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Kritische Psychologie |
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A. N. Leontjew (1982):Tätigkeit, Bewußtsein, PersönlichkeitErschienen in: Studien zur Kritischen Psychologie, Köln 1982
↑↑ Inhaltsübersicht/Download Vorwort des AutorsDieses kleine theoretische Buch wurde sehr lange vorbereitet, aber auch jetzt kann ich es noch nicht als abgeschlossen betrachten - zu vieles in ihm ist nicht expliziert, sondern nur erwähnt worden. Warum ich mich dennoch entschlossen habe, es zu veröffentlichen? Ich möchte sogleich betonen: keinesfalls aus Liebe zum Theoretisieren. Versuche, sich über methodologische Probleme der Psychologie klarzuwerden, wurden immer wieder aufgrund des dringen den Bedarfs an theoretischen Richtpunkten unternommen, ohne die die konkreten Untersuchungen kurzsichtig bleiben müssen. Schon fast ein ganzes Jahrhundert lang befindet sich die Psychologie der ganzen Welt in einer methodologischen Krise Nach der damaligen Spaltung in eine human- und eine naturwissenschaftliche, eine beschreibende und eine erklärende Richtung ||9| zeigen sich im System der psychologischen Kenntnisse nunmehr ständig neue Risse, in denen sich der Gegenstand der Psychologie selbst zu verlieren scheint. Wir erleben seine Reduktion, die nicht selten mit der Notwendigkeit verschleiert wird, interdisziplinäre Untersuchungen entwickeln zu müssen. Mitunter werden sogar Stimmen laut, die offen zu einer "Waräger-Psychologie" aufrufen: "Kommt und herrscht über uns!" Das Paradoxe besteht darin, daß sich gegenwärtig trotz aller theoretischen Schwierigkeiten in der ganzen Welt unter dem direkten Druck der Forderungen des Lebens das Entwicklungstempo der psychologischen Forschung außerordentlich beschleunigt. Dadurch hat sich der Widerspruch zwischen der Unmasse an Faktenmaterial, das von der Psychologie in vorzüglich ausgestatteten Instituten gewissenhaft angehäuft worden ist, und dem kläglichen Zustand ihres theoretischen, ihres methodologischen Fundaments noch mehr verschärft. Nachlässigkeit und Skepsis gegenüber einer allgemeinen Theorie des Psychischen, Datenfetischismus und Szientismus, die für die gegenwärtige amerikanische Psychologie charakteristisch sind (und nicht nur für sie!), wurden zu einer Barriere auf dem Wege zur Untersuchung genereller psychologischer Probleme. Unschwer ist der Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung und der Enttäuschung erkennbar, die durch die ungerechtfertigten Ansprüche der westeuropäischen und amerikanischen Hauptrichtungen hervorgerufen wurde, in der Psychologie die langerwartete theoretische Revolution durchzuführen. Als der Behaviorismus aufkam, sprach man von einem Streichholz, das an ein Pulverfaß gehalten worden sei; dann schien es, daß nicht der Behaviorismus, sondern die Gestaltpsychologie das Generalprinzip entdeckt hätte, das in der Lage wäre, die Psychologie aus der Sackgasse herauszuführen, in die sie die elementaristische, die "atomistische" Analyse gebracht hatte. Schließlich begann sehr vielen der Kopf vom Freudismus zu schwindeln, der angeblich im Unbewußten jene Basis gefunden hatte, welche es erlaubt, die Psychologie vom Kopf auf die Füße zu stellen und sie wirklich lebensnah werden zu lassen. Gewiß, andere bürgerliche Richtungen in der Psychologie waren weniger anspruchsvoll, aber sie erwartete das gleiche Schicksal; sie ||10| befanden sich alle in der gleichen eklektischen Suppe, welche jetzt - jeder auf seine Manier - die Psychologen kochen, die sich um die Reputation als "große Geister" bemühen. Einen