Zum Verhältnis zwischen gesamtgesellschaftlichem Prozeß und individuellem Lebensprozeß

Veröffentlicht in: Konsequent, Diskussions-Sonderband 6, Streitbarer Materialismus, Berlin (West), 29-40. Download (PDF, 422 KB): kh1984a.pdf


Klaus Holzkamp

I.

„Streitbarer Materialismus“, wie er im Motto dieses „Konsequent„-Bandes angesprochen ist, sieht sich bei seiner permanenten Anstrengung, den beschränkten Erkenntnisgehalt bürgerlicher Positionen und deren dadurch bedingte Verhaftetheit im kapitalistischen Klassenstandpunkt aufzuweisen, immer wieder Auffassungen gegenüber, durch welche er selbst in seine Schranken verwiesen werden soll: der Meinung nämlich, daß die marxistische Herangehensweise als essentiell ökonomische Analyse notwendig mindestens da ihre Grenzen findet, wo es nicht lediglich um die Lebensumstände des Menschen, sondern um ihn selbst, seine psychophysischen Dispositionen, seine biologische Ausstattung, seine vitalen Bedürfnisse, kurz seine „Natur“ geht. Derartige Ansichten sind nicht nur impliziert bei der Vielzahl alltagspsychologischer oder wissenschaftlich gemeinter Vorstellungen, in denen nicht einmal die Lebensbedingungen der Individuen als ökonomischer Analyse bedürftig, sondern als bloße „Reizwelt“, natürliche „Umwelt“ o. ä. verstanden werden, sondern auch in den vielfältig nuancierten Konzeptionen mit materialistischem Anspruch, die zwar die „Verhältnisse“ des Menschen marxistisch begreifen wollen, zur Erfassung seiner „Natur“ aber auf andere, speziell subjektwissenschaftliche Ansätze außerhalb des Marxismus, etwa die Psychoanalyse, zurückgreifen – ja selbst in der Praxis vieler Marxisten, sich gegenüber „psychologischen“ Fragen schlicht für unzuständig zu erklären und sie „den Psychologen“ zu überantworten.

Kann man sich als „streitbarer Materialist“ darauf einlassen, seine Streitbarkeit angesichts der „menschlichen Natur“ und ihrer wissenschaftlichen Erfassung zu suspendieren? Dies verbietet sich nicht nur angesichts der Perspektive des Marxismus, die gesamte menschliche Erkenntnis und dadurch angeleitete Praxis durch ihre Befreiung von den Fesseln der bürgerlichen Ideologie auf eine historisch neue Stufe zu heben, womit sich „Zuständigkeitsfragen“ hier prinzipiell nicht stellen können: Es wäre auch diesseits solcher grundsätzlicher Erwägungen eine merkwürdige „Bescheidenheit“, wenn einerseits für den Marxismus der Mensch im Mittelpunkt steht, aber andererseits Marxisten meinen, sie brauchten oder könnten über die Menschen in ihrer vollen, sinnlichen Wirklichkeit nichts Spezifisches aussagen.

Wenn also der dialektische Materialismus auch gegenüber allen Einlassungen über das Psychische oder die „Natur“ des Menschen potentiell „streitbar“ bleiben muß, so setzt dies voraus, daß in der marxistischen Theorie selbst dazu die Möglichkeiten bestehen oder aus ihr entwickelt werden können. Mehr noch: Da der Marxismus ja tatsächlich und unbezweifelbar eine Theorie ist, in der die Analyse ökonomischer Verhältnisse und Bewegungen einen zentralen und nicht relativierbaren Platz einnimmt, müßte hier die ökonomische Analyse so gefaßt und der Begriff der „Ökonomie“ dabei so bestimmt werden können, daß auch die Aussagen über die „menschliche Natur“ als Resultate (im weitesten Sinne) „ökonomischer“ Analyse begriffen und begründet werden können. Wie aber kann dies geschehen?

Man kommt, wie viele vergebliche Versuche gezeigt haben, in dieser Richtung nicht weiter, wenn man nur die Marxsche „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ zugrunde legt und versucht, in der Auseinandersetzung und Spezifizierung der Struktur der kapitalistischen Produktionsweise bzw. der Struktur bestimmter kapitalistischer Gesellschaften bis zum Individuum vorzudringen: Wie präzise und differenziert derartige Analysen auch sein mögen, das „Individuum selbst“ bleibt hier irgendwie immer auf der „anderen Seite“, und es besteht genau besehen nur die Alternative, das Individuum entweder in dem Sinne zu „ökonomisieren“, daß man die gesellschaftlichen Verhältnisse an seine Stelle setzt und in falscher Zitierweise der 6. Feuerbach-These das „Individuum“ als „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“ betrachten will; oder eben, wenn auch noch so verschämt, Anleihen bei bürgerlichen Ansätzen macht, etwa der Psychoanalyse hier bestimmte Sonderrechte einräumt. An dieser Problematik ändert sich auch dann nichts Grundsätzliches, wenn man, wie Sève, zwar einerseits die „konkreten Individuen“ vom Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse als „menschlichem Wesen“ unterscheidet, aber andererseits das konkrete Individuum dann doch wieder nur mit Begriffen der Marxschen „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ faßt. Auch hier bleibt das Individuum eigentlich auf der „anderen Seite“, und die Kompromißbereitschaft Sèves gegenüber der Psychologie und Psychoanalyse, denen er „in ihren Grenzen“ eigenständige Bedeutung zugesteht, ist dann nur die logische Konsequenz.

Das damit angedeutete Dilemma der ökonomischen Analyse menschlicher Individualität löst sich mit einem Schlage auf, wenn man sich der Sentenz von Marx und Engels erinnert „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte“ bzw. Lenins Wort von der materialistischen Dialektik als umfassendster und inhaltsreichster „Entwicklungslehre“ ernst nimmt. Das bedeutet in unserem Zusammenhang: wenn man der „ökonomischen“ Analyse ihre historische Dimension eröffnet. Sofern man sich nämlich deutlich macht, daß „ökonomische“ Lebensverhältnisse nicht einfach „da“ sind, sondern als spezifisch menschliche Lebensgewinnungsformen aus anderen, vormenschlichen Lebensgewinnungsweisen entstanden, so wird der Schein des äußerlichen Sich-Gegenüberstehens von „ökonomischen Verhältnissen“ auf der einen Seite und Individuen in ihrer „inneren Natur“ auf der anderen Seite als „Schein“ durchdringbar. Es kann dann nämlich begriffen werden, daß mit der historischen Herausbildung der gesellschaftlich-ökonomischen Lebensgewinnungsform sich notwendig auch die „Natur“ der Lebewesen so entwickelt haben muß, daß sie zur Teilnahme und Teilhabe an dem neuen „ökonomischen“ Prozeß der gesellschaftlichen Produktion von Lebensmitteln und Lebensbedingungen fähig wurden. Dieser zentrale Umstand wird noch deutlicher, wenn man sich den trivialen Sachverhalt vergegenwärtigt, daß kein nicht-menschliches Lebewesen, und sei es noch so hoch entwickelt, und welche Mühe man sich mit ihm immer geben mag, in der Lage ist, den Prozeß der ökonomisch-gesellschaftlichen Lebensgewinnung individuell mitzutragen. Bekannt ist ja das kuriose Unternehmen des Ehepaares Kellog, die ihr eigenes Baby unter gleichen Entwicklungs- und Erziehungsbedingungen zusammen mit einem kleinen Schimpansen aufzogen, wobei sie zu dem nicht unerwarteten Befund kamen, daß der Schimpanse (nach Anfangserfolgen, wo er gegenüber dem Baby bestimmte Vorteile hatte) dem Baby auf seinem Weg in die Vergesellschaftung nicht folgen konnte, sondern in der Beschränktheit seiner „artspezifisch“-biologischen Möglichkeiten zurückblieb. Auch die in die gleiche Richtung gehenden modernen Versuche, Schimpansen das Sprechen zu lehren, werden – auch wenn es gelungen ist, den Tieren in monatelanger systematischer Dressur eine Reihe von Zeichen der Taubstummensprache beizubringen – selbst von den größten Optimisten nicht so interpretiert, daß die Schimpansen nun im menschlichen Sinne „sprechen“ können: Es ist zu offensichtlich, daß es der Mensch mit seinen Dressur-Aktivitäten war, der hier „Sarah“ oder „Washoe“ (dies die Namen von betroffenen Schimpansen) dazu brachte, sich in einem beschränkten Ausschnitt äußerlich „menschenähnlich“ zu benehmen, daß aber die Schimpansen unter sich zu einem solchen Lernprozeß niemals fähig gewesen wären. Zusammengefaßt: Der Mensch verfügt offenbar über eine „Natur“, durch welche er als einziges unter allen Lebewesen fähig ist, sich aufgrund seiner „natürlichen“ Entwicklungspotenzen individuell zu vergesellschaften.

In dem damit eingeführten Konzept der „gesellschaftlichen Natur“ ist einerseits die Gegenüberstellung von „Natur“ und „Gesellschaftlichkeit“ des Individuums aufgehoben, indem hier gesetzt ist, daß die „Gesellschaftlichkeit“ des Menschen bereits in seiner „Natur“ liegt. Andererseits aber schlägt dieses Konzept traditionellen Vorstellungen und der vorgegebenen Disziplinenteilung der Wissenschaft geradezu ins Gesicht. Natur, so wird man hier einwenden, ist etwas, was von Naturwissenschaften untersucht wird, wobei für die „innere Natur“ des Menschen die Biologie bzw. eine sich „naturwissenschaftlich“ verstehende Psychologie zuständig ist, während die gesellschaftlichen Verhältnisse von Sozialwissenschaften wie der Soziologie und Ökonomie untersucht werden. Mit der Rede von der „gesellschaftlichen Natur“ werde diese gewachsene Arbeitsteilung einfach negiert, wobei Nicht-Zusammengehöriges und Gegensätzliches lediglich durch ein Wortspiel in Verbindung gebracht würden. Mit der bloßen paradoxen Rede von einer gesellschaftlichen Natur des Menschen sei die reale Vermittlung zwischen innerer Natur und Gesellschaft aber nicht auch schon aufgewiesen, viel weniger etwas darüber gesagt, wie denn diese „gesellschaftliche Natur“ inhaltlich charakterisierbar sein soll.

Dieser mögliche Einwand ist natürlich ernst zu nehmen: Wenn wir sagen, der Mensch muß seiner inneren Natur nach im Unterschied zu allen anderen Lebewesen „vergesellschaftungsfähig“ sein, sonst könnte er nicht als einziger in den gesellschaftlichen Lebensgewinnungsprozeß sich hineinentwickeln, demnach muß sich mit der historischen Entstehung der gesellschaftlich-ökonomischen Lebensgewinnungsform auch seine „gesellschaftliche Natur“ sozusagen als „subjektive“ Seite der Ökonomie herausgebildet haben, so ist dies zunächst lediglich ein Postulat, wenn auch ein begründetes. Offen bleibt dabei indessen, wie denn ein solcher historischer Prozeß, in welchem sich mit der Herausbildung der ökonomisch-gesellschaftlichen Lebensgewinnungsform gleichzeitig die „innere Natur“ der Individuen „vergesellschaftet“, beschaffen sein soll, wie man mit wissenschaftlichen Mitteln ausweisen kann, daß so etwas überhaupt möglich ist und was für eine „Natur“ dabei herauskommt.

II.

