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A. N. Leontjew (1982):

Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit

Erschienen in: Studien zur Kritischen Psychologie, Köln 1982

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6. Schlußbemerkungen

Wenn ich diese Seiten auch mit Schlußbemerkungen überschrieben habe, besteht doch ihre Aufgabe nicht darin, Schlußfolgerungen zu ziehen, sondern eher darin, die weitere Perspektive zu umreißen. Meines Erachtens wird sie durch die Erforschung jener Übergänge aufgedeckt, die man als die Übergänge zwischen den Ebenen bezeichnen kann.

Wir können ohne viel Mühe verschiedene Ebenen in der Untersuchung des Menschen unterscheiden: die biologische Ebene, auf der er als körperliches, natürliches Wesen erscheint; die psychologische Ebene, auf der er als Subjekt psychisch regulierter Tätigkeit auftritt, und schließlich die soziale Ebene, auf der er sich als derjenige zeigt, der die objektiven gesellschaftlichen Beziehungen, den gesellschaftlichen Prozeß realisiert. Das Nebeneinanderbestehen dieser Ebenen führt zum Problem der ||219| inneren Beziehungen, welche die psychologische Ebene mit der biologischen und der sozialen verbindet.

Wenn auch dieses Problem seit langem vor der Psychologie steht, kann es bis jetzt nicht als gelöst gelten. Die Schwierigkeit besteht darin, daß seine wissenschaftliche Lösung die vorausgehende Abstraktion jener spezifischen Wechselwirkungen und Beziehungen des Subjekts erfordert, die die psychische Widerspiegelung der Realität im Gehirn des Menschen erzeugen. Die Kategorie Tätigkeit enthält eigentlich diese Abstraktion, die selbstverständlich die Ganzheitlichkeit des konkreten Subjekts, wie wir ihm bei der Arbeit, in der Familie oder sogar in unseren Laboratorien begegnen, nicht nur nicht zerstört, sondern im Gegenteil in die Psychologie zurückbringt.

Der ganzheitliche Mensch kann jedoch als Gegenstand der Psychologie nur auf Grund einer speziellen Untersuchung der gegenseitigen Übergänge der einen Ebene auf die andere, die im Laufe der Entwicklung entstehen, verwirklicht werden. Eine solche Untersuchung muß darauf verzichten, diese Ebenen als übereinanderliegend zu betrachten oder gar die eine Ebene auf die andere zu reduzieren. Die Offensichtlichkeit dieser Tatsache wird bei der Untersuchung der Ontogenese besonders deutlich. Während bei den ersten Schritten der psychischen Entwicklung des Kindes dessen biologische Anpassungen im Vordergrund . stehen (die einen entscheidenden Beitrag zur Herausbildung seiner Wahrnehmungen und Emotionen leisten), werden dann diese Anpassungen transformiert. Das bedeutet natürlich nicht, daß sie einfach aufhören zu funktionieren. Es bedeutet etwas anderes, und zwar, daß sie eine andere, höhere Tätigkeitsebene . zu realisieren beginnen, von der auch der Umfang ihres Beitrags auf jeder weiteren Entwicklungsetappe abhängt. Die zweifache Aufgabe besteht folglich darin, jene Möglichkeiten (oder Einschränkungen) zu untersuchen, die sie schaffen. In der ontogenetischen Entwicklung wird diese Aufgabe ständig wiederholt, und mitunter in sehr scharfer Form, wie dies zum Beispiel in der Pubertätsperiode geschieht, wenn biologische Schübe eintreten, die von Anfang an bereits psychologisch transformierten Ausdruck erhalten, und wenn die ganze Frage darin besteht, welcherart dieser Ausdruck ist. ||220|

Aber lassen wir die Entwicklungspsychologie beiseite. Das allgemeine Prinzip, dem die Beziehungen zwischen den Ebenen folgen, besteht darin, daß die jeweilige höhere Ebene stets die führende bleibt, sie sich aber nur mit Hilfe der tiefer liegenden Ebenen realisieren kann und darin von ihnen abhängt.

Somit besteht die Untersuchung der Übergänge zwischen den Ebenen in der Erforschung der mannigfaltigen Formen dieser Realisierungen, wodurch die Prozesse der höheren Ebene nicht nur konkretisiert, sondern auch individualisiert werden.