ganz anderen Weg nahm die Entwicklung der sowjetischen Psychologie. Dem methodologischen Pluralismus stellten die sowjetischen Psychologen die einheitliche marxistisch-leninistische Methodologie gegenüber, die es erlaubt, in die tatsächliche Natur des Psychischen, des menschlichen Bewußtseins einzudringen. Es begann ein beharrliches Suchen nach einer Lösung der hauptsächlichen theoretischen Probleme der Psychologie auf der Grundlage des Marxismus. Gleichzeitig arbeitete man auf dieser Basis an der theoretischen Durchdringung ausländischer Psychologien und führte konkrete Untersuchungen zu einem weiten Kreis von Fragen durch. Neue Konzeptionen und ein neuer Begriffsapparat wurden aufgestellt, der es erlaubte, die sowjetische Psychologie schnell auf ein wissenschaftliches Niveau zu heben, das unvergleichlich höher ist als das Niveau jener Psychologie, die sich im vorrevolutionären Rußland der offiziellen Anerkennung erfreute. In der Psychologie tauchten neue Namen auf: Blonski und Kornilow, dann Wygotski, Usnadse, Rubinstein und andere. Das Wesentliche daran ist, daß dies ein Weg des unaufhörlichen zielstrebigen Kampfes um die schöpferische Aneignung des Marxismus-Leninismus war, eines Kampfes gegen idealistische und mechanistische sowie biologisierende Konzeptionen, die bald in der einen, bald in der anderen Gestalt auftraten. Bei der Entwicklung einer diesen Konzeptionen entgegenstehenden Linie ging es darum, ebenso den wissenschaftlichen Isolationismus wie die Thesen einer der nebeneinander existierenden psychologischen Schulen zu meiden. Wir waren uns stets dessen bewußt, daß die marxistische Psychologie keine einzelne Richtung, keine Schule ist, sondern eine neue historische Etappe darstellt, die den Anfang einer wirklich wissenschaftlichen, konsequent materialistischen Psychologie verkörpert. Und wir waren uns auch dessen bewußt, daß in der Welt von heute die Psychologie eine ideologische Funktion ausübt, Klasseninteressen dient und es unmöglich ist, dies nicht zu berücksichtigen.||11| Methodologische und ideologische Fragen blieben im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der sowjetischen Psychologie, die durch das Erscheinen solcher in ihrem Ideengehalt fundamentaler Arbeiten wie "Denken und Sprechen" von Wygotski und "Grundlagen der allgemeinen Psychologie" von Rubinstein besonders in der ersten Periode gekennzeichnet war. In den folgenden Jahren ließ die Aufmerksamkeit gegenüber den methodologischen Problemen der Psychologie jedoch etwas nach. Das bedeutete natürlich keineswegs, daß theoretische Fragen weniger diskutiert oder über sie weniger geschrieben worden wäre. Ich meine etwas anderes, ich meine die bekannte methodologische Sorglosigkeit zahlreicher konkret-psychologischer, darunter auch angewandter Untersuchungen. Diese Erscheinung läßt sich mit einer Reihe von Umständen erklären, zum Beispiel wurden die inneren Beziehungen zwischen der Ausarbeitung philosophischer Probleme der Psychologie und der Forschungsmethodik allmählich gelöst. Den philosophischen Fragen der Psychologie (wie auch der philosophischen Kritik ausländischer nichtmarxistischer Richtungen) sind nicht wenige umfangreiche Bücher gewidmet; aber die Fragen, die die konkreten Wege zur Untersuchung umfassender psychologischer Probleme betreffen, wurden darin kaum berührt. Es entsteht gleichsam der Eindruck einer Gabelung: auf der einen Seite die Sphäre der philosophischen psychologischen Problematik und auf der anderen Seite die Sphäre der speziell psychologischen methodologischen Fragen, die sich bei den konkreten Untersuchungen