzählung "Der Mantel". Er arbeitete in einem Amt, und seine Tätigkeit bestand im Abschreiben von Staatspapieren, er sah in dieser Beschäftigung eine ganze vielgestaltige und faszinierende Welt. Nach Beendigung der Arbeit pflegte Akaki Akakiewitsch sofort nach Hause zu gehen. Nachdem er schnell gegessen hatte, packte er das Tintenfläschchen aus und machte sich daran, die Akten zu kopieren, die er mit nach Hause genommen hatte. Waren keine solchen vorhanden, verfertigte er Abschriften zu seinem eigenen Vergnügen. Gogol erzählt: "Wenn er sich satt geschrieben hatte, legte er sich schlafen und lächelte schon im voraus bei dem Gedanken an den folgenden Tag, was Gott ihm wohl morgen zum Abschreiben schicken werde." Auf welche Weise hatte das Abschreiben von Staatspapieren in seiner Persönlichkeit einen derart zentralen Platz erhalten, war es zum Sinn seines Lebens geworden? Wir kennen die konkreten ||176| Umstände nicht, aber auf die eine oder andere Weise habe sie dazu geführt, daß eine Verlagerung des Hauptmotivs auf sonst völlig unpersönliche Operationen erfolgte, die dadurch zu einer selbständigen Tätigkeit und in dieser Eigenschaft auch zu Charakteristika der Persönlichkeit wurden. Man kann die Dinge natürlich auch anders und einfacher beurteilen, nämlich, daß hier in gewissem Sinne eine "kalligraphische Fähigkeit" zutage trat, die in Baschmatschkin von Natur aus angelegt war. Eine derartige Überlegung läge jedoch bereits völlig im Geiste der Vorgesetzten von Akaki Akakiewitsch, die ihn stets als den gleichen fleißigen Beamten sahen, "so daß man schließlich zu der Überzeugung gelangte, daß er offensichtlich schon so auf die Welt gekommen sei..." Mitunter verhalt es sich anders. In dem, was äußerlich Handlungen zu sein scheinen, die für den Menschen Eigenwert haben, entdeckt die psychologische Analyse etwas anderes, und zwar, daß sie nur Mittel zur Erreichung von Zielen sind, deren tatsächliche Motive gleichsam auf einer ganz anderen Lebensebene liegen. In diesem Falle verbirgt sich hinter der einen sichtbaren Tätigkeit eine andere. Und gerade diese gehört unmittelbar zum psychologischen Antlitz der Persönlichkeit, wie auch die sie realisierende Gesamtheit der konkreten Handlungen immer sein mag. Diese Gesamtheit bildet gleichsam nur die Hülle jener anderen Tätigkeit, die die eine tatsächliche Beziehung des Menschen zur Welt realisiert, eine Hülle, die von den mitunter zufälligen Bedingungen abhängt. Daher sagt zum Beispiel die Tatsache, daß ein bestimmter Mensch als Techniker arbeitet, an und für sich noch nichts über seine Persönlichkeit aus. Ihre Merkmale zeigen sich vielmehr in jenen Beziehungen, die er unausweichlich, vielleicht in seinem Arbeitsprozeß, vielleicht auch außerhalb dieses Prozesses eingeht. Das alles ist nahezu allgemein bekannt. Ich spreche nur darüber, um nochmals zu betonen, daß man keine "Struktur der Persönlichkeit" erhalten kann, wenn man von einem Komplex einzelner psychologischer oder sozialpsychologischer Merkmale eines Menschen ausgeht. Auch liegt die reale Grundlage der Persönlichkeit eines Menschen nicht in seinen genetisch festgelegten Programmen, nicht in den Tiefen seiner natürlichen Anlagen ||177| und Triebe und sogar nicht einmal in den erworbenen Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten - auch in den beruflichen nicht, sondern in jenem System von Tätigkeiten, die durch diese Kenntnisse und Fähigkeiten realisiert werden. Die sich hieraus ergebende allgemeine Schlußfolgerung besagt, daß man sich bei der Untersuchung einer Persönlichkeit nicht auf die Klärung der Voraussetzungen beschränken darf, sondern von der Entwicklung der Tätigkeit, von der Entwicklung ihrer konkreten Arten und Formen sowie jener Bindungen ausgehen muß, die sie miteinander eingehen, da die Entwicklung ihrer Persönlichkeit die Bedeutung dieser Voraussetzungen selbst radikal verändert. Demnach hat die Untersuchung nicht von den erworbenen Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnissen zu den durch sie charakterisierten Tätigkeiten überzugehen sondern vom Inhalt und von den Tätigkeitsverbindungen zu der Art und Weise ihrer Realisierung durch jene Prozesse, die sie ermöglichen. Bereits die ersten Schritte in dieser Richtung erlauben die Bestimmung einer sehr wichtigen Tatsache: Die einzelnen Tätigkeiten gehen in der Entwicklung des Subjekts hierarchische Beziehungen ein. Auf der Ebene der Persönlichkeit bilden sie keineswegs ein einfaches Strahlenbündel, dessen Ausgangspunkt und Zentrum im Subjekt liegen. Die Annahme, die Zusammenhänge zwischen den Tätigkeiten wurzeln in der Einheit und der Ganzheitlichkeit ihres Subjekts, ist nur auf der Ebene des Individuums berechtigt. Auf dieser Ebene (beim Tier, beim Kleinkind) werden Tätigkeitskomplexe und wechselseitige Zusammenhänge unmittelbar durch die Eigenschaften des Subjekts bestimmt - durch die allgemeinen und die individuellen die angeborenen und die im Leben erworbenen. Zum Beispiel sind eine Veränderung in der Auswahl und im Wechsel der Tätigkeit direkt von den fließenden Zuständen der Bedürfnisse des Organismus, von den Veränderungen seiner biologischen Dominanten abhängig. Die hierarchischen Beziehungen der Tätigkeiten, welche die Persönlichkeit charakterisieren, sind etwas anderes. Ihr Merkmal ist ihre "Ungebundenheit" hinsichtlich der Zustände des Organismus. Diese Tätigkeitshierarchien werden durch ihre ||178| eigene Entwicklung erzeugt, sie sind es auch, die den Kern der Persönlichkeit bilden. Mit anderen Worten, die "Knoten", die die einzelnen Tätigkeiten vereinigen, werden nicht durch die Wirkung der biologischen oder geistigen Kräfte des Subjekts geschürzt, die in ihm selbst liegen, sondern sie entstehen in jenem System von Beziehungen, die das Subjekt eingeht. Durch Beobachtung lassen sich leicht jene ersten "Knoten" entdecken, mit denen beim Kind die früheste Etappe der Persönlichkeitsentwicklung einsetzt. In recht ausgeprägter Form zeigte sich diese Erscheinung einmal in Versuchen mit Kindern im Vorschulalter. Der Versuchsleiter stellte den Kindern die Aufgabe, einen entfernt liegenden Gegenstand zu holen, sich dabei jedoch auf keinen Fall vom Platz zu erheben. Sobald sich das Kind an die Lösung der Aufgabe machte, ging der Versuchsleiter in das Nebenzimmer, von dem aus er die Beobachtung unter Zuhilfenahme der üblichen optischen Einrichtungen fortsetzte. In einem Fall stand der Kleine nach einer Reihe erfolgloser Versuche auf, ging zu dem Gegenstand, nahm ihn und kehrte ruhig auf seinen Platz zurück. Der Versuchsleiter ging sofort zu dem Kind, lobte es für seinen Erfolg und gab ihm als Belohnung ein Stückchen Schokolade. Das Kind wies es jedoch zurück, und als der Versuchsleiter darauf bestand, begann der Kleine leise zu weinen. Was verbirgt sich hinter diesem Phänomen: In dem von uns beobachteten Prozeß kann man drei Momente unterscheiden: 1. das Gespräch des Kindes mit dem Versuchsleiter, als ihm die Aufgabe erklärt wurde, 2. das Lösen der Aufgabe und 3. das Gespräch mit dem Versuchsleiter, nachdem das Kind den Gegenstand genommen hatte. Die Handlungen des Kindes entsprachen somit zwei verschiedenen Motiven, das heißt sie verwirklichten eine zweifache Tätigkeit: die eine in bezug auf den Versuchsleiter, die andere in bezug auf den Gegenstand (die Belohnung). Wie die Beobachtung zeigt, hat das Kind, als es den Gegenstand nahm, die Situation nicht als Konflikt, als "Fehlhandlung" erlebt. Der hierarchische Zusammenhang zwischen den beiden Tätigkeiten zeigte sich erst im nochmaligen Gespräch mit dem Versuchsleiter, sozusagen post factum: ||179| die Schokolade erwies sich als bitter, bitter ihrem subjektiven, persönlichen Sinn nach. Die hier dargestellte Erscheinung gehört zu den frühesten, zu den Übergangserscheinungen. Trotz aller Naivität, mit der diese ersten Koordinierungen der verschiedenen Lebensbeziehungen des Kindes zutage treten, zeugen gerade sie von der beginnenden Entwicklung jenes besonderen Gebildes, das wir als Persönlichkeit bezeichnen. Derartige Koordinierungen werden niemals auf einer früheren Altersstufe beobachtet; sie zeigen sich jedoch in der weiteren Entwicklung in unvergleichlich komplizierteren und versteckteren Formen ständig. Entstehen dann nicht solche zutiefst persönlichen Erscheinungen, wie zum Beispiel Gewissensbisse nach einem analogen Schema? Die Entwicklung, die Vermehrung der Tätigkeitsarten des Individuums führt nicht einfach zu einer Erweiterung ihres "Katalogs". Gleichzeitig erfolgt ihre Zentrierung um einige Haupttätigkeiten, die sich die anderen unterordnen. Dieser komplizierte und langwierige Entwicklungsprozeß der Persönlichkeit weist Etappen und Stadien auf. Es ist ein Prozeß, der von der Entwicklung des Bewußtseins, des Selbstbewußtseins nicht zu trennen ist; aber nicht das Bewußtsein bildet seine allererste Grundlage, sondern es vermittelt ihn nur, es resümiert ihn sozusagen nur. Der Persönlichkeit liegen demnach Beziehungen der Koordinierung der menschlichen Tätigkeiten zugrunde, Beziehungen, die durch ihren Entwicklungsgang erzeugt werden. Worin jedoch äußert sich psychologisch diese Koordiniertheit, diese Hierarchie der Tätigkeiten? Nach der von uns akzeptierten Definition bezeichnen wir als Tätigkeit einen Prozeß, der durch ein Motiv stimuliert und gelenkt wird, durch das, worin das eine oder andere Bedürfnis vergegenständlicht ist. Mit anderen Worten, hinter der Korrelation der Tätigkeiten offenbart sich eine Korrelation der Motive. Wir müssen somit zur Analyse der Motive zurückkehren und ihre Entwicklung, ihre Transformationen, ihre Fähigkeit zur Aufgliederung ihrer Funktionen sowie jene Verschiebungen betrachten, die innerhalb eines Systems von Prozessen erfolgen, welche das Leben des Menschen als Persönlichkeit ausmachen. ||180| 5.4. Motive, Emotionen und PersönlichkeitIn der modernen Psychologie werden mit dem Terminus "Motiv" (Motivation, motivierende Faktoren) völlig verschiedene Erscheinungen bezeichnet. Als Motive bezeichnet man instinktive Impulse, biologische Triebe, den Appetit, aber auch das Erleben von Emotionen, Interessen, Wünschen. In die bunte Reihe der Motive gehören Lebensziel und Ideale ebenso wie die Stimulierung mittels elektrischen Stroms.[137] Es ist hier nicht Erforderlich, sich in allen diesen Begriffen und ihrem Verwobensein auszukennen. Die psychologische Analyse der Persönlichkeit verlangt nur die Untersuchung der Hauptfragen. Das ist vor allem die Frage nach der Wechselbeziehung von Motiven und Bedürfnissen. Ich sagte bereits, daß das Bedürfnis eigentlich stets das Bedürfnis nach etwas ist, daß auf psychologischer Ebene die Bedürfnisse in doppelter Weise durch die psychische Widerspiegelung vermittelt werden. Einerseits spielen die Gegenstände, die den Bedürfnissen des Subjekts entsprechen, diesem gegenüber durch ihre objektiven Signalmerkmale eine Rolle. Signalisiert, sinnlich widergespiegelt durch das Subjekt werden andererseits auch die Bedürfniszustände, in den einfachsten Fällen infolge der Wirkung der interozeptiven Reize. Dabei besteht die wichtigste Veränderung, die den Übergang auf die psychologische Ebene charakterisiert, im Entstehen flexibler Verbindungen der Bedürfnisse zu den entsprechenden Gegenständen. Der Gegenstand, der in der Lage ist, das Bedürfnis zu befriedigen, ist im Bedürfniszustand des Subjekts nämlich nicht scharf umrissen. Vor seiner ersten Befriedigung "kennt" das Bedürfnis seinen Gegenstand nicht, er muß erst noch entdeckt werden. Erst durch diese Entdeckung wird das Bedürfnis ||181| gegenständlich, und der wahrgenommene (vorgestellte, gedachte) Gegenstand erhält seine stimulierende und tätigkeitslenkende Funktion, das heißt er wird zum Motiv.