Klar ist, daß man im Prozeß der Menschwerdung in Richtung auf das Erreichen der gesellschaftlich-ökonomischen Stufe zunächst nur die Wirksamkeit der biologischen Evolutionsgesetze, insbesondere des Gesetzes der Entwicklung durch Mutation und Selektion, annehmen darf. Dies bedeutet aber, daß die Evolutionsgesetze durch ihre eigene Wirksamkeit eine stammesgeschichtliche Entwicklungsstufe hervorgebracht haben müssen, in welcher nicht mehr Mutation und Selektion, sondern die „ökonomische“ Produktion von Lebensmitteln und -bedingungen aufgrund der „gesellschaftlichen“ Natur des Menschen bestimmend sind. Dies würde jedoch heißen, daß sich mit der Hervorbringung der Gesellschaftlichkeit und der gesellschaftlichen Natur des Menschen die biologischen Evolutionsgesetze als bestimmende Entwicklungsfaktoren selbst außer Kraft gesetzt haben müssen. Das wäre die evolutionstheoretische Fassung des genannten scheinbaren Paradoxons von der „gesellschaftlichen Natur“ des Menschen. Mit derartigen „Paradoxien“ ist hier indessen der wissenschaftliche Klärungsprozeß keineswegs abgeschnitten. Man kann vielmehr zeigen“ daß die Annahme eines solchen anthropogenetischen Prozesses der evolutionsgesetzlichen Vergesellschaftung der menschlichen Natur nicht nur eine mögliche, sondern die gegenwärtig wissenschaftlich adäquateste Interpretation des Menschwerdungsprozesses ist. Um dieses zu verdeutlichen, referiere ich kurz einige einschlägige Forschungsresultate der Kritischen Psychologie.

Es geht darum, den Übergang von der bloß evolutionsgesetzlich-phylogenetischen Entwicklung zur gesellschaftlich-historischen Entwicklung als großen Umschlag von Quantität in Qualität dialektisch-materialistisch herauszuarbeiten. Um dies zu bewerkstelligen, muß dieser qualitative Umschlag analytisch in einzelne empirisch ausweisbare Schritte zerlegt werden. Dabei lassen sich als Vorlauf der Entwicklung, in welcher die Voraussetzungen für den qualitativen Umschlag entstanden, sich aber noch nicht dieser selbst vollzog, zwei Entwicklungszüge herausheben: einmal die Entwicklung der gelernten sozialen Beziehungen der Lebewesen bis zu einer überindividuell-kollektiven Koordination der Lebensgewinnung, in welcher die Einzelnen Teilfunktionen unter einem allgemeinen Ziel übernehmen (klassisches Beispiel: Leontjews „Jäger-Treiber“-Koordination, in welcher der Treiber das Wild hochscheucht, das der Jäger erlegt, wobei später die Beute geteilt wird). Zum anderen die Entwicklung des Gebrauchs und der Herrichtung von Hilfsmitteln, etwa Stöcken zum Schlagen, und zum Erreichen von Bedarfszielen, „Angeln“ zum Herauspolken von Termiten aus Steinen etc. Aufgrund dieser beiden Voraussetzungen vollzieht sich nun, wie herausgearbeitet werden konnte, zunächst ein erster qualitativer Sprung zur Menschwerdung, indem bei der Herrichtung und dem Gebrauch von Hilfsmitteln sich Zweck und Mittel quasi „verkehren“: Während vorher die Hilfsmittel nur angesichts eines konkreten Bedarfsziels eingesetzt wurden, etwa der Stock zum Erreichen einer konkreten Banane diente und danach weggeworfen wurde, kommt es jetzt allmählich zu einem Funktionswechsel der Hilfsmittel; diese werden nämlich immer ausgeprägter nicht nur im aktuellen Aktivitätszusammenhang, sondern zu verallgemeinerten Zwecken, etwa dem der Früchtebeschaffung, hergestellt, also aufgehoben, verbessert etc. Die zentrale Bedeutung dieses Funktionswechsels liegt darin, daß hier ein Moment geplanter verallgemeinerter Vorsorge im Lebensgewinnungsprozeß sich durchsetzt: Die Hilfsmittel, die damit Frühformen von Werkzeugen sind, werden hergestellt für den Fall, daß sie gebraucht werden, daß sich also zukünftig eine Not- und Mangelsituation ergibt, zu deren Überwindung sie sich eignen. Diese neue, verallgemeinerte Form der Werkzeugherstellung und -benutzung entstand nun von vornherein im Zusammenhang der genannten überindividuellen Koordination von Aktivitäten, wobei durch die Herausbildung der Fähigkeit zur geplanten Herstellung von Werkzeugen für zukünftige verallgemeinerte Zwecke auch die soziale Koordination eine neue Qualität erreichte: Die neue Art von Werkzeugen stand hier nämlich für den kollektiven Gebrauch zur Verfügung, man konnte also in der funktionsteiligen Koordination sowohl Werkzeuge für andere herstellen und die von anderen hergestellten Werkzeuge benutzen, wie auch verschiedene Werkzeuge gemeinsam und arbeitsteilig einsetzen. Das Moment der verallgemeinerten Vorsorge durch den genannten Funktionswechsel der Hilfsmittel zu Werkzeugen im sozialen Lebensgewinnungsprozeß wurde so zur Frühform der verallgemeinerten gesellschaftlichen Vorsorge als zentraler Bestimmung des gesellschaftlichen Lebensgewinnungsprozesses.

Für unseren Argumentationszusammenhang wichtig ist nun der Umstand, daß die damit geschilderte neue gesellschaftliche Lebensgewinnungsform sich gemäß der Grundeigenart des Evolutionsprozesses nicht mit einem Schlage durchsetzte, sondern nur sehr allmählich, in langen Zeiträumen, innerhalb derer die biologische Form der Lebensgewinnung in einer natürlichen Umwelt noch bestimmend war. Die neue Lebensgewinnungsform ist also hier zwar bereits spezifisch für den Lebensprozeß, aber noch nicht dominant. Dies bedeutet jedoch, daß die Gesetze der Mutation und Selektion trotz der neuen gesellschaftlichen Lebensgewinnungsform noch wirksam waren. Diese mußte sich also auf der Grundlage der biologisch-evolutionären Prozesse durchsetzen. Und sie konnte dies – das ist hier das Entscheidende – deswegen, weil die in dieser Lebensgewinnungsform mögliche verallgemeinerte Vorsorge durch soziale Werkzeugherstellung einen immensen „Selektionsvorteil“ darstellte. Damit haben wir den Prozeß der Entstehung der „gesellschaftlichen Natur“ des Menschen evolutionstheoretisch aufgeschlüsselt: Die „gesellschaftliche Natur“ entstand in einer Phase der Anthropogenese, in welcher die gesellschaftliche Lebensgewinnungsform durch die in ihr liegenden Selektionsvorteile noch auf die genomische Information, also die biologische Natur des Menschen, zurückwirkte. Auf diese Weise ist in dialektisch-materialistischer Analyse der Vermittlungsprozeß naturwissenschaftlich herausgehoben, durch welchen die biologischen Entwicklungsvoraussetzungen des Menschen sich in Richtung auf seine Potenz zur Teilhabe an der gesellschaftlichen Lebensgewinnungsform entwickelten, also die „innere Natur“ der Lebewesen „gesellschaftlich“ wurde, womit das genannte scheinbare „Paradoxon“ sich hier zwanglos entschlüsselt.

Die Herausbildung der gesellschaftlichen Lebensgewinnungsform und die Herausbildung der „gesellschaftlichen Natur“ des Menschen mußten sich in der genannten anthropogenetischen Phase nach dem „ersten qualitativen Sprung“ zur Menschwerdung wechselseitig immer mehr verstärken, da der Mensch aufgrund seiner entwickelten „gesellschaftlichen Natur“ in immer höherem Maße zur gesellschaftlichen Lebensgewinnungsform fähig wurde, womit der dadurch bedingte, auf die „Natur“ des Individuums zurückwirkende Selektionsvorteil immer größer werden mußte, etc. Aufgrund dieser Wechselwirkung und einiger weiterer Bedingungen kam es, wie wir aufgewiesen haben, allmählich zu einem immer größeren Gewicht der gesellschaftlichen gegenüber der immer noch präsenten biologischen Lebensgewinnungsform. Der eigentliche Dominanzumschlag von der bloß phylogenetisch-evolutionären zur gesellschaftlich-historischen Entwicklung als zweiter und endgültiger qualitativer Sprung zur Menschwerdung vollzog sich dabei auf folgende Weise: Durch die immer weitergehende soziale Werkzeugherstellung und -benutzung kam es an einem bestimmten Springpunkt der Entwicklung zum Dominanzumschlag von der Anpassung des Organismus an die Umwelt zur aktiven Anpassung der Umwelt an die Individuen durch deren vergegenständlichende Naturveränderung in verallgemeinerter gesellschaftlicher Vorsorge. So entwickelte sich die Lebensgewinnungsform gesellschaftlicher Arbeit als Prozeß der gesellschaftlich-geplanten Aneignung und Vergegenständlichung der Natur durch den Menschen. Dies schließt zweierlei ein: Die vom Menschen geschaffene gegenständliche Welt mit den dabei eingegangenen sozialen Verhältnissen wird zum selbständigen Träger der Entwicklung. Indem die natürliche „Ökologie“ zur gesellschaftlichen „Ökonomie“ wird, ist mithin der phylogenetische Prozeß durch einen gesellschaftlich-historischen Prozeß überlagert, in welchem der wechselseitige Anpassungsprozeß von Mensch und Welt durch die aktive kollektive Veränderung der Natur in einer neuen Größenordnung der Effektivität und des Fortschritts erfolgt (phylogenetische Entwicklung: Jahrhunderttausende, gesellschaftlich-historische Entwicklung: Jahrhunderte, Jahrzehnte, sich immer mehr kumulierend und beschleunigend). Damit sind aber gleichzeitig auch, durch ihre eigene vorgängige Wirksamkeit in der genannten Übergangsphase der Menschwerdung, die Evolutionsgesetze als bestimmende Entwicklungsfaktoren außer Kraft gesetzt; in der „ökonomisch“-gesellschaftlichen Lebensgewinnung ist nicht mehr die „natürliche Selektion“ bestimmend, sondern es wird im Gegenteil durch die kollektive verallgemeinerte Vorsorge für die Existenzerhaltung der Gesellungseinheiten und damit jedes einzelnen eine Strategie zur Einschränkung und Überwindung „natürlicher“ Selektionsprozesse prävalent. Hinzu kommt, daß der sich hier als dominant durchsetzende gesellschaftlich-historische Prozeß schon durch die genannte neue Größenordnung der Progression eine so schnelle Entwicklung der Lebensbedingungen der Individuen bewirkt, daß selektionsbedingte evolutionäre Änderungsprozesse bereits wegen ihrer vergleichsweise unendlichen Langsamkeit in ihrer Entwicklungsrelevanz gegen Null gehen und statt dessen eigene gesellschaftlich-historische Entwicklungsgesetze wirksam wurden, durch welche (gemäß der klassischen Grundformationslehre) aus der „Urgesellschaft“ sich die „Sklavenhaltergesellschaft“, der Feudalismus, der Kapitalismus und der Sozialismus als Stadien des gesellschaftlichen Prozesses entwickelten.

Wenn nun auf diese Weise also der gesellschaftlich-historische Prozeß dominant geworden ist, so bedeutet dies einerseits den Abschluß der Entwicklung der gesellschaftlichen Natur des Menschen durch selektionsbedingte Rückwirkung der gesellschaftlichen Lebensgewinnungsform auf die genomische Information: Die natürliche Selektion, die diesen Entwicklungsprozeß bewirkte, ist ja jetzt durch die gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze praktisch außer Kraft gesetzt. Andererseits aber konnte die natürliche Selektion nur deswegen durch den gesellschaftlichen Prozeß abgelöst werden, weil die individuelle Fähigkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Prozeß sich in der genannten Zwischenphase so verstärkt hatte, daß die Individuen jetzt aufgrund ihrer natürlichen Entwicklungsmöglichkeiten dazu fähig wurden, den gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß individuell zu realisieren und mitzutragen. Die spezifisch menschliche Lern- und Entwicklungsfähigkeit findet damit nicht durch den jeweils persönlichen Lebenslauf ihre endgültigen Entfaltungsgrenzen, sondern ist darüber hinaus die Fähigkeit zur Aneignung und Vergegenständlichung immer neuer Leistungen und Bedürfnisse im Zusammenhang der im historischen Prozeß entstehenden immer neuen Anforderungen und Befriedigungsmöglichkeiten. Die „gesellschaftliche Natur“ des Menschen besteht also nicht aus irgendwelchen „anthropologischen Konstanten“, sondern ermöglicht es als Entwicklungspotenz von historischer Größenordnung den Individuen, auf jedem gesellschaftlich-historischen Entwicklungsstand mit der erweiterten gesellschaftlichen Aneignung der Natur (wie Marx es ausdrückt) auch seine eigene Natur zu verändern. Die „gesellschaftliche Natur“ als natürliche Entwicklungspotenz ist also gleichzeitig auch die Möglichkeitsbedingung für die konkrete Vergesellschaftung der individuellen Natur gemäß den formations-, klassen- und standortspezifischen Lebensverhältnissen.