ergeben. Natürlich ist die Bearbeitung der eigentlichen philosophischen Fragen des einen oder anderen Gebiets der wissenschaftlichen Forschung notwendig. Hier geht es jedoch um etwas anderes, nämlich um die Bearbeitung der speziellen methodologischen Probleme der Psychologie als einer konkreten Wissenschaft auf marxistischer philosophischer Grundlage. Das erfordert das theoretische Eindringen in ihre innere Struktur. Ich möchte meinen Gedanken am Beispiel eines der schwierigsten Probleme erläutern, die seit langer Zeit vor der psychologischen Forschung stehen - ich meine das Problem des Zusammenhangs der psychischen Prozesse und der Gehirnprozesse, ||12| der physiologischen Prozesse. Heute braucht man wohl kaum mehr die Psychologen davon zu überzeugen, daß Psychisches eine Funktion des Gehirns ist und daß man psychische Erscheinungen und Prozesse in Einheit mit den physiologischen untersuchen muß. Aber was heißt es, sie in der Einheit zu untersuchen? Für eine konkret-psychologische Untersuchung erweist sich diese Frage als extrem kompliziert. Ein direktes In-Beziehung-Setzen von psychischen und physiologischen Prozessen im Gehirn löst das Problem noch nicht. Die bei einer solchen direkten Bezugsetzung entstehenden theoretischen Alternativen sind wohlbekannt: die Hypothese des Parallelismus, die fatalerweise zur Interpretation des Psychischen als eines Epiphänomens führt, die Position des naiven physiologischen Determinismus, der letztlich die Psychologie auf die Physiologie reduziert, oder schließlich die dualistische Hypothese von der psychophysiologischen Wechselwirkung, die die Einwirkung des nichtmateriellen Psychischen auf die im Gehirn ablaufenden materiellen Prozesse annimmt. Für das metaphysische Denken existiert ganz einfach gar keine andere Lösung; es ändern sich nur die Termini, die alle diese Alternativen verschleiern. Zugleich hat das psychophysiologische Problem für die Psychologie einen ganz konkreten und in höchstem Maße gegenstandsbezogenen Wert, da der Psychologe ständig auch die physiologisch-morphologischen Mechanismen im Auge haben muß. Man kann zum Beispiel nicht über die Prozesse der Wahrnehmung reflektieren, ohne die Daten der Morphologie und der Physiologie zu berücksichtigen. Jedoch ist das Wahrnehmungsbild als psychologische Realität durchaus nicht das gleiche wie die Hirnprozesse und ihre Konstellationen, deren Funktion sie sind. Offensichtlich haben wir es hier mit verschiedenen Bewegungsformen zu tun - und das führt notwendig zu einem weiteren Problem, dem der inhaltlichen Übergänge, die diese Bewegungsformen miteinander verknüpfen. Wenn auch dieses Problem vor allem ein methodologisches ist, macht seine Lösung, wie ich bereits sagte, eine Analyse jener Ergebnisse erforderlich, die von den konkreten Untersuchungen auf psychologischer und physiologischer Ebene angehäuft wurden. Andererseits konzentrierte sich die Aufmerksamkeit im Bereich ||13| spezieller psychologischer Fragestellungen allmählich immer mehr auf die sorgfältige Ausarbeitung einzelner Fragen, auf die Erhöhung der technischen Ausstattung für Laborexperimente, auf die Vervollkommnung des statistischen Apparats und auf die Anwendung formalisierter Sprache. Natürlich ist ohne diese Voraussetzungen heute in der Psychologie einfach kein Fortschritt mehr möglich. Aber auch etwas anderes ist ganz offensichtlich: Das allein genügt noch nicht. Es darf nicht dahin kommen, daß die besonderen Aufgaben die allgemeineren verdecken, daß über der Methodik der Untersuchung ihre Methodologie in Vergessenheit gerät. Der wissenschaftlich