[138] Eine derartige Interpretation der Motive erscheint zumindest einseitig, man könnte meinen, die Bedürfnisse würden aus der Psychologie eliminiert. Doch das trifft nicht zu. Aus der Psychologie verschwinden nicht die Bedürfnisse, sondern nur ihre Abstraktionen - die "nackten", nicht gegenständlich bezogenen Bedürfniszustände des Subjekts. Diese Abstrakta erscheinen auf der Szene infolge der Isolierung der Bedürfnisse von der gegenständlichen Tätigkeit des Subjekts, in der sie allein ihre psychologische Konkretheit erlangen. Es versteht sich von selbst, daß das Subjekt als Individuum mit Bedürfnissen ausgestattet geboren ist. Aber, ich wiederhole nochmals, das Bedürfnis als innere Kraft kann nur in der Tätigkeit verwirklicht werden. Mit anderen Worten, das Bedürfnis fungiert ursprünglich nur als Bedingung, als Voraussetzung der Tätigkeit, sobald jedoch das Subjekt zu handeln beginnt, erfolgt die Transformation des Bedürfnisses und es hört auf, das zu sein, was es virtuell war. Je weiter die Entwicklung der Tätigkeit voranschreitet, um so stärker verwandelt sich diese Voraussetzung in ihr Ergebnis. Die Transformation der Bedürfnisse tritt deutlich bereits auf der Entwicklungsstufe der Tiere in Erscheinung. Infolge der vor sich gehenden Veränderung und Erweiterung des Kreises derjenigen Gegenstände, die den Bedürfnissen entsprechen und der Verfahren zu ihrer Befriedigung entwickeln sich auch die Bedürfnisse selbst. Dies geschieht, weil die Bedürfnisse in der Lage sind, sich in einem potentiell sehr breiten Bereich von Objekten zu konkretisieren, die ebenfalls zu Stimuli der Tätigkeit werden, welche ihr eine bestimmte Richtung geben. Zum Beispiel nimmt beim Auftauchen von neuen Nahrungsarten im Milieu und beim Verschwinden der früheren Nahrungsarten das Nahrungsbedürfnis, das weiterhin befriedigt werden muß, in diesem Zusammenhang einen neuen Inhalt in sich auf, das ||182| heißt es wird ein anderes. Auf diese Weise erfolgt die Entwicklung der Bedürfnisse der Tiere durch die Entwicklung ihrer Tätigkeit in bezug auf einen immer umfassender werdenden Kreis von Gegenständen. Selbstverständlich führt die Veränderung des konkret-gegenständlichen Inhalts der Bedürfnisse zur Veränderung auch der Verfahren zu ihrer Befriedigung. Natürlich bedarf diese allgemeine These vieler Einschränkungen und Erläuterungen, besonders im Zusammenhang mit der Frage nach den sogenannten funktionalen Bedürfnissen. Aber jetzt geht es nicht darum. Das Wichtigste besteht in der Bestimmung der Tatsache, daß die Bedürfnisse durch die Gegenstände in den Prozeß der Konsumtion transformiert werden. Und das hat Schlüsselbedeutung, um die Natur der menschlichen Bedürfnisse zu begreifen. Zum Unterschied von der Entwicklung der tierischen Bedürfnisse, die von der Erweiterung des Kreises der von ihnen benötigten natürlichen Gegenstände abhängt, werden die menschlichen Bedürfnisse durch die Entwicklung der Produktion erzeugt. Ist doch die Produktion zugleich auch Konsumtion, die Bedürfnisse schafft. Mit anderen Worten, die Konsumtion wird durch das Bedürfnis am Gegenstand vermittelt, durch seine Wahrnehmung oder seine gedankliche Vorstellung. In eben dieser seiner widergespiegelten Form fungiert der Gegenstand als ideelles, innerlich stimulierendes Motiv.[139] In der Psychologie werden jedoch die Bedürfnisse zumeist abstrahiert vom Wichtigsten betrachtet - von der bedürfniserzeugenden Aufspaltung der konsumtiven Produktion, was auch zu einer einseitigen Erklärung der Handlungen der Menschen unmittelbar aus ihren Bedürfnissen führt. Dabei stützt man sich mitunter auf eine Äußerung von Engels, die aus dem gesamten Kontext seines Fragments herausgenommen wurde, das gerade der Rolle der Arbeit in der Entwicklung des Menschen und darunter natürlich auch seiner Bedürfnisse gewidmet ist. Die marxistische Interpretation ist weit davon entfernt, in den Bedürfnissen den Ausgangs- und Hauptpunkt zu sehen. Marx schreibt in diesem Zusammenhang: "Die Konsumtion ist Notdurft, ||183| als Bedürfnis ist sie selbst ein inneres Moment der produktiven Tätigkeit. Aber die letztere (Hervorhebung von mir A. L.) ist der Ausgangspunkt der Realisierung und daher auch ihr übergreifendes Moment - der Akt, worin der ganze Prozeß sich wieder verläuft. Das Individuum produziert einen Gegenstand und kehrt durch dessen Konsumtion wieder in sich zurück..."[140] Somit haben wir zwei prinzipielle Schemata, die den Zusammenhang zwischen Bedürfnis und Tätigkeit zum Ausdruck bringen. Das erste widerspiegelt die Auffassung, das Bedürfnis stelle den Ausgangspunkt dar und es ergebe sich insgesamt der Zyklus Bedürfnis --> Tätigkeit -> Bedürfnis. Wie Sève betont, wird in diesem Ansatz ein "Bedürfnis-Materialismus" realisiert, welcher der vormarxistischen Vorstellung von der Bedürfnisbefriedigung als dem grundlegenden Bereich entspricht. Dem anderen, entgegengesetzten Schema - entspricht der Zyklus: Tätigkeit -> Bedürfnis -> Tätigkeit. Dieses Schema ist ebenfalls grundlegend, und zwar als Bedürfnisinterpretation einer marxistischen Psychologie. "Jeder Begriff, der sich auf den Gedanken einer äußeren, prinzipiell der Aktivität selbst vorausgehenden Triebkraft gründet, kann nicht Primärbegriff sein, kann nicht die Grundlage einer wissenschaftlichen Theorie der menschlichen Persönlichkeit verbindlich bezeichnen."[141] Die These, daß die menschlichen Bedürfnisse produziert werden, hat natürlich einen historisch-materialistischen Sinn. Gleichzeitig ist sie für die Psychologie äußerst wichtig. Das ist deshalb zu betonen, weil mitunter das für die Psychologie wichtige Herangehen an das Problem gleichsam auch in den Erklärungen zu bemerken ist, die von den Bedürfnissen selbst, genauer, von den durch sie hervorgerufenen Erlebnissen ausgehen, welche angeblich allein erklären können, warum sich der Mensch Ziele stellt und warum er neue Gegenstände schafft.[142] ||184| Freilich ist auch daran etwas Wahres, und man könnte dem zustimmen, wenn nicht folgender Umstand wäre: Nur durch ihren gegenständlichen Inhalt können die Bedürfnisse eine konkrete Tätigkeit determinieren, aber dieser Inhalt ist nicht direkt in ihnen fixiert und kann folglich aus ihnen nicht abgeleitet werden. Eine weitere prinzipielle Schwierigkeit entsteht infolge der halben Anerkennung der gesellschaftshistorischen Natur der menschlichen Bedürfnisse, was darin zum Ausdruck kommt, daß ein Teil der Bedürfnisse ihrer Entstehung nach als sozial betrachtet wird, die anderen jedoch zu den rein biologischen gerechnet werden, die Mensch und Tier prinzipiell gemeinsam sind. Es bedarf freilich keiner besonderen Gedankentiefe, um die Gemeinsamkeit bestimmter Bedürfnisse beim Menschen und beim Tier festzustellen. Hat doch der Mensch ebenso wie die Tiere einen Magen und spürt er wie sie Hunger - ein Bedürfnis, das er befriedigen muß, um seine Existenz aufrechtzuerhalten. Aber für den Menschen sind auch andere Bedürfnisse kennzeichnend, die nicht biologisch, sondern sozial determiniert sind. Sie sind "funktional autonom" oder "analytisch". Die Bedürfnissphäre des Menschen ist somit in zwei Teile gespalten. Das ist ein unvermeidliches Ergebnis, betrachtet man die "Bedürfnisse selbst" abstrahiert von den gegenständlichen Bedingungen und den Verfahren zu ihrer Befriedigung sowie dementsprechend auch abstrahiert von jener Tätigkeit, in der ihre Transformation erfolgt. Aber die Umwandlung der Bedürfnisse auf der Stufe des Menschen erfaßt auch (und vor allem) die Bedürfnisse, die beim Menschen als Homologe der tierischen Bedürfnisse erscheinen. Marx bemerkt: "Hunger ist Hunger; aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabel und Messer gegeßnes Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger, als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt."[143] Das positivistische Denken sieht natürlich darin nicht mehr als einen oberflächlichen Unterschied. Um die "tiefe" Gemeinsamkeit des Nahrungsbedürfnisses beim Menschen und beim Tier ||185| festzustellen, genüge es, einen ausgehungerten Menschen zu betrachten. Aber das ist nicht mehr als ein Sophismus. Für einen ausgehungerten Menschen hört die Nahrung tatsächlich auf, in ihrer menschlichen Form zu existieren. Entsprechend "entmenschlicht" äußert sich auch sein Nahrungsbedürfnis. Wenn dies jedoch schon irgend etwas beweist, so lediglich, daß man den Menschen durch Hunger zum Tier machen kann. Das aber sagt absolut nichts über die Natur seiner menschlichen Bedürfnisse aus. Die Bedürfnisse des Menschen, deren Befriedigung die notwendige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der physischen Existenz ist, unterscheiden sich von seinen Bedürfnissen, die keine Entsprechungen bei den Tieren haben, jedoch ist dieser Unterschied nicht absolut. Die historische Transformation erfaßt aber den gesamten Bereich der Bedürfnisse. Mit der Veränderung und dem Reicherwerden des gegenständlichen Inhalts der menschlichen Bedürfnisse erfolgt auch die Veränderung der Formen ihrer psychischen Widerspiegelung, wodurch sie in der Lage sind, ideatorischen Charakter zu erlangen und dadurch psychologisch invariant zu werden. So bleibt die Nahrung sowohl für den Hungrigen als auch für den satten Menschen Nahrung. Gleichzeitig erzeugt die Entwicklung der geistigen Produktion Bedürfnisse, die nur bei Vorhandensein einer Bewußtseinsebene existieren können. Schließlich bildet sich ein besonderer Bedürfnistyp heraus - die gegenständlich-funktionellen Bedürfnisse, wie das Bedürfnis nach Arbeit, nach künstlerischem Schaffen usw. Das wichtigste ist, daß beim Menschen zwischen den Bedürfnissen neue Beziehungen entstehen. Wenn auch die Befriedigung der vitalen Bedürfnisse für den Menschen "an erster Stelle" steht und unabdingbare Voraussetzung seines Lebens ist, bilden die höheren, spezifisch menschlichen Bedürfnisse keineswegs nur auf diese aufgeschichtete Oberflächenbildungen. Das erklärt auch folgendes: Wenn man auf die eine Waagschale die grundlegenden vitalen Bedürfnisse des Menschen legt und auf die andere seine höheren Bedürfnisse, so können die letzteren das Übergewicht haben. Das ist allgemein bekannt und bedarf keines Beweises. ||186| Es stimmt natürlich, daß der allgemeine Weg, den die Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse durchläuft, damit beginnt, daß der Mensch für die Befriedigung seiner elementaren, seiner vitalen Bedürfnisse handelt. Dann aber wandelt sich diese Beziehung, und der Mensch befriedigt seine vitalen Bedürfnisse, um zu handeln. Das ist auch der prinzipielle Entwicklungsweg der menschlichen Bedürfnisse. Dieser Weg kann jedoch nicht unmittelbar aus der Bewegung der Bedürfnisse abgeleitet werden, da sich dahinter die Entwicklung ihres gegenständlichen Inhalts verbirgt, das heißt der konkreten Motive der menschlichen Tätigkeit. Auf diese Weise verwandelt sich die psychologische Analyse der Bedürfnisse in eine Analyse der Motive. Dazu muß man jedoch die traditionelle subjektivistische Interpretation der Motive überwinden, die zur Verengung völlig verschiedenartiger Erscheinungen und völlig unterschiedlicher Ebenen der Tätigkeitsregulation führt. Hier stoßen wir auf einen wirklichen Widerspruch: Ist es denn nicht offensichtlich, sagt man uns, daß der Mensch handelt, weil er will. Das subjektive Erleben, das Wollen, das Wünschen u.a.m. sind jedoch deshalb keine Motive, weil sie an und für sich nicht in der Lage sind, eine gerichtete Tätigkeit zu erzeugen. Folglich besteht das psychologische Hauptproblem darin zu erfassen, worin der Gegenstand eines bestimmten Wollens, Wünschens oder einer Leidenschaft besteht. Noch weniger Grund besteht natürlich, als Motive einer Tätigkeit solche Faktoren wie die Tendenz zur Reproduktion von Verhaltensstereotypen, die Tendenz zur Vollendung einer begonnenen Handlung usw. zu bezeichnen. Bei der Verwirklichung einer Tätigkeit entsteht natürlich eine Vielzahl von "dynamischen Kräften". Jedoch gibt es keinen triftigeren Grund, diese Kräfte der Motivkategorie zuzuordnen als zum Beispiel die Trägheit der Bewegung des menschlichen Körpers, deren Wirkung sich sofort zeigt, wenn etwa ein schnell Laufender auf ein plötzlich auftauchendes Hindernis stößt. Einen besonderen Platz in der Theorie der Tätigkeitsmotive nehmen die offen hedonistischen Konzeptionen ein. Ihnen zufolge wird jede Tätigkeit des Menschen angeblich dem Prinzip ||187| der Maximierung der positiven und der Minimierung der negativen Emotionen untergeordnet. Hiervon ausgehend, stellen Erlangung von Zufriedenheit und Befreiung von Leiden echte Motive dar, die den Menschen bewegen. Gerade in den hedonistischen Konzeptionen sind wie im Brennpunkt einer Linse alle ideologisch entstellten Vorstellungen vom Sinn der menschlichen Existenz, von seiner Persönlichkeit gesammelt. Wie jede große Lüge stützen sich diese Konzeptionen auf die von ihnen falsifizierte Wahrheit. Diese Wahrheit besteht darin, daß der Mensch tatsächlich danach strebt, glücklich zu sein. Aber der psychologische Hedonismus gerät gerade zu dieser wirklichen großen Wahrheit in Widerspruch, wenn er sie gegen die kleine Münze der "Bekräftigung" und "Selbstbekräftigung" im Sinne des Skinnerschen Behaviorismus einwechselt. Die menschliche Tätigkeit wird keineswegs so stimuliert und gesteuert wie das Verhalten von Versuchsratten mit in den "Lustzentren" des Gehirns eingesetzten Elektroden, die, wenn man ihnen beibringt, den Stromschalter zu betätigen, sich unentwegt dieser Beschäftigung hingeben.