III.

Wenn man sich nun die Frage stellt, welche Besonderheiten die innere Natur des Menschen im Übergang von der phylogenetisch dominierten zur gesellschaftlich-historisch dominierten Gesamtentwicklung durch die Rückwirkung der Anfänge gesellschaftlicher Produktion auf die genomische Information gewinnt, so wird deutlich, daß die Lebewesen in diesen Prozeß der Menschwerdung ja nicht als „tabula rasa“ hineingingen. Sie haben vielmehr hier bereits einen langen phylogenetischen Entwicklungsweg ihrer natürlichen Lebensmöglichkeiten hinter sich, der in einem bestimmten konkreten Entwicklungsstand resultiert. Offensichtlich muß man diesen Entwicklungsstand der Lebewesen beim Eintritt in den Menschwerdungsprozeß kennen, wenn man herausarbeiten will, welche diesen Entwicklungsstand in einer neuen Qualität aufhebenden Charakteristika denn nun die „menschliche“ Natur der Individuen ausmachen, also was hier eigentlich mit dem Umschlag zur ökonomischen Lebensgewinnungsform an der inneren Natur der Lebewesen durch die spezifisch menschliche Lern- und Entwicklungsfähigkeit sich vergesellschaftet.

Um dies Problem einer Klärung näherzubringen, ist die historische Dimension der Analyse mithin noch auszuweiten. Es reicht nicht, wenn man nur den Übergang von der bloß phylogenetischen zur gesellschaftlich-historisch dominierten Lebensgewinnungsform im Hinblick auf die Implikationen für die „innere Natur“ der Lebewesen erforscht. Man muß vielmehr den gesamten naturgeschichtlichen Prozeß rekonstruieren, innerhalb dessen sich diejenigen Potenzen der „Natur“ der Lebewesen ergeben haben, die dann beim Übergang zur gesellschaftlich-ökonomischen Stufe eine neue Qualität gewannen. Nur so kann man die inhaltlichen Differenzierungen, verschiedenen Funktionsebenen und -aspekte der individuellen Entwicklungsfähigkeit herausarbeiten.

Wir haben diese historische Rekonstruktion in der Kritischen Psychologie auf der Basis der objektiven Bestimmung des Psychischen durch Leontjew vollzogen. Ich kann dies hier nicht inhaltlich darstellen, sondern nur unsere einzelnen Vorgehensschritte benennen: Es wurde von uns zunächst der qualitative Umschlag des vorpsychischen Lebensprozesses zum psychischen Stadium des Lebens herausgehoben und so eine Präzisierung und Spezifizierung der Psychogenese innerhalb des phylogenetischen Gesamtprozesses erreicht. Damit wurde das „Psychische“ sowohl als genetische Grundform wie darauf basierend als allgemeinste Grundkategorie der Individualwissenschaft eingeführt. Weiterhin wurde der frühere Differenzierungsprozeß des so gefaßten Psychischen historisch nachvollzogen, wobei wir aus der Analyse von genetischen Ursprüngen und Differenzierungen zu begrifflichen Differenzierungen des Psychischen, etwa der Heraushebung des Orientierungsaspektes, des emotionalen Aspektes und des sozialen Aspektes der psychischen Lebensaktivität kamen. Auf diesem Wege konnten wir schon hier den traditionellen Begriffen einen neuen materialistischen Inhalt geben und von da aus die entsprechenden bürgerlich-psychologischen Bestimmungen kritisch zurückweisen. Darauf aufbauend wurde sodann eine neue qualitative Gesamtstufe, diesmal innerhalb der Psychogenese, nämlich die Entstehung individueller Lern- und Entwicklungsfähigkeit, rekonstruiert: Es galt aufzuweisen, welche neue Qualität die verschiedenen vorher in genetischer Differenzierungsanalyse herausgehobenen kognitiven, emotionalen und sozialen Dimensionen des Psychischen auf der neuen Stufe der individuellen Lern- und Entwicklungsfähigkeit gewannen. Anschließend wurde die Psychogenese auf der Stufe der individuellen Lern- und Entwicklungsfähigkeit bis an die Schwelle des Menschwerdungsprozesses verfolgt. Auf diese Weise kamen wir zu inhaltlich differenzierten, methodisch begründeten Vorstellungen darüber, wie die Natur der Lebewesen in ihren verschiedenen Ebenen und Aspekten beschaffen war, die in den geschilderten Prozeß der Herausbildung der neuen, ökonomisch-gesellschaftlichen Stufe eintraten und so zu einer „Vergesellschaftung“ ihrer Natur kamen. Die neue Qualität der „gesellschaftlichen“ Natur konnte damit im Hinblick auf die in den vorgängigen Ursprungs- und Differenzierungsanalysen gewonnenen verschiedenen Funktionsaspekte und -ebenen des Psychischen herausgearbeitet werden, als „gesellschaftliche“ Entwicklungsmöglichkeit der Orientierungstätigkeit, der emotional-motivationalen Prozesse, der Bedürfnisse, der sozialen Kommunikationsformen der Individuen, wie sie vorgängig abgeleitet und bestimmt worden waren. Dabei ergab sich aus der genetischen Analyse auch der innere Zusammenhang zwischen diesen verschiedenen Funktionsaspekten, womit durch ihre materialistische Definition gleichzeitig die traditionelle Zersplitterung des psychologischen Gegenstandes in verschiedene verselbständigte Ansätze und Disziplinen zur Behandlung des Denkens, der Wahrnehmung, der Emotionalität, des Handelns etc. überwunden werden konnte.

Da, wie in der historischen Entwicklung überhaupt, so auch in der Psychogenese, nicht alle Aspekte sich gleichermaßen entwickeln, sondern manche Momente gegenüber anderen bestimmend, andere sekundär sind oder sogar auf früheren Entwicklungsstufen verharren, ergab sich im Hinblick auf die menschliche Entwicklungsfähigkeit des Psychischen eine bestimmte genetische Differenzierung. Es konnten hier nämlich von den psychischen Aspekten, die für die Entwicklung der menschlichen, gesellschaftlich-ökonomischen Form der Lebensgewinnung spezifisch und bestimmend sind, solche unterschieden werden, die durch die bestimmenden Faktoren nur sekundär mitgezogen sind, und weiterhin solche, die zwar dem Menschen zukommen, aber für seine Art der Lebensgewinnung mehr oder weniger unspezifisch sind. Damit gewann die Konzeption der „inneren Natur“ des Menschen eine besondere genetische Tiefendimension: Man kann hier begründet zwischen spezifisch bestimmenden, spezifisch-sekundären und unspezifischen Charakteristika des Psychischen unterscheiden, und man kann diese verschiedenen spezifischen bzw. elementaren Momente auf ihr Verhältnis zueinander analysieren, etc.

IV.

Wie sind nun die Dimensionen und Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklungsfähigkeit der Individuen als psychische Potenzen ihrer gesellschaftlichen Natur inhaltlich zu charakterisieren? Das spezifische und bestimmende Moment dieser individuellen Lern- und Entwicklungsfähigkeit ist – wie sich aus unseren umfangreichen Untersuchungen herausabstrahieren läßt – die individuelle Teilhabe an der bewußt vorsorgenden Bestimmung über gesellschaftliche Lebensbedingungen. Dies ergibt sich global daraus, daß der Mensch nicht, wie das Tier, sein Leben in einer bloß individuell-natürlichen Umwelt erhalten kann, sondern daß die individuelle Existenzerhaltung hier stets ein Teilaspekt der gesellschaftlichen Lebenserhaltung ist. Die individuellen Lebensbedingungen der Menschen sind mithin stets in irgendeiner Art und irgendeinem Grade individuell relevante gesellschaftliche Lebensbedingungen. Individuelle Existenzsicherung und -entfaltung ist also tendenziell das gleiche wie individuelle Teilhabe an der Verfügung über den gesellschaftlichen Prozeß (in seinen für das Individuum relevanten Aspekten).

Damit ist allgemein gesehen die Entwicklung menschlicher Subjektivität als Möglichkeit bewußter Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen stets notwendig die Überschreitung der Individualität in Richtung auf Teilhabe an der kollektiven Bestimmung des gesellschaftlichen Prozesses: Wenn die individuellen Lebensbedingungen individuell relevante gesellschaftliche Lebensbedingungen sind, dann hat das Individuum als einzelnes sozusagen gar nicht die Mächtigkeit, in bewußter Vorsorge darüber zu verfügen, sondern bleibt seinen Daseinsumständen notwendig mehr oder weniger ausgeliefert, kann nur auf aktuelle Gegebenheitszufälle reagieren, statt auf „menschliche“ Weise sein Dasein vorsorgend zu bestimmen. In dem Maße, wie die individuellen Lebensumstände tatsächlich relevant sind, damit auch deren gesellschaftliche Verflochtenheit und Determiniertheit wächst, kann der einzelne mithin nur im Zusammenschluß mit anderen, als Teilmoment eines gesellschaftlichen Subjekts seine eigenen Lebensumstände mitbestimmen, also zum individuellen Subjekt werden. Wir haben diese Überschreitung der Individualität im Zusammenschluß mit anderen unter dem allgemeinen Ziel der bewußt-vorsorgenden Verfügung über gesellschaftlich-individuelle Lebensbedingungen personale „Handlungsfähigkeit“ genannt.

Unter dem Gesichtspunkt der „Handlungsfähigkeit“ lassen sich nun die verschiedenen Funktionsaspekte des Psychischen in ihren bestimmenden, spezifischen, sekundären und unspezifischen Momenten genauer charakterisieren, indem sozusagen das „Schicksal“ dieser Funktionsaspekte beim Umschlag zum individualgeschichtlichen Entwicklungstyp, wie er als „Hineinentwicklung“ in die gesellschaftliche Lebensgewinnung spezifiziert ist, im einzelnen verfolgt wird. Im Hinblick auf den individuellen Erkenntnisprozeß konnten wir so herausarbeiten, daß das menschliche Denken in seinen spezifischen und bestimmenden Charakteristika nicht bloß als Analyse-Synthese individuell sich stellender Probleme, sondern als Aneignung gesellschaftlicher Denkformen gefaßt werden muß, womit das Individuum gesellschaftlich gewordene Formen der Analyse-Synthese in seinem individuellen Denken realisiert und erst so auch selbst einen Beitrag zur Entwicklung dieser Denkformen leisten kann.

Hinsichtlich des emotionalen Aspektes des Psychischen wurde in Abhebung von den tierischen Vorformen der Grundbegriff der „produktiven Bedürfnisse“ als spezifisches und bestimmendes Moment der menschlichen Emotionalität genetisch rekonstruiert: Mit der objektiven Notwendigkeit, zur Verfügung über die individuellen Lebensbedingungen sich am gesellschaftlichen Vorsorgeprozeß beteiligen zu müssen, ist gemäß dieser Rekonstruktion (in der genannten Übergangsphase der Entstehung der „menschlichen Natur“) auch die subjektive Notwendigkeit dazu entstanden. D. h., für den Menschen bedeutet die Ausgeliefertheit an aktuelle Gegebenheitszufälle und Unfähigkeit, an vorhandenen Möglichkeiten der kollektiven Verfügung über seine Lebensumstände teilzuhaben, subjektives Leiden, das wir als spezifisch menschliche „Angst“: Handlungsunfähigkeit durch Isolation von gesellschaftlich gegebenen Verfügungsmöglichkeiten spezifiziert haben. Die „produktiven Bedürfnisse“ sind nun kategoriale Bestimmungen zur Aufschlüsselung der unmittelbaren Erfahrung auf die darin liegende subjektive Notwendigkeit der Überwindung der Isolation und Ausgeliefertheit, damit Angstüberwindung, durch Teilhabe an gemeinschaftlicher Vorsorge über die eigenen Lebensbedingungen, also quasi die emotionale Seite der Handlungsfähigkeit. Der Charakter der subjektiven Notwendigkeit, also die „Bedürfnis“-Qualität der „produktiven“ Bedürfnisse, schließt ein, daß die Befriedigung der elementaren sinnlich-vitalen Bedürfnisse auf menschlichem Niveau eine besondere Qualität erhält: Der Mensch ist nicht „zufrieden“, wenn er bloß seine je aktuellen Bedürfnisspannungen, etwa Hunger oder Sexualität, reduzieren kann, sondern er erreicht ein erfülltes, befriedigtes Dasein nur, wenn er die Möglichkeit der Befriedigung seiner Bedürfnisse in der Perspektive eines vorsorgend abgesicherten individuellen Daseins antizipieren, d.h. aber im Prozeß der Beteiligung an der Verfügung über gesellschaftliche Lebensbedingungen seine Handlungsfähigkeit entfalten kann. Wir haben im einzelnen gezeigt, daß die „menschliche“ Befriedigungsqualität der sinnlich-vitalen Bedürfnisse so beschaffen ist, daß diese nur im Zusammenhang verallgemeinerter Vorsorge erreicht werden kann, und genereller, daß die Entfaltung von Sinnlichkeit gleichzeitig Angstfreiheit, d.h. Handlungsfähigkeit bedeutet.