arbeitende Psychologe stößt bei der Untersuchung konkreter Fragen ständig erneut auf grundlegende methodologische Probleme der psychologischen Wissenschaft. Diese zeigen sich ihm allerdings in verhüllter Form, so daß die Beantwortung der konkreten Fragen scheinbar nicht von den methodologischen abhängt, sondern nur eine Vermehrung und Präzisierung der empirischen Daten verlangt. Es entsteht die Illusion der "Entmethodologisierung" des Bereichs der konkreten Untersuchungen, was noch mehr den Eindruck verstärkt, daß die inneren Zusammenhänge zwischen den allgemeintheoretischen marxistischen Grundlagen der psychologischen Wissenschaft und ihrer Empirie vernachlässigt werden könnten. Im Endergebnis entsteht im Begriffssystem der Psychologie ein eigenartiges Vakuum, in das mit elementarer Gewalt Konzeptionen hineinstoßen, denen dem Marxismus wesensfremde Ansichten zugrunde liegen. Die theoretische, die methodologische Sorglosigkeit wirkt sich mitunter auch auf das Vorgehen bei Forschungsansätzen zur Lösung rein angewandter psychologischer Aufgaben aus. Das zeigt sich vor allem in den Versuchen einer unkritischen Anwendung wissenschaftlich nicht begründeter methodischer Mittel zu praktischen Zwecken. Bei diesen Versuchen wird oft mit der Notwendigkeit spekuliert, die Psychologie enger mit den aktuellen Aufgaben zu verknüpfen, die durch die gegenwärtige Etappe der gesellschaftlichen Entwicklung und durch die wissenschaftlich-technische Revolution gestellt werden. Gröbster Ausdruck dieser Versuche ist die Praxis der unüberlegten Anwendung ||14| psychologischer Tests, die zumeist aus den USA importiert werden. Ich spreche hier nur deshalb darüber, weil die Entwicklung der Testpraxis einen der "Mechanismen" enthüllt, die in der Psychologie zu antimethodologischen Einstellungen führen. Als Tests bezeichnet man bekanntlich kurze Prüfungen, deren Ziel darin besteht, eine zuvor wissenschaftlich gefaßte Eigenschaft oder einen wissenschaftlich gefaßten Prozeß nachzuweisen (und mitunter auch zu messen). Als zum Beispiel die Reaktion von Lackmus auf Säure bekannt wurde, tauchte der Test mit "Lackmus-Papier" auf - der Farbumschlag wurde zum einfachsten Indikator für Azidität oder Alkalität der Flüssigkeit, mit der das Papier getränkt war; die Untersuchung der individuellen Besonderheiten der Farbwahrnehmung führte zur Schaffung der bekannten Stilling-Tafeln, die es anhand der Unterscheidung der auf ihnen dargestellten Ziffern erlauben, hinreichend zuverlässig über Anomalien in der Farbwahrnehmung und deren Charakter zu urteilen. Derartige Tests, die in den verschiedensten Wissensgebieten verwendet werden, kann man als "verstehende Tests" bezeichnen, da sie sich auf die inhaltliche Vorstellung von den Abhängigkeiten stützen, die die Testergebnisse mit den zu untersuchenden Eigenschaften, Zuständen oder Prozessen verbinden. Sie sind nicht unabhängig von wissenschaftlichen Implikationen und ersetzen keine vertiefenden Untersuchungen. Prinzipiell anderen Charakters sind jene Tests, die dazu dienen, den Schwierigkeiten bei der Erlangung echt wissenschaftlicher psychologischer Erkenntnisse aus dem Wege zu gehen. Ein typisches Beispiel dafür sind die Tests zur Bestimmung der geistigen Entwicklung. Ihnen liegt folgendes Verfahren zugrunde: Zunächst wird die Existenz eines gewissen "psychologischen Phlogistons" angenommen, das als intellektuelle Begabung bezeichnet wird; des weiteren wird eine Reihe von Testaufgaben entwickelt, von denen diejenigen ausgewählt werden, die die stärkste Differenzierungskraft besitzen; aus ihnen wird eine "Testbatterie" zusammengestellt. Schließlich werden die Ergebnisse einer großen Zahl von Prüfungen statistisch bearbeitet, und es wird die Anzahl der richtig gelösten ||15| Aufgaben aus dieser Testbatterie zum Alter, zur Rassenzugehörigkeit oder zur sozialen Zugehörigkeit der Probanden in Beziehung gesetzt. Ein bestimmter empirisch festgesetzter Prozentsatz an Lösungen wird als Eins genommen und die Abweichung davon als Bruchzahl vermerkt; diese bringt angeblich den "Intelligenzkoeffizienten" des jeweiligen Individuums oder der jeweiligen Gruppe zum Ausdruck. Die methodologische Unhaltbarkeit derartiger Tests ist offenkundig. Ist doch das einzige Kriterium, auf dessen Grundlage die jeweiligen Testaufgaben eingeführt werden, ihre Validität, das heißt der Grad der Übereinstimmung der Lösungsergebnisse mit den indirekten Erscheinungsformen der getesteten psychologischen Besonderheiten. Es ist unschwer zu erkennen, daß sich hinter einer derartigen Überführung einer methodischen Technik in eine selbständige Disziplin, wie sie mit der Testpsychologie entstanden ist, nichts anderes verbirgt als der Ersatz der theoretischen Untersuchung durch grobe Pragmatik. Will ich damit sagen, daß man von psychologischen Tests abgehen muß? Natürlich nicht. Ich habe das Beispiel der lange diskreditierten Begabungstests benutzt, um nochmals die Notwendigkeit einer ernsthaften theoretischen Analyse auch bei der Lösung solcher Fragen zu unterstreichen, die auf den ersten Blick eng methodisch erscheinen. Ich bin auf Schwierigkeiten eingegangen, denen die wissenschaftliche Psychologie begegnet, und habe nichts über ihre unbestreitbaren und sehr gewichtigen Erfolge gesagt. Aber gerade das Vergegenwärtigen dieser Schwierigkeiten bildet sozusagen auch den kritischen Inhalt dieses Buches. Er ist jedoch nicht das einzige Fundament, auf das sich die von mir entwickelten Positionen stützen. Dazu haben in hohem Maße die positiven Erfahrungen aus konkreten psychologischen Untersuchungen sowohl meiner eigenen als auch die anderer Wissenschaftler geführt. Die Resultate dieser Untersuchungen hatte ich ständig vor Augen, wenn sie auch direkt nur gelegentlich und als flüchtige Illustrationen erwähnt werden; in der Mehrzahl der Fälle blieben sie gänzlich außerhalb der Darlegung. Es erschien notwendig, längere Exkurse zu vermeiden, um die allgemeine Konzeption anschaulicher und übersichtlicher werden zu lassen.||16| Aus demselben Grunde erhebt das Buch auch keinen Anspruch darauf, einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu den berührten Fragen zu geben. Zahlreiche wichtige und dem Leser bekannte Arbeiten werden nicht zitiert, obgleich sie berücksichtigt werden. Da dies einen falschen Eindruck erwecken kann, möchte ich betonen: Wenn diese psychologischen Arbeiten auch ungenannt bleiben, geschieht dies keineswegs, weil sie meiner Ansicht nach keine Aufmerksamkeit verdienten. Nicht anders steht es mit den philosophiehistorischen Quellen: Der Leser entdeckt ohne Mühe theoretische Überlegungen, hinter denen sich die Analyse einiger nicht direkt genannter Kategorien der vormarxistischen klassischen Philosophie verbirgt. Dies alles sind Mängel, die nur in einem völlig neuen, umfassenderen Buch zu beheben sind. Leider habe ich dazu zur Zeit keine Möglichkeit. Man kann fast jede theoretische Arbeit auf unterschiedliche Art und Weise lesen, mitunter völlig anders, als sie sich dem Autor darstellt. Daher möchte ich im Vorwort auf das hinweisen, was mir in diesem Buch das wichtigste zu sein scheint. Ich sehe das Wesentliche in diesem Buch in dem Versuch, diejenigen