[144] Man kann natürlich auf ähnliche Erscheinungen auch beim Menschen verweisen, wie zum Beispiel auf den Genuß von Narkotika oder die Hyperbolisierung des Sex. Diese Erscheinungen sagen jedoch überhaupt nichts über die wirkliche Natur der Motive, über das sich bestätigende menschliche Leben aus. Im Gegenteil, es wird durch sie zerstört. Die Unhaltbarkeit der hedonistischen Motivationskonzeptionen besteht natürlich nicht darin, daß sie die Rolle der emotionalen Erlebnisse bei der Steuerung der Tätigkeit überbetonen, sondern darin, daß sie die realen Beziehungen verflachen und entstellen. Die Emotionen ordnen sich nicht die Tätigkeit unter, sondern sie sind ihr Ergebnis und der "Mechanismus" ihrer Bewegung. Seinerzeit schrieb Mill, er habe verstanden, daß der Mensch, um glücklich zu sein, sich irgendein Ziel stellen müsse. Im Streben danach würde er das Glück erfahren, ohne sich darum ||188| sorgen zu müssen. Das sei die "schlaue" Strategie des Glücks. Dies, so sagte er, sei ein psychologisches Gesetz. Die Emotionen haben die Funktion innerer Signale, innerer in, dem Sinne, daß sie nicht die psychische Widerspiegelung der gegenständlichen Tätigkeit unmittelbar selbst darstellen. Die Besonderheit der Emotionen besteht darin, daß sie die Beziehungen zwischen den Motiven (den Bedürfnissen) und dem Erfolg oder der Möglichkeit der erfolgreichen Realisierung der ihnen entsprechenden Tätigkeit des Subjekts widerspiegeln.[145] Dabei geht es nicht um die Reflexion dieser Beziehungen, sondern um ihre unmittelbar-sinnliche Widerspiegelung, um das Erleben. Auf diese Weise entstehen sie unmittelbar nach der Aktualisierung des Motivs (des Bedürfnisses) und bevor das Subjekt seine Tätigkeit rational wertet. Ich kann hier nicht auf die Analyse der verschiedenen Hypothesen eingehen, die auf die eine oder andere Weise die Tatsache der Abhängigkeit der Emotionen von der Wechselbeziehung zwischen "Sein und Sollen" zum Ausdruck bringen. Ich möchte nur erwähnen, daß eine in erster Linie zu berücksichtigende Tatsache darin besteht, daß Emotionen tätigkeitsrelevant und nicht handlungs- oder operationsrelevant sind. Daher können auch ein und dieselben Prozesse, die verschiedene Tätigkeiten realisieren, eine unterschiedliche und sogar eine entgegengesetzte emotionale Färbung erlangen. Mit anderen Worten, die Rolle der positiven oder negativen "Sanktionierung" realisiert sich über Emotionen, die auf Effekte im Hinblick auf das jeweilige Motiv bezogen sind. Selbst die erfolgreiche Ausführung einer Handlung führt durchaus nicht immer zu einer positiven Emotion, sie kann auch ein stark negatives Erleben erzeugen, welches signalisiert, daß für das Leitmotiv der Persönlichkeit das erreichte Resultat psychologisch eine Enttäuschung darstellt. Das bezieht sich auch auf die Ebene einfachster Anpassungsreaktionen. Der Akt des Niesens ruft an sich Wohlbehagen ||189| hervor. Ein ganz anderes Gefühl, die Emotion des Schreckens nämlich, erlebte jedoch der Held einer Erzählung von Tschechow, der im Theater niesen mußte; und er begeht eine Reihe von Handlungen, die schließlich zu seinem Tode führen. Die Mannigfaltigkeit und die Kompliziertheit der emotionalen Zustände sind das Ergebnis einer Aufspaltung der primären Sinnlichkeit, in der ihre gnostischen und ihre affektiven Momente vereinigt sind. Diese Aufspaltung darf man sich natürlich nicht so vorstellen, daß die emotionalen Zustände eine von der gegenständlichen Welt unabhängige Existenz erlangen. Sie entstehen in gegenständlichen Situationen und "markieren" dabei gleichsam in ihrer Sprache diese Situationen und die einzelnen Objekte, mitunter gehen sie in diese sogar zufällig oder indirekt ein. Es genügt darauf hinzuweisen, daß gewöhnlich den Dingen selbst oder einzelnen Menschen ein emotionales Merkmal zugeschrieben wird, daß sogenannte "affektive Komplexe" herausgebildet werden. Es geht um etwas anderes, und zwar darum, daß im Abbild eine Differenzierung seines gegenständlichen Inhalts und seiner emotionalen Färbung entsteht, sowie darum, daß unter den Bedingungen der komplizierten Vermittlungen der menschlichen Tätigkeit sich der affektogene Charakter der Objekte verändern kann. (Die unvorhergesehene Begegnung mit einem Bären kann Angst hervorrufen, bei Vorhandensein eines speziellen Motivs jedoch, zum Beispiel der Jagd, Freude auslösen.) Die Hauptsache besteht jedoch darin, daß die emotionalen Prozesse und Zustände beim Menschen ihre eigene positive Entwicklung haben. Das ist besonders zu betonen, da die klassischen, auf Darwin zurückgehenden Konzeptionen der menschlichen Emotionen sie als "Rudimente", ihre Transformation beim Menschen als ihre Involution betrachten. Das muß auch zu dem falschen Erziehungsideal führen, das darauf hinausläuft, "die Sinne dem kalten Verstand unterzuordnen". Das entgegengesetzte Herangehen an das Problem besteht darin, die Emotionen beim Menschen im Zusammenhang mit ihrer eigenen Geschichte, mit ihrer eigenen Entwicklung zu sehen. Dabei haben sich ihre Funktionen verändert und differenziert, so daß wesentlich voneinander unterschiedene Ebenen und ||190| Klassen entstanden sind: die Affekte, die plötzlich und blitzartig entstehen (wir sagen: mich hat die Wut gepackt, aber ich habe mich gefreut), die eigentlichen Emotion - vorwiegend ideatorische und situative Zustände, gegenständliche Gefühle, die mit den letztgenannten zusammenhängen, das heißt stabiles, im Gegenstand gleichsam kristallisiertes (Stendhal) emotionales Erleben. Eine weitere Gruppe bilden die Stimmungen, als ihrer "Persönlichkeits"-funktion nach sehr wichtige subjektive Erscheinungen. Ohne näher auf die Analyse dieser verschiedenen Klassen von Emotionen einzugehen, möchte ich nur bemerken, daß sie miteinander komplizierte Beziehungen eingehen. Der junge Rostow befürchtet vor der Schlacht (und das ist eine Emotion), daß ihn die Angst überwältigen wird (ein Affekt). Eine Mutter kann mit einem ungezogenen Kind ernsthaft böse sein, ohne auch nur eine Minute lang aufzuhören, es zu lieben (ein Gefühl). Die Mannigfaltigkeit der emotionalen Erscheinungen, die Kompliziertheit ihrer Zusammenhänge und Äußerungen werden subjektiv recht gut erfaßt. Sobald jedoch die Psychologie die Ebene der Phänomenologie verläßt, zeigt es sich, daß der psychologischen Forschung nur sehr undifferenziert Zustände zugänglich sind. Das kommt sowohl in den peripheren Theorien zum Ausdruck als auch in den modernen psychophysiologischen Konzeptionen (James hatte direkt gesagt, daß seine Theorie nicht die höheren Emotionen betrifft). Ein anderes Herangehen an das Problem der Emotionen besteht darin, die "Beziehungen zwischen den Motivationen" zu untersuchen, die durch ihre Entwicklung die Struktur der Persönlichkeit und zusammen damit auch die Sphäre der die Persönlichkeit widerspiegelnden und ihr Funktionieren vermittelnden emotionalen Erlebnisse charakterisieren Genetisch ist das Nichtzusammenfallen von Motiven und Zielen Ausgangspunkt der menschlichen Tätigkeit. Ihr Zusammenfallen ist dagegen eine sekundäre Erscheinung: entweder Ergebnis dessen, daß das Ziel selbständige stimulierende Kraft erlangt hat, oder Ergebnis des Bewußtwerdens der Motive, das diese zu Zielmotiven machen. Im Unterschied zu den Zielen werden die Motive vom Subjekt nicht aktuell erfaßt: Wenn ||191| wir Handlungen ausführen, geben wir uns in diesem Moment gewöhnlich keine Rechenschaft über die Motive, die sie stimulieren. Es fällt uns natürlich nicht schwer, ihre Motivierung zum Ausdruck zu bringen, aber eine Motivierung enthält durchaus nicht immer den Hinweis auf ihr tatsächliches Motiv. Die Motive sind jedoch nicht vom Bewußtsein getrennt. Selbst wenn die Motive nicht bewußt werden, das heißt wenn sich der Mensch nicht darüber Rechenschaft ablegt, was ihn dazu stimuliert, diese oder jene Handlungen auszuführen, finden sie dennoch ihre psychische Widerspiegelung, jedoch in einer besonderen Form - in der Form der emotionalen Färbung der Handlungen. Diese emotionale Färbung (ihre Intensität, ihr Merkmal und ihre qualitative Charakteristik) erfüllt eine spezifische Funktion, was auch die Unterscheidung des Begriffs Emotion und des Begriffs persönlicher Sinn erforderlich macht. Ursprünglich stimmen beide überein, denn offensichtlich werden auf den niederen Stufen die Bedürfnisgegenstände durch die Emotion gleichsam direkt angezielt. Der Unterschied zwischen Emotionen und persönlichem Sinn entsteht erst infolge der sich im Laufe der Entwicklung menschlicher Tätigkeit vollziehenden Aufspaltung der Motivfunktionen. Eine solche Aufspaltung entsteht dadurch, daß die Tätigkeit notwendig zu einer "polymotivierten" Tätigkeit wird, das heißt gleichzeitig zwei oder mehreren Motiven entspricht.[146] Die Handlungen des Menschen realisieren stets eine Gesamtheit von Beziehungen: zur gegenständlichen Welt, zu den Menschen der Umwelt, zur Gesellschaft und zu sich selbst. Somit ist die Arbeitstätigkeit gesellschaftlich determiniert, sie wird jedoch auch durch solche Motive, wie zum Beispiel die materielle Belohnung gesteuert. Wenn auch diese beiden Motive nebeneinander bestehen, liegen sie doch gleichsam auf verschiedenen Ebenen. Unter sozialistischen Bedingungen wird der Sinn der Arbeit für den Arbeiter durch gesellschaftliche Motive erzeugt. Die materielle Belohnung fungiert für ihn als Motiv natürlich ebenfalls, jedoch nur in der Stimulierungsfunktion, die die Tätigkeit ||192| stimuliert, "dynamisiert", die Hauptfunktion, die Funktion der Bedeutungsgebung, hat es doch verloren. Somit geben die einen Motive, indem sie die Tätigkeit stimulieren, ihr gleichzeitig persönlichen Sinn. Wir bezeichnen sie als sinngebende Motive. Die anderen, die neben ihnen existieren und die Rolle von stimulierenden (positiven oder negativen) Faktoren - mitunter stark emotionalen, affektiven Faktoren spielen, haben keine sinngebende Funktion. Wir werden solche Motive mit einigem Vorbehalt als stimulierende Motive[147] bezeichnen. Charakteristisch ist folgender Zusammenhang: Eine für einen Menschen wichtige Tätigkeit verändert sich dann in ihrem persönlichen Sinn nicht, wenn sie im Verlaufe ihrer Realisierung negativ stimuliert wird und von starkem emotionalen Erleben begleitet ist. Häufiger erfolgt etwas anderes, und zwar eine eigenartige, schnell zunehmende psychologische Diskreditierung der entstandenen Emotion. Diese gut bekannte Erscheinung veranlaßt, nochmals über die Frage nach der Beziehung des emotionalen Erlebens zum persönlichen Sinn[148] nachzudenken. Die Aufteilung der Motivfunktionen in sinngebende und ausschließlich stimulierende bei ein und derselben Tätigkeit erlaubt es, die wichtigsten Beziehungen im Motivationsbereich der Persönlichkeit zu verstehen - die H i e r a r c h i e der Motive. Sie baut sich gewiß nicht nach ihrer Nähe zu den vitalen (den biologischen) Bedürfnissen auf, wie sich das zum Beispiel MASLOW vorstellt: Grundlage der Hierarchie sei die Notwendigkeit, physiologisch die Homöostase aufrechtzuerhalten. Etwas höher folgten die Motive der Selbsterhaltung, danach Sicherheit, Prestige und schließlich an der obersten Spitze der Hierarchie die gnostischen und ästhetischen Motive.