Mit diesen wenigen Hinweisen konnte ich natürlich unsere inhaltlichen Resultate über die Eigenart menschlicher Lern- und Entwicklungsfähigkeit, zu deren Darstellung wir schließlich mehrere tausend Druckseiten benötigten, hier nicht wirklich verdeutlichen: Es sollte lediglich deutlich werden, daß hier differenzierte inhaltliche Resultate vorliegen. Für unseren gegenwärtigen Darstellungszusammenhang muß aber folgender Tatbestand auseinandergelegt werden: Mit dem Begriff der personalen „Handlungsfähigkeit“ samt der Heraushebung seiner verschiedenen Funktionsaspekte sollen die allgemeinsten Charakteristika des „menschlichen“ Typs der Individualentwicklung herausgehoben sein. Dies bedeutet aber nun nicht, daß diese Charakteristika voll realisiert sind und die Entwicklung jedes einzelnen hinreichend kennzeichnen. Es handelt sich hier vielmehr nur um generelle Richtungsbestimmungen, die zwar einerseits die menschliche gegenüber der vormenschlichen Individualentwicklung qualifizieren, sich aber andererseits im realen Entwicklungsprozeß unter historisch-konkreten Bedingungen jeweils immer nur mehr oder weniger begrenzt und widersprüchlich durchsetzen können. In dieser Hinsicht sind die allgemeinen Bestimmungen der Individualentwicklung also genau so zu fassen wie die der übergeordneten gesellschaftlich-historischen Entwicklung, deren Teilaspekt sie sind: Auch die gesellschaftlich-historische Gesamtentwicklung ist einerseits als Lebensgewinnung mittels kooperativer, bewußt vorsorgender Arbeit von tierischen Lebensgewinnungsformen abgehoben, wobei aber z. B. die Kooperation sich in den antagonistischen Klassengesellschaften immer nur reduziert und gebrochen, unter Ausschluß der Masse der Gesellschaftsmitglieder von der bewußten Verfügung über die gemeinsamen Angelegenheiten, durchsetzen kann. Erst im Sozialismus ist eine Stufe erreicht, in der die allgemeine Bestimmung der gesellschaftlichen Kooperation in qualitativ neuer Form für den gesamten Lebensgewinnungsprozeß charakteristisch wird etc.

Die Kennzeichen der „Handlungsfähigkeit“ und ihrer Funktionsaspekte kommen also als analytische Bestimmungen in beobachtbaren individuellen Entwicklungsabläufen so nicht unmittelbar vor, sondern stets gebrochen und mystifiziert durch je konkrete klassenspezifische Entwicklungsbehinderungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Es handelt sich hier mithin um eine analytische Kategorie, mit welcher erfaßt werden kann, wie sich die allgemeine Richtungsbestimmung der Tendenz zur erweiterten Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen durch Teilhabe an gesellschaftlicher Vorsorge unter den je konkreten gesellschaftlichen Entwicklungsbedingungen und -behinderungen – wie reduziert, pervertiert und mystifiziert auch immer – durchsetzt. Die vorfindlichen Oberflächenerscheinungen individueller Entwicklungsverläufe können so auf das in ihnen sich ausdrückende Verhältnis zwischen der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit und den Entwicklungsrestriktionen, durch welche diese kanalisiert und verformt wird, hin analysiert werden. Dabei gilt es nicht nur, die gesellschaftlichen Entwicklungsbehinderungen konkret zu erfassen, durch die die Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist, sondern auch die subjektiven Vermittlungsebenen, Verarbeitungsweisen, Abwehrprozesse, durch welche die subjektive Notwendigkeit der Bedingungsverfügung gerade in dieser, möglicherweise unkenntlichen und pervertierten, Erscheinungsweise auftritt. Aus der vom Individuum bewußt erfaßten und emotional realisierten Isolation von der Verfügung über relevante Lebensbedingungen und individuellem Ausgeliefertsein entsteht gemäß der Spezifik menschlicher Bedürfnisse das Leiden der lndividuen, wobei sich aus den Aktivitäten, das Leiden zu überwinden, indem unter den jeweiligen einschränkenden und widersprüchlichen Bedingungen dennoch in bewußter Lebensführung eine Verfügung über die eigenen Daseinsumstände angestrebt wird, die jeweiligen Verformungen und Perversionen der Handlungsfähigkeit (als „restriktive Handlungsfähigkeit“) ergeben. Es wäre also jedesmal speziell herauszuarbeiten, in welcher Weise man die bei jedem von uns in der bürgerlichen Gesellschaft vorfindlichen reduzierten und „verkehrten“ Denkweisen, verkrüppelten, isolierten und als „privates“ Innenleben verkürzten Emotionen, als bloß individuelle Privatbeziehungen erscheinenden sozialen Beziehungen, dennoch durch die Berücksichtigung der jeweiligen beschränkten gesellschaftlichen Entwicklungsbedingungen und deren subjektiver Verarbeitungsweise durch die Individuen als besondere Ausdrucksformen unserer Gerichtetheit auf bewußte Verfügung über unsere eigenen Lebensbedingungen, also Handlungsfähigkeit begreifen kann.

Damit ist dann in jedem einzelnen Falle auch die Richtung wissenschaftlich erfaßbar, in welcher wir unsere gesellschaftlichen Lebensbedingungen kollektiv verändern müssen, damit die Handlungsfähigkeit immer mehr aus den beschränkten und mystifizierten Formen befreit wird, wir also in der Entfaltung der Möglichkeiten zur kooperativen Selbstbestimmung unserer eigenen Angelegenheiten auch zu einem befriedigenden, angstfreien und erfüllten subjektiven Dasein kommen können. Die Heraushebung der Beschränkungen und Pervertierungen individueller Lebensmöglichkeiten und subjektiver Befindlichkeiten und die praktische Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, die dazu führen, sind also hier nur zwei Seiten des gleichen subjektwissenschaftlichen Forschungsprozesses.

Damit ist auch eine neue Ebene der Kritik an der bürgerlichen Psychologie erreicht: Man kann nämlich zeigen, daß Vorstellungen, in denen die „innere Natur“ des Menschen von gesellschaftlichen Verhältnissen isoliert, das Psychische auf die bloße „Innerlichkeit“ des Menschen reduziert, der Mensch so gefaßt wird, als ob er sein Leben lediglich in einer naturhaft vorgegebenen Umwelt zu erhalten hat, etc., nicht einfach „falsch“ sind, sondern theoretische Verdoppelungen der genannten Verkürzungen und Verkehrungen der Gerichtetheit auf kollektive Selbstbestimmung unter bürgerlichen Lebensverhältnissen.

Diese allgemeine Herangehensweise an die bürgerliche Psychologie ist nun jeweils in Einzelanalysen durch das historische Material hindurch mit Bezug auf die unterschiedlichen theoretischen Ansätze zu konkretisieren und zu spezifizieren. Die Weise, in der dies geschehen kann, soll an zwei Beispielen wenigstens andeutend charakterisiert werden:

Ute Osterkamp hat in Durcharbeitung moderner „kognitiver Emotionstheorien“ aufgewiesen, daß für Individuen, die in der bürgerlichen Gesellschaft von der bewußten kooperativen Verfügung über den gesellschaftlichen Prozeß, damit ihren eigenen relevanten Lebensbedingungen, ausgeschlossen sind, als Alternative zum kollektiven Kampf nur die „Verinnerlichung“ und „Privatisierung“ der Emotionen, damit deren Abkoppelung von der Handlungsumsetzung übrigbleibt: Dies ist eine Form der Realitätsausklammerung, durch welche das für isolierte Individuen untragbare Risiko der Auseinandersetzung mit den Machtinstanzen durch Verleugnung der Handlungsnotwendigkeit und -möglichkeit erst gar nicht im Bewußtsein zugelassen ist. Gerade die „verinnerlichte“ und „privatisierte“ Emotionalität wird nun aber, wie Ute Osterkamp gezeigt hat, von den genannten bürgerlichen Theorien zur allgemein-menschlichen „Emotionalität überhaupt“ stilisiert, womit Bewußtseinsformen des Sich-Einrichtens in und Sich-Abfindens mit den bürgerlichen Klassenverhältnissen hier blind reproduziert und verfestigt werden.- Als weiteres Beispiel soll in diesem Zusammenhang die Analyse des sozialpsychologischen „Einstellungs“-Konzeptes von Morus Markard genannt werden. Hier wurde u. a. herausgearbeitet, daß durch die gängigen Einstellungsmessungen bzw. -skalierungen notwendig sowohl der inhaltliche Gegenstandsbezug der Einstellung wie die Möglichkeit des Subjekts, sich zu „Einstellungen“ und ihren Gegenständen bewußt zu „verhalten“, eliminiert sind. Übrig bleibt somit nur die „Einstellung“ als bloß individueller, „innerpsychischer“ Tatbestand, der mit der gesellschaftlichen Realität „außerhalb“ des Individuums selbst nichts zu tun hat. Dies wiederum ist die „theoretische“ Verdoppelung eines bestimmten Aspekts bürgerlich-ideologischer „Pluralismus“-Vorstellungen, denen gemäß jeder, der über gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur „bunte Meinungsvielfalt“, sondern begründbare Erkenntnisse für möglich hält, als dogmatisch (und quasi potentiell „verfassungsfeindlich“) eingestuft wird und die Kenntnis der Verbreitung sachentbundener „Meinungen“ wie der Versuch von deren Manipulation im Sinne der eigenen politischen Auffassungen (sprich Klasseninteressen) als zentrale Leitlinie demokratischer Politik erscheint.- Diese und viele andere einschlägige Untersuchungen erbringen nicht nur neue Einsichten in die vielfältigen Erscheinungsformen restriktiver Handlungsfähigkeit und die darin liegenden Formen der Realitätsausklammerung zur Leugnung/Vermeidung von Konflikten mit den Herrschenden: Sie geben den Betroffenen damit gleichzeitig die Erkenntnismöglichkeiten in die Hand, die ihnen bei der Überwindung solcher Restriktionen des Handelns und Bewußtseins in Richtung auf die Teilhabe an kollektiver Erweiterung der Verfügung über gesellschaftliche Lebensverhältnisse im Interesse der Erweiterung personaler Handlungsfähigkeit und Lebensqualität helfen können.