Kategorien psychologisch zu durchdenken, die für den Aufbau eines widerspruchsfreien Systems der Psychologie als einer konkreten Wissenschaft von der Entstehung, vom Funktionieren und von der Struktur der psychischen Widerspiegelung der Wirklichkeit, die das Leben der Individuen vermittelt, am wichtigsten sind. Das sind die Kategorie gegenständliche Tätigkeit, die Kategorie menschliches Bewußtsein und die Kategorie Persönlichkeit. Die erste von ihnen ist nicht nur die Ausgangskategorie, sondern auch die wichtigste Kategorie. In der sowjetischen Psychologie wird diese These ständig postuliert, sie wird jedoch äußerst unterschiedlich interpretiert. Der Kernpunkt, gleichsam die Wasserscheide zwischen den verschiedenen Auffassungen über die Stellung der Kategorie Tätigkeit, ist darin zu sehen, ob die gegenständliche Tätigkeit nur als Bedingung der psychischen Widerspiegelung und als ihre Äußerung betrachtet wird oder aber als Prozeß, der jene inneren bewegenden Widersprüche, Differenzierungen und Transformationen in sich ||17| trägt, die das Psychische erzeugen, das ein notwendiges Moment der Eigenbewegung der Tätigkeit, ihrer Entwicklung ist. Während die erste dieser Positionen die Untersuchung der Tätigkeit in ihrer Grundform - in der Form der Praxis - über die Grenzen der Psychologie hinausführt, setzt umgekehrt die zweite Position voraus, daß die Tätigkeit unabhängig von ihrer Form zum Gegenstand psychologischer Forschung wird, wenn auch natürlich vollkommen anders, als sie in den Gegenstand anderer Wissenschaften eingeht. Mit anderen Worten, die psychologische Analyse der Tätigkeit besteht vom Standpunkt dieser zweiten Position aus nicht darin, aus ihr innere psychische Elemente zum Zwecke ihrer weiteren isolierten Untersuchung herauszulösen, sondern darin, in die Psychologie Analyseeinheiten einzuführen, die in sich die psychische Widerspiegelung in ihrer Nichtabgrenzbarkeit von den sie erzeugenden und durch sie vermittelten Momenten der menschlichen Tätigkeit tragen. Diese von mir vertretene Position erfordert jedoch den Umbau des gesamten konzeptionellen Apparats der Psychologie, der in diesem Buch nur skizziert ist und im wesentlichen eine Sache der Zukunft sein wird. Die Kategorie Bewußtsein stellt die Psychologie vor noch größere Schwierigkeiten Die allgemeine Lehre vom Bewußtsein als der höchsten und spezifisch menschlichen Form des Psychischen, die im Prozeß der gesellschaftlichen Arbeit entsteht und die Sprache erfordert, stellt die wichtigste Voraussetzung der Humanpsychologie dar. Die Aufgabe der psychologischen Forschung besteht jedoch darin, die Untersuchung der Erscheinungen und Prozesse nicht auf seine Oberfläche zu beschränken, sondern in die innere Struktur des Bewußtseins einzudringen. Dazu aber darf man das Bewußtsein nicht als ein vom Subjekt betrachtetes Feld auffassen, auf das seine Bilder und Begriffe projiziert werden, sondern als eine besondere innere Bewegung, die durch die Bewegung der menschlichen Tätigkeit erzeugt wird. Die Schwierigkeit besteht hier bereits darin, die Kategorie Bewußtsein als psychologische Kategorie zu bestimmen, und das bedeutet, jene realen Übergänge zu verstehen, die das Psychische der konkreten Individuen mit dem gesellschaftlichen ||18| Bewußtsein und seinen Formen verbinden. Dies kann man jedoch nicht ohne vorausgehende Analyse jener "Komponenten" des individuellen Bewußtseins tun, deren Bewegung für seine innere Struktur charakteristisch ist. Dem Versuch einer solchen Analyse, der die Analyse der Bewegung der Tätigkeit zugrunde liegt, ist ein besonderes