[149] Hauptproblem ist hierbei nicht, inwieweit diese Skala (oder eine ||193| andere, ähnliche) zutrifft, sondern, ob eine derartige Skalierung der Motive im Prinzip berechtigt ist. Weder die Nähe zu den biologischen Bedürfnissen noch die Stimulierung und die Affekterzeugung der Motive bestimmen ihre hierarchischen Beziehungen. Diese Beziehungen werden durch die sich entwickelnden Zusammenhänge der Tätigkeit des Subjekts, durch ihre Vermittlungen bestimmt und sind daher relativ. Das bezieht sich auch auf die hauptsächliche Wechselbeziehung, auf die Wechselbeziehung von sinngebenden und stimulierenden Motiven. In der Struktur der einen Tätigkeit kann das jeweilige Motiv die Funktion der Sinngebung ausüben, in einer anderen die Funktion einer zusätzlichen Stimulierung. Die sinngebenden Motive nehmen jedoch stets einen höheren hierarchischen Platz ein, selbst wenn sie nicht unmittelbar affekterzeugend wirken. Als führende Motive im Leben des Subjekts können sie für das Bewußtsein als auch in bezug auf ihren unmittelbaren Affektcharakter im Hintergrund, "verdeckt" bleiben. Die Tatsache der Existenz aktuell nicht erkannter Motive ist keineswegs ein Hinweis auf das Vorhandensein eines besonderen Elements in den Tiefen des Psychischen. Nicht erkannte Motive sind ebenso determiniert wie jede psychische Widerspiegelung durch das reale Sein, die Tätigkeit des Menschen in der objektiven Welt. Unbewußtes (Nichterkanntes) und Bewußtes (Erkanntes) stehen einander nicht gegenüber. Es sind nur verschiedene Formen und Ebenen der psychischen Widerspiegelung, abhängig von der Stellung des Widerzuspiegelnden in der Struktur der Tätigkeit, in der Bewegung ihres Systems. Die Ziele und die ihnen entsprechenden Handlungen treten notwendigerweise in das Bewußtsein, nicht aber das Motiv, um dessentwillen diese Ziele gestellt und erreicht werden. Der gegenständliche Inhalt der Motive wird natürlich stets irgendwie wahrgenommen und durch Vorstellungen repräsentiert. In dieser Hinsicht sind das Objekt, das zum Handeln stimuliert, und das Objekt, das als Werkzeug oder Hindernis wirksam wird, sozusagen gleichwertig. Etwas anders verhält es sich mit dem Bewußtwerden des Objekts als Motiv. Das Paradoxe besteht darin, daß sich die Motive dem Bewußtsein nur objektiv, durch die Analyse der Tätigkeit, ihrer Dynamik entdecken. ||194| Subjektiv äußern sie sich jedoch nur indirekt, als Erleben des Wünschens und Wollens, des Strebens nach einem Ziel. Wenn vor mir ein Ziel auftaucht, erkenne ich es nicht nur, stelle ich mir nicht nur seine objektive Bedingtheit, die Mittel zu seiner Erlangung und die ferneren Resultate vor, zu denen es führt, gleichzeitig will ich es erlangen (oder umgekehrt, ich will es vermeiden, das Ziel führt mich von sich weg). Dieses unmittelbare Erleben spielt auch die Rolle innerer Signale, mit deren Hilfe die sich vollziehenden Prozesse gesteuert werden. Das in diesen inneren Signalen subjektiv zum Ausdruck kommende Motiv ist jedoch in ihnen selbst nicht enthalten. Das schafft auch den Eindruck, daß sie endogen entstehen und daß gerade sie die Kräfte sind, die das Verhalten in Gang setzen. Das Bewußtwerden der Motive ist eine sekundäre Erscheinung, die erst auf einem bestimmten Niveau der Persönlichkeitsentwicklung entsteht und sich entsprechend ständig weiter ausbildet. Für kleine Kinder existiert diese Aufgabe nicht. Selbst auf der Übergangsetappe zum Schulalter, wenn das Kind zur Schule gehen möchte, ist ihm das wahre Motiv dieses Strebens verborgen, zumal es sich noch nicht um Motivierungen bemüht, die dem gewöhnlichen Normwissen entsprechen. Ergründen kann man dieses wahre Motiv nur von der objektiven Seite und indirekt, indem man zum Beispiel die Kinder beobachtet, wenn sie Schule spielen. Im Rollenspiel tritt leicht die personale Bedeutung der Spielhandlungen Zutage und dementsprechend der personale Sinn ihrer Motive.[150] Zum Bewußtwerden der tatsächlichen Motive seiner Tätigkeit gelangt das Subjekt ebenfalls auf einem "Umweg", jedoch mit dem Unterschied, daß ihn auf diesem Wege Signalerlebnisse, die emotionalen "Markierungszeichen" der Ereignisse orientieren. Ein Tag, angefüllt mit einer Vielzahl von Handlungen, die, wie es den Anschein hat, ganz erfolgreich waren, kann einem Menschen dennoch die Stimmung verderben, bei ihm einen gewissen ||195| unangenehmen emotionalen Nachgeschmack hinterlassen. Tagsüber, vor dem Hintergrund der Sorgen und Aufgaben, wird dieses Gefühl kaum bemerkt. Aber es kommt der Augenblick, in dem der Mensch gleichsam zurückblickt und den durchlebten Tag an sich vorüberziehen läßt. Wenn im Gedächtnis dann ein bestimmtes Ereignis auftaucht, erlangt seine Stimmung gegenständliche Bezogenheit: Es entsteht ein affektives Signal, das ihn auf den Zusammenhang dieses Ereignisses mit dem bei ihm entstandenen emotionalen Nachgeschmack hinweist. Das kann zum Beispiel eine negative Reaktion auf den Erfolg eines anderen bei der Erlangung des gemeinsamen Ziels sein, um dessentwillen er einzig und allein zu handeln geglaubt hatte. Nun stellt er plötzlich fest, daß dies nicht ganz so ist, wenngleich sein Hauptmotiv nicht die Erringung des Erfolges für sich war. Er steht vor "dem Problem des persönlichen Sinns". Doch es löst sich nicht von selbst, da es jetzt zum Problem der Motivbeziehungen, ihrer Korrelationen, geworden ist, die ihn als Persönlichkeit charakterisieren. Es ist eine besondere innere Arbeit vonnöten, um ein solches Problem zu lösen und sich vielleicht mit Anstrengung von dem zu trennen, was zum Vorschein kam. Denn es ist ein Unglück, sagte Pirogow, wenn man das nicht rechtzeitig bemerkt und stehenbleibt. Auch Herzen schrieb darüber, und das ganze Leben Tolstois ist ein großartiges Beispiel für einen solchen inneren Kampf. Das Eindringen in die Persönlichkeit erfolgt hier vom Subjekt aus, phänomenal. Aber selbst in dieser phänomenalen Erscheinungsform wird ersichtlich, daß dieser Prozeß in der Klärung der hierarchischen Verbindungen der Motive besteht. Subjektiv scheinen sie die psychologischen "Valenzen" der Motive auszudrücken. Die wissenschaftliche Analyse muß jedoch weitergehen, da die Entstehung dieser Verbindungen die Transformation der Motive notwendigerweise selbst voraussetzt. Diese vollzieht sich in der Bewegung jenes ganzen Tätigkeitssystems des Subjekts, in dem sich seine Persönlichkeit entwickelt. ||196| 5.5. Die Entwicklung der PersönlichkeitFür das menschliche Individuum zeigen sich die Besonderheiten seiner Entwicklungssituation bereits auf den allerersten Etappen. Die wichtigste besteht dabei im vermittelten Charakter der Verbindungen des Kindes zur Umwelt. Von Anfang an werden die direkten biologischen Beziehungen Mutter - Kind sehr schnell durch Gegenstände vermittelt: die Mutter füttert das Kind aus der Tasse, kleidet es, beschäftigt es, manipuliert mit dem Spielzeug. Zugleich werden die Beziehungen des Kindes zu den Dingen durch die Menschen seiner Umwelt vermittelt: Die Mutter bringt das Kind an den interessierenden Gegenstand heran, bringt diesen zu ihm oder nimmt ihm diesen vielleicht auch weg. Kurzum, die Tätigkeit des Kindes realisiert seine Beziehungen zum Menschen über die Dinge und die Beziehungen zu den Dingen über den Menschen. Diese Entwicklungssituation führt dazu, daß dem Kind die Dinge nicht nur in ihren physischen Eigenschaften entgegentreten, sondern auch in jenen besonderen Eigenschaften, die sie in der menschlichen Tätigkeit erlangen - in ihrer funktionellen Bedeutung (die Tasse - aus der man trinkt, der Stuhl - auf dem man sitzt, die Uhr - die man am Handgelenk trägt usw.), ebenso die Menschen als "die Gebieter" dieser Dinge, von denen die Beziehungen des Kindes zu den Dingen abhängig sind. Die gegenständliche Tätigkeit des Kindes gewinnt werkzeugvermittelte Struktur, und die Kommunikation wird sprachlich, durch die Sprache vermittelt.[151] Diese Ausgangssituation enthält bereits den Kern jener Beziehungen die über Kette n von Ereignissen zur Persönlichkeitsentwicklung führen. Ursprünglich sind die Beziehungen zur Welt der Dinge und zu den umgebenden Menschen für das Kind miteinander verschmolzen, dann gliedern sie sich jedoch auf und bilden verschiedene, wenn auch wechselseitig zusammenhängende und ineinander übergehende Entwicklungslinien. ||197| In der Ontogenese äußern sich diese Übergänge in abwechselnden Phasen. Phasen der überwiegenden Entwicklung der gegenständlichen (der praktischen und gnostischen) Tätigkeit wechseln mit der vorrangigen Entwicklung der sozialen Beziehungen, der Beziehungen zur Gesellschaft.[152] Von solchen Übergängen werden jedoch auch die Veränderungen der Motive innerhalb jeder Phase charakterisiert. Dadurch entstehen eben jene hierarchischen Motiv-Verbindungen, die "Knotenpunkte" für die Persönlichkeit darstellen. Das Entstehen dieser "Knoten" ist ein latenter Prozeß, und er kommt auf den verschiedenen Entwicklungsetappen in unterschiedlicher Form zum Ausdruck. Weiter oben habe ich eine Erscheinung beschrieben, die den Mechanismus dieses Prozesses in einem Stadium charakterisiert, in welchem die Einbeziehung der gegenständlichen Handlung des Kindes in seine Beziehung zu dem in diesem Moment abwesenden Erwachsenen zwar den Sinn des erreichten Resultats verändert, in welchem die Handlung selbst jedoch gänzlich eine "feldabhängige Handlung" bleibt. Auf welche Weise gehen die weiteren Veränderungen vor sich? Die bei der Untersuchung von Kindern in unterschiedlichen Stadien des Vorschulalters gewonnenen Daten zeigen, daß diese Veränderungen bestimmten Regeln folgen. Eine davon besagt, daß bei einer unterschiedlich gerichteten Motivation die Unterordnung der Handlung unter die Forderung des Menschen früher erfolgt, die Unterordnung unter die objektiven Zusammenhänge zwischen den Gegenständen später. Eine weitere experimentell festgestellte Regel klingt ebenfalls etwas paradox: Bei einer zweifach motivierten Tätigkeit ist das gegenständlich-materielle Motiv in der Lage, sich ein anderes Motiv früher unterzuordnen, wenn es dem Kind nur als Vorstellung, gedanklich gegeben ist, und später nur, wenn es im aktuellen Wahrnehmungsfeld bleibt. Wenn diese Regeln auch Ausdruck einer genetischen Abfolge sind, sind sie doch von allgemeiner Bedeutung. In einer besonders schwierigen Situation vom obigen Typ tritt eine Verschiebung ||198| (decalage) ein, durch welche diese einfacheren steuernden Motive zutage treten; bekanntlich ist es leichter, auf einen direkten Befehl des Kommandeurs hin anzugreifen als auf eigenen Befehl. Was die Form der Motive betrifft, so zeigt sich unter den komplizierten Bedingungen der Willenstätigkeit sehr deutlich, daß nur das ideelle Motiv, das heißt das außerhalb der Vektoren des äußeren Feldes liegende Motiv, in der Lage ist, sich Handlungen mit entgegengesetzt gerichteten äußeren Motiven unterzuordnen. Bildlich gesprochen muß man den psychologischen Mechanismus eines heldenhaften Lebens in der menschlichen Vorstellungskraft suchen. Die Persönlichkeitsentwicklung kann hinsichtlich der hier zu diskutierenden Veränderungen auch als Entwicklung des Willens dargestellt werden, und das nicht zufällig. Die unwillentliche, impulsive Handlung ist eine Handlung ohne Kontrolle durch die Persönlichkeit, unpersönlich, zumal man auch vom Willensverlust nur in bezug auf die Persönlichkeit sprechen kann (denn man kann nicht verlieren, was man nicht besitzt). Deshalb haben die Autoren, die den Willen für das wichtigste Persönlichkeitsmerkmal halten, vom empirischen Gesichtspunkt aus recht.