Wenn die bürgerlich-psychologischen Theorien, wie gesagt, nicht über die wissenschaftlich stilisierte „Verdoppelung“ der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft hinausgelangen, so ist die marxistisch begründete Subjektwissenschaft nicht nur zur Durchdringung der wissenschaftlich gemeinten Theorien, sondern auch der dabei verdoppelten „Alltagspsychologien“ selbst geeignet. Sie wird so zum Instrument im ideologischen Kampf. Mehr noch: Sie erlaubt den Marxisten, den ideologischen Kampf offensiv zu führen, auch da, wo von bürgerlich-ideologischer Seite – in welcher Weise auch immer – Subjektivität ins Spiel gebracht wird. So brauchen wir etwa überall da, wo (vornehmlich psychoanalytisch begründete) Vorstellungen der Verursachung gesellschaftlicher Konflikte/“Aggressionen“ durch unverarbeitete frühkindliche Triebversagungen etc. (bis in die Friedensbewegung hinein) Verbreitung finden, dem nicht nur die Notwendigkeit klassenbezogener marxistischer Gesellschaftsanalyse entgegenzuhalten: Wir können darüber hinaus den resignativen Verzicht auf subjektive Lebenserfüllung aufweisen, der darin liegt, sich selbst als bloßes Opfer verjährter Repressionen zu sehen und sich so von der gemeinsamen Aufgabe der Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen auf die eigene Kindheit als vermeintlich „eigentlicher“ Quelle subjektiven Leidens zurückzuwenden; damit ist gleichzeitig die Verbreitung solcher Sichtweisen aus ihrer Funktion als „Tröstungen“ für die vermeintlichen Opfer und als in der Rückführung von Klassenkonflikten auf frühkindliche Konflikte liegende Scheinrechtfertigung der eigenen Konfliktvermeidung durch Standpunktlosigkeit im (internationalen) Klassenkampf (als Erscheinungsform „restriktiver Handlungsfähigkeit“) zu begreifen und begreiflich zu machen. Ebenso müssen wir die vornehmlich in den neuen sozialen Bewegungen erhobenen Ansprüche auf vollen Daseinsgenuß jetzt und hier nicht mehr schon als Ansprüche asketistisch problematisieren und verdächtigen: Wir können den Betroffenen vielmehr selbst die Denkmittel in die Hand geben, mit denen sie in Durchdringung ihrer eigenen Erfahrungen erkennen können, daß unter den gegenwärtigen bürgerlichen Klassenverhältnissen der angestrebte Daseinsgenuß hinter dem Rücken notwendig immer wieder durch Konkurrenz, Schuldgefühle und untergründige Isolationsangst zersetzt und das unmittelbare Bemühen darum nicht nur letztlich vergeblich, sondern darin auch eine Anerkennung eigener individueller Ohnmacht gegenüber den Herrschenden ist; so ist es dann vielleicht nicht mehr weit zu unserer gemeinsamen Einsicht, daß es uns jetzt und hier immer noch „am besten geht“, wenn wir um die Überwindung jener gesellschaftlichen Verhältnisse kämpfen, unter denen wir mit uns selbst uneins sein müssen, da im Kampf selbst die Beziehungsformen und Befindlichkeiten der Verfügung über unsere Lebensbedingungen partiell schon vorweggenommen werden. Weiterhin müssen wir dem Anwurf menschlicher Vermassung und Einebnung durch den kommunistischen „Kollektivismus“ nicht mehr nur abstrakt die Tugenden des Kollektivs entgegenhalten: Wir können vielmehr den Wunsch, „für sich zu sein“, das „eigene Leben zu leben“ für uns und andere als voll legitim anerkennen, indem wir gleichzeitig verdeutlichen, daß Vereinzelung als bestimmende Lebensweise unter den gegenwärtigen Verhältnissen gleichbedeutend mit Ausgeliefertheit und Angst ist und daß gesellschaftliche Verhältnisse, unter denen sich der Mensch auf der Grundlage gemeinsamer Verantwortlichkeit für das Ganze auch „in der Gesellschaft vereinzeln“ (Marx), angstfrei und vertrauensvoll „bei sich selbst zu Hause sein“ kann, erst noch in kollektiver Kraftentfaltung erkämpft sein wollen.

Aus diesen Beispielen sollte deutlich werden: Marxistisch fundierte Subjektwissenschaft ist nicht nur eine fachliche Angelegenheit für Psychologen, sondern darüber hinaus ein wichtiges Mittel der Erlangung wissenschaftlich begründeter ideologischer Klarheit in den Auseinandersetzungen „streitbarer Materialisten“ um die Behinderungen und Bedingungen der Entfaltung menschlicher Subjektivität und Lebensqualität.

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Theoretische Grundlage und methodische Entwicklung der Projektarbeit

Projekt Subjektentwicklung in der frühen Kindheit (SUFKI)

Artikel von Kurt Bader, Barbara Grüter, Klaus Holzkamp, Beatrice Maertin, Klaus Maertin, Christiane Markard, Morus Markard, Gabi Minz, Antje Schwibbe, Gisela Ulmann und Christine Wimmer in Forum Kritische Psychologie 14 (1984).

Download: FKP_14_Projekt_SUFKI

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Die Menschen sitzen nicht im Kapitalismus wie in einem Käfig

Gespräch von Heiko Ernst und Claus Koch, PSYCHOLOGIE HEUTE, mit Klaus Holzkamp. Erschienen in der Ausgabe 11/1984, S. 29-37. Wieder-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Beltz-Verlages. Download (PDF, 481 KB): kh1984b


Psychologie heute: Herr Professor Holzkamp, in Ihrer „Grundlegung der Psychologie“ nennen Sie als Ziel menschlichen und psychologischen Strebens die „verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“. Damit ist, vereinfacht ausgedruckt, kollektives vernünftiges Handeln zum Wohle aller gemeint. Es scheint, als ob wir von diesem Ziel weiter als je zuvor entfernt sind. Muß ein „Kritischer Psychologe“ darüber nicht verzweifeln?

Holzkamp: Diese Handlungsfähigkeit hängt ab von den Möglichkeiten, die man hat, von der gesellschaftlichen Situation, in der zu handeln ist. Die Handlungsmöglichkeiten können natürlich ungeheuer reduziert sein. Denken wir beispielsweise an faschistische Staaten. Aber selbst unter den Bedingungen des Faschismus in diesem Lande hatte jeder noch Handlungsmöglichkeiten. die er nutzen oder vergeben konnte. Unser Ansatz einer subjektwissenschaftlichen Analyse geht von der Annahme aus, daß ein Mensch, solange er lebt, Handlungsalternativen hat. Resignation, woher sie auch kommen mag, bedeutet immer. daß man die Situation zu allgemein und zu global betrachtet, daß man nicht genau genug hinschaut oder hinschauen kann, um die eigenen Handlungs- und Bestimmungsmöglichkeiten zu sehen.

PH: In dieser Gesellschaft gibt es nun wahrlich genug „Spielräume“. Es werden doch sehr viele Handlungsalternativen oder Angebote gemacht – ob das nun der ganze Freizeitbereich ist, die Ablenkungsmöglichkeiten für Jugendliche, etwa Discos oder andere Konsummöglichkeiten. Aber das sind sicher keine Alternativen in Ihrem Sinne?

Holzkamp: Warum nicht? Wir bemühen uns um eine subjektwissenschaftliche Betrachtungsweise, betreiben Psychologie also vom Standpunkt des Individuums aus. Das habe ich in meiner „Grundlegung“ auszuarbeiten versucht. Wir bemühen uns, nicht Begriffe über Menschen zu bilden, sondern für Menschen. Wir wollen den „Standpunkt außerhalb“ der traditionellen Psychologie in Richtung auf die Klärung und Verallgemeinerung des „Standpunkts der Betroffenen“ überwinden. Deshalb kann die Kritische Psychologie auch nicht vorschreiben, was gut und was schlecht ist, was der einzelne tun oder lassen soll. Vielmehr soll das Individuum in die Lage versetzt werden, seine Interessen zu erkennen und die eigene Situation so zu durchschauen, daß es seine konkreten Handlungs- und Lebensmöglichkeiten sehen und realisieren kann.

PH: Daß dies in unserer Gesellschaft möglich ist, bezweifeln wir…

Holzkamp: Doch, das ist möglich, in den durch die eigene Lebens- und Klassenlage gesetzten Grenzen natürlich. Der Kapitalismus ist keine so hermetische Angelegenheit, daß die Menschen in ihm sitzen wie in einem Käfig. Dann wären ja schon gar keine Aussagen über den Käfig mehr möglich. Wir haben einen Standpunkt außerhalb des Käfigs, aber innerhalb der Gesellschaft. Um bei dem Beispiel „Disco“ zu bleiben: Ob das nur eine Ablenkung ist oder eine Realisierung von Entwicklungsbedürfnissen, das muß der einzelne entscheiden, wir können ihm nur dabei helfen, das zu klären.

PH: Der Käfig ist doch im Kopf. Viele Menschen haben eben keinen Standpunkt außerhalb des Käfigs, von dem aus sie ihre Lage beurteilen können … Sie haben in Ihrer „Grundlegung“ den Begriff Selbstfeindschaft verwendet, womit Sie beschreiben, daß jemand subjektiv glaubt, sich selbst zu verwirklichen, dies in Wirklichkeit jedoch nur im Rahmen einer Hierarchie kann, die ihm gebietet, andere um der eigenen Interessen willen zu unterdrücken oder zu benachteiligen.

Holzkamp: Wir können den Menschen nicht vorschreiben, welche Bedürfnisse sie haben sollen. Wenn jemand tatsächlich glaubt. unter diesen oder jenen Bedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft zurechtkommen und leben zu können, dann ist es ja in Ordnung. Aber wir glauben, daß dieses Zurückstecken und Sicheinrichten für die meisten Betroffenen selbst widersprüchlich und auf Dauer auch unerträglich ist. Im Grunde merken die Menschen, daß dies „nicht alles gewesen sein kann“. Dieses erfahrene Ungenügen muß zur Artikulation gebracht werden, Aber wo kein Ungenügen erfahren wird, kann auch nichts artikuliert werden.

PH: Es ist also nicht Aufgabe der Kritischen Psychologie oder der Wissenschaft überhaupt, den Menschen Vorschläge zu unterbreiten?

Holzkamp: Nicht ungefragt und von außen. Solange die Erfahrung des Ungenügens nicht den Betroffenen zu Klärungen und zu Veränderungen seiner Lebensbedingungen drängt, solange er sein Leben in Ordnung findet, so lange haben wir uns nicht einzumischen.

PH: Soll man als Psychologe den Menschen auch dann nicht auf die Sprünge helfen, wenn es um größere, kollektiv wichtige Fragen geht, etwa um den Frieden, die Ökologie oder andere? Soll man das falsche Bewußtsein nicht aufstören, nur weil sich die schweigende Mehrheit darin eingerichtet hat und alles ziemlich erträglich findet‘?

Holzkamp: Das Problem ist, daß solche Verhaltensweisen – also die Hinnahme von Pershings und Sozialabbau beispielsweise – nicht einfach nur unvernünftig sind, sie sind sozusagen von einer beschränkten Vernunft, es werden bestimmte Dinge wahrgenommen, der Rest wird weggelassen. Innerhalb dieses Rahmens ist für viele Menschen ihr Verhalten durchaus vernünftig, richtig und begründbar. Die Funktion dieser Einschränkung besteht darin, Konflikten und Risiken aus dem Wege zu gehen. Ob man selbst die Kraft hat, solche Risiken und Gefahren auf sich zu nehmen, hängt von einer Unmenge historischer Bedingungen und Erfahrungen ab – meine Mutter sagte immer: „Kiek mal aus dem Fenster, wenn de keenen Kopp hast!“ Zum Beispiel die Frauen: Was konnte früher eine Hausfrau und Mutter tun, die einfach zu Hause bleiben mußte und sich nicht artikulieren konnte? Jetzt hat die Frauenbewegung erstmals eine breite Artikulationsmöglichkeit geschaffen. Man kann also nicht einfach sagen, daß die Menschen früher nicht artikulationsfähig waren oder weniger unzufrieden mit ihrer Situation, es fehlte einfach an organisatorischen oder kollektiven Möglichkeiten, die jeweilige persönliche Situation zu überwinden. Allerdings: Frauen, die jetzt diese Möglichkeiten nicht wahrnehmen, die handeln tatsächlich gegen ihre Interessen. Denn heute haben sie eine Alternative.

PH: Wenn immer mehr Menschen sich solche Alternativen selbst erarbeiten, wenn es neue soziale Bewegungen gibt, was braucht man da noch die Psychologie? Welche Rolle können gerade die Kritischen Psychologen spielen, wenn die Menschen ihre Interessen selbst erkennen und sich Handlungsmöglichkeiten erarbeiten?