Kapitel des Buches gewidmet. Natürlich steht es mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob dieser Versuch geglückt ist. Ich möchte nur die Aufmerksamkeit des Lesers darauf richten, daß das psychologische "Geheimnis des Bewußtseins" einer jeden Methode verschlossen bleibt mit Ausnahme der von Marx entdeckten Methode, die es gestattet, die Natur der nichtsinnlichen Eigenschaften gesellschaftlicher Objekte zu entschleiern, zu denen auch der Mensch als Subjekt des Bewußtseins gehört. Den stärksten Widerspruch werden wahrscheinlich die von mir entwickelten Ansichten über die Persönlichkeit als Gegenstand der eigentlich psychologischen Forschung hervorrufen. Ich nehme das an, da sie durchaus nicht mit jenen metaphysischen kulturanthropologischen Persönlichkeitskonzeptionen (wie auch mit den Theorien ihrer zweiseitigen Determination durch die biologische Vererbung und das soziale Milieu) vereinbar sind, die gegenwärtig die gesamte Psychologie in der Welt überschwemmen. Diese Unvereinbarkeit wird besonders bei der Untersuchung der Frage nach der Natur der sogenannten inneren Triebkräfte der Persönlichkeit und der Frage nach dem Zusammenhang der Persönlichkeit des Menschen mit seinen somatischen Besonderheiten sichtbar. Eine weit verbreitete Ansicht über die Natur der Bedürfnisse und Neigungen des Menschen besteht darin, sie seien auch die Determinanten der Tätigkeit der Persönlichkeit, ihrer Gerichtetheit. Entsprechend sei es die Hauptaufgabe der Psychologie, die menschlichen Bedürfnisse und die psychischen Erlebnisse (Neigungen, Wünsche, Gefühle) zu untersuchen, die sie hervorrufen. Nach einer anderen Auffassung gilt es im Unterschied zur ersteren zu erfassen, auf welche Weise die Entwicklung der Tätigkeit selbst, ihrer Motive und Mittel die Bedürfnisse des Menschen transformiert und neue Bedürfnisse hervorruft, wodurch sich ihre Hierarchie ändert, so daß die Befriedigung ||19| einiger Bedürfnisse an Bedeutsamkeit verliert und lediglich auf den Status notwendiger Bedingungen der Tätigkeit des Menschen, seiner Existenz als Persönlichkeit herabgesetzt wird. Von den Verteidigern des ersten, des anthropologischen oder besser gesagt des naturalistischen Standpunkts werden eine Vielzahl von Argumenten angeführt, darunter auch solche, die man metaphorisch als Argumente "vom Magen aus" bezeichnen kann. Natürlich ist die Nahrungsaufnahme eine unabdingbare Voraussetzung für jegliche gegenständliche Tätigkeit, das psychologische Problem besteht jedoch in etwas anderem: Welcherart wird diese Tätigkeit sein, wie wird ihre Entwicklung und zusammen damit auch die Umwandlung der Bedürfnisse selbst verlaufen? Wenn ich auf diese Frage aufmerksam gemacht habe, so deswegen, weil in ihr entgegengesetzte Anschauungen über die Perspektive der Persönlichkeitsforschung aufeinanderstoßen. Die eine Auffassung führt zum Konstrukt einer Persönlichkeitspsychologie, die im weitesten Sinne vom Primat des Bedürfnisses ausgeht (in der Sprache der Behavioristen - der Appetenz); die andere - zum Konstrukt einer Psychologie, die vom Primat der Tätigkeit ausgeht, in der der Mensch seine menschliche Persönlichkeit bestätigt. Die zweite Frage - die Frage nach der Persönlichkeit des Menschen und seinen körperlichen Besonderheiten - wird im Zusammenhang mit der These zugespitzt, daß keine psychologische Persönlichkeitstheorie geschaffen werden kann, wenn man sich hauptsächlich auf die konstitutionellen Unterschiede des Menschen stützt. Wie kann man aber in der Persönlichkeitstheorie ohne die üblichen Verweise auf die Konstitutionstypen von Sheldon, auf