[153] Der Wille ist jedoch weder Quelle noch "Mittelpunkt" der Persönlichkeit, er ist nur eine ihrer Äußerungen. Die wirkliche Grundlage der Persönlichkeit ist jene besondere Struktur der ganzheitlichen Tätigkeiten des Subjekts, die auf einer bestimmten Entwicklungsetappe seiner menschlichen Beziehungen zur Welt entsteht. Der Mensch lebt in einer Wirklichkeit, die sich ihm gleichsam ständig erweitert. Zuerst ist dies der enge Kreis der ihn unmittelbar umgebenden Menschen und Gegenstände, die Wechselwirkung mit ihnen, ihre sinnliche Wahrnehmung und die Aneignung von Bekanntem über sie, die Aneignung ihrer Bedeutung. Später aber öffnet sich ihm die Wirklichkeit, die weit jenseits seiner praktischen Tätigkeit und direkten Kommunikation liegt; die Grenzen der erkennbaren und vorstellbaren Welt erweitern sich. Das tatsächliche "Feld", das nunmehr ||199| seine Handlungen bestimmt, ist nicht einfach das Vorhandene, sondern das Existierende - das objektiv und mitunter nur illusorisch Existierende. Die Kenntnis dieses Existierenden eilt stets seiner Umwandlung in das tätigkeitsbestimmende Wissen voraus. Derartiges Wissen spielt bei der Entwicklung der Motive eine sehr wichtige Rolle. Auf einer bestimmten Entwicklungsstufe fungieren die Motive anfangs nur als "zu wissende", als mögliche Motive, die real noch keinerlei Handlungen stimulieren. Will man die Persönlichkeitsentwicklung verstehen, muß man dies unbedingt berücksichtigen, wenn auch die Erweiterung des Wissens selbst diesen Prozeß nicht determiniert. Man kann übrigens deshalb die Erziehung der Persönlichkeit nicht auf den Unterricht, auf die Wissensvermittlung reduzieren. Die Entwicklung der Persönlichkeit setzt die Entwicklung der Zielbildung und entsprechend die Entwicklung der Handlungen des Subjekts voraus. Die Handlungen werden immer reicher, sie wachsen gleichsam über jenen Kreis von Tätigkeiten hinaus, die sie realisieren können, und geraten in Widerspruch zu deren Motiven. Die Erscheinungen eines derartigen Überholens sind gut bekannt und werden in der Literatur zur Entwicklungspsychologie ständig beschrieben, wenn auch mit anderen Termini. Sie bilden auch die sogenannten Entwicklungskrisen, die Krise im Alter von drei Jahren, von sieben Jahren, im Jugendalter sowie die weitaus weniger erforschten des Erwachsenenalters. Dadurch ergibt sich eine Verschiebung der Motive auf die Ziele, eine Änderung ihrer Hierarchie und die Entstehung neuer Motive - neuer Tätigkeitsarten; die früheren Ziele werden psychologisch diskreditiert und die ihnen entsprechenden Handlungen hören entweder völlig zu existieren auf oder sie verwandeln sich in persönlichkeitsunspezifische Operationen. Die inneren Triebkräfte dieses Prozesses liegen in dem anfänglichen Doppelcharakter der Beziehungen des Subjekts zur Welt, in ihrer zweifachen Vermitteltheit - durch die gegenständliche Tätigkeit und durch die Kommunikation. Ihre Entfaltung erzeugt nicht nur den Doppelcharakter der Motivation der Handlungen, sondern dadurch auch deren Koordinierungen, die von ||200| jenen objektiven Beziehungen abhängen, welche das Subjekt eingeht. Die Entwicklung und Vermehrung dieser ihrer Natur nach besonderen Koordinierungen, die nur entstehen, wenn der Mensch in der Gesellschaft lebt, erstreckt sich über eine lange Periode, die als die Etappe der elementaren, vom Selbstbewußtsein nicht gesteuerten Persönlichkeitsentwicklung bezeichnet werden kann. Mit dieser Etappe, die bis ins Jugendalter reicht, kommt jedoch die Persönlichkeitsentwicklung nicht zum Abschluß, sie bereitet nur die Geburt der sich selbst erkennenden Persönlichkeit vor. In der pädagogischen und psychologischen Literatur wird in dieser Hinsicht beständig sowohl auf das jüngere Vorschulalter als auch auf das Jugendalter als Alter des Umbruchs verwiesen. Die Persönlichkeit wird tatsächlich zweimal geboren: das erste Mal, wenn sich beim Kind deutliche Formen einer Polymotiviertheit zeigen und die Koordiniertheit seiner Handlungen sichtbar wird (wir erinnern an das Beispiel der "bitteren Schokolade" und ähnliche Phänomene), das zweite Mal - wenn seine bewußte Persönlichkeit entsteht. Mit dem letzteren ist eine besondere Umstrukturierung des Bewußtseins gemeint. Es ergibt sich die Aufgabe, die Notwendigkeit und das Wesen dieser Umstrukturierung zu erfassen. Diese Notwendigkeit ergibt sich aus dem Umstand, daß die Beziehungen des Subjekts zur Welt einander desto mehr überlagern, je umfassender sie sind, seine Handlungen, die eine Tätigkeit, die eine Beziehung realisieren, realisieren objektiv auch noch andere. Ihr mögliches Nichtzusammenfallen oder ihr möglicher Widerspruch schafft jedoch keine Alternativen, die einfach durch eine "Arithmetik der Motive" gelöst werden. Die reale psychologische Situation - sie kommt durch die sich kreuzenden Beziehungen des Subjekts zur Welt zustande, in die unabhängig von ihm jede Handlung und jeder Akt des Verkehrs mit anderen Menschen einbezogen wird - fordert vom Subjekt eine Orientierung im System dieser Beziehungen. Mit anderen Worten, die psychische Widerspiegelung, das Bewußtsein kann die einen oder anderen Handlungen des Subjekts schon nicht mehr nur orientieren, sie muß auch aktiv die Hierarchie ihrer Beziehungen das Unterordnen und Umordnen ihrer Motive ||201| widerspiegeln. Und das macht eine besondere innere Bewegung des Bewußtseins erforderlich. In der Bewegung des individuellen Bewußtseins, das früher als ein Prozeß der wechselseitigen Übergänge der unmittelbarsinnlichen Inhalte und Bedeutungen beschrieben wurde, die in Abhängigkeit von den Tätigkeitsmotiven den einen oder anderen Sinn erhalten, wird nunmehr eine Bewegung in einer weiteren Dimension entdeckt. Wenn man sich die früher beschriebene Bewegung als eine Bewegung in horizontaler Ebene vorstellt, so vollzieht sich diese neue Bewegung gleichsam in der vertikalen. Sie besteht in der Korrelierung der Motive zueinander: Einige nehmen eine subordinierende Stellung ein und erhöhen sich gleichsam über andere, einige dagegen sinken bis auf die Stufe der Subordinierten oder verlieren völlig ihre sinnbildende Funktion. Die Entstehung dieser Bewegung ist Ausdruck auch der Entstehung eines geschlossenen Systems von persönlichen Bedeutungen - der Entstehung der Persönlichkeit. Natürlich ist die Persönlichkeitsentwicklung ein kontinuierlicher Prozeß. Er besteht aus einer Reihe einander ablösender Stadien, deren qualitative Merkmale von konkreten Bedingungen und Umständen abhängen. Daher bemerken wir in ihrem Verlauf nur einzelne Schübe. Wenn wir diesen Prozeß sozusagen aus einem bestimmten Abstand betrachten, tritt der Übergang, der die echte Geburt der Persönlichkeit kennzeichnet, als ein Ereignis ein, das den Verlauf der gesamten folgenden psychischen Entwicklung verändert. Es gibt viele Erscheinungen, die diesen Übergang kennzeichnen. Vor allem ist dies die Umstrukturierung der Beziehungen zu anderen Menschen, zur Gesellschaft. Wenn sich in den vorausgehenden Stadien die Gesellschaft in der sich erweiternden Kommunikation mit der Umwelt und damit vorwiegend in ihren personifizierten Formen äußert, so folgt nun eine Umkehrung: die Menschen der Umwelt treten immer mehr über die objektiven gesellschaftlichen Beziehungen in Erscheinung. Der Übergang, um den es hier geht, bringt auch Veränderungen mit sich, die für die Entwicklung der Persönlichkeit, für ihr Schicksal bestimmend werden. ||202| Die Notwendigkeit, sich in dem umfassender werdenden Beziehungssystem zur Welt zu orientieren, zeigt sich jetzt in ihrer neuen Bedeutung: Sie führt zur Entfaltung des gesellschaftlichen Wesens des Subjekts. Diese Entfaltung in ihrer Vollkommenheit ist die Perspektive des historischen Prozesses. Auf die Entwicklung der Persönlichkeit angewandt in der einen oder anderen Entwicklungsetappe der Gesellschaft und in Abhängigkeit von dem Platz, den das Individuum im System der bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen einnimmt, fungiert diese Perspektive nur als eventueller ideeller "Endpunkt". Eine dieser Veränderungen, hinter der sich eine neue Umstrukturierung der Motivhierarchie verbirgt, zeigt sich darin, daß für den Jugendlichen der Umgang mit dem Menschen im "häuslichen" Kreis seinen Eigenwert verliert. So behalten selbst die von den am nächsten stehenden Erwachsenen kommenden Forderungen jetzt nur unter der Bedingung ihre sinnbildende Funktion, daß sie in die umfassendere soziale Motivationssphäre einbezogen werden können. Im entgegengesetzten Fall stoßen sie auf "psychologischen Widerstand". Dieses Eintreten des Jugendlichen in einen umfassenderen Kreis bedeutet jedoch keineswegs, daß das Intime, das Persönliche jetzt gleichsam in den Hintergrund tritt. Im Gegenteil, gerade in dieser Periode und gerade deshalb entwickelt sich das Innenleben intensiv: Neben Kameradschaft entsteht Freundschaft, die vom gegenseitigen Vertrauen lebt. Es verändert sich der Inhalt der Briefe, sie verlieren ihren stereotypen und beschreibenden Charakter. Eigenes Erleben wird wiedergegeben, persönliche Tagebücher werden geführt, und erste Verliebtheiten treten auf. Noch tiefgreifendere Veränderungen zeigen die folgenden Entwicklungsstufen bis einschließlich zu der Stufe, auf der die objektiven gesellschaftlichen Beziehungen selbst, ihre Ausdrucksformen persönlichen Sinn bekommen. Die auf dieser Stufe entstehenden Erscheinungen sind natürlich noch komplizierter und sie können tatsächlich tragisch sein. Doch auch hier geschieht das gleiche: Je umfassender sich die Gesellschaft der Persönlichkeit erschließt, um so reicher wird deren innere Welt. Die Entwicklung der Persönlichkeit bleibt immer zutiefst individuell ||203| und Unwiederholbar. Sie führt zu starken interindividuellen Altersunterschieden, mitunter auch zur sozialen Degradation der Persönlichkeit. Sie verläuft vor allem völlig unterschiedlich je nach den konkret-historischen Bedingungen, nach der Zugehörigkeit des Individuums zu dem einen oder anderen sozialen Milieu. In der Klassengesellschaft mit ihrer unvermeidlichen Entfremdung und ihrer Vereinzelung der Persönlichkeit, mit ihren Alternativen zwischen Unterordnung und Herrschaft ist sie besonders dramatisch. Es versteht sich von selbst, daß die konkreten Lebensumstände dem Entwicklungsgang auch in der sozialistischen Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken. Die Beseitigung der objektiven Bedingungen, die den Menschen hindern, zu seinem wirklichen Wesen zu finden, zu einer allseitigen und harmonischen Entwicklung seiner Persönlichkeit, verleiht dieser Perspektive zum ersten Mal Realität, sie gestaltet jedoch die Persönlichkeit nicht automatisch um. Die grundlegende Veränderung besteht in etwas anderem, und zwar darin, daß eine neue Bewegung entsteht: der Kampf der Gesellschaft für eine menschliche Persönlichkeit. Wenn wir sagen: "im Namen des Menschen, für den Menschen", bedeutet das nicht einfach, für seinen Konsum zu sorgen, sondern für seine Persönlichkeit, wenngleich dabei natürlich vorausgesetzt wird, daß der Mensch sowohl mit materiellen als auch mit geistigen Gütern versorgt wird. Bei den Erscheinungen, die den Übergang von der Vorbereitungsperiode der Persönlichkeit zu ihrer Entwicklungsperiode kennzeichnen, müssen wir auf eine weitere Transformation hinweisen. Es ist die Transformation der Äußerung der Klassenmerkmale der Persönlichkeit und - allgemein gesagt - der von der sozialen Differenzierung der Gesellschaft abhängenden Merkmale. Die Klassenzugehörigkeit des Subjekts bedingt direkt von Anfang an die Entwicklung seiner Beziehung zur Umwelt, den Umfang seiner praktischen Tätigkeit, seines Umgangs, seines Wissens und der angeeigneten Verhaltensnormen. Das alles bildet auch jene Erwerbungen, auf deren Grundlage sich die Persönlichkeit bereits auf ihrer ursprünglichen Entwicklungsetappe herausbildet. Kann man oder muß man in Anbetracht dieses Stadiums vom Klassencharakter der Persönlichkeit ||204| sprechen? Ja, wenn man meint, was sich das Kind aus der Umwelt aneignet, nein, da es auf dieser Etappe, wenn man das so ausdrücken kann, nur Objekt seiner Klasse, seiner sozialen Gruppe ist. Eine weitere Umwälzung besteht darin, daß es zu ihrem Subjekt wird. Jetzt, und