Die Hauptsache ist, jenen Umstand nicht außer acht zu lassen, daß wir es bei der Untersuchung der Übergänge zwischen den Ebenen nicht mit einer Bewegung in einer Richtung, sondern in zwei Richtungen und zudem noch mit einer spiralförmigen Bewegung zu tun haben: mit der Entwicklung der höheren Ebenen und dem "Abfallen" - oder der Umgestaltung- der tiefer liegenden Ebenen, die ihrerseits die Möglichkeit der Weiterentwicklung des Systems insgesamt bedingen. Auf diese Weise bleibt die Untersuchung der Übergänge zwischen den Ebenen interdisziplinär und schließt zugleich aus, die Untersuchung so zu interpretieren, als würde die eine Ebene auf die andere reduziert oder als strebe die Forschung danach, korrelative Beziehungen und Koordinationen zu ermitteln. Ich betone dies besonders, weil, wenn seinerzeit Lange vom psychophysiologischen Parallelismus als einem "schrecklichen" Gedanken sprach, jetzt tatsächlich der Reduktionismus für die Psychologie schrecklich geworden ist. Diese Erkenntnis durchdringt immer stärker auch die bürgerliche Wissenschaft. Die allgemeine Schlußfolgerung aus der Analyse des Reduktionismus war wohl am schärfsten von den englischen Autoren im letzten Heft (1974) der internationalen Zeitschrift "Cognition" formuliert worden: Die einzige Alternative des Reduktionismus ist der dialektische Materialismus (S. Rose und H. Rose, Band II, Nr. 4). Es ist tatsächlich so. Eine wissenschaftliche Lösung des Problems von Biologischem und Psychologischem, Psychologischem und Sozialem ist außerhalb der marxistischen Systemanalyse einfach nicht möglich. Deshalb hat auch das positivistische Programm der groß aufgemachten Einheitswissenschaft deutlich Schiffbruch erlitten, das den Anspruch auf ||221| Einigung erhebt darauf, das Wissen mit Hilfe universaler kybernetischer und mathematischer (Modell-) Systeme der Mengenlehre zu integrieren.

Zwar sind diese Schemata in der Tat in der Lage, qualitativ unterschiedliche Erscheinungen miteinander zu vergleichen, jedoch nur auf einer bestimmten Abstraktionsebene, auf der die Spezifik dieser Erscheinungen ebenso verschwindet wie ihre wechselseitigen Umwandlungen. Was jedoch die Psychologie betrifft, so bricht sie dabei endgültig mit der Konkretheit des Menschen.

Wenn ich dies alles sage, habe ich natürlich vor allem die Beziehungen zwischen den psychologischen und den morphophysiologischen Untersuchungsebenen im Auge. Es ist jedoch zu bedenken, daß es mit dem Zusammenhang zwischen der sozialen und der psychologischen Ebene auch nicht anders ist.

Leider sind gerade die sozialpsychologischen Probleme die in unserer Wissenschaft am wenigsten bearbeiteten und die Konzeptionen und Methoden am meisten mit Fremdkörpern belastet, welche aus bürgerlichen Forschungen übernommen wurden, das heißt aus Forschungen, die die Aufgabe haben, psychologische Grundlagen zur Rechtfertigung und Verewigung der von der bürgerlichen Gesellschaft erzeugten zwischenmenschlichen Beziehungen zu ermitteln. Die Umgestaltung der sozialpsychologischen Wissenschaft von marxistischen Positionen her kann jedoch nicht unabhängig von der einen oder anderen allgemeinen psychologischen Interpretation des Menschen, der Bedeutung seiner Lebensbeziehungen für seine Entwicklung erfolgen, jener Beziehungen, die durch die von ihm eingegangenen gesellschaftlichen Beziehungen erzeugt werden.

Versteht man die Perspektiven der psychologischen Wissenschaft als das, was die mannigfaltigen Formen der Untersuchung des Menschen zentriert, kann man nicht von der Tatsache abstrahieren, daß diese Zentrierung auf der sozialen Ebene erfolgt, auf der sich auch das menschliche Schicksal entscheidet. ||222|


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