die Faktoren von Eysenck und schließlich auf die Pawlowschen Typen der höheren Nerventätigkeit auskommen? Diese Annahme, man könne darauf nicht verzichten, entsteht ebenfalls aus einem methodologischen Unverständnis heraus, das in hohem Maße von der Mehrdeutigkeit des Begriffs "Persönlichkeit" selbst abhängt. Diese Mehrdeutigkeit verschwindet jedoch, wenn man die bekannte marxistische These akzeptiert, daß die Persönlichkeit eine besondere Qualität ||20| ist, die das natürliche Individuum im System der gesellschaftlichen Verhältnisse erlangt. Das Problem kehrt sich dann unausweichlich um: Die anthropologischen Eigenschaften des Individuums treten nicht als die persönlichkeitsbestimmenden und zur Struktur gehörenden Eigenschaften auf, sondern als genetisch vorgegebene Bedingungen für die Herausbildung der Persönlichkeit und, im Zusammenhang damit, nicht als ihre psychologischen Merkmale, sondern nur als die Art und Weise ihres Zutagetretens. Zum Beispiel wird die Aggressivität als Persönlichkeitsmerkmal natürlich bei einem Choleriker anders in Erscheinung treten als bei einem Phlegmatiker, aber die Aggressivität als eine Besonderheit des Temperaments zu erklären ist wissenschaftlich ebenso unsinnig wie der Versuch, die Erklärung der Kriege in einem den Menschen angeblich eigenen Aggressionsinstinkt zu suchen. Die Problematik des Temperaments, der Eigenschaften des Nervensystems und anderes mehr soll nicht aus der Persönlichkeitstheorie "verbannt" werden, sondern auf völlig anderer Ebene, wenn man es so ausdrücken darf, als Frage nach der Nutzung der angeborenen individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten durch die Persönlichkeit gesehen werden. Das ist ein für eine konkrete Charaktertheorie sehr wichtiges Problem, das ebenso wie eine Reihe anderer Probleme in diesem Buch nicht behandelt wird. Die in diesem Vorwort gemachten Vorbehalte (und sie könnten noch vermehrt werden) sind dadurch bedingt, daß der Autor seine Aufgabe nicht so sehr in der Bestätigung der einen oder anderen konkret-psychologischen Anschauungen sah, als vielmehr in der Suche nach einer Methode zur Erarbeitung einer theoretischen Position, die aus der Lehre des historischen Materialismus von der Natur des Menschen, seiner Tätigkeit, seines Bewußtseins und seiner Persönlichkeit folgt. Abschließend möchte ich einige Worte zur Komposition des Buches sagen. Die dargelegten Gedanken wurden in früheren Publikationen des Autors bereits geäußert, die in den Anmerkungen zu den Kapiteln angegeben werden. Sie sind hier jedoch erstmals systematisch dargestellt. Seiner Zusammensetzung nach besteht das Buch aus drei Teilen. Den ersten bilden die Kapitel I und II, die der Analyse ||21| des Begriffs Widerspiegelung und jenes grundlegenden Beitrags gewidmet sind, den der Marxismus zur wissenschaftlichen Psychologie leistet. Diese Kapitel dienen zur Einführung in den zentralen Teil des Buches, in dem die Probleme Tätigkeit, Bewußtsein und Persönlichkeit betrachtet werden. Eine besondere Stellung hat der letzte Teil des Buches. Er ist keine Fortsetzung der vorausgehenden Kapitel, sondern eine meiner frühen Arbeiten zur Psychologie des Bewußtseins. Seit ihrem ersten Erscheinen sind über zwanzig Jahre vergangen, und vieles ist veraltet. Jedoch enthält sie einige psychologisch-pädagogische Aspekte des Bewußtseinsproblems, die in den anderen Teilen des Buches überhaupt nicht berührt werden, mir aber am Herzen liegen. Das führte dazu, diese Arbeit in das Buch aufzunehmen. Moskau, Juni 1974 ||22|
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