erst jetzt, beginnt sich seine Persönlichkeit als Klassenpersönlichkeit in einer anderen, in der eigentlichen Bedeutung des Wortes herauszuformen: zuerst vielleicht unbewußt, dann bewußt; früher oder später bezieht das Subjekt zwangsläufig seine Position, und zwar eine mehr oder weniger aktive, eine konsequente oder eine schwankende. Daher "befindet" es sich nicht einfach in der Klassenkonfrontation, sondern es stellt sich selbst auf die eine oder andere Seite der Barrikade. Es zeigt sich, daß sich das Subjekt bei jeder Wende in seinem Lebensweg von etwas befreien muß, etwas in sich festigen muß. Das alles muß getan werden, ein bloßes "Unterwerfen unter den Einfluß des Milieus" ist nicht möglich. Schließlich vollzieht sich an derselben Grenze noch eine Veränderung, die den "Mechanismus" der Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls umgestaltet. Ich sprach bereits von der sich für das Subjekt ständig erweiternden aktuellen Wirklichkeit. Sie erweitert sich aber auch zeitlich für seine Vergangenheit und für die absehbare Zukunft. Dabei ist vor allem die Vergangenheit gemeint, die individuelle Erfahrung des Subjekts, deren Funktion gewissermaßen auch seine Persönlichkeit ist. Dieser Sachverhalt kann zum Wiederaufleben der Formel von der Persönlichkeit als einem Produkt aus angeborenen Eigenschaften und gewonnener Erfahrung führen. In den frühen Entwicklungsetappen mag diese Formel glaubhaft erscheinen, besonders wenn man sie nicht vereinfacht und wenn man die ganze Kompliziertheit der Erfahrungsbildung berücksichtigt. Bei der Hierarchisierung der Motive jedoch verliert sie immer mehr an Bedeutung und auf der Ebene der Persönlichkeit wird sie ungültig. Auf dieser Stufe sind die früheren Eindrücke, Ereignisse und die eigenen Handlungen für das Subjekt keineswegs ruhende Schichten seiner Erfahrung. Sie werden Gegenstand seiner Beziehungen seiner Handlungen, und so verändert sich ihr Beitrag ||205| zur Persönlichkeitsentwicklung. Das eine in diesem Vergangenen erlischt oder verliert seinen Sinn und verwandelt sich in eine einfache Bedingung seiner Tätigkeit, bestimmt lediglich ihre Art und Weise in Form von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Verhaltensstereotypen. Anderes zeigt sich ihm in ganz neuem Licht und erhält eine von ihm zuvor nicht erkannte Bedeutung. Irgend etwas aus der Vergangenheit weist das Subjekt schließlich aktiv ab, es hört psychologisch auf zu existieren, wenngleich es im Gedächtnis verbleibt. Diese Veränderungen erfolgen ständig, sie können sich aber auch konzentrieren und einen Umschwung in moralischer Hinsicht herbeiführen. Diese Umwertung dessen, was sich im bisherigen Leben herausgebildet hat, führt dazu, daß der Mensch die Last seiner Biographie abwirft. Zeugt dies etwa nicht davon, daß der frühere Anteil der Erfahrung an der Persönlichkeitsentwicklung von der Persönlichkeit selbst abhängig und zu ihrer Funktion geworden ist? Das ist infolge der neuen inneren Bewegung im System des individuellen Bewußtseins möglich, ich habe das bildlich als eine Bewegung "auf der Vertikalen" bezeichnet. Man darf nur nicht denken, daß diese Umbewertung des Vergangenen in der Persönlichkeit vom Bewußtsein hervorgerufen wird, das Bewußtsein führt sie nicht durch, sondern vermittelt sie. Durchgeführt wird sie jedoch durch die Handlungen des Subjekts, manchmal sogar durch äußere - durch den Bruch mit dem früheren Umgang, durch Berufswechsel, durch das praktische Aufnehmen von neuen Beziehungen. Sehr schön wird das bei Makarenko beschrieben: Die alte Kleidung der in die Kolonie aufgenommenen Obdachlosen wird von ihnen öffentlich verbrannt. Die weit verbreitete Ansicht, die Persönlichkeit sei ein Produkt der Biographie des Menschen, ist unbefriedigend. Sie läuft auf eine fatalistische Interpretation des menschlichen Schicksals hinaus (Der Philister denkt auch so: Das Kind hat gestohlen, also wird es ein Dieb!). Diese Ansicht läßt natürlich die Möglichkeit zu, etwas im Menschen zu verändern, aber nur durch eine Einmischung von außen, die gewaltsam das aus der Erfahrung Geformte umgestaltet. Es ist dies die Konzeption vom Primat ||206| der Strafe, aber nicht der Reue und der Belohnung, die die Handlungen krönt Die psychologische Grundtatsache wird außer acht gelassen, daß der Mensch eine Beziehung zu seiner Vergangenheit aufnimmt, die auf unterschiedliche Weise zum Bestandteil des für ihn Gegenwärtigen wird - sozusagen zum Gedächtnis seiner Persönlichkeit. Tolstoi gab den Rat: Beobachte, woran du dich erinnerst und woran du dich nicht erinnerst; an diesen Merkmalen erkennst du dich selbst.[154] Falsch ist die genannte Ansicht auch deshalb, weil die Erweiterung der Wirklichkeit für den Menschen nicht nur in Richtung auf die Vergangenheit erfolgt, sondern auch in Richtung auf die Zukunft. Ebenso wie die Vergangenheit gestaltet auch die Zukunft die Persönlichkeit. Im Leben des Menschen ist die Perspektive nicht einfach das Produkt einer "antizipierenden Widerspiegelung", sondern auch sein Besitz. Darin liegt die Stärke und die Wahrheit dessen, was Makarenko über die erzieherische Bedeutung der näheren und weiteren Perspektive schrieb. Dies gilt auch für die Erwachsenen. Folgendes Gleichnis hörte ich einmal im Ural aus dem Munde eines alten Gespannführers: Wenn ein Pferd auf einem schlechten Weg zu stolpern beginnt, so darf man es nicht schlagen, sondern man muß ihm den Kopf anheben, damit es weiter nach vorn sehen kann. Die Persönlichkeit wird durch die objektiven Umstände geschaffen, jedoch nur über die Gesamtheit der Tätigkeit des Subjekts, die seine Beziehung zur Welt realisiert. Diese Gesamtheit der Tätigkeit bestimmt auch den Typ der Persönlichkeit. Wenn auch die Fragen der differentiellen Psychologie nicht zu meinen Aufgaben gehören, führt die Analyse der Persönlichkeitsentwicklung dennoch zu einer gemeinsamen Untersuchungskonzeption dieser Fragen. Die erste Grundlage der Persönlichkeit, die von keiner differentiell-psychologischen Konzeption ignoriert werden kann, sind die vielfältigen Beziehungen des Individuums zur Welt. Dieser Reichtum an Beziehungen unterscheidet auch den Menschen, ||207| dessen Leben einen weiten und mannigfaltigen Tätigkeitskreis umfaßt, von jenem Berliner Lehrer, "dessen Welt von Moabit bis Köpenick geht und hinter dem Hamburger Tor mit Brettern zugenagelt ist, dessen Beziehungen zu dieser Welt durch eine miserable Lebensstellung auf ein Minimum reduziert werden"[155]. Es versteht sich von selbst, daß es um tatsächliche und nicht entfremdete Beziehungen geht, die den Menschen hemmen, ihn sich unterordnen. Psychologisch drücken wir diese tatsächlichen Beziehungen durch den Begriff Tätigkeit und ihre sinnbildenden Motive aus und nicht in der Sprache der Stimuli und der auszuführenden Operationen. Hier muß man hinzufügen, daß Tätigkeiten, die die Grundlagen der Persönlichkeit bilden, auch theoretische Tätigkeiten enthalten und daß im Verlaufe der Entwicklung ihr Kreis sich nicht nur erweitern, sondern daß er auch verarmen kann: in der empirischen Psychologie heißt das "Einengung der Interessen". Die einen bemerken diese Verarmung nicht, die anderen, wie Darwin, beklagen dies wie ein Unglück.[156] Es sind nicht nur quantitative Unterschiede, die Umfang und Breite der sich dem Menschen offenbarenden Welt in Raum und Zeit, in seiner Vergangenheit und seiner Zukunft zum Ausdruck bringen. Dahinter liegen inhaltliche Unterschiede in jenen gegenständlichen und sozialen Beziehungen, die durch die objektiven Bedingungen der Epoche, der Nation, der Klasse gegeben sind. Daher kann eine Typologiekonzeption der Persönlichkeit nicht konkret-historisch sein, selbst wenn sie auch einen dieser Parameter berücksichtigt. Aber die psychologische Analyse bleibt nicht dabei stehen, da die Beziehungen der Persönlichkeit zur Welt sowohl ärmer als diejenigen sein können, die durch die objektiven Bedingungen vorgegeben werden, als auch diese um ein Vielfaches übersteigen können. Ein anderer und dazu sehr wichtiger Parameter der Persönlichkeit ist der Hierarchisierungsgrad der Tätigkeiten, ihrer Motive. Dieser Grad ist sehr unterschiedlich, unabhängig davon, ob die durch die Beziehungen der Persönlichkeit zur Umwelt gebildete ||208| Grundlage eng oder weit ist Motivhierarchien existieren immer auf allen Entwicklungsstufen Sie bilden auch relativ selbständige Lebenseinheiten der Persönlichkeit, die mehr oder weniger stark, voneinander getrennt sein oder zu einer einheitlichen Motivationssphäre gehören können. Die Getrenntheit dieser in sich hierarchisch geordneten Lebenseinheiten schafft das psychologische Gesamtbild eines Menschen, der ausschließlich bald in dem einen, bald in dem anderen "Feld" lebt. Dagegen zeigt sich der höhere Hierarchisierungsgrad der Motive darin, daß der Mensch seine Handlungen gleichsam an dem für ihn wichtigsten Leitmotiv mißt. Dabei kann sich zeigen, daß die einen im Widerspruch zu diesem Motiv stehen, die anderen diesem direkt entsprechen, einige dagegen von ihm wegführen. Wenn man das Hauptmotiv im Auge hat, das den Menschen stimuliert, spricht man gewöhnlich vom Lebensziel. Entdeckt sich jedoch dieses Motiv immer adäquat dem Bewußtsein? Auf Anhieb kann man auf diese Frage nicht antworten, da das Bewußtwerden des Motivs als Begriff, als Gedanke nicht von selbst erfolgt, sondern in jener Bewegung des individuellen Bewußtseins, die das Subjekt erst befähigt, sein Inneres über das System der angeeigneten Bedeutungen, der Begriffe zu brechen. Die Sinneinheiten des Lebens können gleichsam in einem Punkt zusammengenommen werden, aber das ist eine formale Charakterisierung. Die Hauptfrage ist, welchen Platz dieser Punkt in dem multidimensionalen Raum einnimmt, der die reale, wenn auch dem Individuum nicht immer sichtbare wahre Wirklichkeit ausmacht. Das ganze Leben des geizigen Ritters ist auf ein Ziel gerichtet: auf die Errichtung der "Macht des Goldes". Dieses Ziel wurde erreicht ("Wer weiß, wieviel bittere Enthaltung, gezügelte Leidenschaften, schwere Gedanken, tägliche Sorgen und schlaflose Nächte dies alles gekostet hat?"), aber das Leben endet in einem Nichts, das Ziel erwies sich als sinnlos. Mit den Worten "Schreckliches Jahrhundert, schreckliche Herzen!" beendet Puschkin die Tragödie vom geizigen Ritter. Eine andere Persönlichkeit mit einem anderen Schicksal entsteht, wenn das führende Leitmotiv auf das wahrhaft Menschliche ||209| gerichtet wird und den Menschen nicht isoliert, sondern sein Leben mit dem Leben der Menschen, mit ihrem Wohl verbindet. Entsprechend den Umständen, denen der Mensch ausgesetzt ist, können solche Lebensmotive einen sehr unterschiedlichen Inhalt und sehr unterschiedliche objektive Bedeutsamkeit erlangen, aber nur sie sind in der Lage, dem Menschen die psychologische Bestätigung und Bewährung seiner Existenz zu geben, die Sinn und Glück des Lebens ausmachen. Der Gipfel dieses Weges ist ein Mensch, der, wie Gorki es ausdrückt, zum Menschen der Menschheit geworden ist Hier kommen wir zum kompliziertesten Parameter der Persönlichkeit: zum allgemeinen Typ der Persönlichkeitsstruktur. Der Motivationsbereich des Menschen hat selbst in seiner höchsten Entwicklung nichts mit einer erstarrten Pyramide gemein. Die Motivstruktur kann verschoben sein, exzentrisch in bezug auf den aktuellen Raum der historischen Wirklichkeit, wir sprechen dann von einer einseitigen Persönlichkeit. Sie kann sich dagegen als vielseitige Persönlichkeit mit einem weiten Kreis von Beziehungen gestalten. Aber sowohl in dem einen wie in dem anderen Fall widerspiegelt sie notwendigerweise das objektive Nichtzusammenfallen dieser Beziehungen, die Widersprüche zwischen ihnen, die Veränderung der Stellung, die sie in der Motivstruktur einnehmen. Die Persönlichkeitsstruktur ist eine relativ stabile Konfiguration der hauptsächlichen, in sich hierarchisch geordneten Motivationslinien. Damit ist das gemeint, was nicht ganz zutreffend als "die Gerichtetheit der Persönlichkeit" bezeichnet wird, unzutreffend