Leben in urbanen »Problemvierteln« in einer Migrationsgesellschaft

Über den Umgang mit Problemen und das Recht auf Stadt

Artikel von Grete Erckmann in Forum Kritische Psychologie Neue Folge 6 (2025).

Verfügbar über: https://doi.org/10.58123/aliceopen-825-4

Zusammenfassung

Auf gesellschaftspolitischer Ebene sind sogenannte urbane »Problemviertel« erklärtermaßen ein Problem, während gleichzeitig die Bewohner*innen Probleme haben, die mit ihrem Leben in einem urbanen »Problemviertel« in Zusammenhang stehen. Hegemoniale Diskurse über diese Viertel und ihre Bewohner*innen sind durch defizitorientierte, problematisierende, rassistische und stigmatisierende Positionen gekennzeichnet. Auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen wurden/ werden Ansätze und Maßnahmen entwickelt, um das Problem der »Problemviertel« anzugehen. Die einflussreichste und am weitesten verbreitete sozialpolitische und städtebauliche Maßnahme zur Lösung dieses Problems besteht darin, die »soziale Durchmischung« durch den Zuzug nicht rassifizierter, nicht migrantifizierter Mittelschichtsangehöriger zu fördern, indem die Viertel für diese neue Bewohner*innenzielgruppe attraktiv gemacht werden. Junge Menschen, die in diesen Vierteln aufwachsen, müssen sich in ihrer alltäglichen Lebensführung einerseits direkt oder indirekt zu diesen abwertenden, auf sozialen Ungleichheitskonstruktionen basierenden Anrufungen verhalten, während andererseits die politischen, städtebaulichen und stadtplanerischen Entscheidungen und Initiativen und ihre eigene oder die Migrationserfahrung ihrer Familie einen wichtigen Bezugsrahmen für ihre Handlungen, Gefühle und Pläne bilden. Der Versuch, den Umgang der Bewohner*innen mit Problemen in ihren Stadtvierteln zu verstehen, sollte dementsprechend zwei Perspektiven umfassen:
Im ersten Teil wird die Perspektive der »Gesellschaft« auf diese Stadtteile und ihre Bewohner*innen nachgezeichnet – einschließlich der historischen Entwicklung dieser »Problemviertel«. Im zweiten Teil wird die Perspektive der jungen Bewohner*innen auf den Umgang mit Problemen in ihrer Nachbarschaft anhand von Interpretationen von Ausschnitten aus ethnografischen Feldnotizen und biografischen Interviews skizziert. Im letzten Abschnitt wird schließlich die Bedeutung von Problemen für die Gemeinschaft und die Frage nach einer möglichen Verwirklichung des Rechts auf Stadt im Sinne von Lefebvre durch diese Art der Raumaneignung diskutiert.

Abstract

Urban »problem neighborhoods« – problems for whom? Marginalized youths’ lived experiences and the right to the city. On a socio-political level, so-called urban »problem neighborhoods« are a declared problem, while at the same time the residents have problems that are related to their life in an urban »problem neighborhood«. Hegemonic discourses about these neighborhoods and their residents are characterized by deficit-oriented, problematizing, racist and stigmatizing positions. Approaches and measures have been/ are being developed at various levels of society to tackle the problem of »problem neighborhoods«. The most influential and widespread socio-political and urban planning measure to address this problem is to promote »social mixing« by attracting non-racialized, non-migrant middle class people to »problem neighborhoods« by making the neighborhoods attractive to this new target group of residents. Young people growing up in these neighborhoods have to relate directly or indirectly to these pejorative invocations based on constructions of social inequality in their everyday lives, while political, urban planning and design decisions and initiatives and their own or their family’s migration experience form an important frame of reference for their actions, feelings and plans. The attempt to understand how residents deal with problems in their neighborhoods should include the following two perspectives.  The first part traces the complex perspective of »society« on these neighborhoods and their residents – including the historical development of these »problem neighborhoods« that has led to their current state. In the second part, the perspective of the young residents themselves on how they deal with problems in their neighborhoods is outlined by interpreting excerpts from ethnographic field notes and biographical interviews. Finally, the last part discusses the significance of problems for the community and the question of a possible realization of the right to the city in the sense of Lefebvre through this type of appropriation of space.

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