Holzkamp: Wir können zum Beispiel die vielfältigen Zusammenhänge aufdecken, in denen die Menschen durch Psychologisierungen und Personalisierungen an der Erkenntnis und Realisierung ihrer Interessen gehindert sind. Dies haben wir etwa mit Bezug auf den Friedens-Kampf, die „Ausländerfeindlichkeit“, aber auch die Praxis von Sozialarbeitern versucht …

PH: Die Psychologie kann also helfen, die Spaltung zwischen dem, was man tun wollte, und dem, was man tun kann, zu überbrücken? Den beruflichen Alltag, die Entfremdung erträglich zu machen, vielleicht sogar zu verändern?

Holzkamp: Die Kritische Psychologie geht immer davon aus, daß die Überwindung dieser Spaltung nur durch die Praxis zu erreichen ist. Es reicht nicht, sich die Spaltung zwischen Soll und Ist im Kopf klarzumachen. Das ist ja gerade unsere Hauptkritik an der bürgerlichen Psychologie, daß sie versucht, psychische Probleme nur im psychischen Bereich zu lösen. Unsere Auffassung ist, daß psychische Probleme der verkapselte Niederschlag von realen Widersprüchen und Beschränkungen sind. Wie solche Verkapselungen zustandekommen und wie man seine „Innerlichkeit“ in Richtung auf die reale Durchsetzung von Handlungs- und Lebensmöglichkeiten überwinden kann, ist eins unserer wichtigsten Forschunguprobleme.

PH: Ist die Kritische Psychologie auch eine praktische Psychologie und was versteht sie unter Praxis?

Holzkamp: Praxisbezug kann nicht heißen, lediglich die Praxis des Psychologen abzusichern, zu rechtfertigen und mit „wissenschaftlichen“ Weihen zu versehen … Die meisten Therapiekonzepte beispielsweise sind ja nichts anderes als Rezepte für den Therapeuten, um in einem bestimmten, individuellen und beschränkten Setting zurechtzukommen. Sie setzen die Rahmenbedingungen als gegeben voraus und ermöglichen es dem Therapeuten. sich darin einzurichten

„Wir können den Menschen nicht vorschreiben, welche Bedürfnisse sie haben sollen“

Dabei werden zwar, soweit möglich auch die Interessen des Klienten berücksichtigt, auf keinen Fall aber darf in der Theorie die Tatsache der „Therapie“, damit die Existenz des Therapeuten selbst. in Frage gestellt werden. Dabei ist, wenn man „Therapie“ verstehen und auch ausüben will, doch erst einmal deren gesellschaftliche Herkunft und Funktion zu klären. Was ist denn das für eine Situation, in der ich, der ich mir doch „der nächste“ bin, zu einem anderen, der „Spezialist“ für mich ist, gehen muß und fragen: „Was ist mit mir?“ Oder:

Welche allgemeineren Folgen hat denn „Therapie“ für das Zusammenleben der Menschen? – Das ist schon seltsam: Jemand, mit dem ich zusammenarbeite oder gar zusammenlebe, ist plötzlich nicht mehr für mich verfügbar – er ist in der Therapie. Er ist nur noch halb da, und vielleicht bin ich in der Therapie sogar Objekt der Verhandlungen. Wie soll ich, wenn der andere mir in der Therapie entzogen ist, mich noch als Subjekt zu ihm verhalten und vertrauensvoll unsere gemeinsamen Probleme klären können? Ist die „therapeutische“ Reparatur eines einzelnen unabhängig von den anderen und unter Umständen auf deren Kosten nicht eher Symptom und Bekräftigung der Gestörtheit intersubjektiver Beziehungen, also eigentlich selbst die Krankheit, die hier geheilt werden soll?

PH: Den Vorwurf der Fixierung der Therapie auf den einzelnen würden die Familientherapeuten aber entschieden zurückweisen – ihnen geht es doch gerade darum, alle Betroffenen einzubeziehen und ihnen gerecht zu werden.

Holzkamp: Ist das Problem nicht damit nur verschoben, indem jetzt die einzelne Familie gegen den Rest der Welt therapiert wird? Die Konflikte mögen ja zunächst so aussehen, als ob sie nur aus der Familie selbst stammen und dann auch in diesem Rahmen zu lösen sind. In Wirklichkeit sind das aber meist Widersprüche in der objektiven Lebenslage, denen die Familie gemeinsam unterliegt, und die hier lediglich als Widersprüche zwischen den Familienmitgliedern nach innen schlagen.

PH: Wenn man das zu Ende denkt, wenn man also versucht, die äußeren Lebensbedingungen zu verändern, um damit der Familie zu ermöglichen, sich nicht gegenseitig fertigzumachen, weil sie glaubt, die Konflikte entstehen in ihr selbst, was ist das anderes als eine Form der Sozialarbeit? Was kann Therapie überhaupt sein?

Holzkamp: So einfach ist das nicht, nur mit Sozialarbeit. Man kann nicht sagen, ich verändere die äußeren Bedingungen, und dann geht es den Leuten gut. Sie müssen ihre Lebensbedingungen ja selbst ändern, man kann sie nicht für sie ändern, sie müssen selbst ihre Lage erkennen und Lösungen erarbeiten. Der therapeutische Prozeß, wie wir ihn verstehen und praktizieren, ist eine Wechselwirkung. Die psychischen Einkapselungen und Widersprüche können in der Kooperation zwischen Therapeut und Klient nur aufgebrochen werden, indem schrittweise die Bedingungen verändert werden, in denen sie entstanden sind. Es ist weder damit getan, daß man den Leuten beipielsweise eine neue Wohnung gibt, noch ist es damit getan, sie in der alten zu lassen und sie dort anzupassen. Unsere Grundannahme ist ja, daß das Psychische eine subjektive Spiegelung der Verhältnisse ist, in denen ein Mensch lebt, manchmal eine unverstandene Spiegelung. In dem Maße, wie ich die Verhältnisse schrittweise ändern kann, verändert sich auch meine Befindlichkeit.

PH: Ist die Psyche wirklich ausschließlich eine Spiegelung der Lebensverhältnisse? Gibt es nicht auch einen Bereich, der sich weitgehend unabhängig von gesellschaftlichen Lebensbedingungen entwickelt hat, etwa in der engen Interaktion mit den Eltern während der ersten Lebensjahre? In dieser Lebensphase werden doch affektive und kognitive Aneignungsweisen der Realität gelernt. Muß man nicht auch andere als nur gesellschaftliche Determinanten beachten – etwa Erziehungsstile und ähnliches?

Holzkamp: Gesellschaft darf man nicht nur verstehen als etwas „da draußen“, das in einem Ausschließungsverhältnis zu den unmittelbar-sozialen, etwa familialen Beziehungen steht. So wird zum Beispiel eine Mutter mit einem „überbeschützenden“ Erziehungsstil nie begreifen, daß und wie sie damit die eigenen Lebensmöglichkeiten und die der anderen Familienmitglieder behindert, wenn sie nicht begreift: Es ist die traditionelle Familie als gesellschaftliche Institution, in der sie als „Hausfrau“ und „Mutter“ nur auf diesem Wege des emotionalen Abhängigmachens der Kinder einen Rest an Einfluß und Befriedigung erhalten kann. Wenn also von ihr die „überbeschützende“ Haltung nicht lediglich auf ein anderes Symptom mit gleicher Funktion in der Familie verschoben, sondern wirklich überwunden werden soll, so muß sie sich gegen ihr Eingesperrtsein in die „Familie“ wehren, das heißt im Rahmen des Möglichen sich den traditionellen Restriktionen der „Hausfrauen“-Rolle zu entziehen versuchen.

Eine andere Frage ist, wie sehr der Erwachsene durch seine Kindheit determiniert ist. Und da sind wir keineswegs der Meinung, daß er dieser Determination rettungslos ausgeliefert ist. Vielmehr ist unserer Auffassung nach die Praxis, gegenwärtige Schwierigkeiten einfach aus der Kindheit erklären zu wollen, ein zwar wohlfeiles, aber flaches Erklärungsmuster für den Psychologen oder die von ihm damit bedienten Klienten: Kein Wunder, bei der Kindheit. Tatsächlich ist die Determination durch die Kindheit keine voraussetzende Tatsache, sondern die zu klärende Problematik: Unter welchen spezifischen Bedingungen bin ich als Erwachsener auf meine Kindheit fixiert, und welche Funktion hat dies in meiner heutigen Lebenslage?

Wie kann ich die Verflochtenheit und die Verfallenheit an meine frühkindliche Situation lösen? Wenn eine solche Verflochtenheit vorliegt, ist das ein Moment meiner gegenwärtigen restriktiven Handlungsfähigkeit, ein Indiz meiner eingeschränkten Möglichkeiten. Ich kann meine Handlungs- und Lebensmöglichkeiten nur soweit entfalten, wie ich meine Kindheit als meine Vergangenheit, ein wichtiges Stück meiner Geschichte erkenne, damit gleichzeitig begreife, daß ich heute kein Kind mehr bin, also nicht mehr mit kindlichen Mitteln mein Leben bewältigen kann.

PH: Aber wir können doch festhalten, daß es individuell sehr unterschiedliche Bereitschaften und Fähigkeiten gibt, Lebensbedingungen zu verändern, die Bedingungen des eigenen Lebens zu gestalten …

Holzkamp: Wesentlichen Einfluß auf die zentralen Prozesse zu gewinnen, ist gleichbedeutend mit der Veränderung der gesamten Gesellschaft. Das kann ich als einzelner natürlich nicht, wir sind abhängig von historischen Bedingungen und gegenwärtigen Möglichkeiten. Die Idee, den Kapitalismus mal eben kurz zu kippen, ist naiv, der Kapitalismus hat eine Lebenskraft und Überlebenskraft entwickelt, die man sich nie hätte träumen lassen. Er ist noch lange nicht am Ende. Gerade angesichts der internationalen Konflikte und Verflechtungen muß man sich also auf einen langen Weg der Koexistenz gefaßt machen, wenn man keine Katastrophenpolitik betreiben will. Für uns als Subjekte bedeutet dies: um die Verbesserungen unserer Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Kapitalismus zu kämpfen, deren erfahrene Grenzen langfristig die Überwindung der kapitalistischen Restriktionen menschlicher und menschenwürdiger Entwicklung unabweisbar machen.

PH: Ich mochte noch einmal auf Ihre These zurückkommen, daß die Psychologie den einzelnen nicht direkt beeinflussen, sondern ihm nur Hilfestellung geben darf, selbst seine Lage zu erkennen. Ist dies nicht ein ziemlich bürgerlicher Standpunkt? Das ist doch die Maxime „Du sollst nicht indoktrinieren!“, Respektierung der freien Entscheidung. Dahinter verbirgt sich die Auffassung, daß jedes Individuum für sich selbst verantwortlich ist, daß jeder kollektive Beeinflussungsversuch schon Ideologie sei, und so weiter.

Holzkamp: Bürgerlich wäre dieser Standpunkt dann, wenn wir davon ausgehen würden, daß es keine wahre Erkenntnis über gesellschaftliche Zusammenhänge gibt, daß also jede Auffassung inhaltlich gleichberechtigt neben der anderen steht. Wenn wir unseren eigenen Analysen und Denkmitteln aber wirklich vertrauen, so folgt doch daraus: Wenn der einzelne seine Situation wirklich durchschaut und so seine Interessen erkennt. so muß er selbst zu Schlußfolgerungen und Praxisformen kommen, die ihn, soweit ihm möglich, zum Zusammenschluß mit anderen und näher an die fortschrittlichen Kräfte heran führen. Nur: Wir können diesen Erkenntnisprozeß nicht stellvertretend für ihn vollziehen.

Dies schon deswegen nicht, weil es paradox ist, von jemand zu verlangen. er solle seinen eigenen Standpunkt einfach von anderen übernehmen – nur, wenn er ihn sich selbst erarbeitet, ist es wirklich sein eigener Standpunkt. Weiter ist hier zu bedenken, daß allgemeine Erkenntnisse über gesellschaftliche Verhältnisse, auch wenn sie richtig sind, noch lange nicht hinreichend konkret die Situation und die Möglichkeiten des einzelnen erfassen können.