deshalb, weil selbst dann, wenn ein Mensch in seinem Leben deutlich eine führende Linie aufweist, diese nicht die einzige bleiben kann. Durch den Dienst am erwähnten Ziel, am Ideal werden die anderen Lebensbeziehungen des Menschen, die ihrerseits sinnbildende Motive formen, keineswegs ausgeschlossen und absorbiert. Bildhaft gesprochen weist der Motivationsbereich der Persönlichkeit stets ebenso viele Gipfel auf wie das objektive System der axiologischen Begriffe, welches die durch den Menschen kommunizierte und angeeignete (oder abgelehnte) Ideologie einer Gesellschaft, einer Klasse, einer sozialen Schicht charakterisiert. ||210| Die inneren Wechselbeziehungen der hauptsächlichen Motivationslinien bilden in der Gesamtheit der Tätigkeiten eines Menschen gleichsam das allgemeine "psychologische Profil" der Persönlichkeit. Mitunter ist es flach, ohne wirkliche Gipfel. Dann wird das Kleine im Leben als Großes genommen und das Große überhaupt nicht gesehen. Unter bestimmten sozialen Bedingungen kann eine solche Armut der Persönlichkeit sich mit der Befriedigung eines breiten Kreises von Alltagsbedürfnissen verbinden. Darin besteht übrigens die psychologische Gefahr, die die moderne Konsumgesellschaft für die menschliche Persönlichkeit bedeutet. Eine andere Struktur des psychologischen Persönlichkeitsprofils entsteht bei einem Nebeneinander von Lebensmotiven. Eine derartige Strukturumbildung erfolgt oft in Verbindung mit dem Auftauchen von scheinbaren Gipfeln, die nur durch "gewußte Motive", durch Stereotype von Idealen ohne persönlichen Sinn gebildet werden. Eine solche Struktur ist jedoch von kurzer Dauer: Die zuerst nebeneinander existierenden Linien verschiedener Lebensbeziehungen gehen danach innere Verbindungen ein. Das geschieht unausweichlich, jedoch nicht von selbst, sondern als Ergebnis jener oben erwähnten inneren Auseinandersetzung, die als eine besondere Bewegung des Bewußtseins verläuft. Die vielfältigen Beziehungen, die der Mensch mit der Wirklichkeit eingeht, sind objektiv widersprüchlich. Ihre Widersprüche führen auch zu Konflikten, die unter bestimmten Bedingungen fixiert werden und in die Persönlichkeitsstruktur eingehen So führt die historisch entstandene Trennung der inneren theoretischen Tätigkeit von der praktischen nicht nur zu einer Einseitigkeit der Persönlichkeitsentwicklung, sondern sie kann auch zu einer psychologischen Entzweiung, zu einer Spaltung der Persönlichkeit in zwei einander fremde Sphären führen, in die Sphäre ihrer Erscheinungsformen im realen Leben und in die Sphäre ihrer Erscheinungsformen in einem nur illusorisch, nur im autistischen Denken existierenden Leben Man kann eine solche Verwirrung psychologisch nicht eindringlicher beschreiben, als dies Dostojewski tat: Vor der jämmerlichen Existenz voller sinnloser Dinge flieht sein Held in ||211| das Leben der Phantasie, des Traumes; wir haben gleichsam zwei Persönlichkeiten vor uns, die eine - die Persönlichkeit eines demütig-schüchternen Menschen, eines Sonderlings, der sich in seine Höhle verkrochen hat, und die andere - eine romantische und sogar heroische Persönlichkeit, die allen Freuden des Lebens gegenüber aufgeschlossen ist. Und dennoch ist dies das Leben ein und desselben Menschen; daher kommt unausweichlich der Moment, in dem die Träume vergehen und die Jahre der finsteren Einsamkeit, der Schwermut und der Trostlosigkeit beginnen. Die Persönlichkeit des Helden der "Weißen Nächte" ist eine Ausnahmeerscheinung Aber in dieser Ausnahmeerscheinung kommt eine allgemeine psychologische Wahrheit zum Ausdruck. Sie besagt, daß sich die Persönlichkeitsstruktur weder auf die mannigfaltigen Beziehungen des Menschen zur Welt noch auf ihren Hierarchisierungsgrad reduziert, daß ihre Charakterisierung in der Wechselbeziehung der verschiedenen Systeme der entstandenen Lebensbeziehungen liegt, die zum Konflikt zwischen ihnen führen. Mitunter verläuft dieser Konflikt in äußerlich unmerklichen Formen, sozusagen in den undramatischen Formen des Alltags, und beeinträchtigt die Harmonie der Persönlichkeit und ihre Entwicklung nicht; denn die harmonische Persönlichkeit ist durchaus keine Persönlichkeit ohne innere Konflikte. Mitunter wird jedoch dieser innere Kampf zum Hauptsächlichen, zum Bestimmenden für die ganze Erscheinung eines Menschen - er führt zu einer Struktur, wie sie tragische Persönlichkeiten kennzeichnet. Die theoretische Analyse erlaubt es demnach, zumindest drei grundlegende Parameter der Persönlichkeit hervorzuheben: den Umfang der Beziehungen zur Welt, ihren Hierarchisierungsgrad und ihre allgemeine Struktur. Natürlich liefern diese Parameter noch keine differentiell-psychologische Typologie; sie können nicht mehr als ein Skelettschema sein, das noch mit lebendigem konkret-historischem Inhalt auszufüllen ist. Das aber ist die Aufgabe spezieller Untersuchungen. Wird dabei jedoch nicht die Psychologie durch die Soziologie ersetzt, geht nicht das Psychologische in der Persönlichkeit verloren? Diese Frage taucht auf, weil sich die Art des hier behandelten ||212| Vorgehens von dem in der Persönlichkeitspsychologie üblichen Anthropologismus (oder Kulturanthropologismus) unterscheidet, der die Persönlichkeit als Individuum betrachtet, das psychophysiologische und psychologische Merkmale aufweist, welche während seiner Adaptation an die soziale Umwelt verändert worden sind. Unser Ansatz fordert aber im Gegenteil, die Persönlichkeit als eine neue Qualität zu betrachten, die durch die Bewegung des Systems der objektiven gesellschaftlichen Beziehungen erzeugt wird und in die seine Tätigkeit eingebunden ist. Die Persönlichkeit hört somit auf, als Resultat der direkten Überlagerung durch äußere Einflüsse zu gelten. Sie gilt als das, was der Mensch aus sich macht, indem er sein menschliches Leben bewältigt. Er bewältigt es sowohl in den alltäglichen Dingen und im alltäglichen Verkehr als auch in den Menschen, denen er ein Stück von sich weitergibt, sowohl auf den Barrikaden der Klassenkämpfe als auch auf den Schlachtfeldern im Kampf für die Heimat, mitunter bewältigt er es bewußt sogar um den Preis seiner physischen Existenz. Was jedoch solche psychologischen "Substrukturen der Persönlichkeit" wie Temperament, Bedürfnis, Neigung, emotionales Erleben und Interesse, Einstellung, Gewohnheit und Fertigkeit, moralische Züge usw. betrifft, so heben sie sich natürlich durch eine solche Betrachtungsweise keineswegs auf. Sie zeigen sich nur auf andere Weise: die einen in Form von Bedingungen, die anderen in ihren Auswirkungen und Transformationen, darin, daß sie in der Persönlichkeitsentwicklung einen anderen Platz einnehmen. So sind die Merkmale des Nervensystems unbestritten individuelle und zudem äußerst stabile Züge; sie machen jedoch keineswegs die menschliche Persönlichkeit aus. In seinen Handlungen berücksichtigt der Mensch bewußt oder unbewußt ebenso die Merkmale seiner Konstitution, wie er auch die äußeren Handlungsbedingungen und die vorhandenen Realisierungsmöglichkeiten berücksichtigt. Sie kennzeichnen den Menschen zwar als ein natürliches Wesen, können jedoch nicht die Rolle jener Kräfte spielen, durch welche die sich bei ihm entwickelnde Tätigkeitsmotivation und die Zielbildung bestimmt werden Wahrscheinlich das einzig reale, wenn auch hier sekundär ||213| entstehende Problem der Persönlichkeitspsychologie ist das Problem der Entwicklung der Handlungen des Subjekts, welche auf die Veränderung seiner eigenen angeborenen oder erworbenen Merkmale gerichtet sind, die nicht direkt in die psychologische Charakterisierung seiner Persönlichkeitssphäre gehören. Dennoch können Bedürfnisse und Einstellungen als Substrukturen, Faktoren oder "Modi" der Persönlichkeit betrachtet werden, allerdings lediglich abstrahiert von der Tätigkeit des Subjekts, in der ihre Metamorphosen vor sich gehen. Die Persönlichkeit wird jedoch nicht durch diese Metamorphosen geschaffen; umgekehrt, diese werden durch die Bewegung der Persönlichkeitsentwicklung erzeugt. Jene Bewegung folgt derselben Formel, die die Umgestaltung der menschlichen Bedürfnisse beschreibt, und sie beginnt damit, daß das Subjekt um der Aufrechterhaltung seiner Existenz willen handelt; sie führt dazu, daß das Subjekt seine Existenz aufrechterhält, um zu handeln, sein Leben zu gestalten, seine menschliche Bestimmung zu verwirklichen. Dieser Umschwung ist der Abschluß der Etappe der Persönlichkeitsentwicklung und zugleich der Beginn unbegrenzter Entwicklungsperspektiven der Persönlichkeit. Die gegenständlich-materiellen "Bedürfnisse für sich" werden gesättigt, und ihre Befriedigung führt dazu, daß sie auf die Stufe der Lebensbedingungen herabsinken, die der Mensch um so weniger bemerkt, je gewohnter sie werden. Daher kann sich die Persönlichkeit nicht im Rahmen der Konsumtion entwickeln, ihre Entwicklung setzt notwendigerweise eine Verlagerung der Bedürfnisse auf das ideell anspruchsvoll und allein unbegrenzte Schaffen voraus. Muß man das betonen? Wahrscheinlich muß man es, weil das naive und im Grunde überholte Denken mitunter den Übergang zum Prinzip "nach den Bedürfnissen" als eine Art Übergang zu einer superprosperierenden Konsumgesellschaft darstellt. Es wird außer acht gelassen, daß dabei notwendig eine Umgestaltung der materiellen Konsumtion erfolgt, daß die Möglichkeit für alle, diese Bedürfnisse befriedigen zu können, den Eigenwert der dementsprechenden Dinge aufhebt, daß sie jene gegen die Natur gerichtete Funktion beseitigt, die sie in ||215| der vom Privateigentum gekennzeichneten Gesellschaft ausüben - die Funktion der Selbstbestätigung des Menschen, der Bestätigung seines "Prestige". Abschließend möchte ich auf die theoretische Frage nach dem Bewußtwerden seiner selbst als Persönlichkeit eingehen. In der Psychologie wird sie gewöhnlich als die Frage nach dem Selbstbewußtsein, als die Frage nach seiner Entwicklung gestellt. Es gibt eine außerordentlich große Anzahl von Arbeiten zur Untersuchung dieses Prozesses. Sie enthalten detaillierte Daten, die ontogenetische Entwicklungsetappen der Vorstellung von sich selbst charakterisieren. Sie behandeln die Entwicklung des sogenannten Körperschemas, der Fähigkeit, seine interozeptiven Empfindungen zu lokalisieren, die Entwicklung der Erkenntnis seiner äußeren Erscheinung, des Sich-selbst-Erkennens im Spiegel, auf der Fotografie. Der Entwicklungsprozeß der Fremd- und der Selbsteinschätzung ist bei Kindern sorgfältig untersucht worden. Fremdeinschätzungen beziehen sich anfangs vornehmlich auf äußere Merkmale, und später werden an sie psychologische und moralische Merkmale angeschlossen. Die parallel verlaufende Veränderung besteht darin, daß die partiellen Charakteristiken anderer und die Selbstcharakteristik allgemeineren Charakteristiken Platz machen, die den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit erfassen und seine wesentlichen Züge bestimmen. Das ist das empirische Entwicklungsbild der Selbsterkenntnis, der Erkenntnis seiner individuellen Eigenschaften, Merkmale und Fähigkeiten. Gibt dieses Bild jedoch eine Antwort auf die Frage nach der Entwicklung des Selbstbewußtseins, nach dem Bewußtwerden des "Ich"? Ja, wenn man Bewußtwerden seiner selbst nur als Wissen über sich versteht. Wie jede Erkenntnis beginnt die Selbsterkenntnis mit der Feststellung der äußeren, oberflächlichen Eigenschaften und ist sie das Resultat des Vergleichs, der Analyse und der Verallgemeinerung, der Feststellung des Wesentlichen. Das individuelle Bewußtsein besteht jedoch nicht nur aus Kenntnissen, es ist kein bloßes System erworbener Bedeutungen und Begriffe Dem Bewußtsein ist eine innere Bewegung zu eigen, die die Bewegung von realem Leben des Subjekts widerspiegelt. Wir haben bereits gesehen, daß das Wissen nur in dieser Bewegung ||216| seine Bezogenheit zur objektiven Welt und seine Wirksamkeit erlangt. Nicht anders verhält es sich, wenn Eigenschaften, Merkmale, Handlungen oder Zustände des Subjekts selbst Bewußtseinsobjekt sind. Auch hier muß man Wissen über sich und Bewußtwerden