Das individuelle Subjekt braucht zur Klärung seiner Lage und seiner Interessen zwar allgemeine Einsichten, muß diese aber auf die eigenen Lebensbedingungen und -möglichkeiten hin konkretisieren, die es nur selbst hinreichend kennen kann. Wenn ich glaube, in soziologischer Manier aus äußeren gesellschaftlichen Daten wie Schichtzugehörigkeit, oder Milieu das Bewußtsein der Individuen ableiten zu können, so geht das über die Köpfe der Betroffenen hinweg: Sie finden sich darin (mit Recht) nicht wieder, sehen sich in ihren Befindlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten übergangen.

Um ein Beispiel zu bringen: Wenn man der Auffassung ist, Trinken als Ausweg aus persönlichen Schwierigkeiten sei unpolitisch und befestige nur die Abhängigkeitsverhältnisse, so ist dies zwar allgemein richtig. Dennoch kann man zusammen mit einem einzelnen Betroffenen nach gründlicher Analyse seiner Situation – etwa mit Hilfe der kritisch-psychologischen Begrifflichkeit und Verfahrensweise – zu der Auffassung kommen, daß für ihn das Saufen die vergleichsweise beste Lösung ist. Wenn ich dem Betroffenen hier diese Konsequenz nicht zugestehe, also schon vorher weiß, was bei meiner psychologischen Intervention rauskommen muß, nämlich, daß das Saufen aufzuhören hat, dann habe ich den anderen als Subjekt schon ausgeklammert, täusche eine Berücksichtigung seiner Befindlichkeit und Situation letztlich nur vor. Tatsächlich drücke ich ihm, wie geschickt und „psychologisch“ auch immer, meine Wert- und Handlungsvorstellungen auf, was gleichbedeutend ist mit der Durchsetzung von herrschaftskonformen Ordnungsvorstellungen.

PH: Mal ein anderes Beispiel: Sie fahren als Kritischer Psychologe in der U-Bahn und hören, wie vier Jugendliche, offensichtlich arbeitslos, über die „Kanaken“ herziehen und sich mit Gewalttaten gegen Türken brüsten. Als Kritischer Psychologe muß man da doch sehr viel Toleranz aufbringen, um dieses Gerede überhaupt zu ertragen, ohne einzugreifen. Oder soll ich es den Jugendlichen überlassen, ob sie einen Türken verprügeln oder nicht? Soll ich das erst mal ausklammern und versuchen, denen das Beziehungsgeflecht aufzudröseln, in dem sie gefangen sind, weil ich die wahren Zusammenhänge und Ursache ihrer Aggressionen kenne?

Holzkamp: Die Auffassung, daß der andere seinen Standpunkt, wenn er seiner sein soll, selbst erarbeiten muß, bedeutet ja nicht, meinen eigenen Standpunkt aufzugeben oder zu verstecken.

„Niemand ist rettungslos der Determination durch seine Kindheit ausgeliefert“

Ich stecke mit meinen Möglichkeiten und Überzeugungen in der Analyse drin, und zwar radikal. Daß ich dagegen bin, daß die über Türken herziehen, ist zunächst keine psychologische Frage, sondern erklärt sich aus meinen von mir zu vertretenden Einsichten und Handlungsweisen.
Wenn ich also mit den Jugendlichen rede, mache ich ihnen klar, daß ich es für falsch und letztlich selbstschädigend halte, was sie da tun. Erst dann, wenn ich das klar gemacht habe, reden wir weiter, warum ich diesen Standpunkt einnehme und sie den anderen. Ich bin ja nicht der liebe Onkel, der alles verzeiht und versteht, ich habe eine ganz dezidierte und wohlbegründete Position, die ich – aus den genannten Gründen – aber dennoch nicht einfach dem anderen aufdrücken kann …

PH: … und doch hoffe ich, daß er Einsicht zeigt?

Holzkamp: Wobei Voraussetzung ist, daß der andere überhaupt in eine Beziehung eintreten will. überhaupt diskutieren will. Die haben in der U-Bahn sicher kein Interesse, mit mir überhaupt zu reden. Wenn es aber zu einem Gespräch kommt, und wenn sich dabei tatsächlich wesentliche Klärungen erreichen lassen, so muß es den Beteiligten deutlich werden, daß die Türken das falsche Objekt ihrer Aggression sind, daß es vielmehr gilt, mit den Türken gemeinsam um Lebensbedingungen zu kämpfen, unter welchen die Benachteiligten nicht nur auf Kosten der noch mehr Benachteiligten einen Rest von Selbstgefühl aufrechterhalten können.

Wenn so die Auseinandersetzung über psychologische Klärungen politisch gewendet werden kann, hebt sich auch der Gegensatz zwischen mir und den Jugendlichen auf.

PH: Aber dennoch müssen wir uns als Psychologen fragen, warum manche Jugendliche ihre Frustration in Aggressionen gegen Minderheiten austoben, andere wiederum nicht. Wir können doch nicht einfach platte gesellschaftliche Kausalitäten unterstellen, wir müssen doch in diesem Falle auch die kindliche Sozialisation und andere psychologische Einflußgrößen, etwa in der Familie, untersuchen.

Holzkamp: Natürlich. Aber mit der Annahme von „Einflußgrößen“ aus der kindlichen Sozialisation und Familie habe ich, wie gesagt, auch meine Schwierigkeiten: Hier besteht ja immer die Gefahr, daß man den anderen lediglich als Produkt solcher Determinanten faßt und damit letztlich als Subjekt negiert.

Wir untersuchen schon seit mehreren Jahren – in unserem Projekt „Subjektentwicklung in der frühen Kindheit“ – den komplexen Wechselwirkungsprozeß, in dem Kinder und Erwachsene in der Familie sich Handlungsmöglichkeiten schaffen und sich dabei häufig gegenseitig einschränken. Dabei haben wir unter anderem bestimmte gängige Erziehungstechniken unter einem neuen Aspekt untersucht, nämlich unter dem Gesichtspunkt, wieweit die Eltern, indem sie auf solche Weise „erziehen“, nicht tatsächlich die Entwicklung der Kinder behindern und dabei gleichzeitig ihre eigene Situation erschweren. Nehmen wir als Beispiel eine gebräuchliche Erziehungstechnik, die wir „Gleichheitsregulation“ genannt haben: alle Kinder kriegen das gleiche. Du kriegst ein Spielzeug, dann kriegst du auch ein Spielzeug. Du kriegst zwei Scheiben Wurst, dann kriegst du auch zwei Scheiben Wurst. Das sieht so aus, als ob das vernünftig und gerecht wäre. Es ist scheinbar einfach und handhabbar, aber es führt schließlich dazu, daß die Kinder gar nicht mehr darauf achten, was sie selber eigentlich wollen. Sie achten nur noch darauf, was der andere kriegt. Das ist eine Entwicklungsbehinderung in dem Sinne, daß das Bewußtsein für die eigenen Interessen, damit die Möglichkeit subjektiver Bestimmung des eigenen Lebens, hier eingeschränkt werden. Diese Regulationsformen werden dann von den Kindern übernommen und gegen die Erwachsenen angewandt. Da man ja nie hundertprozentig gerecht sein kann, haben die Kinder ständig etwas einzuklagen von den Eltern. Das groteskeste Beispiel ist das: Von drei Kindern will jedes in der Mitte sitzen. Auf diese Weise klammert man die Kinder nicht nur, indem man sie zu manipulieren versucht, als Partner bei der Bewältigung von Alltagsproblemen aus. Sie werden sogar zu Gegenspielern. sie machen den Eltern das Leben zu Hölle, indem sie – quasi in einer Art von Gegenmanipulation – deren Prinzipien dauernd gegen sie selbst kehren.

Wir versuchen nun im Forschungsprozeß, die These von der entwicklungsbehindernden Wirkung der „Gleichheitsregulation“ für Kinder und Eltern dadurch zu überprüfen, daß wir mit den Betroffenen zusammen Bedingungen schaffen, durch die die hier bestehende Wechselverstärkung von Manipulation und Gegenmanipulation durchbrochen ist: Indem auf diese Weise die Kinder in höherem Maße ihre Subjektivität artikulieren, ihre eigenen Interessen einbringen können, sind auch die Eltern aus dem hoffnungslosen Versuch, ihre Kinder über deren Köpfe hinweg zu kontrollieren, entlassen, und ein höheres Niveau der intersubjektiven Gemeinsamkeit der Lebensführung ist erreichbar.

PH: Aber diese Gleichheitsregel entstand doch nicht in der Familie selbst, diese Management-Philosophie ist doch kein binnenfamiliäres Phänomen. Wo kommt sie her?

Holzkamp: Das ist natürlich die Logik der Tauschverhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft. In der Distributionssphäre ist man dieser Logik zwangsläufig praktisch unterworfen. Nur in der Familie muß dies tatsächlich nicht sein. Hier handelt es sich um eine blinde Reproduktion von ideologischen Formen, die für das Familienleben, wie dargestellt, trotz oder gerade wegen ihrer oberflächlichen Plausibilität, weder nötig noch förderlich sind.

PH: Wenn man diese Tauschverhältnisse, wenn man die Ideologie der Gesellschaft aus der Familie ausklammern kann, wenn man sie sogar innerhalb der Familie überwinden kann, dann wäre die Familie ja ein Trainingsgelände für Veränderungen auch im gesellschaftlichen Bereich.

Holzkamp: Dabei ist zu berücksichtigen, daß man ja nicht nur in der Familie lebt, sondern etwa im Spannungsfeld zwischen Familie und Berufstätigkeit, wobei es aus dem widersprüchlichen Verhältnis dieser beiden gesellschaftlichen Bereiche Erkenntnisse zu gewinnen und Konsequenzen zu ziehen gilt. – So berichtet Ole Dreier, ein Kritischer Psychologe ans Dänemark, anläßlich der Darstellung eines Therapieprozesses von einem Familienvater, der als Lohnarbeiter an seinem Arbeitsplatz die von ihm verlangte Leistung bringen muß, und zwar sofort, oder er verliert seine Arbeit. Diese Anforderung projiziert er nun auf seinen kleinen Sohn, indem er auch diesen vor die Alternative stellt: Entweder du kannst das, oder du kannst es nicht – dann gib her, dann mach ich das. In der Therapie wurde diesem Vater allmählich klar, daß dieses Verhalten in der Familie nicht nötig ist, daß es dort Entwicklungsspielräume gibt, die draußen nicht denkbar sind.

Draußen am Arbeitsplatz, kann man nicht sagen: Ich kann’s noch nicht, laß‘ mir etwas Zeit, ich werde es schon lernen. Aber es gibt keine blinde Notwendigkeit, die Zwänge der Arbeitswelt in die Familie hereinzuholen. Die daraus entstehende Entwicklungsbehinderung des Kindes ist also überflüssig und letztlich auch selbstschädigend für den Vater, der unter seinem schlechten Verhältnis zu dem Jungen leidet.

„In der Familie gibt es Entwicklungsspielräume – es ist keine blinde Notwendigkeit, die Zwänge der Arbeitswelt in die Familie hereinzuholen“

Wenn ihm das klar geworden ist, dann kann er auch erkennen, daß ihm in seiner Lohnarbeiterfunktion Entwicklungsmöglichkeiten nicht zugestanden werden und er so in seiner Subjektivität negiert ist, daß in seinem Betrieb also eigentlich unmenschliche Verhältnisse herrschen. Das ist noch keine gesellschaftsverändernde Erkenntnis, aber immerhin ein Stück kritische Entwicklung im Denken.

PH: Diese Erkenntnis und diese Vorgehensweise sind nun aber nicht unbedingt original kritisch-psychologische Ideen, auch manche Psychoanalytiker oder Familientherapeuten arbeiten so …

Holzkamp: Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten mit anderen Positionen. Was uns jedoch von ihnen unterscheidet, ist die Einbeziehung gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse, die Erforschung ihrer Vermittlungen mit der individuellen Subjektivität. Wir fassen und erforschen auch die Familie als Teil des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs. Um dies an einem weiteren Beispiel aus Ole Dreiers Buch zu verdeutlichen: Im Lauf der Therapie erkennt der erwähnte Vater, woraus bestimmte, scheinbar ausweglose Konflikte mit seiner Frau entstehen: Während für sie die Familie das einzige Lebenszentrum ist, hat sich bei ihm der Umstand, daß er auch noch im Betrieb arbeitet, auf spezifische Weise in seiner Befindlichkeit niederschlagen.