seiner selbst unterscheiden. Kenntnisse und Vorstellungen von sich selbst werden bereits in früher Kindheit gesammelt; in unbewußten sinnlichen Formen existieren sie offensichtlich auch bei den höheren Tieren. Etwas anderes ist das Selbstbewußtsein, das Bewußtwerden seines "Ich". Es ist das Ergebnis, das Produkt der Entwicklung des Menschen als Persönlichkeit. Als phänomenologische Umwandlung der Formen tatsächlicher Beziehungen der Persönlichkeit ist das Selbstbewußtsein in seiner Unmittelbarkeit ihre Ursache und ihr Subjekt. Das psychologische Problem des "Ich" ergibt sich, sobald wir uns die Frage stellen, zu welcher Realität alles das gehört, was wir über uns wissen, und ob alles, was wir über uns wissen, zu dieser Realität gehört. Wie geht es vor sich, daß ich in dem einen mein "Ich" entdecke, es aber in einem anderen verliere (wir sagen auch: "außer sich" sein)? Der Unterschied des "Ich" zu dem, was das Subjekt als Gegenstand seines eigenen Wissens über sich darstellt, ist psychologisch offensichtlich. Die von organistischen Positionen ausgehende Psychologie ist nicht imstande, eine wissenschaftliche Erklärung dafür zu geben. Zwar stellt auch sie das Problem des "Ich", jedoch nur als Konstatierung der Existenz einer besonderen Instanz innerhalb der Persönlichkeit - eines kleinen Menschleins im Herzen, das im erforderlichen Moment "an der Schnur zieht". Verständlicherweise sieht man ansonsten in der Psychologie davon ab, dieser besonderen Instanz Substantionalität zuzuschreiben, und man umgeht schließlich das Problem überhaupt, löst das "Ich" in der Struktur der Persönlichkeit, in ihren Interaktionen mit der Umwelt auf. Und dennoch bleibt das Problem, nunmehr als das im Individuum angelegte Bestreben, in die Welt einzudringen, als Bedürfnis der "Selbstaktualisierung".[157] In dieser Weise bleibt das Problem des Selbstbewußtseins der ||216| Persönlichkeit, des Bewußtwerdens des "Ich" in der Psychologie ungelöst. Aber es ist durchaus kein Scheinproblem, im Gegenteil, es ist ein Problem von großer Bedeutung für das Leben, ein Problem, das die Psychologie der Persönlichkeit krönt. Lenin schrieb darüber, was einen Sklaven, der sich mit seiner Lage abgefunden hat, von einem rebellierenden Sklaven unterscheidet.[158] Das ist ein Unterschied, der nicht in der Kenntnis seiner individuellen Merkmale begründet ist, sondern im Bewußtwerden seiner selbst im System der gesellschaftlichen Beziehungen. Das Bewußtsein seines "Ich" ist auch nichts anderes. Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, daß der Mensch ein Zentrum darstellt, einen Brennpunkt der äußeren Einwirkungen, von dem die Linien seiner Verbindungen, seiner Interaktionen mit der Außenwelt ausgehen, daß dieses mit Bewußtsein ausgestattete Zentrum auch sein "Ich" ist. Das verhält sich jedoch durchaus nicht so. Wir haben gesehen, daß sich die mannigfaltigen Tätigkeiten des Subjekts überschneiden und durch objektive und ihrer Natur nach gesellschaftliche Beziehungen, die das Subjekt notwendig eingeht, zu Knoten verknüpfen. Diese Knoten und ihre Hierarchien bilden auch jenes geheimnisvolle "Persönlichkeitszentrum", das wir "Ich" nennen. Mit anderen Worten, dieses Zentrum liegt nicht im Individuum, nicht unter seiner Haut, sondern in seinem Sein. Somit führt die Analyse der Tätigkeit und des Bewußtseins unvermeidlich zur Ablehnung der für die empirische Psychologie traditionellen egozentrischen, "ptolemäischen" Interpretation des Menschen zugunsten der "kopernikanischen" Interpretation, die das menschliche "Ich" als Bestandteil des Gesamtsystems der wechselseitigen Zusammenhänge der Menschen in der Gesellschaft betrachtet. Man muß dabei betonen, daß Bestandteil des Systems durchaus nicht bedeutet, daß es sich in ihm auflöst, sondern im Gegenteil, daß es in ihm seine Wirkungskräfte erlangt und offenbart. In unserer psychologischen Literatur werden oft die Worte von ||217| Marx angeführt, daß der Mensch nicht als Fichtescher Philosoph auf die Welt kommt, daß sich der Mensch in einem anderen Menschen bespiegelt und erst durch die Beziehung zu ihm als seinesgleichen beginnt, sich auf sich selbst als Mensch zu beziehen. Diese Worte werden mitunter nur in dem Sinn verstanden, daß der Mensch sein Bild nach dem Bild des anderen Menschen formt. Aber diese Worte bergen einen weitaus tieferen Inhalt. Um das zu erkennen, genügt es, den Kontext zu berücksichtigen. "In gewisser Art", beginnt Marx diese Bemerkung, "geht's dem Menschen wie der Ware." Was ist das für eine Art? Offensichtlich sind jene Beziehungen gemeint, über die im Text gesprochen wird, der diese Bemerkung enthält. Es sind die Wertbeziehungen der Waren. Sie bestehen darin, daß der natürliche Körper der einen Ware zur Wertform, zum Wertspiegel einer anderen Ware wird, das heißt einer solchen übersinnlichen Eigenschaft, die niemals durch ihr Gewebe hindurchleuchtet. Marx beendet auch diese Fußnote folgendermaßen: "Damit gilt ihm aber auch der Paul mit Haut und Haaren, in seiner paulinischen Leiblichkeit, als Erscheinungsform des Genus Mensch (Hervorhebung - A. L.).[159] Aber der Mensch als Gattung, als Gattungswesen, bedeutet bei Marx nicht die biologische Art Homo sapiens, sondern die menschliche Gesellschaft. In ihr, in ihren personifizierten Formen sieht der Mensch sich eben als Menschen. Das Problem des menschlichen "Ich" gehört zu den Problemen, die sich immer noch einer wissenschaftlichen psychologischen Analyse entziehen. Viele falsche Vorstellungen, die in der Psychologie auf der empirischen Ebene der Untersuchung der Persönlichkeit entstanden sind, versperren den Zugang. Auf dieser Ebene erscheint die Persönlichkeit unausweichlich als ein durch die Gesellschaft kompliziert gewordenes, aber nicht als umgestaltetes Individuum, das heißt als ein Individuum, das in der Gesellschaft neue Systemeigenschaften erlangt hat. Aber gerade in diesen seinen "außersinnlichen" Eigenschaften bildet es den Gegenstand der psychologischen Wissenschaft. ||218| [114] Vgl. Schorochowa, E. W.: Methodologische und theoretische Probleme der Psychologie. Berlin 1974, S. 159-175. Anders wird diese Frage von Rubinstein gestellt. Er sagt, den Persönlichkeitsaspekt zum einzigen Aspekt zu machen, bedeute, sich den Weg zur Untersuchung der Gesetzmäßigkeiten der psychischen Tätigkeit zu versperren (vgl. Rubinstein, S. L.: Probleme der allgemeinen Psychologie. Moskau 1973, S. 248, russ.). [115] In der modernen Psychologie entwickeln sich die personalistischen Ansichten in sehr unterschiedlichen Richtungen, schließlich in sozioanthropologischen (vgl. zum Beispiel Maslow, A.: Motivation and personality. New York 1954). [116] Vgl. Ananjew, B. G.: Der Mensch als Gegenstand der Erkenntnis, Berlin 1974. [117] Eysenck, H.: Dimension of Personality. London 1947. [118] Vgl. Cattell, R. B.: Personality. New York 1950. [119] Vgl. Eysenck, H.: The Structure of Personality. London 1960. [120] Cattell, R. B.: Personality. New York 1950, S. 3. [121] Vgl. Probleme der Persönlichkeit. Materialien des Symposiums, Band 1, Moskau 1969, S. 117 (russ.). [122] Marx/Engels: Werke, Band 19, S. 204. [122a] Probleme der Persönlichkeit. Materialien des Symposiums, Band 1, Moskau 1969, S. 76-77 (russ.). [123] Mead, M.: Coming in Age Samoa. New York 1963. [124] Bagby, Y. W.: A Cross-cultural Predinance of Perceptual Binocular Rivalry. In: "Journal of Abnormal and Social Psychology", 1957, Heft 54, S. 331-344. [125] Linton, R.: The Cultural Background of Personality. New York 1945. [126] Allport, G.: Pattern and Growth in Personality. New York 1961. [127] Vgl. Janet, P.: L'évolution psychologique de la personnalité. Paris 1929, S. 320-332; Berger, G.: Caractère et personnalité. Paris PUF, 1959, S. 69 bis 71. [128] Gunderson, E. K.: Robot, Consciousness and Programmed Behavior. "The British Journal for Philosophy of Science", Band 19, 1968, Nr. 2. [129] Vgl. Allport, G.: Pattern and Growth in Personality. New York 1961, S. 194. [130] Vgl. Allport, G.: Ebenda, S. 194. Zu den Richtungen, die durch soziologischen Reduktionismus gekennzeichnet sind, zählt auch Piaget die sowjetische Psychologie ["Experimentelle Psychologie". Unter der Redaktion von Fraisse und Piaget, Band 1 und 2, Moskau 1966, S. 172 (russ.)]. [131] Die prinzipielle Unvereinbarkeit der bürgerlichen psychologischen Persönlichkeitstheorien mit dem Marxismus ist von Sève (vgl. Marxismus und Theorie der Persönlichkeit. Berlin 1972) allseitig untersucht worden. [132] Vgl. Rubinstein, S. L.: Grundlagen der allgemeinen Psychologie. Berlin 1977. [133] Vgl. Marx/Engels: Werke, Band 23, S. 247. [134] Vgl. Marx/Engels: Werke, Band 23, S. 49, 50 u. 56. [135] Vgl. Sève, L.: Marxismus und Theorie der Persönlichkeit. Berlin 1972. [136] Rubinstein, S. L.: Prinzipien und Wege der Entwicklung der Psychologie. Berlin 1969, S. 103. [137] In der sowjetischen Literatur wird ein recht vollständiger Überblick über die Untersuchungen der Motive in dem Buch von Jakobson, P. M.: Psychologische Probleme der Verhaltensmotivation des Menschen (Moskau 1969) gegeben. Aus neuerer Zeit mit einer vergleichenden Analyse der Motivationstheorien weisen wir auf Madsen, K.: Modern Theories of Motivation, Copenhagen 1974, hin. [138] Vgl. Leontjew, A. N.: Bedürfnisse, Motive und Emotionen. Moskau 1972 (russ.). [139] Vgl. Marx/Engels: Werke, Band 13, S. 625f. [140] Marx/Engels: Werke, Band 13, S. 625f. [141] Sève, L.: Marxismus und Theorie der Persönlichkeit. Berlin 1973, S. 36. [142] Vgl. Boshowitsch, L.I.: Das Problem der Entwicklung der Motivationssphäre des Kindes. In: "Untersuchung der Verhaltensmotivation von Kindern und Jugendlichen". Moskau 1972, S. 14-15 (russ.). [143] Marx/Engels: Werke, Band 13, S. 624. [144] Vgl. Gelgorin, E., Lufborrow, J.: Emotionen und emotionale Zerrüttungen. Moskau 1966 (russ.). [145] Eine ähnliche These wird speziell von Fraisse, P. aufgestellt: "... Die emotiogene Situation", so schreibt er, "existiert nicht als solche. Sie ist von der Beziehung zwischen der Motivation und den Möglichkeiten des Subjekts abhängig." (Fraisse, P.: Les émotions. "Traité de Psychologie expérimentale", vol. V, PUF, 1955.) [146] Die ist bereits durch die prinzipielle Struktur der Arbeitstätigkeit gegeben, die eine zweifache Erziehung realisiert - zum Arbeitsergebnis (gegenständliche Beziehung) und zu anderen Menschen (Sozialbeziehung). [147] Auf die Unterscheidung zwischen Motiven und Stimuli verweisen viele Autoren, jedoch aus anderen Gründen. Zum Beispiel werden unter Motiven innere Antriebe verstanden und unter Stimuli äußere (vgl. Sirawomyslow, A. G., Roshin, W. N., Jadow, W. J.: Der Mensch und seine Arbeit. Moskau 1967, S. 38 (russ.). [148] Vgl. Bassin, F. W.: Zur Entwicklung des Problems Bedeutung und Sinn. "Woprossy psichologii", 1973, Nr. 6. [149] Vgl. Maslow, A.: Motivation and Personality. New York, 1954. [150] Vgl. Leontjew, A. N.: Die psychologischen Grundlagen des Spiels im Vorschulalter. "Doshkolnoe wospitanie" 1947, Nr. 9; Boshowitsch, L. I., Morosowa, N. G., Slawina, L. S.: Die Entwicklung der Lernmotive bei sowjetischen Schülern. "Iswestija Akademii pedagogitscheskich nauk RSFSR", vyp. 36, Moskau 1951. [151] Vgl. Leontjew, A.N.: Probleme der Entwicklung des Psychischen. Berlin 1975, S. 234-240. [152] Vgl. Elkonin, E.B.: Zum Problem der Periodisierung der psychischen Entwicklung dcs sowjetischen Schülers. "Woprossy psichologii", 1971, Nr. 4. [153] Vgl. Seliwanow, W.I.: Persönlichkeit und Wille. In: Probleme der Persönlichkeit. Materialien des Symposiums, S. 425-433. [154] Vgl. Tolstoi, L. N.: Gesammelte Werke. Band 54, Moskau 1935, S. 31 (russ.). [155] Marx/Engels: Werke, Band 3, S. 246. [156] Vgl. Darwin, Ch.: Erinnerungen an die Entwicklung meines Verstandes und meines Charakters. Autobiographie. Moskau 1957, 5. 147-148 (russ.). [157] Vgl. Nuttin, J.: La structure de la personnalite. Paris 1925, S. 234. [158] Lenin W. I.: Werke, Band 13, S. 41. [159] Marx/Engels: Werke, Band 23, S. 67.
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