Er hat nämlich die Gewohnheit entwickelt, bei Schwierigkeiten in einem Bereich dadurch innerlich auszuweichen, daß er sein Überwechseln in den anderen Bereich antizipiert. Er ist also quasi ein Wanderer zwischen zwei Welten, der nirgends richtig zu Hause ist und sich weder in der einen noch in der anderen Welt wirklich engagiert. So muß es die Frau natürlich zur Verzweiflung bringen, wenn sie erfährt, daß ihr Mann, immer wenn es zu Hause schwierig wird, in die innere Emigration geht, geistig wegtritt und sie mit den Problemen allein läßt.

Dieser Unengagiertheit und Teilnahmslosigkeit entspricht natürlich die Isolation des Mannes in der Familie: Er gehört eigentlich nicht dazu, ist in einer Art von „Untermieter“-Position. Die andere Seite dieser Problematik ist sein mangelndes Engagement für seine Interessen im Betrieb, seine Unwilligkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren, weil er dort wiederum lediglich eine Gastrolle als Familienvater gibt und das Zuhause als sein Lebenszentrum fabuliert. Man sieht, daß es eine bestimmte psychische Verarbeitung des objektiven gesellschaftlichen Spannungsfeldes zwischen scheinbar „privater Familie und fremdbestimmter Arbeit ist, die hier als lediglich innerfamiliale Problematik in Erscheinung tritt.

Diese Zusammenhänge, die sich hinter den meist schweren subjektiven Konflikten verbergen, kann man eben nur mit einer psychologischen Konzeption erfassen, die die Vermittlung zwischen gesellschaftlichem Prozeß und individueller Handlungsfähigkeit oder Befindlichkeit in ihrer Grundbegrifflichkeit und ihren Verfahrensweisen abzubilden vermag. Wir sind ja seit mindestens zehn Jahren dabei, subjektwissenschaftliche Denkweisen und Methoden, in denen solche Vermittlungen auf den verschiedensten Ebenen berücksichtigt werden können, zu erarbeiten.

PH: Inwiefern unterscheidet sich die Entwicklungstheorie der Kritischen Psychologie beispielsweise von der eines Psychologen wie Jean Piaget? Gerade er hat doch auch das Wechselspiel zwischen Individuum und Umwelt, zwischen Anpassung und Veränderung ins Zentrum seiner kognitiven Entwicklungstheorie gestellt. Sein Modell müßte doch vieles von dem, was Sie als Kritischer Psychologe fordern, enthalten.

Holzkamp: Piaget ist für unsere Theoriebildung sehr wichtig, und wir setzen uns sehr intensiv mit ihm auseinander. Aber Piaget sieht als Endzustand der Entwicklung, auf den hin er seine Stufen konzipiert, lediglich die Fähigkeit zu formal-logischem Denken. Unserer Auffassung nach ist das zu eng und deswegen schief. Erwachsensein in unserer Gesellschaft bedeutet die Fähigkeit, unter fremdbestimmten Bedingungen durch Beteiligung an der gesellschaftlichen Reproduktion sein eigenes Lehen erhalten zu können, also „Handlungsfähigkeit“, wie wir sie fassen. Man muß den ontogenetischen Entwicklungsprozeß in seinen Gesetzen und Sequenzen so aufschlüsseln, daß er als „Entwicklung zur Handlungsfähigkeit“ in diesem Sinne analysierbar wird.

In diesem Zusammenhang ist dann auch die kognitive Entwicklung als unselbständiges Teilmoment der Handlungsfähigkeitsentwicklung zu untersuchen. Dabei ist auch zu überprüfen, wieweit Piagets Formalstufen der kognitiven Entwicklung tatsächlich die individuelle Entwicklung der kognitiven Bewältigung (und Abwehr) der Anforderungen und Widersprüche handelnder Lebensbewältigung in unserer Gesellschaft hinreichend erfassen.

PH: In Ihrer Schilderung der menschlichen Entwicklungsgeschichte, der Phylogenese, gehen Sie davon aus, daß es irgendwann einmal einen qualitativen Sprung gegeben hat, bei dem der Mensch bestimmte biologische und triebhafte Bestimmungen überwunden hat. Es ist in dem Augenblick geschehen, so meinen Sie, als er anfing, über seine Praxis zu reflektieren, als er sich bewußt wurde, daß er sich und seine Fähigkeiten reproduziert und in seinen Produkten wiederfindet. Aus einem triebhaften Wesen wird ein vernünftiges Wesen. Psychoanalytiker wie Lorenzer machen Ihnen zum Vorwurf, daß Sie ab diesem Punkt nur noch Rationalist sind und das „Tier im Menschen“, das ja noch heute in ihm drinstecke, verleugnen.

Holzkamp: So ist das nicht. In allen grundlegenden Büchern der Kritischen Psychologie wird der Phylogenese breiter Raum gegeben. Wir haben uns sicherlich nicht deswegen so intensiv mit der Phylogenese des Menschen beschäftigt, um dann nachher zu sagen: der Mensch ist nur ein gesellschaftliches Wesen. Uns geht es vielmehr darum, die natürlichen Voraussetzungen des Menschen adäquat zu bestimmen. Denn die sind wiederum die Voraussetzung für die gesellschaftliche Reproduktion. Natürlich sind in der Kognition, Motivation, Emotionalität phylogenetisch gewordene unspezifische Voraussetzungen enthalten. Nur kann man diese nicht einfach als für den Menschen typisch unterstellen. Es gilt vielmehr, die neue Qualität herauszuarbeiten, in der solche Momente in Erscheinung treten, wenn die Menschen ihr Leben nicht – wie die Tiere – in einer natürlichen Umwelt, sondern durch Produktion und Reproduktion ihrer Lebensbedingungen bestreiten: Die Natur des Menschen muß in ihrer Besonderheit als „gesellschaftliche Natur“ analysierbar werden, es muß begreifbar werden, daß und wie der Mensch psychisch (kognitiv, motivational, emotional) bereit und in der Lage ist, sich durch Beteiligung am gesellschaftlichen Prozeß zu erhalten und zu entwickeln, mit all den Widersprüchlichkeiten, die aus der jeweiligen gesellschaftlichen Form entstehen. Dies schließt auch ein, das Verhältnis zwischen den mehr unspezifischen, elementaren, und den spezifischen Charakteristika des Psychischen beim Menschen samt den darin liegenden Widersprüchen herauszuarbeiten.

Dabei sind wir zum Beispiel darauf gekommen, daß hier die Sexualität eine Sonderstellung einnimmt. Die Voraussetzungen der sexuellen Befriedigung werden nämlich nicht, wie alle anderen Befriedigungsmöglichkeiten, durch Einsatz von Arbeitsmitteln gesellschaftlich produziert. Zur sexuellen Befriedigung genügt das „unvermittelte“ Aufeinander-Bezogensein der Partner, im Minimalfall sogar die Beziehung zum eigenen Körper. Sexualität bleibt einem also, da nicht auf gesellschaftliche Vermittlung angewiesen, sozusagen immer als elementare Möglichkeit der Beglückung.

„Sexualität ist eine elementare Möglichkeit der Beglückung, da sie nicht auf gesellschaftliche Vermittlung angewiesen ist“

Deswegen ist sie auch den Herrschenden aller Zeiten immer besonders verdächtig gewesen, und Herrschaftsausübung war stets auch der Versuch der Sexualunterdrückung: Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Spaß haben könnte, wann und wo es ihm paßt?

So müssen also auch die in unserer Gesellschaft vorfindlichen Strategien, den Menschen ihre Sexualität zu beschränken oder zu vermiesen, ein zentrales Thema der subjektwissenschaftlichen Psychologie, auch der Analyse der kindlichen Entwicklung sein, etwa, um herauszufinden, wie die Kinder dazu gebracht werden, Schuldgefühle zu entwickeln für etwas, das ihnen Freude macht und niemandem schadet: Das Onanieren.

PH: Wenn Sie also auch den biologischen Triebkräften, wie der Sexualität, so große Bedeutung einräumen: Gestehen Sie da nicht zu, daß Menschen irrational denken und handeln können?

Holzkamp: Man muß genauer zusehen, was hier „irrational“ bedeuten soll. Es ist ja offensichtlich, daß die Menschen oft ihre Situation unzureichend durchschauen, blind reagieren, gegen ihre objektiven Interessen handeln. Wenn ich ihr Verhalten aber deswegen als „irrational“ in dem Sinne betrachte, daß sie schlechterdings keinen vernünftigen Grund für ihr Handeln haben, dann nehme ich ja an. daß sie total „unverständlich“ sind, und zwar nicht nur wissenschaftlich, sondern auch im sozialen Umgang mit ihnen. Dies heißt aber, daß ich hier nicht nur wissenschaftliche Erkenntnis, sondern auch soziale Beziehungen für unmöglich halten muß. Damit habe ich den anderen eigentlich aus der menschlichen Gemeinschaft ausgegrenzt und damit letztlich auch mich aufgegeben, da ich ohne die Beziehung zum anderen nicht leben kann.

Wir haben mit unseren Begriffen und Verfahren aufweisbar zu machen versucht, daß scheinbar unverständliches und „irrationales“ Verhalten, wenn man genau hinsieht, sich stets als „rationales“ Verhalten bei reduziertem Realitätsbezug erweist: Der andere handelt in seiner Situation, wie er sie sieht, vernünftig, subjektiv in seinem Interesse, nur wendet sich, da seine Prämissen unzureichend sind, sein subjektiv vernünftiges Verhalten objektiv gegen ihn. Man darf sich also hier niemals mit dem Diktum „irrational“ begnügen, sondern muß immer, sozusagen bei Strafe des Untergangs, versuchen, den anderen zu verstehen, indem man die Prämissen zu finden bemüht ist, unter denen ihm sein Verhalten als vernünftig erscheinen muß – und dann mit ihm über die Prämissen diskutieren. Ein solcher Kampf um die Rekonstruktion von Vernunft als einziger Voraussetzung zwischenmenschlichen Verstehens ist auf allen Ebenen unsere einzige Chance, zu leben und zu überleben.

Mit dieser Auffassung finde ich mich übrigens in illustrer Gesellschaft. Freud hat nämlich einmal folgendes geschrieben: „… die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf… auf die Dauer kann der Vernunft und der Erfahrung nichts widerstehen.“

 

Literatur

Holzkamp, Klaus: Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/M. (Campus) 1983

Holzkamp-Osterkamp, Ute: „Ausländerfeindlichkeit“. Zur Funktion ihrer Psychologisierung. Blätter für deutsche und internationale Politik 8, 1984

Projekt Subjektentwicklung in der frühen Kindheit (SUFKI): Theoretische Grundlage und methodische Entwicklung der Projektarbeit. Vortrag, gehalten auf dem 3. Internationalen Kongreß Kritische Psychologie in Marburg am 12.5.1984. Forum Kritische Psychologie 14, 1984

Dreier, Ole: Familiäres Sein und familiäres Bewußtsein. Therapeutische Analyse einer Arbeiterfamilie. Frankfurt/M. (Campus) 1980

Freud, Sigmund: Die Zukunft einer Illusion. Gesammelte Werke (S. Fischer) Bd. XIV (Zitat auf S. 377 und 378)

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Forum Kritische Psychologie 13

Psychoanalyse
Frauenbewegung/Arbeiterbewegung
Politische Psychologie
Faschismus

Inhalt

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Klaus Holzkamp
Die Bedeutung der Freudschen Psychoanalyse für die marxistisch fundierte Psychologie

Ute H.-Osterkamp
Marxismus — Feminismus — Arbeiterbewegung

Gabriele Kandzora und Axel Schildt
Politische Psychologie als Beitrag zur Faschismusforschung — Stand und Probleme

Wim Meeus und Quinten Raaijmakers
Kritische Psychologie in den Niederlanden — eine Diskussion

Edgar Galindo und Manfred Vorwerg
Psychologie in Mexico

Manfred Ramme
Bewegungslernen im Sport in kritisch-psychologischer Sicht

Georg Rückriem und Alfred Messmann
Bibliographie A. N. Leont’ev (vollständige und überarbeitete Fassung) — Teil I

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Autorinnen und Autoren

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